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Reisegeschichte unter dem Meer 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Mika und das unsichtbare Netz im Rhythmus der Wellen

Der zwölfjährige Mika lernt, im Rhythmus der Wellen zu schwimmen, und entdeckt bei einem Tauchgang verlorene Netze, Tiere in Gefahr und Unrecht im Meer; gemeinsam mit einer Meeresbiologin und anderen Kindern stellt er sich den Herausforderungen und trifft mutige Entscheidungen.

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Ein 12-jähriger Junge, ruhig und konzentriert, rundes Gesicht mit Sommersprossen, nasses kurzes kastanienbraunes Haar, dunkelblauer Tauchanzug, streckt sich in eine enge Felsritze unter Wasser und löst mit präzisen Fingern behutsam ein Netz von der Flosse einer kleinen Meeresschildkröte; seine Augen sind entschlossen. Neben der Ritze schwebt eine etwa 40-jährige Biologin mit silbergrauen Haaren im Dutt und khakifarbenem Tauchanzug, die schützend die Hand nach dem Jungen ausstreckt und aufmerksam schaut. Am Eingang der Höhlung wartet ein etwa 11-jähriges Mädchen mit schwarzer Pferdeschwanzfrisur im türkisfarbenen Tauchanzug, der Mund leicht offen, erstaunt und besorgt, sie beleuchtet die Szene mit einer Handbewegung. Die kleine Meeresschildkröte mit braun-grünen Schuppen und sanften Augen steckt in einer halbtransparenten Netzschlinge und wendet den Kopf dem Jungen zu. Um sie herum wirbeln Schwärme kleiner silbriger Fische, grünes Seetang-Getümmel und blaugrüne biolumineszente Fäden, die sanft leuchten; die dunkle Felsritze ist mit rosa und gelben Korallen gesäumt, die Wände texturiert, Sand am Grund, schräg einfallende Sonnenstrahlen durchbrechen das Wasser und Blasen steigen zur Oberfläche. Szene: intimer, friedlicher Taucherrettungsmoment voller stiller Spannung und Solidarität, behutsames Entwirren des Netzes. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Junge, der den Wellen zuhören wollte

Mika war zwölf und hatte einen Blick, der immer zuerst auf das Nützliche fiel. Auf dem Steg zählte er die Knoten am Seil, prüfte die Schnallen der Flossen und zog die Brille so fest, dass sie nicht rutschte. Neben ihm glitzerte das Meer wie flüssiges Glas, doch Mika sah nicht nur das Funkeln. Er sah das Muster.

„Die Dünung kommt in Sets“, murmelte er. „Eins … zwei … drei. Dann Pause.“

Sein Opa Rolf saß auf einer umgedrehten Kiste und hielt die alte Uhr in der Hand, die schon viele Gezeiten gesehen hatte. „Du willst wirklich im Rhythmus der Welle schwimmen?“

„Ja“, sagte Mika. „Nicht gegen sie. Mit ihr. Dann spare ich Kraft. Und ich will es richtig können.“

Opa nickte langsam. „Klug. Viele strampeln wie verrückt und wundern sich, warum sie müde werden.“

Heute war ein besonderer Tag. Ein kleines Forschungsschiff lag im Hafen, und eine Meeresbiologin namens Frau Linde hatte Kinder eingeladen. Sie wollte ihnen eine Stelle zeigen, an der ein alter Unterwasserpfad zu einem versunkenen Leuchtturm führte. Nicht gefährlich, hatte sie gesagt. Nur spannend. Und voller Leben.

Mika schnappte sich seinen Neoprenanzug und grinste kurz. „Ich schwimme wie die See. Nicht wie ein Mixer.“

Opa lachte. „Dann pass auf, dass du kein Fischsuppe wirst.“

Am Boot begrüßte Frau Linde alle mit klarer Stimme. „Regel Nummer eins: Niemand geht allein. Regel Nummer zwei: Wir lassen nichts mitgehen, außer Eindrücken. Und Regel Nummer drei: Wenn etwas ungerecht ist, sprechen wir es an.“

Mika mochte diese Regeln. Sie waren praktisch. Und fair.

Als das Boot vom Hafen wegschaukelte, fühlte Mika die Bewegung unter den Füßen. Die Wellen hoben das Boot an und ließen es sanft sinken. Er atmete im gleichen Takt. Hoch … runter … hoch … runter.

„Das ist es“, dachte er. „Der Rhythmus.“

Kapitel 2: Der Abstieg in den grünen Saal

Die Gruppe sprang nacheinander ins Wasser. Ein kurzer Schock, dann wurde alles weich und still. Mika tauchte den Kopf unter und hörte nur noch sein Atmen und das leise Knacken der Blasen.

Unter ihm lag eine Welt, die wie ein geheimer Saal wirkte. Sonnenstrahlen fielen in schrägen Säulen herab. Sie tanzten über Seegras, das sich wie Haare im Wind bewegte. Kleine Fische blitzten silbern und verschwanden wieder.

Frau Linde zeigte nach vorn. Ein Seil mit Bojen führte zu einem felsigen Durchgang. Dahinter sollte der Unterwasserpfad beginnen.

Mika schwamm, wie er es geübt hatte. Nicht hastig. Nicht starr. Er ließ sich von der Dünung tragen, machte kurze, ruhige Züge, wenn die Welle ihn hob, und glitt, wenn sie ihn senkte. Es fühlte sich an, als würde das Meer ihn führen, nicht gegen ihn arbeiten.

Neben ihm paddelte Nela, ein Mädchen aus der Gruppe, mit schnellen Beinen. Sie sah kurz zu Mika und verzog den Mund. „Wie schaffst du das? Du siehst aus wie ein Seehund auf Urlaub.“

Mika zuckte mit den Schultern. Unter Wasser wirkte das wie ein kleines Wackeln. Als sie auftauchten, sagte er: „Ich zähle. Die Welle macht die Hälfte. Ich mache den Rest.“

Nela prustete Wasser. „Faul, aber clever.“

Sie näherten sich dem Durchgang. Felsen standen wie dunkle Zähne, dazwischen wogte Seetang. Ein Krabbenpaar lief seitwärts, als hätte es es eilig, irgendwohin zu einer wichtigen Sitzung zu kommen.

Und dann sah Mika etwas, das nicht passte.

Ein dünnes, fast unsichtbares Netz hing zwischen zwei Steinen. Es war wie ein Spinnennetz, nur schlimmer, weil es im Wasser blieb und niemand es bemerkte. Darin zappelte ein kleiner Fisch. Nicht wild, eher erschöpft.

Mikas Magen zog sich zusammen. „Das ist nicht von uns“, sagte er, als er mit Frau Linde auftauchte.

Frau Linde sah hin, und ihr Gesicht wurde hart. „Ein Geisternetz“, sagte sie leise. „Verlorenes oder absichtlich liegen gelassenes Fanggerät. Das fängt weiter, obwohl niemand es benutzt. Das ist…“

„Ungerecht“, ergänzte Mika sofort.

Frau Linde nickte. „Und gefährlich. Wir gehen vorsichtig ran. Mika, Nela, ihr bleibt dicht bei mir.“

Mika schluckte. Er war nicht der, der sofort drauflosstürmte. Er war der, der erst nachdachte. Aber genau deshalb musste er jetzt ruhig bleiben.

„Im Rhythmus“, dachte er. „Hoch, runter. Atmen. Dann handeln.“

Kapitel 3: Das Netz, das niemand sehen wollte

Sie tauchten wieder ab. Das Netz schimmerte kaum. Mika erkannte, wie es sich an einer scharfen Kante verfangen hatte. Frau Linde zog ein kleines Messer aus ihrer Tasche, aber sie schüttelte den Kopf. Zu nah am Fisch.

Nela zeigte auf eine zweite Stelle. Dort war ein Seestern festgedrückt, als hätte ihn jemand an die Wand geklebt.

Mika hielt sich an die Regel: nicht hektisch. Er beobachtete die Bewegung der Dünung. Wenn die Welle kam, spannte sich das Netz leicht. Wenn sie ging, wurde es locker.

„Wir schneiden, wenn es locker ist“, dachte Mika. „Dann reißt es nicht weiter.“

Er winkte Frau Linde zu sich und deutete mit der Hand: warten. Sie verstand sofort und nickte.

Die nächste Senke kam. Das Netz entspannte sich. Frau Linde setzte das Messer an und schnitt, schnell und sauber. Mika hielt den Felsen mit einer Hand, damit er nicht abtrieb, und spürte den Zug der Welle. Er ließ ihn durch sich hindurchlaufen, statt dagegen anzukämpfen.

Der Fisch zappelte, dann schoss er frei davon wie ein kleiner Pfeil. Mika musste unter Wasser grinsen.

Doch das Netz hing immer noch. Ein längerer Teil verlief weiter in eine Spalte, dunkel wie ein Mund. Wenn dort noch mehr Tiere festsaßen, würden sie es nicht sehen.

Nela tauchte näher, ihre Augen groß hinter der Maske. Sie zeigte auf die Spalte und formte mit dem Mund ein Wort, das Mika nicht hören konnte: „Da!“

Mika beugte sich vor und sah es. Eine kleine Schildkröte, nicht groß, aber kräftig, steckte mit einer Flosse im Netz fest. Sie ruckte, wurde aber nur noch fester gezogen.

Mikas Herz klopfte. Eine Schildkröte war nicht wie ein kleiner Fisch. Sie konnte nicht einfach durchschlüpfen. Und in der Spalte war es eng.

Frau Linde hob warnend die Hand: Stopp. Sie wollte den Rest der Gruppe rufen. Aber die Schildkröte drehte sich gerade so, dass Mika ihren Blick sah. Nicht panisch. Nur müde. Als hätte sie schon lange gehofft, dass jemand sie bemerkt.

Mika traf eine Entscheidung. Keine dumme, keine heldische zum Angeben. Eine pragmatische.

Er deutete auf seine Luft, dann auf die Spalte, dann auf Frau Linde: „Ich kurz. Du sicherst.“

Frau Linde zögerte. Dann nickte sie knapp und hielt ihm die Hand hin. Mika packte sie. Ihre Finger waren fest wie Klammern. Eine ruhige Erlaubnis.

Mika glitt in die Spalte. Der Fels kam nah. Seine Flossen streiften Algen. Er atmete langsam aus, um nicht aufzutreiben. „Klein machen“, dachte er. „Wie ein Brief durch einen Schlitz.“

Die Schildkröte ruckte. Das Netz schnitt in die Flosse.

Mika sah die Welle kommen. Er spürte, wie sie Wasser in die Spalte drückte. Wenn er jetzt zog, würde er gegen den Druck kämpfen. Also wartete er. Er hielt sich an einem Vorsprung fest, bis die Welle zurückging. Dann war kurz Ruhe.

„Jetzt.“

Mit zwei Fingern schob er das Netz zur Seite, fand die Schlaufe, die sich um die Flosse gelegt hatte, und zog sie in die Richtung, in der sie sich gelockert hatte. Nicht reißen. Nicht rucken. Lösen.

Das Messer durfte er hier drin nicht schwingen. Zu eng, zu riskant. Stattdessen drehte er die Schlaufe, als würde er einen Knoten öffnen.

Die Schildkröte hielt still, als hätte sie verstanden, dass Hektik alles schlimmer machte.

Ein letzter Zug in der Senke der Dünung, und die Schlaufe sprang auf.

Die Schildkröte schoss nicht weg. Sie stieß Mika sanft mit der Nase an, als würde sie „Danke“ sagen, und glitt dann langsam hinaus ins offene Wasser.

Mika folgte ihr, atmete, als er wieder Platz hatte, und merkte erst jetzt, wie sehr seine Arme zitterten.

Als sie auftauchten, sagte Nela atemlos: „Du warst im Fels wie ein U-Boot.“

Mika spuckte Wasser und lachte kurz. „Eher wie ein Staubsauger, der sich irgendwo festfährt.“

Frau Linde legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Mut ist nicht Lärm“, sagte sie. „Mut ist, ruhig zu bleiben.“

Mika nickte. „Und gerecht ist, das Netz nicht liegen zu lassen.“

Kapitel 4: Der versunkene Leuchtturm und das geheime Leuchten

Nachdem sie das Geisternetz so weit wie möglich gelöst und mit einer Boje markiert hatten, schwammen sie weiter. Frau Linde hatte versprochen, später mit Profis zurückzukommen, um den Rest sicher zu bergen. Mika war erleichtert. Manche Dinge musste man nicht allein lösen, um mutig zu sein.

Der Unterwasserpfad führte über helle Steine, die wie alte Treppen wirkten. Da und dort lagen Muschelschalen wie zerbrochene Teller eines Riesen. Ein Schwarm gelber Fische zog vorbei und formte plötzlich einen Pfeil, der genau in die Richtung zeigte, in die sie sowieso wollten. Mika stellte sich vor, die Fische hätten eine geheime Karte.

Dann tauchte er auf, der Leuchtturm. Nicht als ganzer Turm, sondern als runder Sockel, halb im Sand vergraben. Darüber standen Mauern, die wie ausgebleichte Zähne aus dem Boden ragten. In den Ritzen wuchsen Korallen. Kleine Garnelen blitzten rot. Ein Oktopus lugte aus einer Öffnung und zog sich wieder zurück, als hätte er zu viel zu tun.

„Der ist ja… traurig“, sagte Nela, als sie kurz auftauchten.

Mika sah genauer hin. „Nicht traurig. Umgebaut. Das Meer macht aus allem etwas Neues.“

Frau Linde zeigte auf eine dunkle Stelle am Sockel. „Da drinnen ist eine Kammer. Früher lagerten sie dort Öl und Werkzeuge. Heute wohnen Tiere darin. Wir schauen nur, wir stören nicht.“

Sie tauchten zum Eingang. Drinnen war es dämmrig. Mika sah etwas, das wie ein Teppich aus kleinen Punkten leuchtete. Blaugrün, ganz zart.

„Was ist das?“, flüsterte Nela, obwohl niemand sie hören konnte. Ihre Lippen formten die Frage.

Frau Linde schrieb auf eine kleine Tafel unter Wasser: „Leuchtalgen.“

Mika hielt den Atem an, nicht vor Angst, sondern vor Staunen. Wenn er mit der Hand vorsichtig durchs Wasser strich, wirbelte er winzige Lichtpunkte auf. Sie schwebten wie Sterne. Ganz nah. Ganz echt.

Dann bemerkte Mika etwas auf dem Boden: eine Metallkiste, halb offen. Daneben lagen alte Münzen. Nicht viele, aber genug, dass man sie einsammeln könnte. Und genau das tat jemand.

Ein älterer Junge, vielleicht vierzehn, tauchte am Rand der Kammer auf. Mika kannte ihn vom Hafen. Tjark, der immer so tat, als gehöre ihm alles. Er hatte eine Tasche dabei und stopfte Münzen hinein.

Mika spürte, wie Ärger in ihm hochstieg wie eine plötzliche Welle. Das war nicht nur „nicht erlaubt“. Das war unfair. Die Dinge hier waren Teil des Ortes. Und wenn jeder nahm, blieb nichts übrig außer leerem Sand.

Frau Linde machte eine strenge Handbewegung: Stopp! Aber Tjark schüttelte nur den Kopf und zeigte frech den Daumen nach oben, als wäre es ein Spiel.

Mika dachte schnell. Unter Wasser konnte er nicht diskutieren. Er musste klug sein.

Er sah die Leuchtalgen. Wenn man sie aufwirbelte, glitzerten sie. Und sie reagierten auf Bewegung.

Mika wartete auf den Moment, wenn die Dünung die Kammer kurz beruhigte. Dann glitt er, so leise er konnte, näher an Tjark heran. Nicht aggressiv. Nur bestimmt. Er strich mit der Hand durch das Wasser zwischen Tjark und dem Ausgang.

Ein weicher Schimmer breitete sich aus. Erst wenig, dann mehr. Ein leuchtender Vorhang, der Tjark kurz blendete und seine Sicht nahm. Tjark zuckte erschrocken.

Nela verstand sofort und half. Sie strich ebenfalls durch das Wasser, aber weiter hinten, so dass das Leuchten wie ein Kreis wirkte.

Tjark ruderte mit den Armen, verlor eine Münze, dann noch eine. Sie sanken klirrend auf den Boden. In seiner Hast stieß er gegen die Kiste, die sich weiter öffnete. Ein kleiner Krebs, der darin saß, schnappte nach seiner Hand, als würde er sagen: „Nicht in meinem Wohnzimmer!“

Tjark schoss Richtung Ausgang.

Draußen wartete Frau Linde. Sie packte Tjarks Arm am Neopren, fest, aber nicht brutal, und zeigte auf seine Tasche. Ihre Augen waren wie zwei klare Steine.

Tjark wich ihrem Blick aus. Als alle auftauchten, schnappte er nach Luft und sagte: „War doch nur… ich wollte nur gucken.“

Frau Linde blieb ruhig. „Du hast genommen. Das ist ein Unterschied.“

Mika sagte, so sachlich er konnte: „Wenn du willst, dass etwas schön bleibt, lässt du es da, wo es hingehört.“

Tjark schnaubte. „Und wer seid ihr, dass ihr das bestimmt?“

Nela hob das Kinn. „Wir sind die, die's gesehen haben.“

Frau Linde sagte: „Und ich bin die, die es meldet. Du gibst alles zurück. Dann reden wir an Land weiter.“

Tjark zögerte. Dann kippte er die Münzen zurück in die Kiste. Einige fielen daneben. Mika sammelte sie nicht ein, um sie zu behalten, sondern um sie zurückzulegen. Genau hin. Als wären es kleine Versprechen.

Als sie die Kammer verließen, glitzerten die Leuchtalgen noch eine Weile hinter ihnen. Mika fand, das Licht sah jetzt freundlicher aus. Als hätte der Ort aufgeatmet.

Kapitel 5: Sturm über dem Wasser, Ruhe darunter

Als sie zurück zum Boot schwammen, änderte sich das Licht. Oben wurde der Himmel grau. Der Wind strich über die Wasseroberfläche und machte sie rau. Kleine Wellen wurden schnell zu größeren.

Frau Linde pfiff. „Alle zusammen! Direkt zur Leiter!“

Mika spürte, wie die Dünung stärker wurde. Jetzt war es kein sanftes Wiegen mehr. Es war ein kräftiger Atem. Und trotzdem: Es war immer noch ein Rhythmus.

„Wenn ich mich dagegen werfe, verliere ich“, dachte Mika. „Wenn ich mitgehe, komme ich voran.“

Nela war neben ihm. Sie sah plötzlich unsicher aus. „Ich werde hin und her geschoben“, keuchte sie, als sie kurz auftauchten.

Mika blieb sachlich, weil das half, nicht in Panik zu rutschen. „Nicht kämpfen. Lass dich heben. Wenn die Welle dich hochzieht, mach zwei Züge. Wenn sie dich runterzieht, gleite und halte die Richtung.“

„Wie weißt du das so genau?“, fragte Nela.

„Weil die Welle immer ehrlich ist“, sagte Mika. „Sie tut, was sie tut. Man muss nur zuhören.“

Ein größerer Schwung kam. Nela schluckte Wasser und hustete. Mika blieb neben ihr, hielt nicht fest wie eine Klammer, sondern gab ihr seine Schulter, damit sie sich kurz stabilisieren konnte.

„Atme“, sagte er. „Lang. Wie beim Zählen.“

Frau Linde war schon an der Leiter und half den anderen. Opa Rolf stand im Boot und rief: „Ruhig, Kinder! Einer nach dem anderen!“

Mika wartete mit Nela auf die Senke zwischen zwei Wellen. Dann schoben sie sich vor, genau in der Pause. Als die nächste Welle kam, waren sie schon an der Leiter.

„Jetzt!“, rief Mika.

Nela griff zu und kletterte hoch. Mika folgte. Seine Arme brannten, aber es war ein gutes Brennen. Das von Arbeit, die Sinn hatte.

Im Boot wurden Decken verteilt. Frau Linde überprüfte jeden. „Alles okay?“, fragte sie. „Keine Schnitte? Kein Schwindel?“

Mika schüttelte den Kopf. „Alles gut.“

Nela stieß ihn mit dem Ellbogen an. „Du bist echt… nervig ruhig.“

„Danke“, sagte Mika trocken. „Ich übe das.“

Tjark saß hinten, kleinlaut. Opa Rolf sah ihn an, nicht wütend, eher enttäuscht. Das wirkte stärker als Geschrei.

Als das Boot in den Hafen zurück tuckerte, riss der Himmel ein bisschen auf. Ein Streifen Blau zeigte sich, als würde er sagen: „So. Genug Drama.“

Kapitel 6: Ein gerechtes Ende und eine Brücke, die sauber bleibt

Am Kai wartete schon ein Mann von der Hafenwache. Frau Linde sprach mit ihm. Tjark musste erklären, was er getan hatte. Er versuchte erst, sich rauszureden, doch Frau Linde blieb freundlich und fest. Nela und Mika sagten, was sie gesehen hatten. Ohne zu übertreiben. Ohne Gemeinheiten. Einfach wahr.

Der Mann nickte. „Das hier ist geschützt. Wer stiehlt, schadet allen. Es gibt Konsequenzen. Und es gibt eine Chance, es wiedergutzumachen.“

Tjark schluckte. „Was… was soll ich tun?“

Frau Linde zeigte auf die markierte Boje, deren Position sie notiert hatte. „Du hilfst beim Bergen des Geisternetzes. Mit Profis. Und du hilfst beim Aufräumen am Strand. Nicht als Strafe zum Kleinmachen. Sondern als Reparatur.“

Opa Rolf sagte ruhig: „Gerecht ist, wenn man den Schaden nicht nur bereut, sondern kleiner macht.“

Tjark nickte, langsam. „Okay.“

Später, als Mika sich umgezogen hatte und die Sonne wieder warm auf die Planken schien, ging er mit Opa über die kleine Brücke, die vom Hafen zur Mole führte. Unter ihnen klatschte Wasser gegen die Pfähle. Möwen schrien, als würden sie über irgendetwas Wichtiges diskutieren.

Mika blieb stehen. Auf der Brücke lag ein Stück Plastik, wahrscheinlich von einer Verpackung. Es war klein, aber es passte nicht hierher. Es passte nirgendwohin.

Er hob es auf und steckte es ein.

Opa sah ihn an. „Pragmatisch, wie immer.“

Mika grinste. „Wenn's im Meer landet, wird's wieder unfair. Für Fische. Für Schildkröten. Für alles.“

Sie gingen weiter. Mika spürte den Wind, der von draußen kam. Und er spürte in sich noch den Takt der See. Hoch … runter … hoch … runter. Ein Rhythmus, der nicht nur beim Schwimmen half, sondern auch beim Denken.

„Ich hab's geschafft“, sagte Mika leise. „Ich kann im Rhythmus der Dünung schwimmen.“

Opa legte den Arm um ihn. „Und du kannst im Rhythmus der Gerechtigkeit handeln. Das ist noch seltener.“

Am Ende der Brücke blieb Mika kurz stehen und schaute hinaus. Das Meer glitzerte wieder freundlich. Irgendwo dort unten leuchteten vielleicht noch die Algen, und vielleicht schwamm eine Schildkröte mit freier Flosse durchs Blau.

Mika atmete ein. Lang. Ruhig.

Dann gingen sie nach Hause, und die Brücke hinter ihnen blieb sauber.

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Dünung
Die langsame Auf‑und‑Ab‑Bewegung kleiner Wellen auf dem Meer.
Meeresbiologin
Eine Forscherin, die Tiere und Pflanzen im Meer untersucht und schützt.
Unterwasserpfad
Ein Weg unter Wasser, den man beim Tauchen folgen kann.
Geisternetz
Ein verlorenes oder vergessenes Fangnetz im Wasser, das weiter fängt.
Boje
Eine schwimmende Markierung im Wasser, die einen Ort zeigt oder sichert.
Neoprenanzug
Ein dicker Anzug aus Gummi, der Taucher warm und schwimmfähig hält.
Leuchtalgen
Algen, die im Dunkeln oder bei Bewegung schwach blaugrün leuchten.
Kammer
Ein kleiner, abgeschlossener Raum, hier im Inneren des Leuchtturmsockels.
Korallen
Hart werdende Lebewesen, die Riffe und bunte Strukturen im Meer bilden.
Hafenwache
Menschen, die den Hafen schützen und auf Regeln und Sicherheit achten.
Mole
Ein fester Steg oder Damm, der ins Wasser hineinragt und Schutz bietet.

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