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Reisegeschichte unter dem Meer 11/12 Jahre Lesen 23 min.

Das Geheimnis des blauen Fensters und der roten Boje

Vier Freunde folgen einer geheimnisvollen salzigen Karte ins Meer und entdecken die „blaue Fenster“, wobei sie zusammen Mut beweisen, Rätsel lösen und lernen, die Unterwasserwelt zu respektieren.

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Vier Kinder: Leo, ca. 11, braune kurze Haare, Sommersprossen, dunkelblauer Tauchanzug, vorn mit einer Unterwasserlampe, die einen großen rechteckigen Fensterausschnitt in blauer Felswand beleuchtet; Tariq, ca. 12, braungebrannt, kurze schwarze Haare, schwarzer Anzug, direkt hinter Leo mit einem Seil, aufmerksam an der Felswand; Mika, ca. 10, blond, schelmisches Lächeln, dunkelgrüner Anzug, links hockend und ein kleines Stück Plastik aufhebend; Ben, ca. 11, kräftig, braune Haare, dunkelorangeroter Anzug, rechts mit einer aufgerollten Netztasche und gebannt auf ein entferntes Licht schauend. Ort: eine spektakuläre Unterwasserhöhle mit glatten kobaltblauen Wänden, biolumineszenten blau-grünen Algen am Durchgang, wirbelnden silbernen Fischschwärmen, cremefarbenem Sandboden und einer roten Boje in der Ferne, an einer Leine zur Oberfläche. Szene: Die Kinder entdecken das natürliche „Fenster“ in der Felswand, durch das ein leuchtender Tunnel führt; Leos Lampe zeigt Anemonen und Muscheln, Tariqs Seil sichert die Gruppe, Mika sammelt Müll und Ben trägt das Netz, die Stimmung ist ruhiges Staunen, kräftige Farben und Komposition auf das blaue Fenster und die Linie zur roten Boje zentriert. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Karte aus Salzpapier

Vier Jungs saßen im Schuppen hinter Leos Haus. Es roch nach Seil, Holz und dem alten Meer, obwohl der Strand ein Stück entfernt lag. Leo hatte die Stirn gerunzelt. So, als würde er ein Geheimnis nicht nur sehen, sondern hören.

„Schaut“, sagte er und legte ein zusammengefaltetes Blatt auf den Tisch.

Mika beugte sich vor. „Das ist… nass?“

„Nicht nass“, murmelte Leo. „Salzig.“

Tariq tippte vorsichtig darauf. „Wie kann Papier salzig sein?“

Ben grinste. „Vielleicht hat es jemand in eine Suppe geworfen.“

Leo schnaubte. „Sehr witzig. Ich hab's im alten Bootsschuppen vom Hafenmeister gefunden. Zwischen den Netzen. Da war ein Knoten drum. Ein richtiger Seemannsknoten.“

Mika zog eine Augenbraue hoch. „Und du hast ihn einfach aufgemacht?“

„Natürlich“, sagte Leo. „Ich bin doch nicht aus Zucker.“

Er faltete das Blatt auf. Darauf war eine Zeichnung, nicht sauber, aber klar: Küstenlinie, ein kleiner Leuchtturm, dann Pfeile aufs Meer hinaus. Und in der Mitte ein Symbol, das aussah wie ein Fenster mit dicker Umrandung. Daneben stand in krakeligen Buchstaben: DIE BLAUE FENSTER.

„Die blaue Fenster?“ Ben prustete. „Grammatik hat auch mal gebadet.“

„Die ‚Blaue Fenster‘ ist bestimmt ein Name“, sagte Tariq langsam. Er war der, der bei Rätseln nie lachte, bevor er nicht verstanden hatte, warum andere lachten.

Leo strich mit dem Finger über das Fenstersymbol. „Ich suche das. Die blaue Fenster. Oder die blaue… Fensterstelle. Egal. Das ist das Ziel.“

Mika schüttelte den Kopf, aber seine Augen funkelten. „Und wie sollen wir das finden? Schwimmen bis zum Ende der Welt?“

Leo zog eine kleine wasserdichte Dose hervor. „Mein Onkel hat eine alte Schnorchelausrüstung. Und eine Unterwasserlampe. Und…“ Er zögerte kurz. „…einen Kompass, der auch unter Wasser funktioniert.“

Ben pfiff. „Dein Onkel ist verdächtig gut ausgerüstet.“

„Er war Taucher“, sagte Leo. „Und er sagt immer: Das Meer ist kein Spielplatz. Aber es belohnt Leute, die aufpassen.“

Tariq faltete die Karte wieder zusammen. „Wenn wir das machen, dann richtig. Mit Plan.“

Mika nickte. „Und ohne Müll. Wenn ich da unten eine Plastiktüte sehe, kriegt sie Ärger mit mir.“

Ben hob beide Hände. „Ich verspreche feierlich, nichts ins Meer zu werfen. Nicht mal meine schlechten Witze.“

Leo grinste zum ersten Mal. „Dann los. Morgen früh. Bei ruhiger See. Wir suchen die blaue Fenster.“

Kapitel 2: Die ruhige Bucht und das Flüstern der Tiefe

Am nächsten Morgen war die Bucht glatt wie eine Glasscheibe. Die Sonne stand noch niedrig und machte auf dem Wasser goldene Striche. Ein paar Möwen kreischten, als wollten sie das Abenteuer kommentieren.

Die Jungs standen am Rand des kleinen Stegs. Neoprenanzüge waren nicht perfekt, aber warm genug. Masken saßen fest. Flossen lagen bereit.

„Wenn jemand Panik kriegt, hebt er die Hand“, sagte Leo. Er klang ruhig. Fast wie ein Erwachsener, aber ohne das nervige Besserwissen.

Tariq überprüfte die Schnallen an Bens Weste. „Und wir bleiben zusammen. Wie ein Schwarm.“

Ben verzog das Gesicht. „Ich bin aber ein Hai.“

Mika klopfte ihm auf die Schulter. „Dann sei ein freundlicher Hai. Einer, der keinen Korallen auf den Kopf haut.“

Sie glitten ins Wasser. Es war kühler als die Luft, aber angenehm. Über ihnen wippte die Oberfläche wie ein schimmernder Deckel.

Unter Wasser wurde alles leiser. Geräusche waren plötzlich rund und weit weg. Leos Atem ging in Blasen auf, die wie kleine Silberkugeln nach oben stiegen.

Sie schwammen an einer Felswand entlang. Seegras wogte wie grünes Haar. Zwischen den Halmen blitzten kleine Fische, als hätten sie sich in Glasperlen verwandelt.

Mika zeigte auf einen Seestern, der an einem Stein klebte. Fünf Arme, orange wie ein Sonnenstück.

Ben machte ein großes Staun-Gesicht hinter der Maske und formte mit den Händen ein Herz. Es sah eher aus wie eine krumme Brezel.

Tariq deutete nach vorn. Dort, wo die Felswand eine dunklere Stelle hatte. Ein schmaler Spalt.

Leo zog die Karte aus der Brusttasche seiner Weste. Er hielt sie gegen das Licht. Das Fenstersymbol lag in der Nähe eines eingezeichneten „Risses“.

„Da“, sagte er durch den Schnorchel. Es klang wie „Daaah“, aber alle verstanden.

Sie schoben sich in die Nähe des Spalts. Das Wasser wurde kühler. Die Felsen wirkten älter, als hätten sie schon tausend Stürme ausgehalten.

Plötzlich zog eine Strömung an ihnen. Nicht brutal, aber entschieden. Wie eine unsichtbare Hand.

Ben ruderte mit den Armen. „Uff! Das zieht!“

Leo blieb ruhig. Er fasste Bens Arm, dann Mikas. Tariq nahm Leos Flosse, damit niemand abdriftete.

„Seitlich“, sagte Tariq. „Nicht dagegen. Mit.“

Sie ließen sich ein Stück treiben, bis die Strömung schwächer wurde. Dann schwammen sie wieder an die Wand. Langsam. Kontrolliert.

„Das Meer prüft uns“, murmelte Ben, als sie kurz auftauchten, um Luft zu holen.

Mika spuckte Wasser aus. „Das Meer prüft vor allem, ob du mit den Flossen wie ein Frosch strampelst.“

Ben grinste. „Ein heldenhafter Frosch.“

Leo sah zur dunklen Stelle. „Wir sind nah. Ich spüre das.“

„Du spürst eine dunkle Höhle“, sagte Tariq. „Das reicht.“

„Es reicht, um weiterzugehen“, erwiderte Leo.

Sie tauchten wieder ab.

Kapitel 3: Der Tunnel aus Muscheln

Der Spalt war enger, als er von oben ausgesehen hatte. Dahinter begann ein kurzer Tunnel. Die Wände waren mit Muscheln besetzt, dicht wie Dachziegel. Manche Muscheln waren geöffnet, als würden sie flüstern.

„Nicht anfassen“, sagte Mika sofort und hob den Finger. „Sonst bricht was. Oder wir erschrecken jemanden.“

Ben nickte übertrieben ernst. „Ich fasse nichts an. Ich gucke nur. Mit meinen Augen. Die sind… sehr sauber.“

Leo schaltete die Unterwasserlampe ein. Ein weicher Lichtkegel glitt über die Muscheln. In den Ritzen bewegten sich winzige Garnelen. Ein Krebs schob sich seitwärts davon, beleidigt wie ein kleiner Wächter.

Sie schwammen im Gänsemarsch. Erst Leo, dann Tariq, dann Mika, dann Ben, der versuchte, nicht gegen die Wand zu stoßen. Er schaffte es fast.

Am Ende des Tunnels öffnete sich der Raum. Eine Kammer, rund wie eine Schüssel. Oben war ein Spalt, durch den blaues Licht fiel.

„Das… sieht aus wie ein Fenster“, flüsterte Mika, obwohl Flüstern unter Wasser albern ist. Trotzdem fühlte es sich richtig an.

Das Licht war nicht nur blau. Es war tiefblau, wie eine Farbe, die man sonst nur in Träumen findet. Es schimmerte, als würde es atmen.

Leo hielt die Karte hoch. Das Fenstersymbol passte. Fast.

„Das ist sie“, sagte Leo. „Die blaue Fenster.“

„Dann hast du dein Ziel“, meinte Tariq. „Oder?“

Leo schwebte näher. In der Kammer stand ein Steinblock, flach wie ein Tisch. Darauf lagen Dinge, die nicht hierher gehörten: ein verrosteter Kompass, eine alte Glasflasche, und… ein kleines, in Algen verfangenes Metallstück.

Ben zeigte darauf. „Schatz!“

Mika schüttelte den Kopf. „Oder Müll von früher.“

Tariq zog vorsichtig die Flasche aus dem Sand. Sie war versiegelt. Innen war ein Papierstreifen, eingerollt.

Leo sah das blaue Licht an. Es war so schön, dass es ihn kurz vergaß, zu atmen. Dann erinnerte er sich. Blasen stiegen auf. Ruhig bleiben.

Sie tauchten kurz auf, direkt unter dem Felsspalt, um Luft zu holen. Der Spalt war wie ein Auge zur Welt.

„Wir nehmen nur, was sicher ist“, sagte Mika. „Und was niemandem schadet.“

Tariq klopfte gegen die Flasche. „Das ist Glas. Das kann brechen. Wir müssen vorsichtig sein.“

Ben hob das Metallstück an. Es war schwer. „Das ist… ein Ring? Mit einem Haken.“

Leo sah genauer hin. „Das ist eine Art Verschluss. Vielleicht gehört er zu…“

Da vibrierte das Wasser. Ein tiefes Brummen, als würde irgendwo ein riesiger Motor anspringen.

Mika riss die Augen auf. „Habt ihr das gehört?“

Tariq nickte. „Das ist keine Strömung. Das ist… Bewegung.“

Ein Schatten glitt vor dem Felsspalt vorbei. Nicht in der Kammer, aber über ihnen. Groß. Langsam.

Ben klammerte sich an den Steinblock. „Bitte sag, das ist nur ein sehr dicker Fisch.“

Leo blieb ruhig. Er hob die Lampe und leuchtete nach oben. Der Schatten war weg, aber das Brummen blieb, dumpf wie Donner hinter einer Wand.

„Wir gehen nicht in Panik“, sagte Leo. „Wir beobachten.“

„Ich beobachte schon“, sagte Ben. „Mit allen meinen inneren Organen.“

Mika deutete auf eine zweite Öffnung, tiefer in der Kammer. Ein dunkler Gang, kaum sichtbar.

Tariq zeigte auf den Steinblock. „Hier ist eine Rille. Wie eine Führung.“

Leo legte den Metallring in die Rille. Er passte. Fast als wäre er dafür gemacht.

Ein Klicken, leise wie ein Muschelschnappen.

Das blaue Licht am Felsspalt flackerte. Nicht weniger, eher anders. Wie ein Signal.

Dann wurde die Strömung stärker und zog in Richtung des dunklen Gangs.

Ben schluckte. „Okay. Das Meer prüft uns jetzt wirklich.“

Leo nickte langsam. „Das ist der nächste Schritt.“

Kapitel 4: Das Rätsel der Blasen und der verlorene Anker

Sie schoben sich in den dunklen Gang. Der Strömungszug war kräftig, aber gleichmäßig. Leo hielt die Lampe vor sich. Der Lichtkegel zeigte glatte Felsen, dann plötzlich etwas Fremdes: ein altes Netz, halb in den Stein geklemmt.

„Stopp“, sagte Mika sofort und packte Tariqs Schulter.

Das Netz bewegte sich leicht, als würde es atmen. Und darin hing etwas. Ein kleiner Fisch, zappelnd, erschöpft.

Ben wollte sofort hin. Mika hielt ihn fest. „Langsam. Nicht reißen. Sonst verletzt du ihn.“

Tariq zog ein kleines Messer aus seiner Tasche. Es war ein Sicherheitsmesser mit stumpfer Spitze. „Ich schneide nur das Netz. Nicht den Fisch.“

Leo leuchtete genau hin. Tariq machte kurze, vorsichtige Schnitte. Das Netz gab nach. Der Fisch schoss weg, so schnell, dass er nur noch ein silberner Strich war.

Ben hob den Daumen. „Gerettet!“

Mika nickte. „Und jetzt nehmen wir das Netz mit. Sonst fängt es den nächsten.“

Sie rollten es so gut es ging zusammen. Es war schwer, voll Sand und Algenresten.

Der Gang führte in eine weitere Höhle. Diese war niedriger. Die Decke war mit kleinen Luftblasen bedeckt, die an Stein klebten wie winzige Spiegel.

„Wow“, murmelte Ben. „Stein-Sprudel.“

Tariq deutete auf den Boden. Dort lag ein Anker. Nicht groß, eher wie von einem kleinen Boot. Um ihn herum waren Seile, aber sie waren teilweise zerfetzt.

Leo betrachtete den Anker. Auf dem Metall war ein Zeichen eingeritzt: ein Fenster. Und darunter ein Pfeil.

„Das ist nicht zufällig“, sagte Leo.

Mika beugte sich näher, ohne den Anker zu berühren. „Vielleicht hat jemand hier unten markiert, wo es weitergeht.“

Tariq zog an einem losen Seilende. Es führte in eine Spalte im Boden.

„Das ist wie eine Falle“, sagte Ben. „Nur ohne Käse.“

Die Strömung drückte jetzt von hinten. Sie mussten entscheiden. Leo dachte nach. Nicht lange, aber gründlich. Seine Augen gingen von der Karte zum Pfeil, dann zu den Blasen an der Decke.

„Seht ihr die Blasen?“, fragte er.

Mika nickte. „Ja.“

„Sie sitzen an der Decke fest. Das heißt, hier steigt Luft auf. Von irgendwo.“

Tariq verstand sofort. „Ein Aufstieg. Eine Stelle zum Atmen.“

Leo zeigte auf die Spalte im Boden. „Wenn es da unten weitergeht, brauchen wir einen Plan. Wir dürfen nicht blind rein.“

Ben hob das zusammengerollte Netz. „Wir haben schon genug Souvenirs.“

Mika schnaubte. „Das ist kein Souvenir. Das ist Aufräumen.“

Leo schaute zum Anker. Dann zum Seil. Dann zu den Blasen. „Wir folgen erst der Luft. Wir finden den Aufstieg. Dann entscheiden wir, ob wir tiefer gehen.“

Tariq nickte. „Klug. Resilient heißt auch: nicht stur sein.“

Ben blinzelte. „Resi-was?“

Mika grinste hinter der Maske. „Heißt: Du gibst nicht auf, aber du rennst auch nicht mit dem Kopf gegen einen Felsen.“

„Oh“, sagte Ben. „Dann bin ich manchmal… ein Felsen.“

Sie folgten der Blasenspur. Der Fels wurde heller. Dann fanden sie eine kleine Kuppel, eine Lufttasche unter der Decke. Sie tauchten auf und konnten tatsächlich atmen. Es roch nach Stein und Salz, aber es war echte Luft.

Ben atmete tief ein. „Beste Luft meines Lebens.“

Mika setzte die Maske hoch. „Und jetzt? Der Schatten vorhin… was war das?“

Tariq lauschte. Von irgendwoher kam wieder dieses dumpfe Brummen.

Leo sprach ruhig. „Vielleicht ein Boot. Oder eine Strömung, die gegen eine Höhle schlägt.“

Ben zeigte nach oben. Durch eine schmale Ritze sah man bläuliches Tageslicht. „Da könnte man raus.“

Leo schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Die blaue Fenster hat uns hierher geführt. Aber ich glaube, sie zeigt nicht nur einen Ort. Sie zeigt einen Weg.“

Tariq holte die Flasche hervor. „Dann öffnen wir das hier. In der Luft. Sicherer.“

Er rieb die Flasche trocken und drehte den Verschluss vorsichtig. Nichts knirschte. Kein Splittern. Nur ein leises Plopp.

Er zog den Papierstreifen heraus. Darauf stand in ordentlichen Buchstaben:

FOLGE DEM BLAUEN LICHT. VERTRAUE DEM ROTEN PUNKT.

Ben runzelte die Stirn. „Roter Punkt? Unter Wasser?“

Mika sah Leo an. „Eine Boje vielleicht.“

Leo nickte langsam. „Eine rote Boje. Das klingt… wie ein Ende. Wie Sicherheit.“

Tariq faltete den Zettel wieder zusammen. „Dann suchen wir einen roten Punkt. Aber erst müssen wir hier raus, ohne Unsinn zu machen.“

Ben streckte die Hand aus. „Abgemacht. Kein Unsinn. Nur ein kleines bisschen Mut.“

Kapitel 5: Die blaue Fenster öffnet sich

Sie tauchten wieder ab und kehrten zum Anker zurück. Leo leuchtete auf das Fenstersymbol. Das Blau der Lampe glitt darüber, und für einen Moment wirkte es, als würde das Zeichen antworten.

Die Strömung zog Richtung Bodenspalte. Nicht hektisch. Bestimmt.

Tariq zeigte auf das Seil, das in die Spalte führte. „Wir sichern uns. Jeder hält das Seil. Wenn's eng wird, ziehen wir uns zurück.“

Mika nickte. „Und keine Korallen treten. Keine Tiere stören.“

Ben hob die Hand. „Ich trete nur auf… Wasser.“

Leo grinste kurz. „Los.“

Sie ließen sich hinabgleiten. Die Spalte war überraschend breit. Der Fels fühlte sich glatt an, als hätte ihn Wasser über Jahre poliert.

Dann wurde es wirklich dunkel. Leo schaltete die Lampe auf hell. Vor ihnen erschien etwas, das ihnen den Atem nahm.

Eine Wand aus blauem Gestein. Nicht einfach grau mit blauem Schimmer, sondern richtig blau, wie gefrorenes Meer. In der Mitte: eine Öffnung, rechteckig, sauber, als wäre sie geschnitten. Ein Fenster. Dahinter bewegte sich Licht.

„Die blaue Fenster“, flüsterte Mika.

„Das ist… echt“, sagte Ben. Er klang plötzlich klein.

Leo schwamm näher, aber langsam. Er hielt Abstand. „Wir gehen nicht einfach durch. Wir schauen erst.“

Tariq leuchtete an den Rand. Dort waren kleine Lebewesen, die wie winzige Blumen aussahen. Anemonen, die sich sanft öffneten und schlossen.

„Wenn wir da durchwirbeln, verletzen wir sie“, sagte Mika.

Leo nickte. „Also einzeln. Ruhig. Kein Flossenschlag direkt daneben.“

Ben hob zwei Finger wie ein Pfadfinder. „Ich schwöre bei meiner… bei meiner letzten Portion Pommes.“

Sie glitten nacheinander durch das Fenster. Dahinter lag ein Tunnel, der von selbst leuchtete. Nicht grell, eher wie Mondlicht. Das Blau kam von Algen, die an den Wänden wuchsen und ganz leicht glimmten.

„Biolumineszenz“, sagte Tariq, und diesmal passte das schwere Wort, weil es so schön klang.

Ben stöhnte gespielt. „Tariq, du bist ein wandelndes Lexikon.“

„Besser als ein wandelnder Unfall“, gab Tariq zurück.

Am Ende des Tunnels öffnete sich eine weite Unterwasserlandschaft. Felsen standen wie Türme. Dazwischen schwammen Fischschwärme, die sich drehten wie ein lebendiger Wirbel. Und in der Ferne, über einem Sandstreifen, wogte etwas Rot.

Mika zeigte sofort. „Da! Ein roter Punkt!“

Leo blinzelte. „Das ist… keine Koralle. Das ist etwas Gemachtes.“

Sie schwammen darauf zu. Das Brummen kam wieder. Stärker. Leo sah nach oben. Über ihnen zog ein Boot vorbei, weit entfernt, nur als Schatten. Der Motor vibrierte durch das Wasser.

Ben machte große Augen. „Wenn wir zu nah an die Oberfläche kommen, werden wir Fischpfannkuchen.“

Mika schüttelte den Kopf. „Dann bleiben wir tiefer. Und ruhig.“

Die rote Sache wurde klarer. Eine Boje. Rot, rund, mit einer dünnen Leine nach unten.

„Rote Boje“, sagte Tariq. „Das steht auf dem Zettel. Vertrauen.“

Leo fühlte, wie die Anspannung in ihm nachließ. Nicht weg, aber leichter. Wie ein Rucksack, den man besser eingestellt hat.

Sie erreichten die Boje. Sie war an einem Stein befestigt, der wie ein Ankerpunkt wirkte. An der Leine hing ein kleines, wasserdichtes Kästchen.

Ben rieb sich die Hände. „Okay. Jetzt kommt der Schatz.“

Mika sah ihn streng an. „Wenn da drin Müll ist, bist du dran, ihn zu tragen.“

„Ich trage ihn wie ein Held“, versprach Ben.

Leo öffnete das Kästchen. Darin lag kein Gold. Kein Diamant. Nur ein zusammengefaltetes Stück Stoff und eine kleine Karte aus festem Plastik.

Auf der Karte stand: DIESER WEG IST EIN SCHUTZWEG. BLEIB AUF DER LINIE. NIMM NUR ERINNERUNGEN. LASS NUR BLASEN.

Mika lächelte. „Das gefällt mir.“

Tariq entfaltete den Stoff. Es war ein leuchtend gelber Streifen, wie ein Signalband.

„Wofür?“, fragte Ben.

Leo sah zur Bojenleine. Dann verstand er. „Für Menschen. Damit sie den Ausgang finden. Oder damit sie sehen, wo sie nicht ankern sollen.“

Tariq nickte. „Ein Schutzweg. Damit niemand die empfindlichen Stellen beschädigt.“

Mika zeigte auf den Meeresboden. Dort verlief tatsächlich eine Reihe kleiner Steine, wie eine natürliche Linie, die durch das Gebiet führte.

Leo hielt das gelbe Band fest. „Wir binden es hier an. Damit es sichtbar ist. Und wir nehmen das alte Netz mit nach oben.“

Ben seufzte theatralisch. „Also kein Schatz.“

Mika tippte ihm auf die Maske. „Doch. Ein echtes Abenteuer. Und ein geretteter Fisch. Und ein saubereres Meer.“

Ben dachte kurz nach. „Okay. Das ist schon ziemlich gut.“

Kapitel 6: Heimweg mit roter Boje

Sie befestigten das gelbe Band an der Leine der roten Boje, so dass es im Wasser sanft flatterte. Nicht zu lang, damit es sich nicht in Korallen verfing. Genau richtig, wie Tariq meinte, der immer genau richtig sein wollte.

Dann machten sie sich auf den Rückweg. Diesmal folgten sie der Steinlinie. Sie hielten Abstand zu den leuchtenden Algen und den Anemonen. Leo ging voran, ruhig und aufmerksam. Mika sammelte unterwegs zwei kleine Plastikstücke ein, die im Sand lagen, und steckte sie in eine Tasche. Ben trug das schwere, zusammengerollte Netz. Er grummelte, aber er ließ es nicht fallen.

„Wenn ich das Netz an Land ziehe“, sagte er, als sie kurz in der Lufttasche atmeten, „kriege ich dann einen Orden?“

Tariq sah ihn trocken an. „Du kriegst trockene Socken.“

„Das ist besser als ein Orden“, gab Ben zu.

Als sie wieder durch die blaue Fenster schwammen, war das Licht noch da. Es wirkte jetzt nicht mehr geheimnisvoll wie ein Rätsel, sondern freundlich wie ein Abschiedsgruß.

Zurück in der ersten Kammer sah Leo noch einmal hoch zum Felsspalt. Das Blau dort sah aus wie ein Auge, das wacht.

„Danke“, sagte er leise, obwohl niemand wusste, ob man so etwas zum Meer sagt. Aber es fühlte sich richtig an.

Sie tauchten aus der Bucht auf, ein Stück entfernt vom Steg. Die Sonne stand nun höher. Die Welt war laut geworden: Möwen, Wellen, Stimmen vom Strand. Aber in ihren Köpfen blieb das tiefe, ruhige Blau.

Am Ufer legten sie die Ausrüstung ab. Ben schleppte das Netz wie eine Trophäe zum Mülleimer am Strand.

„Schaut her!“, rief er. „Ich habe ein Monster besiegt!“

Ein älterer Mann mit Hut sah herüber. „Ein Geisternetz“, sagte er ernst. „Gut gemacht, Jungs.“

Mika nickte. „Das fängt Tiere. Das gehört nicht ins Meer.“

Der Mann lächelte. „Genau. Respekt ist die beste Ausrüstung.“

Leo hielt die Plastikkarte in der Hand und sah zurück aufs Wasser. In der Ferne konnte man die rote Boje erkennen, klein, aber klar. Sie wippte ruhig auf den Wellen.

Ruhig. Sicher. Da war sie: eine rote Boje, die beruhigte, als würde sie sagen: Hier entlang. Alles gut.

Tariq stellte sich neben Leo. „Du hast die blaue Fenster gefunden.“

Leo nickte. „Ja. Und sie hat uns mehr gezeigt als nur einen Ort.“

Ben verschränkte die Arme. „Sie hat uns gezeigt, dass Mika immer recht hat.“

Mika grinste. „Nicht immer. Aber oft.“

Leo lachte. Dann atmete er tief ein. Salz, Sonne, Leben.

Und draußen, über dem geheimen Weg unter Wasser, wippte die rote Boje weiter. Als freundlicher Punkt im großen Blau.

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Wasserdichte Dose
Eine Dose, die kein Wasser hineinlässt, damit Dinge trocken bleiben.
Unterwasserlampe
Eine Lampe, die man unter Wasser benutzt, um besser zu sehen.
Kompass
Ein Gerät, das anzeigt, wo Norden ist, damit man sich orientiert.
Verrosteter Kompass
Ein alter Kompass mit Rost, der braune Stellen durch Feuchtigkeit hat.
Strömung
Bewegung von Wasser, die Dinge oder Menschen mit sich ziehen kann.
Biolumineszenz
Wenn Lebewesen im Wasser selbst Licht erzeugen und leuchten.
Anemonen
Meeresbewohner, die wie Blumen am Stein kleben und sanft wippen.
Resilient
Widerstandsfähig sein; nicht aufgeben und sich wieder erholen.
Lufttasche
Eine kleine Höhle mit Luft unter Wasser, wo man atmen kann.
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