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Reisegeschichte unter dem Meer 11/12 Jahre Lesen 21 min.

Der Blasenhimmel unter dem Steindeckel

Drei Freundinnen erkunden ein Unterwasser-Labyrinth, entdecken unter einer Steindecke festhängende Blasen, die Meeresbewohner gefährden, und versuchen gemeinsam, das Rätsel um die klebrigen Fäden zu lösen.

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Drei Mädchen in Taucheranzügen arbeiten in einer felsigen Unterwasserhöhle, beleuchtet von blauen und goldenen Sonnenstrahlen, um Meeresbewohner zu befreien: ein etwa 10-jähriges Mädchen mit braunen Zöpfen und hellblauem Anzug steht vorn und löst vorsichtig mit einem kleinen Haken einen Plastikfaden von einer großen glänzenden Blase, ein etwa 11-jähriges Mädchen mit blondem Bob und türkisfarbenem Anzug steht links und stabilisiert den Faden mit zwei Fingern, ein etwa 12-jähriges Mädchen mit schwarzer Pferdeschwanz und korallfarbenem Anzug hält rechts eine Sicherungsleine und hebt ein Stück Netz- oder Plastikreste auf; Umgebung: niedrige graue Felsdecke mit zahlreichen durchsichtigen Blasen, wiegende grüne Algen, silbrig schimmernde Fischschwärme, Muscheln, vereinzelte Netzreste und helles Sandbett, ruhige Atmosphäre, gesättigte Farben und sichtbare Texturen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Plan unter dem Bootsdeck

Mara konnte stundenlang aufs Wasser starren. Nicht, weil sie nichts zu tun hatte. Sondern weil sie immer etwas sah, das andere übersahen. Heute zum Beispiel: kleine Luftblasen, die unter dem Holzsteg am Hafen klebten. Sie glänzten wie winzige Spiegel.

„Da!“, flüsterte Mara und deutete nach unten. „Seht ihr die?“

Jule kniete sich neben sie. „Ich sehe… Wasser. Und Algen. Und deine Nase fast im Wasser.“

„Und Blasen“, sagte Mara geduldig. „Sie hängen fest. Als hätten sie Angst, hochzusteigen.“

Nika, die fast schon zwölf und immer bereit für Unsinn war, grinste. „Dann retten wir sie. Team Blasenbefreiung!“

Sie waren zu dritt. Mara, die Träumerin. Jule, die kluge Planerin mit dem wasserdichten Notizbuch. Nika, die Mutige, die auch dann lachte, wenn es knifflig wurde.

Heute durften sie mit Jules Onkel aufs Forschungsschiff „Seestern“. Nicht weit raus, nur bis zur kleinen Bucht hinter den Felsen. Dort gab es ein altes Unterwasser-Labyrinth aus Steinbögen. Ein Sturm hatte es vor Jahren freigelegt. Jetzt lebten dort Fische, Krebse und, wie der Onkel sagte, „merkwürdige Nachbarn“.

Mara hörte kaum zu. In ihrem Kopf gab es nur ein Ziel: Blasen finden, die unter einem „Plafond“, wie ihre Oma sagte, feststeckten. Unter einer Decke. Unter einem Dach. Unter irgendetwas, das sie festhielt.

„Ihr bekommt Tauchmasken, Schnorchel und eine Leine“, erklärte der Onkel. „Kein Alleingang. Und wenn euch etwas unheimlich vorkommt: ruhig bleiben, Zeichen geben, hoch.“

Nika salutierte. „Aye, Kapitän Onkel!“

Jule zog Mara am Ärmel. „Du wolltest doch unbedingt diese festhängenden Blasen finden. Vielleicht gibt's unter den Steinbögen so eine Art Decke.“

Mara spürte, wie ihr Herz schneller wurde. „Und wenn ich sie finde… dann weiß ich, wie man sie befreit.“

„Oder“, sagte Nika, „wir finden heraus, warum sie da festkleben. Das ist auch spannend.“

Das Boot glitt los. Die Sonne war warm, das Meer schimmerte wie flüssiges Glas. Und irgendwo darunter wartete eine Decke aus Stein. Und vielleicht ein ganzer Himmel aus gefangenen Blasen.

Kapitel 2: Abstieg in den blauen Korridor

In der Bucht war das Wasser klar. Man konnte bis zum Grund schauen. Dunkle Felsen lagen wie schlafende Tiere da. Dazwischen wogte Seegras, als würde es winken.

„Bereit?“, fragte Jule, und ihre Stimme klang plötzlich erwachsener.

Mara nickte. Nika zog ihre Maske zurecht. „Wenn ich einem Hai begegne, frage ich ihn nach dem Weg. Höflichkeit ist wichtig.“

Sie glitten ins Wasser. Erst war es kalt wie ein überraschender Händedruck. Dann wurde es angenehm. Geräusche wurden weich. Alles klang weit weg. Nur ihr Atem im Schnorchel war nah: ein ruhiges Schnauben.

Sie folgten der Leine zu den Steinbögen. Der erste Bogen war breit, mit Muscheln besetzt. Der zweite führte in einen dunkleren Korridor. Über ihnen wölbte sich Stein wie eine Decke, ein echter Plafond, glatt und grau, mit Rissen wie feinen Blitzen.

Mara blieb stehen. Unter der Decke klebten Blasen. Viele. Manche klein wie Pfefferkörner, manche groß wie Murmeln. Sie zitterten, als würden sie flüstern.

Mara hob die Hand und zeigte auf die Blasen. Ihre Augen wurden groß hinter der Maske.

Jule antwortete mit einem Handzeichen: Ich sehe es.

Nika machte ein Zeichen, das eher wie ein tanzender Oktopus aussah. Mara musste lachen und bekam kurz Wasser in den Schnorchel. Sie hustete, fing sich wieder, erinnerte sich an den Onkel: ruhig bleiben.

Unter den Bögen wurde es lebendiger. Ein Schwarm silberner Fische schoss an ihnen vorbei wie eine Handvoll Pfeile. Eine gelbe Schnecke kroch gemächlich über den Stein, als hätte sie alle Zeit der Welt.

Dann sah Mara etwas Seltsames: Ein Fisch, der aussah, als hätte er einen Pinsel am Kopf. Ein Fransenfisch, dachte sie, obwohl sie nicht sicher war. Er schwebte vor einer besonders großen Blase und stupste sie an.

Die Blase wackelte. Sie löste sich aber nicht.

Mara schwamm näher. Sie hielt Abstand. Sie wollte nichts zerplatzen lassen. Mit dem Finger deutete sie auf die Stelle, wo die Blase am Stein klebte. Dort war ein dünner Film, fast unsichtbar, wie Spinnweben aus Schleim.

Jule tippte in die Luft und formte lautlos: „Kleber?“

Nika zuckte die Schultern. Dann zeigte sie nach vorne.

Vor ihnen wurde der Korridor enger. Und dort hing etwas, das nicht hingehören sollte: ein Stück Netz, halb in eine Spalte geklemmt, wie ein vergessener Schal. Es flatterte leicht im Wasser.

Und direkt daneben: eine große, runde Blase, fast so groß wie ein Apfel, festgeklebt unter der Decke. Sie schimmerte. In ihr spiegelte sich das ganze Blau, verdreht und geheimnisvoll.

Mara fühlte ein Ziehen im Bauch. Das war nicht nur irgendeine Blase. Die schien zu warten.

Kapitel 3: Das Netz und der verirrte Seestern

Sie näherten sich dem Netz langsam. Jule zog ihr kleines Messerchen aus der Tasche am Tauchgurt. Nicht zum Kämpfen. Zum Schneiden. Jule war immer vorbereitet.

Im Netz zappelte etwas. Kein Fisch, eher… ein Seestern. Seine Arme steckten fest. Er bewegte sich langsam, aber verzweifelt, als würde er in Zeitlupe um Hilfe rufen.

Mara dachte an ihre Oma, die sagte: „Unter Wasser kann man nicht schreien. Darum muss man besser hinschauen.“

Mara zeigte auf den Seestern und dann auf ihr Herz: Wir helfen.

Nika nickte sofort. Sie griff nach dem Netz, aber Jule hielt sie mit einer Hand zurück. Jule zeigte: Vorsichtig.

Jule schnitt erst einen kleinen Faden durch. Dann noch einen. Das Netz gab nach, aber nicht ruckartig. Mara hielt den Seestern mit beiden Händen, ganz sanft, damit er nicht noch mehr riss. Seine Oberfläche fühlte sich rau an, wie ein winziger Steinweg.

Als das Netz endlich frei war, ließ Mara den Seestern los. Er sank nicht. Er schwebte kurz, als müsste er sich erinnern, wie man sich bewegt. Dann glitt er auf einen Felsen und blieb dort liegen.

Nika machte einen Daumen hoch. Unter Wasser sah das lustig aus, wie ein dickes, langsames Zeichen.

Jule deutete auf die große Blase neben der Spalte. Sie war noch da. Und der dünne Film, dieser Kleber, zog sich vom Netz bis zur Blase. Als hätte das Netz die Blase festgehalten. Oder die Blase das Netz.

Mara starrte auf die Decke. Überall klebten Blasen. Manche waren neu, klar. Manche waren alt, milchig. Und überall diese feinen Fäden.

Plötzlich bewegte sich etwas in der Spalte. Ein Schatten. Nicht groß, aber flink. Zwei Augen leuchteten wie Glasperlen. Ein kleiner Krake, vielleicht erst ein Jugendlicher, lugte hervor. Seine Haut wechselte die Farbe, von grau zu sandfarben, als würde er sich schämen.

„Ein Oktopus!“, hätte Nika vermutlich gerufen. Unter Wasser machte sie stattdessen riesige Augen und hielt sich den Schnorchel fest.

Der Krake streckte einen Arm heraus. Er berührte die gelöste Stelle am Netz. Dann berührte er die große Blase. Er zog sich zurück, als hätte er Angst.

Mara hob beide Hände, die Handflächen offen. Sie bewegte sich langsam. Nicht wie ein Jäger. Eher wie jemand, der sagt: Ich tue dir nichts.

Der Krake blieb. Er wechselte seine Farbe zu einem warmen Braun. Dann zu einem blassen Blau. Er schien nervös.

Jule schrieb mit dem Finger in die Luft: „Vielleicht hat er das Netz gebaut?“

Nika schüttelte heftig den Kopf und formte mit den Händen: Menschen-Netz, nicht Krake.

Mara bemerkte etwas: Der Krake war an einem Arm leicht eingerollt, als würde es wehtun. Ein dünner Faden vom Netz hing noch daran, ganz klein, aber genug, um zu stören.

Mara zeigte auf den Arm. Dann auf sich. Dann machte sie eine Schneidebewegung.

Der Krake zuckte zurück. Aber er verschwand nicht. Er wartete. Das war Mut, dachte Mara. Mut sieht nicht immer laut aus. Manchmal ist Mut, still zu bleiben.

Jule schwamm näher, ganz langsam. Sie hielt das Messerchen weit weg, damit es nicht bedrohlich wirkte. Mara hielt den Krake im Blick, ruhig, mit weichen Bewegungen.

Ein Atemzug. Noch einer.

Jule schnitt den Faden ab. Der Krake zuckte kurz, dann streckte er den Arm aus, als würde er ihn testen. Seine Haut wurde heller. Fast freundlich.

Dann passierte etwas Unerwartetes: Der Krake nahm den abgeschnittenen Faden, stopfte ihn in eine kleine Mulde im Felsen und drückte ihn fest. Aufräumen unter Wasser. Nika prustete vor Lachen, und Blasen stiegen aus ihrem Schnorchel.

Der Krake drehte den Kopf, als hätte er gehört, dass man über ihn lacht. Dann wurde er gepunktet. Wie ein wütender Keks.

Mara hielt schnell beide Hände hoch, entschuldigend. Der Krake wurde wieder braun. Er schwamm zur großen Blase und stupste sie an. Dann deutete er mit einem Arm nach hinten, tiefer in den Korridor.

Er wollte ihnen etwas zeigen.

Kapitel 4: Die Decke voller gefangener Sterne

Sie folgten dem Kraken. Der Korridor führte in eine Kammer. Dort war es heller, weil eine Öffnung im Fels oben Licht hineinfallen ließ. Das Licht tanzte in Streifen. Es sah aus wie ein Vorhang aus Sonne.

Und an der Decke der Kammer klebten Blasen. Hunderte. Sie waren wie ein umgedrehter Sternenhimmel. Jede Blase spiegelte das Licht. Manche hatten winzige Sandkörner darin. Manche schimmerten grünlich. Und zwischen ihnen: dünne, klebrige Fäden, als hätte jemand eine unsichtbare Netzhängematte gebaut.

Mara war überwältigt. Das war ihr Traum. Der Plafond. Die festhängenden Blasen. Alles war da.

Jule deutete auf den Boden: Dort lagen Reste vom Netz. Und alte Plastikstreifen. Und ein rostiger Haken, halb im Sand.

„Die Blasen hängen fest, weil das Zeug hier klebt“, sagte Jule später wahrscheinlich. Unter Wasser machte sie nur ein klares Zeichen: Ursache.

Nika zeigte auf einen Fisch mit einem Gesicht wie ein alter Opa. Er war grau, hatte dicke Lippen und wirkte beleidigt. Er glitt an ihnen vorbei, langsam, als würde er sagen: „Ihr seid spät.“

Mara musste wieder lachen. Aber dann sah sie etwas, das ihr Lachen stoppte.

In einer der großen Blasen steckte ein winziger Krebs. Nicht ganz drin, eher am Rand. Er hatte eine Schere eingeklemmt, als hätte er versucht, sich festzuhalten. Seine Beine zappelten, aber er kam nicht weg.

Mara spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Die Blasen waren schön. Aber sie konnten auch zur Falle werden.

Der Krake schwamm aufgeregt. Er wechselte die Farbe zu hellem Weiß und dann zu dunklem Rot. Er zeigte auf den Krebs und dann auf die Fäden. Seine Arme wirbelten wie Fragen.

Jule nickte. Sie griff nach ihrem Messerchen, aber Mara hielt sie auf. Nicht weil sie nicht helfen wollte. Sondern weil sie sah, wie dünn die Blase war. Ein falscher Schnitt, und sie platzt. Dann könnte der Krebs erschrecken oder verletzt werden.

Mara dachte. Blasen sind empfindlich. Aber Fäden kann man lösen. Vielleicht ohne Schneiden. Vielleicht mit Geduld.

Sie erinnerte sich an Seife zuhause. Ein Tropfen, und Blasen platzen. Das ging nicht. Sie erinnerte sich an Öl. Das ging auch nicht. Unter Wasser war alles anders. Also blieb nur: Mechanik. Vorsichtig ziehen. Druck verändern. Den Kleber filmweise lösen.

Mara zeigte auf den Faden, der den Krebs festhielt. Dann machte sie eine Drehbewegung mit dem Finger. Langsam. Wie eine Schraube.

Jule verstand. Sie holte aus ihrer Tasche einen kleinen Haken aus Kunststoff, eigentlich zum Aufheben von Müll. Damit konnte man etwas greifen, ohne es zu schneiden.

Nika positionierte sich neben Mara. Sie hielt die Leine, damit sie nicht abtrieben. „Du schaffst das“, murmelte sie in ihren Schnorchel. Es klang wie „Du schaffst blub“.

Mara setzte den Haken unter den Faden. Sie zog nicht. Sie hob ihn nur minimal an. Der Faden spannte sich. Die Blase wackelte. Der Krebs zappelte.

Mara stoppte. Sie wartete, bis der Krebs ruhiger wurde. Dann hob sie erneut, einen Millimeter. Jule hielt mit zwei Fingern den Faden am Fels fest, damit sich die Spannung veränderte. Nika legte ihre Hand flach gegen den Stein, um Stabilität zu geben.

Der Krake beobachtete sie, still, jetzt braun mit kleinen Punkten, wie konzentrierter Kakao.

Ein winziger Riss im Klebefilm löste sich. Der Faden gab nach. Der Krebs rutschte frei und schoss weg, schneller als gedacht, direkt in eine Spalte. Weg. Gerettet.

Die Blase blieb. Sie wobbelte nur und beruhigte sich wieder.

Nika machte ein triumphierendes Zeichen, das wie eine Krone aussah. Jule nickte ernst, aber ihre Augen lachten.

Mara schaute zur Decke. So viele Blasen. Nicht alle mussten weg. Aber die Fäden, die Fallen, die mussten verschwinden. Damit die Blasen nur noch Blasen waren. Und kein Gefängnis.

Kapitel 5: Mut ist langsam

Sie arbeiteten. Nicht hektisch. Nicht wie in einem Actionfilm. Eher wie in einer stillen Werkstatt. Schritt für Schritt.

Jule führte Buch in ihrem Kopf: Wo sind die gefährlichen Fäden? Welche Blasen sind groß und nahe an Tieren? Welche Stellen sind am schlimmsten verklebt?

Nika sammelte Müllstücke ein, die sie erreichen konnte. Eine Plastikschlaufe. Ein Stück Folie. Einen dünnen Draht. Sie stopfte alles in den Beutel am Gürtel und zog dabei Grimassen, als würde sie mit einem unsichtbaren Gegner ringen.

Mara blieb bei den Blasen. Sie suchte mit ihren Augen die unter dem Plafond feststeckenden. Sie beobachtete, wie sie sich verhielten. Manche lösten sich, wenn man den Klebefaden entfernte. Dann stiegen sie langsam auf, als würden sie sich strecken. Andere blieben trotzdem. Vielleicht, weil der Stein rau war. Oder weil die Blase alt war.

„Nicht jede Blase muss frei“, dachte Mara. „Aber keine darf jemanden festhalten.“

Der Krake half. Wirklich. Er brachte kleine Steinchen und drückte damit lose Fäden auf den Boden, damit sie nicht wieder nach oben trieben. Einmal zog er sogar ein Stück Netz aus einer Ritze, ganz vorsichtig, und reichte es Nika wie ein Geschenk. Nika wollte es fast annehmen wie eine Trophäe, erinnerte sich dann aber an Empathie, an Respekt, und nahm es langsam, mit einem Nicken.

In einer Ecke sahen sie eine Kreatur, die aussah wie ein Blatt mit Augen. Ein Seedrache? Vielleicht nur ein besonders gut getarnter Fisch. Er schwebte still und schaute zu. Seine Flossen wirkten wie zerrissene Fahnen. Mara fand ihn wunderschön. Jule wollte ihn zeichnen, aber sie hatten keine Zeit.

Dann wurde es schwieriger. In der Mitte der Kammer hing eine riesige Blase, so groß wie eine Melone, direkt unter einer flachen Steinplatte. Diese Blase war an mehreren Fäden befestigt. Und darunter saß der Krake, als würde er dort wohnen. Vielleicht war das seine Ecke. Sein Zuhause. Oder sein Versteck.

Mara verstand: Wenn sie einfach alles abräumten, könnte das für den Kraken auch gefährlich sein. Er hatte gelernt, sich zwischen diesen Fäden zu verstecken. Weg damit, und er wäre sichtbarer für Räuber.

Empathie heißt nicht nur: retten. Empathie heißt auch: fragen, was der andere braucht.

Mara schwamm näher zum Kraken. Sie zeigte auf die Blase. Dann zeigte sie auf ihn. Dann machte sie ein fragendes Zeichen mit den Händen.

Der Krake wechselte die Farbe. Erst dunkel. Dann hell. Dann ein Muster wie kleine Wellen. Er streckte zwei Arme aus. Er zeigte auf eine Seitenspalte, nicht weit weg. Dort war ein natürlicher Hohlraum mit glatten Steinen. Sicher. Und ohne Müll.

Er zeigte wieder auf die große Blase. Dann zog er einen Arm ein, als würde er sagen: „Die ist… schwierig.“

Jule verstand. Sie zeigte: Wir schaffen dir ein besseres Versteck.

Also räumten sie nicht alles weg. Sie entfernten die gefährlichen, losen Fäden. Aber sie ließen ein paar natürliche Algenbüschel stehen und schoben kleine Steine so, dass die Seitenspalte einen schmalen Eingang bekam. Ein Versteck, das nicht aus Müll bestand.

Der Krake probierte es aus. Er glitt hinein, wechselte die Farbe zu Stein-grau, und war fast unsichtbar. Nur seine Augen blieben wie zwei neugierige Tropfen.

Nika flüsterte, obwohl es nichts brachte: „Gern geschehen.“

Mara spürte eine warme Ruhe. Sie hatten geholfen, ohne alles zu zerstören. Sie hatten nicht nur aufgeräumt. Sie hatten verstanden.

Als sie zurück zur großen Blase schauten, war klar: Jetzt konnten sie die Fäden lösen, ohne dem Kraken sein Zuhause zu nehmen.

Mara setzte den Haken an. Jule hielt den Faden. Nika stabilisierte. Zentimeter für Zentimeter. Der Klebefilm löste sich. Die Blase zitterte, als würde sie sich sammeln.

Dann, ganz plötzlich, löste sie sich.

Sie stieg auf. Langsam. Majestätisch. Sie glitt an der Steindecke entlang, bis sie die Öffnung mit Licht fand. Dort wurde sie kleiner, schneller, und dann war sie weg, Richtung Oberfläche.

Mara sah ihr nach. Sie fühlte sich, als hätte sie jemandem beim Heimgehen zugesehen.

Kapitel 6: Die Spur im Sand und die Welle

Der Onkel hatte ihnen ein Zeichen gegeben: Zeit. Ihre Luft reichte noch, aber Regeln waren Regeln. Und außerdem waren sie müde, auf eine gute Art.

Sie schwammen zurück durch den Korridor. Der Fransenfisch-Pinselkopf begleitete sie ein Stück, als würde er kontrollieren, ob sie auch wirklich nichts liegen ließen. Der beleidigte Opa-Fisch tat so, als wäre er zufällig da.

Am Ausgang, wo das Licht wieder breiter wurde, drehte Mara sich noch einmal um. Durch die Steinkammer sah sie den Plafond, die Decke. Da waren weniger Fäden. Weniger Fallen. Immer noch Blasen. Aber sie wirkten jetzt wie Schmuck, nicht wie Ketten.

Der Krake lugte aus seiner Seitenspalte. Er war graubraun, ganz ruhig. Er hob einen Arm, nur kurz. Vielleicht war es ein Winken. Vielleicht auch nur ein Strecken. Mara winkte zurück.

Oben an der Oberfläche zog Mara die Maske hoch. Luft schmeckte plötzlich nach Salz und Sonne. Nika japste. „Ich habe einem Oktopus quasi die Hand geschüttelt! Also… den Arm. Oder den… ihr wisst schon.“

Jule lachte. „Er hat dir nicht die Hand geschüttelt. Er hat dir Müll gegeben. Das ist noch besser.“

Sie kletterten aufs Boot. Der Onkel sah den Beutel mit Müll und hob die Augenbrauen. „Da wart ihr fleißig.“

„Wir waren… empathisch“, sagte Mara und suchte nach dem richtigen Wort. „Wir haben nicht nur Blasen gesehen. Wir haben gesehen, wer darin hängenbleiben kann.“

Der Onkel nickte langsam, als würde er das speichern.

Auf dem Rückweg waren sie stiller. Müde. Glücklich. Das Meer war ruhig. Die Sonne sank ein bisschen tiefer.

Als sie wieder am Strand waren, zog Nika mit einem Stock eine Linie in den nassen Sand. „Das ist unsere Spur. Damit wir wissen, dass wir heute da waren.“

Mara kniete sich hin und zeichnete daneben kleine Kreise. Blasen. Viele. Unter einer Linie, die wie eine Decke war. Jule schrieb mit dem Finger: „Plafond-Blasen-Mission.“

„Klingt wie ein Geheimauftrag“, sagte Nika.

Eine kleine Welle kam. Sie rollte leise heran, wie ein Tier, das niemanden erschrecken will. Sie streifte zuerst die Kreise. Dann die Linie. Dann Jules Schrift.

Die Spur verwischte. Alles wurde glatt. Als hätte das Meer gesagt: Ich habe es gesehen. Und ich behalte es.

Mara schaute der Welle nach. Ein bisschen schade war es schon. Aber auch tröstlich. Denn das Wichtigste war nicht im Sand.

„Morgen sind die Blasen vielleicht wieder da“, sagte Jule.

„Dann schauen wir wieder hin“, sagte Mara.

Nika nickte. „Und diesmal bringt der Oktopus uns vielleicht ein richtiges Geschenk. Einen… Unterwasser-Keks.“

Mara lachte. Über ihnen färbte sich der Himmel rosa. Unter ihnen atmete das Meer weiter. Und irgendwo, unter einer Steindecke aus Stein, schimmerte ein kleiner Himmel aus Blasen — frei genug, um nur schön zu sein.

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Plafond
Ein Deckenteil über dir, hier die Stein-Decke unter Wasser.
Forschungsschiff
Ein Boot, das für Entdeckungen und wissenschaftliche Arbeit auf dem Meer dient.
Labyrinth
Ein Ort mit vielen Wegen und Bögen, schwer den richtigen Weg zu finden.
Korridor
Ein langer, schmaler Durchgang zwischen Steinen oder Räumen.
Klebefilm
Ein dünner, klebriger Film, der Dinge zusammenhält oder festkleben lässt.
Hohlraum
Ein leerer Raum oder Platz in einem Felsen oder einer Wand.
Empathie
Verstehen, wie sich andere fühlen, und danach freundlich handeln.
Majestätisch
Sehr beeindruckend und würdevoll, wie etwas Großes und schönes.
Plafond-Blasen-Mission.
Der Name der Aufgabe, Blasen unter der Stein-Decke sicher zu machen.
Netzhängematte
Ein Netz, das wie eine Hängematte gespannt ist und hängen bleibt.
Mulde
Eine kleine, runde Vertiefung im Stein oder Boden.
Verklebt
Wenn etwas mit Kleber oder Schmutz fest an etwas haftet.

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