Kapitel 1: Die Karte im Glas
Es war ein warmer Nachmittag, als Juna, Mira und Lenni am alten Bootssteg saßen. Das Wasser glitzerte wie zerbrochenes Glas. Möwen stritten sich um einen Fischkopf, als wäre es ein Schatz.
Juna hielt ein Einmachglas hoch. Darin steckte ein zusammengefaltetes Stück Papier.
„Sag bitte, das ist keine Mathearbeit“, stöhnte Lenni.
Mira lachte. „Wenn Mathe so nach Meer riecht, nehme ich es.“
Juna schraubte den Deckel auf. „Vorsichtig. Papier und Wasser sind keine Freunde.“
Die Karte war feucht, aber lesbar. Blaue Tinte, ein kleiner Kompass, und eine Zeichnung: ein Felsen unter Wasser, daneben ein Kreis mit einem Punkt. Darüber stand: „Muschel der stillen Strömung“.
„Klingt wie ein Computerspiel-Level“, sagte Lenni.
„Oder wie eine richtige Entdeckung“, erwiderte Mira. Sie hatte diese Art Blick, als könnte sie einen Geheimweg in einer Hecke sehen, wo andere nur Blätter sahen.
Juna strich die Karte glatt. „Da steht auch: ‚Meidet die grüne Spalte. Muräne.‘“
Bei dem Wort zog Juna die Schultern hoch. Sie mochte Tiere. Wirklich. Aber Muränen? Die wirkten wie schlechte Laune mit Zähnen.
„Also bleiben wir auf Abstand“, sagte sie schnell. „Ganz klar. Kein Heldinnen-Quatsch.“
Lenni grinste. „Wir sind doch eher kluge Heldinnen.“
„Kluge Heldinnen leben länger“, meinte Juna und steckte die Karte in eine wasserdichte Hülle.
Sie hatten Schnorchel, Flossen, Taucherbrillen. Und eine kleine Unterwasserlampe, die Mira mal zum Geburtstag bekommen hatte.
„Wir sagen deinen Eltern, wir sind bei mir und lernen“, schlug Lenni vor.
Juna hob eine Augenbraue. „Wir sagen: Wir gehen schwimmen. Wahrheit ist leichter zu merken.“
Mira nickte. „Und wir nehmen das Seil.“
Das Seil war Junas Idee. Ein dünnes, aber starkes Bootstau. Damit konnte man sich im Wasser orientieren, wenn die Sicht schlechter wurde.
„Plan: Wir bleiben zusammen“, sagte Juna. „Keiner spielt Solo.“
„Einverstanden“, sagte Mira.
Lenni machte einen Salut. „Team Seestern!“
Als die Sonne tiefer stand, glitten sie ins Wasser. Es war kühl und freundlich, wie eine Umarmung, die einen kurz erschrecken lässt und dann beruhigt.
Kapitel 2: Der Wald aus Algen
Unter der Oberfläche wurde die Welt leiser. Geräusche klangen gedämpft, als hätte jemand eine Decke darüber gelegt. Blasen stiegen auf wie kleine, silberne Münzen.
Sie schwammen an der Leine entlang, die Juna an einem Pfahl am Steg festgebunden hatte. Der Boden fiel langsam ab. Sand wurde zu Kies, Kies zu dunkleren Steinen. Algen wogten, lang und weich, wie grüne Haare in Zeitlupe.
„Das ist wie ein Wald“, murmelte Lenni durch den Schnorchel.
Mira zeigte nach unten. Eine Krabbe spazierte über einen Stein, als wäre sie die Chefin hier. Ihre Scheren sahen aus wie winzige Handschuhe.
Juna hob den Daumen. Alles okay.
Zwischen den Algen blitzten kleine Fische auf. Einer war gelb wie Zitroneneis. Ein anderer hatte Streifen wie ein Pyjama.
Mira schwamm näher, nicht zu schnell. „Schaut, wie die sich drehen! Als wären sie ein Schwarm-Gedanke.“
Juna hielt Abstand. Sie mochte es, erst zu beobachten. Das Meer war wunderschön, aber auch groß. Und groß bedeutete: Man musste klug sein.
Sie tippte auf die Karte, die in der Hülle an ihrem Handgelenk befestigt war. Der Felsen musste hinter dem Algenwald liegen, bei einer dunklen Kante.
Plötzlich zog eine Strömung an ihnen. Nicht stark, aber überraschend, wie eine Hand, die kurz am Ärmel zupft.
Lenni ruderte mit den Armen. „Äh… was war das?“
Juna legte die Hand auf das Seil. „Strömung. Bleib ruhig. Seil festhalten. Dann zieht sie dich nicht weg.“
Mira nickte und griff auch nach dem Seil. Gemeinsam glitten sie weiter.
Da tauchte etwas auf, das nicht nach Fisch aussah. Ein langes, dünnes Wesen, fast durchsichtig. Es schimmerte und faltete sich wie ein Stück Band.
Lenni machte große Augen. „Ist das… lebendig?“
Mira hielt die Lampe hin. Das Wesen rollte sich zusammen und trieb davon.
Juna atmete aus. „Quallenband? Keine Ahnung. Aber wir fassen nichts an.“
Sie lachten leise, obwohl es unter Wasser eher ein kicherndes Blubbern war. Das Meer antwortete mit Lichtflecken, die über ihre Hände tanzten.
Kapitel 3: Die grüne Spalte
Der Algenwald endete abrupt. Vor ihnen lag eine Felswand, grau und zerklüftet. Eine Spalte zog sich hindurch. Darin wuchs dichter, dunkelgrüner Bewuchs. Wie ein Vorhang.
Juna blieb sofort stehen und hob beide Hände: Stopp.
Mira schwamm heran und las auf der Karte. „Die grüne Spalte. Genau wie…“
Lenni schluckte. „Muräne.“
Juna zeigte nach links. Dort führte ein schmaler Weg an der Felswand entlang. Länger, aber heller.
Mira deutete auf den direkten Weg durch die Spalte. „Das wäre schneller.“
„Schneller ist nicht besser“, sagte Juna, und diesmal klang sie so entschieden, dass selbst die Fische kurz Respekt hatten. „Wir gehen außen rum. Muränen sind keine Haustiere. Und wir brauchen sie nicht zu stören.“
Lenni nickte heftig. „Ich will auch keine Zahnlücke, die mich anguckt.“
Mira lächelte. „Okay. Kluge Heldinnen.“
Sie schwammen am Rand entlang. Der Boden war hier steinig, und kleine Anemonen saßen darauf wie bunte Pompoms. Rot, orange, violett. Wenn ein Fisch zu nah kam, zuckten sie zusammen.
Juna war froh. Der Weg war länger, ja. Aber er fühlte sich sicherer an. Und es war nicht feige, vorsichtig zu sein. Es war wie beim Fahrradfahren: Helm aufsetzen war auch nicht feige.
Gerade als sie die Spalte hinter sich lassen wollten, sah Mira etwas in der Dunkelheit. Ein Schatten, der sich bewegte, langsam, wie ein Gedanke, der sich umdreht.
Mira blieb stehen und flüsterte, obwohl Flüstern unter Wasser eher ein Blasenkribbeln ist. „Da…“
Juna packte sanft Miras Arm. Nicht fest, nur als Erinnerung: Abstand.
Aus der Spalte glitt ein Kopf. Lang, mit einem Maul, das wie ein schiefes Grinsen aussah. Eine Muräne. Ihre Haut war gemustert wie Moos auf Stein.
Lenni zog die Beine an, als könnte sie sich kleiner machen.
Juna hob die Hand und zeigte: ruhig bleiben. Langsam zurück. Nicht fuchteln.
Die Muräne öffnete das Maul. Nicht, weil sie lachen wollte. Sondern weil Muränen so atmen. Es sah trotzdem gruselig aus.
Juna dachte: Du bist nur ein Tier. Du bist kein Monster. Du willst deine Ruhe. Wir auch.
Sie drifteten zurück, Millimeter für Millimeter, bis der Schatten wieder im Grün verschwand.
Mira atmete laut aus. „Okay. Außen rum war wirklich schlau.“
Lenni nickte. „Juna, du bist unser Sicherheits-GPS.“
Juna spürte, wie ihr Herz klopfte, aber sie lächelte. „Danke. Und jetzt weiter.“
Kapitel 4: Der Felsen mit dem Punkt
Hinter der Felswand wurde das Wasser klarer. Sonnenstrahlen fielen in schrägen Säulen hinab. Staub aus winzigen Partikeln schwebte darin wie goldener Schnee.
Dann sahen sie ihn: den Felsen. Er sah aus wie ein schlafender Wal, rund und gewaltig. Genau dort, wo die Karte den Punkt zeigte, wuchs eine kleine Koralle, hell wie Milch.
Mira klopfte begeistert gegen ihre eigene Flosse. „Das ist er!“
Lenni schwamm einmal im Kreis, als wäre sie ein Satellit. „Und wo ist die Muschel der stillen Strömung? Ich sehe nur Stein.“
Juna betrachtete die Oberfläche. „Suchen wir nach etwas Ungewöhnlichem. Ein Riss. Ein Loch. Ein Zeichen.“
Sie teilten sich nicht. Sie blieben dicht beieinander und umrundeten den Felsen langsam. Juna leuchtete mit der Lampe in Spalten. Mira prüfte die Karte. Lenni hielt das Seil locker in der Hand, damit sie immer wussten, wo „zurück“ war.
Dann entdeckte Lenni eine Reihe kleiner Löcher im Stein. Sie sahen aus wie Punkte einer Geheimschrift.
„Hier!“, sagte sie und zeigte.
Juna leuchtete hinein. Im Inneren glitzerte etwas.
Mira grinste. „Das ist nicht nur ein Loch. Das ist eine Art… Drehding.“
Tatsächlich: Ein Steinring ließ sich bewegen, wenn man ihn vorsichtig drehte. Algen machten es rutschig.
„Nicht mit Gewalt“, sagte Juna. „Vielleicht klemmt es nur, weil Sand drin ist.“
Mira nickte und holte aus ihrer Tasche eine kleine Bürste. Sie hatte sie fürs Schnorcheln dabei, um Maskenglas zu reinigen. Heute war sie ein Werkzeug.
„Du bist echt vorbereitet“, staunte Lenni.
Mira zuckte mit den Schultern. „Ich mag Pläne. Und falls keine Pläne: Bürsten.“
Gemeinsam bürsteten sie den Sand aus dem Ring. Juna hielt die Lampe, Lenni hielt Mira fest, damit sie nicht abrutschte.
Als der Ring frei war, drehte Mira ihn langsam. Es gab ein dumpfes Klicken.
Ein Teil des Felsens schob sich zur Seite. Nicht weit, aber genug, dass eine Öffnung entstand. Dahinter lag eine kleine Nische.
In der Nische schwebte—als wäre sie schwerelos—eine Muschel. Sie war groß, spiralig, und auf ihrer Oberfläche liefen feine Linien, die im Licht schimmerten. Daneben lag ein Steinplättchen mit einer Gravur: drei Punkte, wie drei Freundinnen nebeneinander.
Lenni machte ein leises „Wow“, das als Blasen aufstieg.
Juna dachte: So etwas findet man nicht jeden Tag. So etwas findet man, wenn man zusammenbleibt.
Mira griff nicht sofort zu. Sie wartete, bis Juna nickte. Dann nahm sie die Muschel behutsam, als wäre sie aus Zucker.
In dem Moment vibrierte das Wasser. Eine Strömung, stärker als vorher, zog um den Felsen herum.
Kapitel 5: Die tanzende Strömung
Die Strömung war nicht böse. Aber sie war bestimmt. Sie drückte an ihren Schultern, zog an den Flossen, als wollte sie sagen: Jetzt wird getanzt.
Lenni wurde zur Seite geschoben und prallte fast gegen den Felsen. Juna packte sie am Handgelenk und zog sie zurück.
„Alles gut?“, fragte Juna, so gut man das unter Wasser fragen konnte.
Lenni nickte, die Augen groß, aber klar.
Mira hielt die Muschel fest. „Vielleicht macht die Muschel das!“
Juna zeigte auf das Seil: festhalten. Dann deutete sie auf Mira: Muschel in die Tasche.
Mira schob die Muschel in ihre Netztasche, und sofort wurde die Strömung ein wenig ruhiger. Nicht weg, aber weniger wild. Als hätte das Meer kurz geprüft, ob sie respektvoll sind.
Sie wollten zurück. Doch als sie um den Felsen schwammen, merkten sie: Die Strömung hatte Sand aufgewirbelt. Die Sicht wurde milchig. Die vertrauten Formen verschwammen.
„Nicht panisch werden“, sagte Juna, obwohl ihre Stimme im Schnorchel nur ein gedämpftes Brummen war. Sie hielt das Seil hoch und zog daran. Es war da. Das war gut. Aber es fühlte sich anders an. Straffer. Als wäre es irgendwo hängen geblieben.
Lenni zog ebenfalls. Das Seil bewegte sich kaum.
Mira leuchtete in die trübe Wolke. „Es ist verklemmt.“
Juna dachte schnell. Wenn sie am Seil zerrten, könnten sie es beschädigen. Und ohne Seil wäre es schwieriger, den Weg zurück zu finden.
„Wir gehen zum Hakenpunkt“, sagte Juna. „Langsam. Als Team.“
Sie folgten dem Seil, Hand über Hand, bis sie einen Felszahn fanden, um den es sich geschlungen hatte. Dazwischen steckte ein Stück Treibholz, das wie eine Klammer wirkte.
Lenni zeigte auf das Holz und machte eine Grimasse. „Das Ding hasst uns.“
Mira schnaubte. „Dann verhandeln wir.“
Juna hielt die Lampe. Mira versuchte, das Holz herauszuziehen, aber es saß fest.
Lenni tauchte ein wenig tiefer und entdeckte, dass eine dünne Angelschnur das Holz zusätzlich festband.
„Aha!“, rief sie, und ihre Stimme klang wie ein Blubbern voller Triumph. Sie zog vorsichtig ein kleines Messer aus einem Sicherheitsset, das Juna eingepackt hatte. Damit schnitt sie die Schnur durch, ohne das Seil zu beschädigen.
„Gute Idee“, sagte Juna und hob den Daumen.
Lenni strahlte. „Ich kann auch nützlich sein, ohne zu schreien.“
Mira zog jetzt das Holz heraus. Das Seil sprang frei.
In der trüben Sicht tauchte plötzlich etwas Silbernes auf: ein Fischschwarm, der dicht an dicht schwamm. Er zog an ihnen vorbei, als wäre er ein Pfeil, der den Weg zeigen wollte.
Mira deutete ihm nach. „Vielleicht ist das unsere Richtung.“
Juna nickte. „Wir folgen dem Seil und bleiben ruhig. Schritt für Schritt.“
Sie schwammen weiter. Die Sicht wurde langsam wieder klar. Sonnenstrahlen fanden ihren Weg zurück, als hätte jemand ein Fenster geputzt.
Kapitel 6: Das helle Ufer
Als sie die flachere Zone erreichten, wurde das Wasser wärmer. Der Algenwald wirkte jetzt weniger wie ein Labyrinth und mehr wie ein Garten. Die Anemonen öffneten sich wieder, als hätten sie ein Nickerchen gemacht.
Sie kamen am Rand der grünen Spalte vorbei, diesmal mit großem Abstand. Juna warf nur einen kurzen Blick hinüber.
„Kein Wiedersehen nötig“, murmelte Lenni.
Mira nickte. „Respektvolle Distanz. So soll's sein.“
Am Steg tauchten sie auf. Die Luft roch nach Salz und Holz. Sie zogen die Masken hoch, und ihre Haare klebten ihnen im Gesicht.
Lenni prustete. „Ich sehe aus wie ein Seegras-Monster.“
„Ein freundliches“, sagte Mira und schob ihr eine Algensträhne von der Stirn.
Juna lachte. Das Lachen fühlte sich leicht an. Wie etwas, das man im Wasser findet und mit nach oben nimmt.
Sie setzten sich auf die warmen Bretter und tranken aus ihren Flaschen. Mira holte die Muschel vorsichtig aus der Tasche. In der Sonne war sie noch schöner. Die Linien auf der Oberfläche schimmerten, als würde sie leise erzählen.
„Was machen wir damit?“, fragte Lenni.
Juna überlegte. „Wir haben sie gefunden. Aber sie gehört nicht uns allein. Und sie ist nichts, womit man angeben sollte.“
Mira strich über die Muschel. „Vielleicht ist sie eine Erinnerung daran, wie wir zusammengearbeitet haben.“
Sie beschlossen, zu einem kleinen Felsvorsprung am Ufer zu gehen. Dort stand eine flache Steinplatte, auf die die Wellen manchmal spritzten, aber nie zu stark. Ein Ort, den jeder sehen konnte, der aufmerksam war.
Juna legte ein sauberes Tuch aus ihrer Tasche auf den Stein. „Damit sie nicht zerkratzt.“
Lenni pfiff leise. „Du planst echt alles.“
„Fast alles“, sagte Juna. „Muränen zum Beispiel plane ich weit weg.“
Mira setzte die Muschel behutsam auf das Tuch. Dann nahm Juna das Tuch weg, damit die Muschel direkt auf dem warmen Stein lag.
Sie saß dort ruhig. Wie ein kleines Versprechen.
Lenni setzte sich daneben. „Wenn jemand sie findet, denkt er vielleicht: Wow. Und dann passt er auf.“
Mira nickte. „Und vielleicht hilft er auch jemandem, der sein Seil verheddert hat.“
Juna sah aufs Meer hinaus. Es glitzerte freundlich, als wäre nichts passiert und als wäre doch alles passiert.
„Team Seestern?“, fragte Lenni.
„Team Seestern“, sagte Mira.
Juna legte ihre Hand auf die der anderen. „Team Seestern. Und immer zusammen.“