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Halloween-Geschichte 11/12 Jahre Lesen 21 min.

Der Aufkleber der Mut-Katze und das Mitternachtsbuch

An Halloween entdecken Mila, Juna und Leon, dass ein goldener Katzenaufkleber vom geheimnisvollen Mut-Buch abgefallen ist; sie folgen Hinweisen durch die Rallye, den Dachboden und eine kleine Katze mit Sternenhut, um ihn rechtzeitig zurückzubringen.

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Ein 12-jähriges Mädchen mit halblangem hellbraunem Haar und großen, entschlossenen Augen, konzentriert und leicht nervös, trägt ein etwas zu langes Hexenkostüm (schwarzes Kleid mit ausgefransten Saum, schiefer Zipfelhut) und klebt einen kleinen goldenen Aufkleber mit einer winzigen schwarzen Katze auf das Cover eines großen schwarzen Notizbuchs; neben ihr Juna, ebenfalls etwa 12, als Mumie verkleidet mit zerknitterten weißen Binden, lächelt und hält eine kleine LED-Lampe, und Leon, ca. 12, in dunkler Kleidung mit Vampircape, steht leicht zurückhaltend mit einer Rolle Klebeband, während eine echte schwarze Kätzchen mit glänzenden Augen und winzigem blauen Sternhütchen an den Beinen des Hauptmädchens reibt und das Buch zu betrachten scheint; Schauplatz ist ein warmer Festsaal mit einem Holztisch, orangefarbener Tischdecke, Papiergespenster-Girlanden, kleinen Dekokürbissen, gedämpfter Beleuchtung mit gelben LED-Punkten und einem Schild „Das Buch des Mutes“ auf dem Tisch; Szene ist intim, warm und leicht magisch im sanften Halloween-Stil mit warmen Farben (Orange, Schwarz, Gold) und einem klaren Comic-Stil mit überzeichneten freundlichen Gesichtsausdrücken. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Nacht, in der etwas Kleines wichtig wird

Mila war zwölf und konnte sehr gut leise sein, wenn es darauf ankam. Zum Beispiel jetzt, am Halloweenabend, als sie vor dem Gemeindehaus stand und auf ihre Freundin Juna wartete. Mila trug ein Hexenkleid, das ein bisschen zu lang war. Bei jedem Schritt schlurfte der Saum wie eine beleidigte Katze über den Boden.

„Du siehst aus, als würdest du gleich über deine eigenen Zaubersprüche stolpern“, kicherte Juna, als sie ankam. Juna war als Mumie verkleidet, aber die Toilettenpapier-Binden sahen eher aus wie schlecht gewickelte Pfannkuchen.

Mila grinste. „Und du siehst aus, als würdest du bei Regen… aufgehen.“

Drinnen im Gemeindehaus war es warm und roch nach Apfelpunsch und Kürbissuppe. Überall hingen Papierfledermäuse, und eine Girlande aus kleinen Geistern wackelte im Luftzug.

Frau Krämer, die Organisatorin, wedelte mit einem Klemmbrett. „Kinder, alle bitte zum Kostümwettbewerb! Und nicht an der Dekoration ziehen! Der Geist da drüben hat schon genug gelitten.“

Mila wollte gerade zu Juna sagen, dass sie dringend Punsch brauchte, da hörte sie ein leises „Plopp“.

Etwas glitzerte am Boden, direkt neben dem Tisch mit den Preisen: ein kleiner Aufkleber. Er war rund, goldfarben und zeigte eine winzige schwarze Katze mit einem Sternenhut. Neben dem Aufkleber klebte noch ein Fetzen Papier, als hätte er sich tapfer gewehrt, bevor er gefallen war.

Mila hob ihn auf. Er klebte an ihrem Finger wie ein hartnäckiger Kaugummi.

„Ein Sticker?“ Juna beugte sich vor. „Süß. Vielleicht ein Geheimcode. Oder er gehört zu einem verfluchten Heft.“

Mila schaute zum Preistisch. Dort lag ein schwarzes Notizbuch mit einem Schloss, das aussah wie ein kleines Maul. Daneben stand ein Schild: „Das Mut-Buch. Bitte nicht öffnen.“

„Das ist bestimmt davon abgefallen“, murmelte Mila.

In diesem Moment kam Frau Krämer näher, ihre Augen auf dem Klemmbrett, nicht auf Mila. „Wichtig: Dieses Buch bleibt zu. Es ist für später, für den Mitternachtsmoment. Sie sprach das Wort so, als wäre es ein besonderer Zauberspruch: Mit-ter-nachts-mo-ment.

Mila sah wieder auf den Aufkleber. Er fühlte sich plötzlich schwer an, als wäre er nicht nur ein Stückchen Papier, sondern eine Aufgabe.

„Ich kleb den wieder dran“, sagte Mila.

Juna zog eine Augenbraue hoch. „Mission: Sticker-Rettung. Klingt… gefährlich.“

„Ich bin Hexe. Ich kann gefährlich“, flüsterte Mila, und ihre Stimme zitterte dabei nur ganz wenig.

Kapitel 2: Ein Aufkleber verschwindet – und eine Spur beginnt

Mila schob sich vorsichtig zum Tisch mit dem Mut-Buch. Das Notizbuch war groß, schwarz und hatte Ecken wie ein besonders strenges Schulheft. Auf dem Einband sah man einen runden, helleren Fleck – genau die Stelle, wo der Aufkleber wohl gesessen hatte.

„Perfekt“, sagte Mila leise. Sie setzte den Sticker an.

Da passierte es.

Ein kalter Luftzug fuhr durch den Raum, als hätte jemand ein Fenster aufgerissen, und die Papierfledermäuse flatterten wie verrückt. Mila drückte den Aufkleber fest – doch der klebte nicht. Er glitt ab, drehte sich einmal in der Luft wie ein winziger Goldteller und landete… direkt in einer Schale mit Kürbiskernen.

Juna prustete. „Die Katze wollte wohl snacken.“

Mila fischte ihn heraus. Die Kerne hingen am Aufkleber wie kleine Zähne. „Igitt. Jetzt hält der nie.“

„Vielleicht braucht er ein Zauberwort“, flüsterte Juna und tat so, als würde sie eine unsichtbare Zauberformel in die Luft kritzeln.

Mila schnaubte, aber sie spürte ein Kribbeln. Sie war nicht abergläubisch. Also… nicht sehr. Trotzdem: Halloween machte selbst normale Dinge ein bisschen unnormal.

Sie wischte den Sticker am Ärmel ab und versuchte es erneut. Wieder rutschte er weg, als hätte das Buch eine unsichtbare Glitschschicht.

„Okay“, sagte Mila. „Plan B. Wir finden raus, warum der nicht klebt.“

Juna tippte sich ans Kinn. „Vielleicht ist das Buch… beleidigt. Du musst dich vorstellen.“

Mila beugte sich zum Einband, als würde sie einem scheuen Tier begegnen. „Hallo. Ich bin Mila. Ich will dich nicht öffnen. Nur… reparieren.“

Das Schloss „klackte“ leise, als würde es antworten. Mila erstarrte.

„Hast du das gehört?“, flüsterte sie.

„Klar“, sagte Juna. „Das Buch hat dir gerade zugestimmt. Oder es hat Hunger.“

Mila schluckte. Dann bemerkte sie etwas: Auf dem Tisch lag eine kleine Rolle durchsichtiger Klebestreifen, aber sie war fast leer. Nur ein winziges Stück hing noch dran wie ein letzter, müder Faden.

Frau Krämer rief von der Bühne: „In zehn Minuten startet die Kürbis-Rallye! Wer mitmacht, stellt sich hinten an!“

Die Kinder rannten los. Die Musik wurde lauter. Und in dem Durcheinander sah Mila, wie ein Junge mit Vampirumhang die fast leere Kleberolle nahm und in seine Tasche steckte, ohne hinzuschauen.

Mila sah Juna an. „Der hat unseren Kleber geklaut.“

Juna grinste breit. „Vampire stehlen Kleber. Logisch. Die können ja keine Spiegel putzen.“

Mila musste lachen, aber ihr Bauch blieb ernst. Ohne Kleber klebte der Aufkleber nie. Und irgendwie fühlte es sich an, als müsste er unbedingt zurück auf das Mut-Buch, bevor Mitternacht kam.

„Los“, sagte Mila. „Wir holen die Rolle. Und wenn wir dabei durch einen Gang voller Kürbisse müssen.“

„Wenn da Kürbisse sind, bin ich dabei“, sagte Juna.

Kapitel 3: Die Rallye im Flur der Schattenkürbisse

Die Kürbis-Rallye führte durch die Nebenflure des Gemeindehauses, wo die Lichter gedimmt waren und nur kleine LED-Teelichter auf dem Boden glommen. Sie sahen aus wie winzige Augen, die einem nachschauten.

Mila und Juna mischten sich unter die Teilnehmer. Vor ihnen lief der Vampirjunge, der Kleberrolle-Vampir. Sein Umhang wehte dramatisch, obwohl drinnen kein Wind war. Mila fand, dass er das wahrscheinlich selbst gemacht hatte – mit extra viel Schulterzucken.

„Wie heißt der?“, flüsterte Mila.

Juna zeigte auf eine Startnummer, die an seinem Umhang hing. „Da steht ‚Leon‘. Und darunter: ‚Bisschen gruselig, aber nett‘. Hä?“

Mila kicherte. „Das ist bestimmt sein Motto.“

Sie kamen an einer Ecke vorbei, wo ein Pappgespenst stand, das so schlecht gemalt war, dass es eher wie ein trauriges Taschentuch aussah. Daneben ein Schild: „Mut-Station: Greif in die Kiste!“

In der Kiste lagen… kalte Spaghetti. Natürlich. Mila wusste das. Trotzdem zuckte sie zurück, als ihre Finger die glitschigen „Würmer“ berührten.

„Mut“, murmelte sie und griff noch einmal rein, dieses Mal fester. „Das ist nur Pasta. Nudeln sind harmlos.“

Juna flüsterte: „Sag das mal meiner Mum, wenn sie die Nudeln anbrennen lässt.“

Mila musste wieder lachen, aber dann sah sie Leon, wie er vor einer anderen Station kurz stehen blieb. Auf einem Tisch lag ein kleiner schwarzer Filzstift, daneben ein Block mit Aufgaben. Leon stahl nicht den Stift – er schrieb nur schnell etwas auf ein Blatt, riss es ab und steckte es in die Tasche.

Mila blieb stehen. „Was war das?“

„Vielleicht schreibt er Liebesbriefe an… Klebeband“, sagte Juna.

Doch Mila spürte dieses Kribbeln wieder. Leon war nicht einfach nur ein Kleberdieb. Er tat etwas Heimliches. Und heimliche Dinge machten an Halloween automatisch ein bisschen geheimnisvoll.

Als die Rallye weiterging, fiel das Licht im Flur plötzlich aus. Nur für einen Herzschlag. Aber in dem Herzschlag hörte Mila ein leises Rascheln. Und als das Licht wieder an war, fehlte eine Papierfledermaus an der Wand – und hing nun an Leons Umhang.

Juna flüsterte: „Der sammelt Deko. Er ist ein Deko-Vampir!“

Mila kniff die Augen zusammen. „Oder… er sammelt Hinweise.“

Sie drängelte sich nach vorn, bis sie nur noch zwei Schritte hinter Leon war. Dann stolperte sie absichtlich – nicht zu doll, nur so, dass sie an seinem Umhang hängen blieb.

„Oh! Sorry!“, sagte Mila.

Leon drehte sich um. Seine Vampirzähne waren schief, als hätte er sie mit zu viel Kleber festgemacht. Er sah eher nervös als fies aus. „Äh… kein Problem.“

Mila zeigte auf seine Tasche. „Du hast da… was Glänzendes.“

Leon hielt die Tasche fest. „Was? Nein.“

Juna kam dazu, ihr Mumienpapier raschelte. „Wir brauchen nur kurz Klebeband. Für… ein medizinisches Notfall-Mumienproblem.“

Leon blinzelte. „Ihr wollt Klebeband?“

„Es ist wichtig“, sagte Mila. „Ein Aufkleber ist abgefallen. Vom Mut-Buch.“

Bei dem Wort „Mut-Buch“ wurde Leon plötzlich still. Er sah zur Seite, als würde er prüfen, ob jemand lauschte.

„Ich… wollte da auch was reparieren“, murmelte er. „Aber Frau Krämer sagt, niemand darf's anfassen.“

Mila verschränkte die Arme. „Und deshalb klaust du Klebeband?“

Leon wurde rot. „Ich wollte's zurückbringen! Später. Wirklich.“

Juna grinste. „Aha. Vampir-Ehrenwort?“

Leon seufzte. Dann zog er die Kleberolle aus der Tasche und hielt sie Mila hin. „Hier. Aber… ihr müsst mir helfen.“

Mila nahm die Rolle. Sie fühlte sich an wie ein Schlüssel. „Wobei?“

Leon zog das Blatt heraus, das er vorhin geschrieben hatte. Darauf stand in krakeliger Schrift: „Wenn der Sticker fehlt, bleibt das Schloss stumm.“

Mila starrte auf den Satz. „Woher weißt du das?“

Leon hob die Schultern. „Ich hab's gehört. Das Schloss hat… geklickt. Wie eine Sprache. Und ich hab… na ja… ich schreib gern Sachen auf, wenn ich Angst hab. Dann ist die Angst nicht mehr so groß.“

Mila nickte langsam. „Okay. Wir bringen den Sticker zurück. Zusammen.“

Kapitel 4: Die Treppe zum Dachboden und das sanfte Gruseln

Frau Krämer war vorne beschäftigt, die Jury für den Kostümwettbewerb zu sortieren. „Du bist ein Zombie, keine Zucchini! Stell dich richtig hin!“ rief sie. Niemand achtete auf Mila, Juna und Leon, als sie in einen Seitenflur schlüpften.

„Wohin?“, flüsterte Mila.

Leon zeigte auf eine schmale Tür mit einem Schild: „Nur Personal“. Darunter klebte ein kleiner, schief hingekritzelter Geist. „Da oben ist der Dachboden. Da lag das Mut-Buch früher. Jetzt steht es unten, aber… ich glaube, da oben gibt's was, das wir brauchen.“

Juna zog ihr Mumienband zurecht. „Auf Dachböden wohnen immer zwei Dinge: Staub und dramatische Geräusche.“

Mila drückte die Klinke. Die Tür quietschte, als würde sie sich beschweren. Dahinter führte eine knarrende Treppe nach oben. Das Licht war schwach, und die Stufen wirkten, als würden sie jede Minute überlegen, ob sie noch Treppen sein wollten.

„Mut“, sagte Mila leise zu sich selbst.

„Mut“, wiederholten Juna und Leon, als wäre es ein Teamruf.

Oben roch es nach alten Kartons und kaltem Holz. Zwischen Spinnweben hingen vergessene Girlanden. Ein Pappkürbis grinste so schief, als hätte er einen schlechten Witz gehört.

Leon leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe. „Hier.“

Auf einem alten Tisch lag ein Set Bastelzeug: Schere, Glitzer, Kleber. Richtiger Kleber. Nicht nur Klebestreifen. Daneben eine Dose mit Etikett: „Sticker-Fix“.

Juna flüsterte ehrfürchtig: „Das klingt wie Superkraft in einer Dose.“

Mila nahm die Dose und schraubte sie auf. Drinnen war ein durchsichtiger Kleber, der nach Minze roch. „Halloween-Kleber mit Atemfrische“, murmelte sie.

„Damit die Monster gut riechen“, sagte Juna.

Mila tauchte ein Wattestäbchen hinein. „Okay. Wir gehen zurück und kleben den Sticker fest. Und dann ist alles gut.“

In dem Moment knackte es in der Ecke. Mila fuhr herum.

Ein Karton wackelte. Dann noch einer. Als würde jemand dahinter sitzen und versuchen, nicht zu atmen.

Leon flüsterte: „Da ist was.“

Juna flüsterte zurück: „Vielleicht ist es nur… ein sehr schüchterner Staubhaufen.“

Mila schluckte. Sie ging langsam näher, jeder Schritt ein kleines Knarzen. Sie hielt das Wattestäbchen wie ein Mini-Schwert.

„Hallo?“, sagte Mila. „Wir wollen niemandem was tun.“

Der Karton ruckte. Dann sprang… eine schwarze Katze heraus. Sie war klein, hatte riesige Augen und trug – kein Witz – einen winzigen Sternenhut.

Mila erstarrte. „Das ist die Sticker-Katze.“

Die Katze miaute empört, als hätte sie das schon tausendmal erklären müssen. Sie schnupperte am Kleber, nieste und tat so, als wäre das der schlimmste Duft der Welt.

Juna beugte sich runter. „Du bist echt. Ich dachte, du bist nur… Druckfarbe.“

Die Katze streifte um Milas Beine und stieß mit der Pfote gegen etwas am Boden: einen zweiten, fast identischen Aufkleber. Nur dass dieser leicht eingerissen war.

Leon hob ihn auf. „Da ist noch einer.“

Mila sah zwischen den zwei Stickern hin und her. „Vielleicht… ist einer falsch.“

Die Katze miaute erneut, sprang auf den Tisch und tippte mit der Pfote auf den eingerissenen Sticker. Dann schaute sie Mila direkt an, als würde sie sagen: Nimm den.

Mila bekam Gänsehaut, aber eine warme, nicht die schlimme. „Okay“, flüsterte sie. „Wir nehmen den eingerissenen. Vertrauen wir… der Dachboden-Katze.“

Juna nickte ernst. „Wenn eine Katze mit Hut dir einen Auftrag gibt, diskutiert man nicht.“

Kapitel 5: Das Mut-Buch, das fast spricht

Sie schlichen zurück in den Festsaal. Die Musik war jetzt leiser, die Kinder saßen in Gruppen, und jemand erzählte eine Gruselgeschichte über eine Banane, die nachts vom Obstkorb sprang. Mila war sich nicht sicher, ob das gruselig sein sollte, aber alle kreischten trotzdem an den richtigen Stellen.

Das Mut-Buch lag noch immer auf dem Preistisch. Das Schloss wirkte… wach. Mila konnte es nicht anders beschreiben.

Mila setzte den eingerissenen Sticker an die helle Stelle auf dem Einband. Der Riss passte genau zu einer winzigen Kerbe im Leder, als wäre er dafür gemacht.

„Jetzt“, flüsterte Leon.

Mila strich mit dem Wattestäbchen den Minzkleber auf die Rückseite. Dann drückte sie den Sticker fest. Eine Sekunde lang tat sich nichts.

Dann machte das Schloss „klack“ – diesmal nicht zufällig, sondern wie ein kleines Wort.

Juna zog die Schultern hoch. „Es hat geredet! Was hat es gesagt?“

Mila hielt den Atem an. „Es klang wie… ‚Danke‘.“

Leon lächelte unsicher. „Vielleicht ist das Mut-Buch nicht böse. Nur… empfindlich.“

Mila nickte. „Ich glaub, es will nur vollständig sein.“

Sie wollten gerade aufatmen, da kam Frau Krämer um die Ecke. Mila stellte sich automatisch vor das Buch, als könnte sie es mit ihrem Körper verstecken.

Frau Krämer blieb stehen und musterte sie. „Was macht ihr hier so ernst? Ihr seht aus, als hättet ihr gerade einen Geist geschniegelt.“

Juna sagte sofort: „Wir haben… die Dekoration gerettet.“

Frau Krämer zog eine Augenbraue hoch. „Aha.“

Leon räusperte sich. „Ich… hab Klebeband genommen. Tut mir leid. Ich bring's zurück.“ Er hielt die Rolle hoch wie ein Beweisstück.

Frau Krämer seufzte, aber ihre Augen wurden weich. „Danke, dass du's sagst.“ Dann sah sie Mila an. „Und du?“

Mila schluckte. Ehrlich sein war manchmal mutiger als jede Spaghetti-Kiste. „Der Aufkleber vom Mut-Buch ist abgefallen. Ich hab ihn wieder festgemacht.“

Frau Krämer schaute zum Buch. Der Sticker glitzerte ruhig, als wäre er schon immer dort gewesen. „Gut gemacht“, sagte sie leise. „Das Mut-Buch ist für heute Nacht wichtig. Nicht, weil es magisch ist… sondern weil wir es so behandeln.“

Mila spürte, wie ihr Herz langsamer schlug. „Also… ist es doch nicht verflucht?“

Frau Krämer lächelte. „Nur vielleicht ein kleines bisschen. Aber auf die nette Art.“

Juna flüsterte: „Nett verflucht. Das klingt nach einer Mathearbeit mit Bonbons.“

Frau Krämer tat so, als hätte sie es nicht gehört, aber ihre Mundwinkel zuckten.

„In fünf Minuten ist der Mitternachtsmoment“, sagte sie. „Dann stellen wir das Buch in die Mitte. Jeder, der will, darf etwas Mutiges hineinschreiben. Ein Satz reicht.“

Mila sah Leon an. Er hielt sein Blatt fest, als wäre es ein Schutzschild.

„Du schreibst bestimmt rein“, sagte Mila.

Leon nickte. „Und du auch.“

Mila dachte an den Moment auf dem Dachboden, an die dunkle Ecke, an die Katze mit dem Sternenhut. Ihr Mut war nicht laut gewesen. Er war einfach… drangeblieben.

„Ja“, sagte Mila. „Ich auch.“

Kapitel 6: Der Mitternachtsmoment und das geschlossene Ende

Als die Uhr im Gemeindehaus auf zwölf sprang, wurden die Lichter etwas gedimmt. Alle Kinder rückten näher zusammen. Der Apfelpunsch dampfte noch, aber jetzt roch er irgendwie feierlicher.

Frau Krämer stellte das Mut-Buch in die Mitte, auf ein orangefarbenes Tuch. Das Schloss glänzte wie ein neugieriges Auge.

„Regel“, sagte Frau Krämer. „Wir öffnen es nur kurz. Jeder schreibt einen Satz. Nichts Gemeines, nichts Peinliches. Mut ist keine Show. Mut ist manchmal leise.“

Mila spürte, wie ihre Hexenmütze schief rutschte. Sie richtete sie. Leise Mut-Sachen konnte sie.

Frau Krämer öffnete das Schloss. Es machte kein Monster-Geräusch, sondern ein ganz normales „Klick“. Trotzdem ging ein Raunen durch die Runde. Die Seiten waren dick und cremefarben. Es sah aus wie ein Buch, das viele Geheimnisse freundlich aufbewahrte.

Leon ging zuerst. Er schrieb langsam, die Zunge zwischen den Zähnen. Dann klappte er das Buch wieder zu und reichte den Stift weiter.

Juna schrieb: „Ich traue mich, auch ohne Mumienpapier ich zu sein (aber nur montags).“ Sie grinste zufrieden.

Dann war Mila dran.

Sie nahm den Stift. Ihre Hand zitterte kurz, nicht vor Angst, eher vor Bedeutung. Sie dachte an den Sticker, wie er nicht kleben wollte. An Leon, der Klebeband klaute und trotzdem ehrlich sein konnte. An die Katze, die sie ohne Worte geführt hatte.

Sie schrieb: „Ich bleibe dran, auch wenn etwas Kleines immer wieder runterfällt.“

Als sie fertig war, klappte sie das Buch zu. Ganz vorsichtig, als würde sie ein schlafendes Tier zudecken. Dann schloss sie das Schloss.

Das Mut-Buch lag da, ruhig und vollständig, der goldene Sticker mit der schwarzen Katze glitzerte im warmen Licht. Mila hatte das Gefühl, die Katze auf dem Sticker zwinkere ihr zu. Vielleicht bildete sie es sich ein. Halloween erlaubte solche Dinge.

Frau Krämer nahm das Buch, hielt es kurz an sich und sagte: „Danke. Jetzt gehört euer Mut in euch – nicht in das Buch.“

Die Kinder lachten, redeten durcheinander, und draußen heulte irgendwo ein Wind, der eher nach Herbst als nach Gespenst klang.

Mila, Juna und Leon standen zusammen am Rand. Leon zeigte Mila das Blatt mit seinem Satz über das stumme Schloss und steckte es dann in die Tasche.

„Du warst mutig“, sagte Mila.

Leon zuckte mit den Schultern, aber seine Augen lächelten. „Du auch. Du hast wegen einem Sticker nicht aufgegeben.“

Juna nickte ernst. „Die Welt besteht aus großen Abenteuern. Und aus kleinen Klebe-Katastrophen.“

Mila lachte. „Und manchmal ist das Gleiche.“

Als sie später nach Hause ging, raschelten die Blätter auf dem Gehweg wie flüsternde Süßigkeitenpapierchen. Mila drehte sich ein letztes Mal um. Im Fenster des Gemeindehauses sah sie das Mut-Buch auf dem Tisch liegen, das Schloss fest geschlossen.

Und so blieb es: ein geschlossenes Buch, ein geretteter Sticker und ein Halloween, das sich anfühlte wie ein sanfter Schauer mit warmem Ende.

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Gemeindehaus
Ein großes Haus, wo Menschen aus dem Ort sich treffen und Feste feiern.
Kostümwettbewerb
Ein Spiel, bei dem Leute ihr bestes Verkleidungs-Outfit zeigen und Preise gewinnen.
Girlande
Eine lange Kette aus Papier oder Stoff, die man als Dekoration aufhängt.
Klemmbrett
Eine harte Unterlage mit einer Klammer, auf der man Papier festhält zum Schreiben.
Preistisch
Ein Tisch, auf dem Preise oder Geschenke bei einer Feier gezeigt werden.
Notizbuch
Ein kleines Buch, in dem man Gedanken, Ideen oder kurze Texte aufschreibt.
Mitternachtsmoment
Der besondere Augenblick genau um zwölf Uhr in der Nacht.
Klebestreifen
Dünnes Band mit klebender Seite, das Dinge kurz zusammenhält.
Dachboden
Der obere Raum im Haus unter dem Dach zum Aufbewahren alter Dinge.
Spinnweben
Feine Netze, die Spinnen bei sich bauen, oft in Ecken und an alten Sachen.

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