Kapitel 1: Die geheimnisvolle Einladung
Ida stand am Fenster und beobachtete, wie der Wind die goldgelben Blätter durch die Luft wirbelte. Ihr Herz klopfte ein wenig schneller als sonst, denn es war Halloween und sie hatte sich fest vorgenommen, in diesem Jahr die schönste Kürbislaterne der ganzen Nachbarschaft zu schnitzen.
Auf ihrem Schreibtisch lag ein großer, runder Kürbis, der freundlich und ein wenig schief zu ihr rüber grinste. Daneben lag ein Zettel mit verschnörkelter Schrift:
„Traust du dich, den geheimen Kürbis zu schnitzen? Komm in den Garten, wenn die Uhr neun schlägt! Deine Nachteulen-Freundin.“
Ida lächelte. Ihre beste Freundin Lilli konnte nie widerstehen, selbst an Halloween ein wenig Zauber und Rätsel zu verbreiten.
„Mal sehen, was Lilli sich dieses Jahr wieder ausgedacht hat!“, murmelte Ida und schlüpfte in ihr Katzenkostüm. Ihre Mutter hatte ihr mit dem Schminken geholfen. Schwarze Nase, Schnurrhaare und ein samtig glänzender Schwanz – sie sah ziemlich überzeugend aus.
Pünktlich um neun tapste sie mit ihrem Kürbis unter dem Arm und einer Taschenlampe im Mundwinkel in den Garten. Überall sah sie flackernde Lichter und gespannte Schatten.
— „Lilli, bist du da?“, flüsterte sie vorsichtig.
— „Miauu!“, kicherte es aus dem Gebüsch, und plötzlich sprang ein Hexenhut hervor.
„Buh!“, rief Lilli und beide Mädchen quietschten vor Lachen.
Kapitel 2: Das Kürbis-Komplott
Ida und Lilli setzten sich unter die große, knorrige Weide. Lillis Umhang raschelte, während sie eine Schachtel mit seltsamen Werkzeugen auspackte. Es war alles da: Löffel, kleine Messer, sogar ein winziges Sägeblatt.
„Dein Kürbis sieht irgendwie besonders aus“, meinte Lilli und stupste Idas Kürbis an. „Was hast du vor?“
„Ich will ein Gesicht schnitzen, das zugleich lustig und ein bisschen gruselig ist“, erklärte Ida stolz. „Aber ich weiß noch gar nicht, wie ich anfangen soll.“
„Wir machen das zusammen!“, schlug Lilli vor. Aber da knackte es plötzlich im Gebüsch. Die Mädchen hielten inne. Jemand – oder etwas – bewegte sich da draußen!
„Wahrscheinlich nur der Wind“, flüsterte Ida und versuchte tapfer zu grinsen. Dennoch war es ein wenig unheimlich.
Plötzlich kam Moritz, Idas kleiner Bruder, mit einer Bettdecke über dem Kopf und einem Taschenlampenkegel unter dem Kinn hervorgeschlichen.
„Ich bin der Geist aus der alten Gartenlaube!“, jaulte er.
— „Moritz!“, rief Ida und warf ihm ein Kürbiskernkissen zu, das sie gerade ausgehöhlt hatte.
Alle lachten, und der Grusel war für einen Moment vergessen.
Kapitel 3: Das verschwundene Lächeln
Sie fingen an, aus dem Kürbis das Fruchtfleisch herauszulöffeln. Überall klebte orangefarbene Matsche an ihren Händen und Klamotten. Es roch nach frischer Erde und süßer Frucht.
Plötzlich hörte Ida Lilli kichern. „Guck mal! Dein Kürbis hat ein Gesicht! Aber… wo ist das Lächeln?“
Mitten im Kürbis klafften bereits zwei runde Augen und eine knollige Nase, doch das Lächeln fehlte.
„Warte, ich hole die große Kürbissäge“, schlug Ida vor und ging zum Gartentisch. Doch als sie zurückkam, lag statt der Säge nur ein Zettel:
„Wer das Lachen sucht, muss drei Dinge wagen:
1. Dem Schatten der Katze folgen.
2. Dem Kichern der Nacht lauschen.
3. Das Rätsel der Geister lösen.“
Lillis Augen wurden groß. „Jetzt wird's aber spannend!“
Ida schloss fest die Faust um ihre Taschenlampe. „Na dann – los! Wir sind doch mutig!“
Kapitel 4: Die Spur der Katze
Die beiden Freundinnen folgten der ersten Aufgabe: „Dem Schatten der Katze folgen.“ Lilli deutete lachend auf Idas Katzenschwanz.
„Du bist doch schon eine Katze, Ida!“ grinste sie.
Gemeinsam krochen sie auf allen Vieren durchs Gras, immer den langen Schatten des Gartenlichts im Blick. Hinter dem Schuppen entdeckten sie orangefarbene Pfotenabdrücke.
Moritz tauchte keuchend wieder auf. „Ich hab' die Abdrücke gemacht – mit Kürbispüree!“, prustete er.
Ida schob ihn zur Seite. „Dann hast du bestimmt auch das Lächeln versteckt!“
Moritz schüttelte den Kopf. „Ganz ehrlich, das war ich nicht! Aber auf dem Hügel da oben hat eben was gefunkelt!“
Fröhlich, aber aufgeregt, schlichen sie zum kleinen Hügel hinter dem Haus – vorsichtig, damit kein Skelett aus dem Komposthaufen springt.
Kapitel 5: Das Kichern der Nacht
Die Nacht war still, nur das Kichern der beiden Mädchen unterbrach die Stille. Plötzlich hörten sie ein leises, glucksenden Lachen, das nicht von ihnen stammte.
„Das ist nicht Moritz, oder?“, flüsterte Lilli.
Ida schüttelte den Kopf. „Moritz lacht niemals so… geheimnisvoll.“
Sie schlichen näher und entdeckten eine kleine Laterne, die in einem Baum hing. Daneben saßen zwei Nachtschmetterlinge, die sich um das Licht tanzten und dabei surrende, fast kichernde Geräusche machten.
„Vielleicht ist das das Kichern der Nacht!“, flüsterte Ida.
Plötzlich fiel ein winziger Zettel aus der Laterne:
„Mutig, wer die Nacht belauscht – zwei Schritte vor, einer zurück, niemals allein!“
Ida und Lilli fassten sich an den Händen, umarmten Moritz und gingen langsam, Schritt für Schritt, zum alten Baumhaus.
Kapitel 6: Das Rätsel der Geister
Vor dem Baumhaus sahen sie eine Girlande aus alten Socken – jede mit einem Geistergesicht bemalt. Eine davon bewegte sich plötzlich ganz leicht.
Ida nahm all ihren Mut zusammen und griff nach der schwebenden Socke. Drinnen war ein kleiner Zettel:
„Wenn du den Mut hast, zu lachen und zu erschrecken, dann findest du das Lächeln, das du versteckst.“
Lilli grinste. „Wir müssen uns selbst erschrecken?“
„Oder zumindest laut lachen!“, ergänzte Moritz.
Alle drei machten die schaurigsten und lustigsten Grimassen, alberten herum, bis sie lachend und keuchend am Boden lagen. Da glitzerte unter dem Holz des Baumhauses plötzlich ein silbernes Messer – die Kürbissäge! Und ein weiteres Blatt Papier:
„Das Lächeln ist, was ihr daraus macht – habt ihr keine Angst, wird es immer ein bisschen gruselig und ein bisschen fröhlich sein.“
Ida hielt einen Moment inne, dann nickte sie Lilli zu.
Kapitel 7: Das große Lächeln
Zurück am Kürbis, schnitzten Ida und Lilli vorsichtig ein breites, mutiges Lächeln in die Frucht. Die Kerzenflamme, die sie hineinstellten, warf warme Schatten auf ihre Gesichter.
Moritz warf eine Handvoll Kürbiskerne in die Luft. „Jetzt sieht er richtig cool aus! Wie ein mutiger Nachtwächter!“
Ida betrachtete stolz ihr Werk. Der Kürbis grinste sie freundlich an – ein bisschen schief, ziemlich verrückt, aber voller Leben.
„Weißt du, Lilli,“ sagte sie, „manchmal muss man sich eben trauen, auch nachts durch den Garten zu laufen, um das beste Lächeln zu finden.“
Lilli nickte und lehnte sich an Ida. „Und mit Freunden ist selbst das gruseligste Abenteuer nicht so schlimm.“
Ein paar Nachbarn kamen vorbei, staunten über die Laterne und lachten mit. Die Angst war wie weggeblasen, und Ida fühlte sich plötzlich ein bisschen größer, ein bisschen mutiger.
Kapitel 8: Geheimnisvolle Beutel und ein warmes Ende
Als die Mädchen nach drinnen gingen, wartete auf dem Küchentisch eine Überraschung: Drei kleine, verschlossene Beutel – jeder mit einem bunten Band.
„Was ist das?“, fragte Ida neugierig.
Ihre Mutter lächelte: „Halloween-Sammlerbeutel! Für jede mutige Tat heute Nacht gibt es ein kleines Geschenk.“
Sie öffneten die Beutel. Darin waren: eine kleine Taschenlampe, ein lustiger Kürbisanhänger und eine Mini-Schokoladenkatze.
Lilli rief: „Das ist das beste Halloween aller Zeiten!“
Moritz zeigte stolz seine Taschenlampe. „Jetzt kann mich kein Gartenmonster mehr erschrecken!“
Ida schob ihren Beutel zu – fest, aber mit einem zufriedenen Lächeln. Draußen brannte die Kürbislaterne noch eine ganze Weile und leuchtete weit in die dunkle Nacht hinaus.
Und Ida wusste: Mit Mut, ein bisschen Fantasie und den besten Freunden ist selbst das gruseligste Halloween-Abenteuer ein warmes, fröhliches Fest.