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Pirategeschichte 11/12 Jahre Lesen 32 min.

Mira Falk und die Charta der gerechten Beute

Die junge Kapitänin Mira Falk führt ihre bunte Crew durch Nebel, Fallen und gefährliche Begegnungen, um gestohlene Löhne aufzuspüren und Gerechtigkeit für betrogene Matrosen zu fordern.

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Mira, eine etwa 20–25-jährige Kapitänin mit entschlossenem Gesicht und klarem Blick, hält ein altes Lederheft und einen kleinen versiegelten Beutel mit Goldmünzen, steht stolz und ruhig in der Mitte des nassen Holzdecks, brauner Wollmantel im Wind, dunkle Haare unter einem Tuch; Jaro, etwa 35, wettergegerbtes Gesicht, fester Griff am Steuerrad, steht achtern bei der Pinne, konzentriert auf den Horizont; Lio, etwa 14, kurzhaarig und schelmisch, auf dem Mast, zeigt zum Meer und lächelt nervös; Kroll, etwa 40–45, breitschultrig mit schwieligen Händen, nahe der Reling, bereit zu schützen, Blick halb streng, halb gelassen. Im Hintergrund die „Grinsende Möwe“ von Kapitän Rauk, schwarze Rumpf auf Sandbank gestrandet, als Silhouette mit wehender schwarzer Flagge. Deck nass, dicke Taue und sichtbare Knoten, geöffnete Truhen, eine Metalllaterne wirft bernsteinfarbenes Licht. Das Meer ist aufgewühlt, aber klar, Sandbänke und weiße Gischt sichtbar, nebliger Himmel mit schwachen Lichtstrahlen. Angespannte, gerechte Konfrontationsstimmung: die Kapitänin zeigt Beweise und versammelt die Crew, um den Seeleuten das Gold zurückzugeben; kontrastreiche Beleuchtung, tiefe Meeresfarben, scharfe Holz- und Metalltexturen, lesbare, heroische Gesichtsausdrücke. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Tinte auf der Charta

Der Morgen roch nach Salz und Teer, nach nassen Seilen und frischem Brot. Über dem Meer lag ein heller Dunst, als hätte jemand Milch in den Himmel gerührt. Auf dem Achterdeck der „Sturmschwalbe“ stand Mira Falk, die jüngste Kapitänin weit und breit – und die unbequemste, wenn man es mit unfairen Leuten zu tun hatte.

Sie hatte die Ärmel hochgekrempelt, ein Tuch hielt ihr dunkles Haar zusammen, und in der Hand hielt sie ein Stück Pergament, das mehr Ärger machte als eine Kanone: die Teilungs-Charta der „Sturmschwalbe“.

„Jeder bekommt seinen Anteil“, las Mira laut. „Gleicher Anteil für gleiche Arbeit. Extra für Verletzte. Und niemand schnappt sich heimlich mehr, sonst schrubbt er das Deck mit einer Zahnbürste.“

Neben ihr lehnte Jaro, der Steuermann, an der Reling. Er grinste. „Mit einer Zahnbürste? Wir haben nicht mal Zahnbürsten.“

„Dann schnitzt du ihm eine“, sagte Mira trocken.

Die Crew lachte, sogar der mürrische Koch Bente, dessen Bart immer nach Zwiebeln roch. Nur einer lachte nicht: Kroll, ein breitschultriger Segelmacher mit Armen wie Ankerketten. Er stand zu nah am Beutefass und zu weit weg von guter Laune.

„Charta hin oder her“, knurrte er, „wir riskieren unsere Hälse. Wenn ich zuerst am Fass bin, greif ich zu.“

Mira rollte das Pergament langsam zusammen. Ihre Augen waren ruhig, aber darin blitzte etwas wie kaltes, klares Wasser. „Wir riskieren unsere Hälse gemeinsam. Genau deshalb gibt's Regeln. Ohne Regeln werden wir zu den Piraten, vor denen Kinder sich verstecken.“

„Wir sind Piraten“, murmelte Kroll.

„Wir sind Piraten mit Rückgrat.“ Mira klopfte mit dem Pergament auf die Reling. „Und jetzt: Segel setzen. Jaro, Kurs auf die Nebelbank. Dort wartet unser Auftrag.“

„Ein Auftrag?“ rief die flinke Lio, die als Ausguck auf den Mast kletterte, bevor jemand „Halt“ sagen konnte. „Von wem denn?“

Mira deutete auf eine kleine, schwere Kiste, die an einem Tau befestigt war. Ein Siegel aus rotem Wachs klebte darauf, darauf ein Zeichen: eine Waage.

„Von der Hafenrichterin von Westkliff“, sagte Mira. „Jemand hat eine Händlerflotte ausgeraubt und den Anteil der Matrosen unterschlagen. Die Richterin will, dass das gestohlene Geld zu denen zurückkommt, denen es gehört.“

Bente spuckte in die Hände und rieb sie. „Also jagen wir Diebe, die Diebe spielen.“

„Genau“, sagte Mira. „Und ich verspreche euch: Wenn wir das schaffen, gibt's nicht nur Gold. Es gibt Respekt. Und vielleicht endlich Ruhe vor den Geschichten, wir wären nur Räuber.“

Kroll schnaubte, doch er wandte den Blick ab.

Lio rief von oben: „Segel bereit! Und… da draußen—“ Ihre Stimme wurde höher. „Ein Schiff im Dunst! Schwarze Flagge!“

Mira spürte, wie die Luft sich verdichtete. Abenteuer roch manchmal nach Freiheit. Manchmal nach Ärger. Oft nach beidem.

„Alle auf Position“, sagte sie leise. „Und denkt an die Charta. Heute zählt, wer wir sind.“

Kapitel 2: Der Nebel frisst Geräusche

Je näher die „Sturmschwalbe“ der Nebelbank kam, desto stiller wurde die Welt. Das Meer war glatt wie ein dunkler Spiegel. Der Nebel schluckte Rufe, schluckte Möwenschreie, sogar das Knarren des Holzes klang gedämpft, als trüge das Schiff Filzpantoffeln.

Lio kletterte wieder herunter und rieb sich die Arme. „Ich mag Nebel nicht. Der guckt einen so an, obwohl er keine Augen hat.“

„Dann guck du zurück“, meinte Jaro und tippte an seinen Hut. „Und zwinker ihm zu. Das verwirrt ihn.“

„Sehr witzig“, sagte Lio, aber sie grinste.

Mira stand am Bug. Das Wasser tropfte an den Planken entlang, als hätte das Schiff selbst Angstschweiß. Irgendwo vorne im Weiß flackerte ein Schatten auf—ein Mast, dann zwei.

„Das ist nicht irgendein Schiff“, murmelte Bente. „Das ist die ‚Grinsende Möwe‘.“

„Kennst du die?“ fragte Mira.

Bente zog eine Grimasse, die bei ihm ein Lächeln sein sollte. „Nur aus Geschichten. Kapitän Rauk. Der Mann teilt Beute wie eine Katze Milch: Er leckt alles selbst aus.“

Jaro pfiff leise. „Dann ist er genau der Richtige für unseren Auftrag.“

Mira hob die Hand. „Keine Kanonen, solange wir nicht müssen. Ich will reden. Und beobachten.“

„Reden?“ Kroll trat näher. „Mit Rauk? Der redet mit Klingen.“

„Dann rede ich klüger“, sagte Mira.

Plötzlich schoss ein kleines Boot aus dem Nebel, so dicht, dass es wirkte, als sei es aus dem Weiß herausgeschnitten worden. Zwei Männer ruderten, ein dritter stand vorn mit einer Armbrust. Er trug ein Halstuch in der Farbe von altem Blut.

„He!“, rief er. „Haltet an und zahlt Nebelzoll!“

Lio starrte ihn an. „Nebelzoll? Für… Luft?“

„Für sicheren Weg“, knurrte der Mann.

Jaro beugte sich zu Mira. „Sicherer Weg in den Nebel. Das ist wie ein Regenschirm aus Wasser.“

Mira trat an die Reling. „Wer verlangt das?“

„Kapitän Rauk“, sagte der Mann und schwenkte die Armbrust. „Ein Drittel eures letzten Fangs.“

„Das ist… viel“, sagte Mira und tat so, als müsse sie nachdenken. In Wahrheit rechnete sie: Wenn Rauk ein Drittel forderte, nahm er wahrscheinlich drei Drittel von anderen.

Sie lächelte freundlich. „Ein Drittel? Das klingt nach einer Teilung. Wir lieben Teilungen. Allerdings nach Charta.“

Der Mann blinzelte. „Was?“

Mira griff nach dem Pergament, hielt es hoch wie eine Flagge. „Wir zahlen den Matrosen-Zoll: einen Apfel für jeden Ruderer, damit eure Arme nicht schlappmachen. Und ein Stück Brot, damit ihr besser nachdenkt.“

Bente schnappte sich zwei Äpfel und ein Brotstück und legte sie demonstrativ an die Reling. Lio kicherte, verschluckte sich aber fast, als der Armbrustmann die Zähne zeigte.

„Spottet ihr?“ zischte er.

„Nein“, sagte Mira ruhig. „Ich teile gerecht. Und ich lasse mich nicht erpressen.“

Der Mann hob die Armbrust. In diesem Moment schob sich aus dem Nebel ein zweites Boot—und ein drittes. Sie kamen wie Haie ohne Flosse, nur mit Ruderblättern.

„Jetzt wird's eng“, murmelte Jaro.

Mira spürte, wie ihr Herz schneller schlug, aber ihre Stimme blieb fest. „Lio, mach dich bereit, das Großsegel zu wenden. Jaro, halte den Kurs. Bente—“

„Ja?“ knurrte Bente.

„Wenn ich ‚Eisfisch‘ sage, schickst du den Eimer.“

Bente hob eine Augenbraue. „Den Eimer mit…?“

Mira zwinkerte. „Dem, was du für Ratten unter Deck aufbewahrst.“

Bente grinste breit. „Endlich Kultur.“

Als die Boote näher kamen, rief Mira: „Letzte Warnung. Wir sind nicht euer Fang.“

Der Armbrustmann spannte. Kroll knurrte und griff nach einem Beil.

Und dann sagte Mira laut und deutlich: „Eisfisch!“

Bente kippte den Eimer über die Reling. Eine wolkige, graugrüne Brühe platschte ins erste Boot. Es stank nach verdorbenem Fisch und altem Kohl. Die Männer husteten, einer ruderte plötzlich in die falsche Richtung.

„Widerlich!“ brüllte der Armbrustmann.

„Das ist nur der Geruch von Ungerechtigkeit“, rief Lio und zog am Tau.

Die „Sturmschwalbe“ machte einen scharfen Schwenk. Der Nebel schluckte das Fluchen, aber nicht das Chaos. Mira hielt sich fest, spürte das Schiff unter den Füßen wie ein lebendiges Tier.

„Durch die Lücke!“ rief Jaro.

Sie glitten zwischen zwei Booten hindurch. Ein Bolzen schwirrte knapp vorbei und steckte zitternd in der Reling.

Mira atmete einmal tief ein. „Rauk weiß jetzt, dass wir hier sind.“

„Gut“, sagte sie leise. „Dann weiß er auch, dass ich ihn finden werde.“

Kapitel 3: Die Insel, die nicht auf Karten steht

Der Nebel wurde dünner, als hätten sie ein Vorhangseil durchtrennt. Plötzlich lag vor ihnen eine Insel—nicht groß, aber mit steilen Felsen, die wie schwarze Zähne aus dem Wasser ragten. Auf keiner Karte, die Mira kannte, war sie eingezeichnet.

„Das ist…“, begann Jaro.

„Eine Überraschung“, sagte Mira. „Und vermutlich kein freundlicher Ort.“

Sie ankerten in einer kleinen Bucht. Der Sand war dunkel und glitzerte, als wären winzige Glasscherben darin. In den Felsen saßen Löcher wie Augenhöhlen. Aus einem davon tropfte Wasser in gleichmäßigem Takt—plopp… plopp… plopp—wie eine Uhr, die niemand gestellt hatte.

„Die ‚Grinsende Möwe‘ muss irgendwo hier sein“, sagte Mira und zog ihren Degen zurecht. „Wir gehen zu viert. Ich, Jaro, Lio und…“ Sie sah zu Kroll.

Kroll hob das Kinn. „Ich geh.“

Bente verschränkte die Arme. „Und ich? Ich bin doch auch hübsch.“

„Du bewachst das Schiff“, sagte Mira. „Und du bist nur hübsch, wenn du schweigst.“

„Dann bin ich heute ein Hafenkran“, brummte Bente.

Sie stiegen ins Beiboot. Das Wasser war so klar, dass man die Steine am Grund sehen konnte, aber es wirkte trotzdem kalt. Als sie ans Ufer kamen, hörten sie ein Kratzen, als würde jemand hinter den Felsen Nägel über Stein ziehen.

Lio blieb stehen. „Hört ihr das?“

Jaro nickte. „Klingt wie… eine Tür, die nicht geölt wurde.“

Mira zeigte nach oben. Ein schmaler Pfad führte zwischen Felsen hindurch, verschwand in einem Spalt. „Da.“

Sie gingen langsam, jeder Schritt bedacht. Der Spalt führte in eine Art Schlucht, in der der Wind feststeckte und kreischte, als wolle er raus. Dann sahen sie es: eine hölzerne Tür in der Felswand, halb verrottet, mit einem Eisenring.

„Ein Versteck“, flüsterte Lio.

Kroll trat vor und zog am Ring. Die Tür gab nach mit einem Jammern. Dahinter: Dunkelheit und der Geruch von feuchter Erde.

Mira zündete eine kleine Laterne an. Das Licht wackelte und warf Schatten, die aussahen wie bewegte Arme. Sie gingen hinein, die Schritte hallten.

Der Gang führte zu einer Höhle. In der Mitte stand ein Tisch, darauf Karten, ein Kompass, und—Mira hielt den Atem an—ein großer Beutel mit dem Siegel der Händlerflotte von Westkliff.

„Da ist es“, sagte Jaro.

Lio beugte sich vor. „Einfach so? Das ist zu leicht.“

„Genau“, sagte Mira. Sie ging nicht zum Beutel. Sie betrachtete den Boden.

Eine dünne Schnur, kaum sichtbar, spannte sich knapp über dem Stein. Mira kniete, hielt die Laterne tiefer. Die Schnur führte zu einem Holzpfosten, an dem eine schwere Kiste hing.

„Falle“, murmelte sie.

Kroll knurrte. „Dann schneid sie durch.“

„Und dann?“ fragte Mira. „Dann fällt die Kiste. Vielleicht voller Steine. Vielleicht voller Nägel. Vielleicht voller…“

„Ratten“, ergänzte Lio und schüttelte sich.

Mira lächelte kurz. „Wir gehen schlauer vor.“

Sie nahm eine Münze aus der Tasche, rollte sie langsam über den Boden. Die Münze berührte die Schnur. Sofort ruckte die Kiste hoch—nicht runter. Ein Gegengewicht! Aus der Decke schoss ein Brett hervor, auf dem spitze Muscheln befestigt waren. Es schrammte durch die Luft genau dort, wo ein Kopf gewesen wäre.

Jaro pfiff. „Rauk hat Humor. Schlecht, aber… kreativ.“

Mira stand auf. „Er will, dass wir uns beeilen und unvorsichtig sind. Also machen wir das Gegenteil.“

Sie sah sich um. An der Wand hing ein Netz, scheinbar vergessen. Mira zog daran. Es löste sich—und hinter dem Netz war eine zweite Nische, in der weitere Beutel lagen. Kleinere. Und dazwischen: ein Buch, dick, mit einer Lederschnalle.

Lio blinzelte. „Ein Tagebuch?“

Mira öffnete es vorsichtig. Seiten voller Zahlen, Namen, Abzüge. Sie las. Ihr Magen zog sich zusammen.

„Das ist eine Liste“, sagte sie leise. „Matrosenlöhne. Rauk hat nicht nur Gold geklaut. Er hat es aufgeteilt—für sich und seine Offiziere. Den Rest hat er ‚Verlust durch Sturm‘ genannt.“

Kroll starrte auf die Seiten. „Diese Namen…“

„Sind echte Leute“, sagte Mira. „Und sie haben gearbeitet. Manche sind verletzt worden. Hier steht: ‚Bram, gebrochenes Bein—Anteil halbiert‘.“

Jaro ballte die Faust. „Das ist nicht nur Diebstahl. Das ist… gemein.“

Mira klappte das Buch zu. „Wir nehmen die Beutel und das Buch. Aber ohne die Falle auszulösen.“

„Wie?“ fragte Lio.

Mira blickte auf die Kiste an der Schnur. Dann auf Kroll. „Du bist stark. Kannst du die Kiste halten, ohne dass sie ruckt?“

Krolls Mundwinkel zuckten. „Kann ich.“

„Dann hör mir genau zu“, sagte Mira. „Wir machen das zusammen. Und wir machen es sauber. Nach Charta.“

Sie legten Seile, verteilten Gewicht, arbeiteten wie ein Uhrwerk. Kroll hielt die Kiste mit beiden Händen, Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Lio schob die Beutel Stück für Stück aus der Nische, Jaro fing sie auf. Mira führte, zählte, kontrollierte.

Als der letzte Beutel sicher war, ließ Kroll die Kiste langsam zurück.

Ein leises Klicken. Nichts schoss. Keine Muscheln. Keine Ratten. Nur Stille.

Lio atmete aus. „Ich glaube, ich hab gerade drei Jahre meines Lebens festgehalten.“

„Dann gib sie zurück“, sagte Jaro. „Wir brauchen dich jung.“

Mira nahm den Beutel mit dem Siegel und das Buch. „Jetzt müssen wir nur noch lebend raus. Rauk wird sein Versteck nicht unbewacht lassen.“

Als hätten die Felsen zugehört, erklang draußen ein Pfeifen. Dann Schritte. Viele.

Kroll flüsterte: „Zu spät.“

Mira hob die Laterne. Ihr Blick wurde scharf. „Nein. Gerade rechtzeitig.“

Kapitel 4: Kapitän Rauk und das falsche Lächeln

Sie löschten die Laterne und stellten sich in den Schatten der Höhle. Das Dunkel roch nach Erde und Spannung. Die Schritte kamen näher. Stimmen murmelten. Eine lachte—ein trockenes, kurzes Lachen, das klang, als würde jemand Holz brechen.

Die Tür knarrte. Licht fiel herein.

Ein Mann trat ein, groß, mit einem Mantel, der zu neu für so viel Meer war. Sein Bart war schmal und geschniegelt, und auf seinem Mund lag ein Lächeln, das nicht bis zu den Augen reichte.

„Na, na“, sagte er. „Wer schleicht denn in meinen Keller?“

Kapitän Rauk.

Hinter ihm standen vier Piraten mit Messern und Knüppeln. Der Armbrustmann aus dem Nebel war auch dabei und sah aus, als hätte er immer noch Fischgeruch in der Nase.

Mira trat aus dem Schatten. Sie hielt den Beutel hoch, das Siegel sichtbar. „Ich. Mira Falk von der ‚Sturmschwalbe‘. Und ich hole zurück, was du gestohlen hast.“

Rauk lachte wieder. „Wie niedlich. Eine junge Kapitänin mit Moral. Hast du die irgendwo gefunden? Lag die neben einer Flaschenpost?“

Lio wollte etwas sagen, doch Mira hob eine Hand. „Du hast Matrosen betrogen. Du hast Verletzte bestraft. Du hast die Teilung verdreht, bis sie dir passt.“

Rauk legte die Hand aufs Herz. „Ich nenne das Führung.“

„Ich nenne das Feigheit“, sagte Mira.

Ein kurzes Zischen ging durch Rauks Leute. Kroll spannte die Schultern.

Rauk trat näher, langsam, als würde er die Luft besitzen. „Feigheit? Ich? Ich stehe hier. Du stehst in meiner Höhle.“

Mira blieb ruhig. „Und trotzdem hast du Fallen gebaut, statt offen zu kämpfen.“

Rauk beugte sich vor. Seine Augen waren hell wie Glasscherben. „Fallen sind klug. Klug ist besser als fair.“

„Nicht, wenn du mit ‚klug‘ nur ‚gemein‘ meinst“, sagte Mira. Sie zog das Buch hervor. „Ich habe deine Liste. Beweise. Damit kann dich die Hafenrichterin hängen lassen.“

Rauk blinzelte, ganz kurz. Dann lächelte er breiter. „Ach, die Richterin. Die spielt gern Ordnung. Aber Ordnung ist nur ein Seil, das man durchschneiden kann.“

„Probier's“, sagte Mira.

Rauk schnippte mit den Fingern. Zwei seiner Männer gingen auf Jaro und Lio zu. Einer packte Lio am Arm.

„He!“ fauchte Lio und trat ihm auf den Fuß.

Der Mann jaulte. Rauk rollte mit den Augen. „Kinderkram. Mira, gib mir das Buch und den Beutel. Dann lasse ich euch vielleicht gehen. Vielleicht.“

Mira atmete langsam ein. In ihrem Kopf klickten die Gedanken wie Zahnräder. Rauk hatte mehr Leute. In der Höhle war es eng. Kämpfen wäre dumm. Aber Rauk war stolz. Und stolz war ein Hebel.

„Vielleicht“, wiederholte Mira. „Du bist großzügig.“

„Ich weiß“, sagte Rauk.

Mira hob den Beutel. „Dann zeig es. Nach deiner eigenen Logik. Wenn du so klug bist: Warum nicht teilen? Ein Teil für dich, ein Teil für die Matrosen, ein Teil—“

Rauk lachte. „Weil ich's kann.“

„Also geht's nicht um Klugheit“, sagte Mira. „Nur um Macht.“

Rauk trat ganz nah. „Und?“

Mira sah ihm direkt in die Augen. „Dann bist du kleiner, als du tust.“

Einen Moment lang war es still. Sogar der Wind draußen schien zu lauschen.

Rauk schlug zu—nicht mit der Faust, sondern mit Worten, scharf wie Messer: „Nehmt sie.“

In derselben Sekunde warf Mira den Beutel hoch in die Luft.

Alle Augen folgten dem Siegel, reflexartig. Gold zieht Blicke an wie Licht Motten.

„Jetzt!“ rief Mira.

Kroll stieß sich ab, rammte einen Mann gegen die Wand. Jaro zog Lio frei. Mira trat nach hinten, ließ das Buch in ihre Jacke gleiten und schnappte die Laterne. Sie schlug sie gegen den Boden.

Glas zerbrach. Öl spritzte. Die Flamme flackerte auf—nicht als Brand, sondern als greller Schreck.

„Augen!“ brüllte jemand.

Im Chaos packte Mira den Beutel, der wieder herunterfiel, und rannte zum Ausgang. Jaro und Lio folgten. Kroll deckte sie, schob mit seinen Schultern einen Weg frei.

Rauk brüllte: „Haltet sie!“

Sie stürmten hinaus in die Schlucht. Der Wind schlug ihnen ins Gesicht wie kaltes Wasser. Hinter ihnen polterten Schritte, Flüche, das metallische Klirren von Klingen.

„Zum Strand!“ rief Jaro.

„Nein“, keuchte Mira. „Zu den Klippen. Wir müssen sie vom Schiff weglocken.“

Lio schnappte nach Luft. „Und dann? Springen? Ich bin mutig, aber nicht dumm!“

„Mut ist nicht Dummheit“, sagte Mira zwischen zwei Atemzügen. „Mut ist, trotzdem nachzudenken.“

Sie rannten den Pfad hinauf, dorthin, wo die Felsen wie Zähne standen. Unten sah man die Bucht und die „Sturmschwalbe“, klein wie ein Spielzeug. Der Nebel hing noch in Fetzen, als würde er sich nicht entscheiden können zu gehen.

Mira blieb abrupt stehen. Vor ihnen: eine schmale Felsspalte, dahinter das offene Meer. Kein Weg weiter.

Lio wurde blass. „Super. Ende der Welt.“

Hinter ihnen tauchte Rauk auf, mit zwei Männern. Er hielt die Armbrust nun selbst.

„Jetzt seid ihr wirklich niedlich“, sagte er. „Gebt her.“

Mira spürte den Beutel schwer an ihrer Seite, das Buch wie ein Stein im Herzen. Sie hob langsam die Hände—als würde sie aufgeben.

Und lächelte.

„Was?“ Rauk runzelte die Stirn.

Mira nickte zur Seite. „Du hast vorhin gesagt, Fallen sind klug.“

Rauk hob die Armbrust. „Ja?“

„Dann pass auf“, sagte Mira. „Hier kommt eine.“

Sie trat einen Schritt zurück—auf eine Stelle, die merkwürdig sauber war, ohne Flechten, ohne Schmutz. Ihr Fuß drückte auf etwas, das nachgab.

Ein lautes Knacken.

Der Boden vor Rauk rutschte weg, eine Steinplatte kippte wie eine Wippe. Einer seiner Männer schrie, stolperte, rutschte auf dem Hintern davon und landete in einem Busch, der so stachelig aussah, als hätte er schlechte Laune.

Rauk sprang zurück, gerade rechtzeitig. Er starrte Mira an, wütend, aber auch… beeindruckt.

„Du kennst meine Insel“, knurrte er.

„Ich kenne nur Gerechtigkeit“, sagte Mira. „Und wo Leute Fallen bauen, bauen sie oft zu viele. Irgendwann fallen sie selbst rein.“

Rauk zielte erneut. Mira sah den Bolzen, sah den Weg, sah keine Zeit.

Kroll stieß sich von hinten an Mira vorbei. Er warf sich dazwischen, breit wie eine Tür. Der Bolzen traf ihn nicht, sondern schrammte an seinem Lederwams ab und fiel klirrend zu Boden.

Kroll verzog das Gesicht. „Aua. War das dein ‚klug‘?“

Mira packte Kroll am Arm. „Danke.“

„Später“, knurrte er. „Jetzt weg!“

Jaro zeigte auf die Felsspalte. „Da! Ein schmaler Abstieg!“

Tatsächlich: Zwischen zwei Felsen führte ein Pfad hinunter, kaum mehr als ein Kratzspur. Sie zwängten sich durch. Rauk fluchte hinterher, doch er zögerte—zu eng für seine Männer, zu riskant.

Mira hörte ihn rufen: „Ihr kommt nicht weg! Das Meer gehört mir!“

Mira rief zurück, ohne stehen zu bleiben: „Das Meer gehört niemandem. Aber die Beute gehört denen, die sie verdient haben!“

Kapitel 5: Sturm aus Segeln und Stimmen

Sie erreichten den Strand mit zitternden Knien und sandigen Händen. Bente stand am Ufer, in der einen Hand eine Pfanne, in der anderen ein Seil, als würde er beides gleichzeitig als Waffe akzeptieren.

„Ich hab schon gedacht, ihr wollt da oben wohnen“, brummte er. „Miete ist teuer.“

Mira warf ihm den Beutel zu. „Sicher verstauen. Und das Buch trocken halten.“

Bente fing beides erstaunlich vorsichtig. „Oh. Das ist… ernst.“

„Sehr“, sagte Mira. „Rauk ist hinter uns her. Und er wird versuchen, uns auf See zu erwischen.“

Jaro sprang ins Beiboot. „Dann sollten wir nicht warten, bis er höflich klopft.“

Sie ruderten zur „Sturmschwalbe“. Das Schiff schaukelte sanft, als wüsste es noch nichts von dem Ärger. Als Mira an Bord kletterte, fühlte sie sich sofort stärker—als hätte das Deck unter ihren Füßen ein Versprechen.

„Segel hoch!“ rief sie. „Anker auf!“

Die Crew rannte. Taue surrten, Holz knarrte, Segel knallten auf wie große weiße Flügel. Der Wind griff hinein, zog, und die „Sturmschwalbe“ glitt aus der Bucht.

Doch kaum waren sie draußen, tauchte die „Grinsende Möwe“ hinter den Felsen auf. Schwarz wie ein Schatten, schnell wie ein wütender Gedanke. Auf ihrem Bug prangte ein geschnitztes Grinsen, das wirkte, als würde es sich über alles lustig machen.

„Da ist er“, sagte Lio, und ihre Stimme war plötzlich ernst.

Rauk stand auf seinem Deck, die Hände am Geländer. Auch aus der Entfernung konnte Mira sein falsches Lächeln sehen.

„Er hat mehr Kanonen“, murmelte Jaro.

„Wir haben bessere Regeln“, sagte Mira. „Und einen Plan.“

Kroll trat neben sie. Ein roter Striemen zog sich über seine Brust, wo der Bolzen gestreift hatte. „Ich hasse Pläne, die wehtun.“

„Dann hilf, dass er nicht noch mehr wehtut“, sagte Mira.

Die „Grinsende Möwe“ kam näher. Eine Kanone bellte. Die Kugel schlug ins Wasser, spritzte eine Fontäne, die wie eine kalte Hand über das Deck streifte.

„Warnschuss“, sagte Jaro. „Oder er ist schlecht.“

„Beides möglich“, antwortete Mira. „Lio, auf den Mast. Sag mir, wenn du Sandbänke siehst.“

Lio kletterte los, flink wie ein Affe mit Angst im Bauch. „Aye!“

Mira drehte sich zur Crew. „Hört zu! Rauk glaubt, er kann uns jagen, weil wir fair sind. Aber Fairness ist kein Klotz am Bein. Sie ist ein Ruder. Wir locken ihn in die Untiefe bei der alten Muschelbank. Wir kennen den Weg. Er nicht.“

Bente kratzte sich am Bart. „Und wenn er's doch kennt?“

„Dann improvisieren wir“, sagte Mira. „Aber wir bleiben zusammen. Niemand spielt Held allein. Das ist Charta.“

Kroll schnaubte. „Und wenn jemand trotzdem—“

Mira sah ihn an. „Dann erinnere ich ihn an die Zahnbürste.“

Ein paar lachten, sogar Krolls Mundwinkel zuckten.

Die Verfolgung begann. Die „Sturmschwalbe“ schnitt durch die Wellen, der Wind sang in den Segeln. Hinter ihnen knallten Kanonen, spritzte Wasser, pfiffen Splitter. Mira stand am Steuer neben Jaro, die Augen auf die Farbe des Wassers gerichtet. Dort, wo es plötzlich heller wurde, lauerten Sandbänke.

„Links zwei Strich!“ rief sie.

Jaro zog das Ruder. Das Schiff neigte sich, Wasser sprühte über die Reling.

Lio rief von oben: „Vor uns: helles Wasser! Muschelbank! Und—oh—da ragt was raus!“

Mira sah es: ein paar alte Pfähle, Überreste eines versunkenen Kais. Eine falsche Einladung für schwere Schiffe.

„Perfekt“, murmelte sie. „Jaro, wir nehmen den schmalen Kanal rechts. Ganz knapp.“

„Knapp ist mein zweiter Vorname“, sagte Jaro. „Der erste ist ‚Warum‘.“

„Warum knapp?“ rief Bente.

„Damit Rauk denkt, wir sind panisch“, sagte Mira.

Sie steuerten in den Kanal. Die „Sturmschwalbe“ glitt durch, so nah an den Pfählen, dass man die Algen riechen konnte. Das Wasser gurgelte, als würde es protestieren.

Hinter ihnen brüllte Rauk etwas. Seine „Grinsende Möwe“ folgte—zu schnell, zu gierig.

„Er kommt rein!“ rief Lio.

„Natürlich“, sagte Mira. „Gier hat keine Bremse.“

Ein Krachen, so laut, dass es durch die Zähne fuhr. Rauks Schiff ruckte, der Bug hob sich leicht. Dann ein zweites Krachen. Holz splitterte.

„Er sitzt fest!“ rief jemand auf der „Sturmschwalbe“.

Die Crew jubelte kurz—doch Mira hob sofort die Hand. „Nicht zu früh. Er kann immer noch schießen.“

Als wäre das ein Stichwort, knallte eine Kanone von der „Grinsenden Möwe“. Die Kugel flog zu hoch und riss nur ein Stück Segel aus der „Sturmschwalbe“. Stoff flatterte wie ein verletzter Vogel.

„Reparieren!“ brüllte Kroll und rannte los, als hätte er nie etwas anderes getan. Seine Finger flogen, Knoten, Nadel, Segeltuch—und der Riss wurde kleiner.

Mira sah zurück. Rauk stand am Bug seines feststeckenden Schiffs und schrie. Selbst auf die Entfernung konnte man seine Wut schmecken.

Mira fühlte etwas anderes: Erleichterung—und Verantwortung. Jetzt hatten sie die Beweise. Jetzt mussten sie sie auch sicher abliefern.

„Kurs auf Westkliff“, sagte sie. „Und alle, die heute Angst hatten: Ihr habt sie gut benutzt. Ihr seid gerannt, ihr habt gedacht, ihr habt geholfen. Das ist Mut.“

Lio kam herunter, die Hände zitterten. „Ich hab mich gefühlt wie ein Fisch auf dem Markt.“

Mira legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. „Und trotzdem hast du geschaut, gerufen, geklettert. Ein sehr kluger Fisch.“

Bente rief: „Und ein sehr frecher!“

„Danke!“ rief Lio zurück, und diesmal lachte sie wirklich.

Kapitel 6: Die gerechte Teilung und die sanfte Ebbe

Westkliff erschien am Horizont wie eine Reihe grauer Zähne—diesmal freundlicher als die Felseninsel. Im Hafen klapperten Masten, Händler riefen, Möwen stritten sich um Fischköpfe, als sei die Welt ein einziges großes Streitgespräch.

Die Hafenrichterin wartete bereits am Kai. Sie war nicht groß, aber sie stand so gerade, dass sogar die Pfosten Respekt zu haben schienen. An ihrer Kette hing eine kleine Waage aus Metall.

Mira trat mit dem Beutel und dem Buch vor. „Richterin Hale. Wir haben, was Sie wollten. Und mehr.“

Hale nahm das Buch, blätterte, ihre Stirn wurde hart. „Das ist… eindeutig.“ Sie sah Mira an. „Sie haben sich mit Kapitän Rauk angelegt.“

„Er hat sich mit Gerechtigkeit angelegt“, sagte Mira.

Hale nickte einmal. „Und Sie haben nicht alles für sich behalten.“

Mira schüttelte den Kopf. „Das ist der Sinn der Charta.“

Die Richterin gab ein Zeichen. Zwei Schreiber kamen, begannen, Namen zu lesen—die gleichen Namen aus Rauks Liste. Matrosen traten vor, manche mit Narben, manche mit müden Augen, manche mit Kindern an der Hand. Als die ersten Münzen klimpernd in ihre Taschen fielen, war die Stille plötzlich anders: warm, zitternd, als würde ein Knoten im Herzen aufgehen.

Ein alter Matrose mit rauen Händen sah Mira an. „Warum macht ihr das? Piraten nehmen doch.“

Mira atmete den Hafen ein—Teer, Salz, Brot. „Weil nehmen leicht ist“, sagte sie. „Teilen ist schwerer. Und genau deshalb ist es wichtig.“

Kroll stand hinter ihr, die Arme verschränkt. Er räusperte sich. „Und… äh… weil sonst jemand mit einer Zahnbürste schrubben muss.“

Der Matrose lachte, und das Lachen sprang von Gesicht zu Gesicht, wie ein Funke, der endlich gutes Holz findet.

Später, als die Sonne tiefer stand und das Licht den Hafen goldig färbte, saß die Crew der „Sturmschwalbe“ wieder an Bord. Bente hatte eine Suppe gekocht, die erstaunlich gut schmeckte, obwohl er behauptete, sie sei „nur aus Resten und Stolz“.

Lio balancierte auf einer Kiste und hielt eine Münze hoch. „Ich werde sie nicht ausgeben“, sagte sie feierlich. „Das ist mein Erinnerungsstück.“

Jaro zog die Augenbrauen hoch. „Du? Nicht ausgeben? Das ist wie Meer ohne Wasser.“

„Ich kann mich ändern“, sagte Lio, und nach einer Pause: „Vielleicht.“

Mira lehnte an der Reling. Die Arbeit war getan, aber in ihr summte noch die Spannung, wie ein Lied, das nicht sofort endet. Kroll trat zu ihr, unsicher, als würde er nicht wissen, wohin mit seinen großen Händen.

„Kapitänin“, sagte er.

„Mira“, korrigierte sie.

Kroll kratzte sich am Nacken. „Ich… hab früher nicht viel von deiner Charta gehalten.“

Mira sah ihn an, wartete.

„Aber heute“, fuhr er fort, „hat sie uns zusammengehalten. Ohne die Regeln wäre ich vielleicht…“ Er brach ab, schluckte. „Egal. Danke.“

Mira nickte. „Mut ist auch, Fehler zuzugeben.“

Kroll grunzte. „Dann bin ich heute sehr mutig.“

„Sieht man“, sagte Mira, und in ihrer Stimme lag ein bisschen Schalk.

Der Abend kam. Die „Sturmschwalbe“ lag ruhig im Wasser, als würde sie sich ausruhen. Der Wind wurde sanfter. Und das Meer begann, sich zurückzuziehen.

Die Ebbe kam leise, ohne Drama. Das Wasser sank Zentimeter um Zentimeter, legte glitzernde Steine frei, kleine Muscheln, die im letzten Licht schimmerten. Es war, als würde das Meer selbst aufräumen, nachdem die Menschen endlich einmal gerecht gewesen waren.

Mira beobachtete, wie das Wasser sich zurückzog, und spürte, wie die Anspannung aus ihren Schultern floss. Neben ihr saßen Lio und Jaro, Bente schlürfte Suppe, Kroll stopfte ein Segel, als wäre es ein beruhigender Rhythmus.

„Weißt du“, sagte Lio leise, „Rauk hat gesagt, das Meer gehört ihm.“

Mira schüttelte den Kopf. „Das Meer gehört keinem. Aber wir gehören ein bisschen zueinander, wenn wir fair bleiben.“

Lio ließ die Münze in ihre Tasche gleiten. „Dann bleib ich dabei. Vielleicht.“

Die „Sturmschwalbe“ schaukelte kaum noch. Die Ebbe senkte sich wie ein sanfter Abschiedsgruß, und die Welt wurde ruhig, aber nicht leer—nur bereit für das nächste Abenteuer, das irgendwo hinter dem Horizont schon mit den Wellen flüsterte.

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Pergament
Ein altes, festes Papier, auf dem früher Briefe oder Regeln geschrieben wurden.
Charta
Ein wichtiges Schriftstück mit Regeln oder Abmachungen für viele Personen.
Hafenrichterin
Eine Frau, die im Hafen über Streit und Gesetz entscheidet.
Armbrust
Eine Waffe, die einen Pfeil mit einer gespannten Sehne abschießt.
Gegengewicht
Ein schweres Teil, das etwas ausgleicht oder aufhält, damit es langsam geht.
Nische
Eine kleine, eingetiefte Stelle in einer Wand, oft zum Verstecken oder Lagern.
Tagebuch
Ein Heft, in das jemand regelmäßig Ereignisse und Gedanken schreibt.
Ebbe
Wenn das Meer zurückgeht und weniger Wasser am Strand ist.
Untiefe
Stelle im Wasser, die flacher ist und ein Schiff gefährden kann.
Kompass
Ein Gerät mit einer Nadel, das immer nach Norden zeigt und beim Navigieren hilft.

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