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Pirategeschichte 11/12 Jahre Lesen 26 min.

Die gestohlene Glücksmöwe der Sturmkrähe

Die junge Navigatorin Mira und ihre Crew verfolgen die gestohlene, beschädigte Galionsfigur ihrer „Sturmkrähe“, wobei sie Mut, Zusammenhalt und die Bedeutung von Loyalität neu entdecken.

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Mira, erfahrene Navigatorin, stolz und gelassen, dunkelblauer Seemantel, rotes Halstuch, reicht die Hand, um die bemalte Holzmöwe als Galionsfigur am Mast zu befestigen; Jona, etwa 14, konzentriert, zerzauste Haare, einfache fleckige Hemd, hockt am Relingwulst und schraubt die letzte Planke unter der Figur, raue geschickte Hände; Bodo, kräftiger Koch um 40, zerzauster Bart, hält eine glänzende Pfanne wie ein Schild hinter Jona, freundlich-komische Ausstrahlung; Kapitän Rauk, rund 60, faltiges Gesicht und volle Bartpracht, steht bei der Pinne mit verschränkten Armen, erleichtert aber wachsam; die Galionsfigur: weiß-grau bemalte Möwe mit schelmischem Lächeln und sichtbarer Reparatur am Hals auf kleinem Sockel am Bug; Schauplatz: vorderes Deck eines alten hölzernen Brigs mit nassen Rillenplanken, zusammengerollten Tauen, flatternder Flagge, türkisblauem Wasser und grünen Felsen im Hintergrund, klarer Himmel nach dem Sturm; Situation: feierliche Endmontage der reparierten Galionsfigur, ruhiger Sieg, geteilte Lächeln, salzige Luft und Lichtreflexe auf Wasser und Werkzeugen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Galionsfigur fehlt

Der Morgen roch nach Salz, Teer und einer Prise Ärger. Die „Sturmkrähe“ schaukelte im Hafen, als hätte sie selbst schlechte Laune. Und vorne, wo sonst das Glück saß, gähnte nur Holz.

Mira stand am Bug, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr dunkler Zopf peitschte im Wind. „Das ist… leer“, sagte sie, als müsste sie sich davon überzeugen, dass das Loch nicht gleich wieder von allein verschwindet.

Neben ihr kniff der Schiffskoch Bodo die Augen zusammen. Er war groß wie ein Fass und bewegte sich auch so. „Vielleicht ist sie nur… spazieren“, murmelte er.

„Bodo.“ Mira sah ihn an, bis er den Blick senkte.

Die Galionsfigur – eine geschnitzte Möwe mit einem winzigen, frechen Grinsen – war nicht irgendein Stück Holz. Die Crew glaubte fest daran, dass die Möwe die „Sturmkrähe“ vor Stürmen und Pech bewahrte. Und Mira glaubte etwas anderes: Ohne die Figur würde die Crew nervös, streiten, dumme Entscheidungen treffen. Pech entsteht oft aus Angst.

Kapitän Rauk, der eigentlich mehr Bart als Mann war, kam mit schweren Schritten. „Wer hat meine Möwe geklaut?“, brummte er.

„Nicht deine“, sagte Mira ruhig. „Unsere.“

Der Kapitän blinzelte überrascht. Mira war jung, aber ihre Stimme hatte diesen Ton, der nicht um Erlaubnis fragte. Sie war die Navigatorin, und manchmal auch die, die den Kopf hinielt, damit andere endlich nachdachten.

Aus der Menge löste sich Jona, der Deckjunge, dünn wie ein Mast, mit Ohren, die jedes Flüstern einfingen. „Ich hab gestern Nacht Schritte gehört. Und… ein Klirren.“

„Klirren?“ Mira spitzte die Ohren. „Glas? Ketten?“

Jona zuckte. „So wie… Flaschen. Oder so wie jemand, der zu viele Flaschen hatte.“

Bodo schnaubte. „Dann ist es bestimmt Ratte-Rick. Der stiehlt alles, was nicht angebunden ist. Und manches, was angebunden ist.“

Mira ging in die Hocke und fuhr mit den Fingern über die Holzspäne am Bug. Ein frischer Schnitt. Sauber. „Das war kein Betrunkener. Das war jemand mit Werkzeug und Zeit.“

Kapitän Rauk knurrte. „Dann holen wir sie zurück. Heute.“

Mira richtete sich auf. „Nicht blind. Erst Plan. Wer stiehlt eine Galionsfigur?“

„Jemand, der an Glück glaubt“, sagte Jona.

„Oder jemand, der will, dass wir Pech haben“, ergänzte Mira. Sie lächelte schief. „Beides ist möglich. Und beides gefällt mir nicht.“

Kapitel 2: Spuren im Nebel

Der Nebel hing über dem Hafen wie ein nasser Vorhang. Mira ging voraus, Jona dicht hinter ihr. Bodo schleppte eine Tasche, die verdächtig nach Pfannen klirrte.

„Warum nimmst du Kochzeug mit?“ flüsterte Jona.

Bodo hob stolz eine Bratpfanne. „Das ist keine Pfanne. Das ist Überzeugungskraft.

Mira unterdrückte ein Lachen. „Wenn du jemanden damit überzeugst, überzeug bitte nur die Bösen.“

Sie folgten einer Spur aus feinen Holzsplittern und einem einzigen Federchen – weiß, klein, an einer Kante klebend, als hätte die geschnitzte Möwe kurz geweint. Die Spur führte zu einer Lagerhalle, deren Tür einen Spalt offenstand.

Drinnen roch es nach altem Fisch und frischer Angst.

„Hörst du das?“ Jona legte den Kopf schief. Aus der Dunkelheit kam ein Kratzen, dann ein leises Fluchen.

Mira zog ihren Dolch nicht. Nicht sofort. Ein Dolch ist schnell gezogen, aber Vertrauen noch schneller verloren. Sie trat einen Schritt hinein. „Wer da?“

Ein Schatten ruckte. Ein Mann stolperte ins Licht: nicht Ratte-Rick, sondern ein schmaler Händler mit schmierigen Haaren und Händen, die zu oft zählen mussten. Auf dem Boden lag ein Seil, und daran … etwas, das unter Segeltuch versteckt war.

„Weg!“, zischte der Händler. „Das gehört—“

„—wem, der es geklaut hat“, beendete Mira den Satz. „Tu nicht so, als wärst du plötzlich ehrlich.“

Der Händler griff nach einer Kiste, als wolle er sie werfen. Bodo hob seelenruhig die Pfanne. „Ich bin ein Mann des Friedens“, sagte er, „aber meine Pfanne ist sehr überzeugend.“

Der Händler erstarrte. „Ich hab sie nicht geschnitzt! Ich hab sie nur… weitergereicht!“

Mira ging langsam zum verhüllten Gegenstand, kniete nieder und zog das Tuch weg. Ein Schimmer von bemaltem Holz – das freche Möwenlächeln – und dann ein Riss durch den Hals der Figur, sauber, aber tief. Als hätte jemand sie mit Absicht verletzt.

Jona sog die Luft ein. „Sie haben ihr das Genick…“

Mira spürte einen Stich, der mehr war als Wut. Es war, als hätte jemand der Crew das Herz angeknackst. Sie atmete langsam aus. „Wer hat sie dir gegeben?“

Der Händler schluckte. „Eine Frau. Mit rotem Tuch um den Arm. Sie nennt sich… Kapitänin Sable.“

Mira kannte den Namen. Sable, die im Nebel auftauchte und wieder verschwand, wenn sie hatte, was sie wollte. Manche nannten sie eine Legende, andere eine Lüge. Mira glaubte: Legenden sind oft nur Leute, die keine Zeugen mögen.

„Wohin?“ fragte Mira.

Der Händler zeigte zitternd nach draußen, Richtung Flussmündung. „Zum alten Leuchtturm. Da ist ein Boot. Sie… sie wollte die Figur auf ihre Black-Fin setzen.“

Bodo knirschte mit den Zähnen. „Die Black-Fin! Das Schiff stinkt nach Ärger.“

Mira wickelte die Galionsfigur vorsichtig wieder ins Tuch, als wäre sie ein verletztes Tier. „Dann bringen wir unser Glück zurück“, sagte sie leise. „Und wenn es sein muss, bauen wir es neu. Aber wir lassen niemanden entscheiden, wovor wir Angst haben.“

Kapitel 3: Der alte Leuchtturm

Der Weg zum Leuchtturm führte über glitschige Steine und durch Schilf, das im Wind flüsterte. Nebel kroch ihnen in die Ärmel, als wolle er sie zurückhalten. Mira spürte, wie Jona immer wieder zu ihr aufsah.

„Du glaubst nicht an Glück, oder?“ fragte er.

Mira schob die verpackte Möwe fester unter den Arm. „Ich glaube an Menschen. Und an Entscheidungen. Aber…“ Sie zögerte. „Manchmal braucht eine Crew etwas, woran sie sich festhält. Wie an einem Geländer bei Sturm.“

„Und die Möwe ist das Geländer.“

„Genau.“

Am Leuchtturm knarrte eine Holztreppe, die mehr Lücken als Stufen hatte. Oben brannte kein Licht, nur ein kalter, grauer Himmel. Unten, am Fuß des Turms, lag ein Ruderboot. Zwei Männer standen daneben, beide mit roten Tüchern am Arm.

Bodo flüsterte: „Jetzt überzeug ich jemanden.“

Mira packte seinen Ärmel. „Nicht. Noch nicht.“ Sie musterte die Männer: Einer war jung und schielte nervös, der andere groß und breit, aber seine Knie wippten, als hätte er Fieber.

„Sie warten“, murmelte Mira. „Sable ist noch nicht da.“

Jona zeigte auf eine Kiste im Boot. „Da drin könnte Werkzeug sein. Oder…“

„Oder der Teil, der fehlt“, sagte Mira. Sie hatte den Riss gesehen. Wenn Sable die Figur mitnahm, würde sie sie vielleicht neu zusammensetzen – und dann wäre das Glück der „Sturmkrähe“ am Bug eines anderen Schiffs.

Mira zog einen kleinen Kompass aus der Tasche und hielt ihn kurz hoch, als wäre er ein Spiegel. Der Nebel spiegelte nichts, aber der Kompass zeigte etwas: Die Männer standen so, dass sie den Turm im Rücken hatten. Ihre Flucht war das Boot. Ihre Schwäche war, dass sie nicht erwarteten, dass jemand von oben kam.

Mira deutete auf die bröckelige Treppe. „Jona. Du gehst hoch. So leise wie ein Gedanke. Wenn ich pfeife, wirfst du—“

„—mich?“ fragte Jona erschrocken.

„—den alten Eimer da oben“, sagte Mira. „Lärm nach rechts. Wir gehen nach links.“

Jona grinste, ein bisschen zu breit. „Ich kann laut.“

Bodo räusperte sich. „Ich kann überzeugend.“

Mira schlich mit ihm durch das Schilf, bis sie nah genug waren, um die Männer atmen zu hören. Dann pfiff sie – kurz, scharf, wie eine Möwe.

Oben krachte es. Ein Eimer, ein Stein, vielleicht die ganze Welt. Die Männer fuhren herum. „Was war das?“

„Ratten!“, rief der junge.

Bodo trat aus dem Nebel. „Ja“, sagte er freundlich. „Ratten. Und ich bin der Kater.“

Er hob die Pfanne. Der große Mann machte einen Schritt zurück, stolperte über ein Seil und plumpste ins Boot. Der junge wollte wegrennen, doch Mira stellte sich ihm in den Weg, ohne zu drohen. Nur mit Blick.

„Wo ist Sable?“ fragte sie.

Der Junge schluckte. „Sie… sie holt was aus dem Turm. Sie meinte, oben liegt ein Spiegel. Für Signale.“

„Ein Spiegel?“ Mira dachte an den unbeleuchteten Leuchtturm. An Zeichen im Nebel. An ein Schiff, das nicht gesehen werden wollte.

„Jona!“ rief Mira. „Komm runter!“

Jona stürmte die Treppe hinab, außer Atem. „Oben ist jemand!“

Zu spät. Eine Bewegung im Nebel, elegant wie eine Klinge. Eine Frau trat aus dem Schatten des Turms. Schwarzer Mantel, rotes Tuch am Arm, Augen wie nasser Stein.

„Mira von der Sturmkrähe“, sagte Sable, als hätten sie sich verabredet. „Du bist schneller, als ich gehofft habe.“

„Und du bist dreister“, erwiderte Mira. „Gib sie zurück.“

Sable blickte auf das Bündel unter Miras Arm. „Du hast sie ja schon. Aber nicht heil, hm?“

Mira spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Du hast sie beschädigt.“

Sable zuckte mit den Schultern. „Glück muss geprüft werden. Wenn es nur an einem Stück Holz hängt, ist es kein Glück. Es ist Aberglaube.

Mira hob das Kinn. „Und wenn du sie stiehlst, ist es kein Test. Es ist Feigheit.“

Ein kurzes Lächeln huschte über Sables Gesicht. „Mutig. Oder dumm.“ Sie zeigte auf das Boot. „Steig ein. Du und ich. Allein. Dann reden wir über Handel.“

Bodo machte einen Schritt nach vorn. „Ich handel nur mit Pfannen.“

Sable warf ihm einen Blick zu, der sogar Pfannen einschüchtern konnte. „Wenn du dich einmischst, sinkt dein Kochlöffel mit dir.“

Mira dachte schnell. Allein ins Boot? Das war eine Falle. Aber hier zu kämpfen, zwischen Nebel und Steinen, konnte ebenso tödlich sein. Sie sah Jona an, sah seine zitternden Hände, seinen tapferen Trotz.

Loyalität bedeutete nicht, blind zu folgen. Loyalität bedeutete, die anderen zu schützen, auch wenn man selbst Risiko schluckte wie bittere Medizin.

„Ich komme“, sagte Mira.

„Mira!“ rief Jona.

Sie legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Wenn ich nicht zurückkomme, nimmst du die Möwe und rennst. Und du erzählst Kapitän Rauk, er soll nicht wütend sein, sondern klug.“

„Du kommst zurück“, sagte Jona stur.

Mira grinste schmal. „Ich habe vor, dir recht zu geben.“

Kapitel 4: Handel auf schwarzem Wasser

Das Ruderboot glitt hinaus, als würde es vom Nebel selbst gezogen. Sable saß vorn, ruhig, als wäre sie auf einem Spaziergang. Mira ruderte, die Muskeln gespannt, die Gedanken schneller als die Strömung.

„Warum die Galionsfigur?“ fragte Mira.

Sable drehte eine Münze zwischen den Fingern. „Weil sie berühmt ist. Weil Leute Geschichten lieben. Und weil dein Kapitän ohne sie nervös wird.“

„Du willst uns schwächen.“

Sable lachte leise. „Ich will ein Schiff. Die Black-Fin hat ein altes Loch im Bauch und zu viele Feinde. Die Sturmkrähe dagegen hat… Ruf. Und Crew. Und eine Navigatorin, die nicht an Glück glaubt, aber es trotzdem bewacht. Das ist selten.“

Mira spürte, wie Ärger warm in ihr aufstieg. „Du willst meine Crew?“

„Ich will dich“, sagte Sable schlicht. „Komm zu mir. Ich gebe dir Gold, Karten, Freiheit. Und die Möwe – repariert und glänzend – gehört dann an meinen Bug. Nicht als Aberglaube. Als Zeichen.“

Mira hielt inne, ließ das Ruderboot kurz treiben. Freiheit. Karten. Möglichkeiten. Es klang verlockend, so wie Zucker verlockend ist, wenn man hungrig ist. Doch sie sah die „Sturmkrähe“ vor sich: Bodo, der beim Kochen sang, auch wenn er falsch traf; Jona, der mutiger war, als er aussah; Kapitän Rauk, der zwar brummte, aber jeden kannte, der an Bord schlief.

„Du verwechselst Freiheit mit Alleinsein“, sagte Mira.

Sable hob eine Augenbraue. „Und du verwechselst Loyalität mit Ketten.“

„Nein“, erwiderte Mira. „Loyalität ist ein Knoten, den man selbst bindet. Und wenn er gut gemacht ist, hält er auch im Sturm.“

Sable lehnte sich vor. „Dann bind ihn fester. Denn ich schneide ihn gleich durch.“

Sie zog plötzlich ein kleines Messer – nicht auf Mira gerichtet, sondern auf das Bündel. Mit einem schnellen Schnitt riss sie das Tuch an, griff nach der Galionsfigur und zog sie an sich.

Mira reagierte instinktiv: Sie packte Sables Handgelenk, drehte es, bis das Messer ins Boot fiel. Das Boot wackelte gefährlich.

„Mutig“, fauchte Sable. „Aber du hast kein zweites Paar Hände.“

„Doch“, sagte Mira.

Ein Schatten tauchte aus dem Nebel auf. Ein zweites Boot, lautlos. Jona, der ruderte wie ein wilder Otter, und Bodo dahinter, die Pfanne wie ein Schild. Sie waren ihr gefolgt.

Sable starrte, für einen Moment wirklich überrascht. „Ihr seid… verrückt.“

Bodo grinste. „Loyal, Kapitänin. Das Wort schmeckt besser als Angst.“

Jona rief: „Mira! Fang!“ Er warf etwas. Es drehte sich in der Luft: eine kleine Metallklammer, ein Haken, den man zum Fixieren von Seilen nutzte.

Mira verstand sofort. Sie schnappte den Haken, zog ein Seil aus dem Boot und befestigte es blitzschnell an Sables Ruder. Ein kurzer Ruck – das Ruder blockierte.

„Du willst weg?“ sagte Mira. „Dann musst du zuerst dein eigenes Boot überzeugen.“

Sable knurrte, sprang auf, doch das Boot schaukelte. Mira nutzte den Moment, riss die Galionsfigur an sich und stieß sich mit dem Fuß ab, sodass die Boote auseinanderdrifteten.

Sable blieb zurück, wütend, aber nicht besiegt. „Das ist nicht vorbei!“, rief sie.

„Hoffentlich“, rief Mira zurück. „Sonst wäre es langweilig!“

Sie ruderten wie der Teufel persönlich hinter ihnen her war, bis sie wieder den Leuchtturm erreichten. Erst dort, als ihre Hände brannten, wickelte Mira die Figur aus und sah den Riss erneut.

„Wir haben sie“, sagte Jona atemlos. „Aber… kaputt.“

Mira strich über das Holz. „Dann restaurieren wir sie.“

Bodo räusperte sich. „Ich kann Suppe restaurieren. Zählt das?“

Mira lachte, und das Lachen fühlte sich an wie ein Seil, das wieder straff wurde. „Wir brauchen Werkzeug. Und jemanden, der schnitzen kann.“

Jona hob langsam die Hand. „Mein Onkel war Holzbildner. Bevor er… na ja, bevor er meinte, Seefahrt wäre einfacher.“

Bodo prustete. „Ein Mann, der dachte, Seefahrt ist einfach, ist entweder ein Genie oder schon untergegangen.“

Mira sah Jona an. „Kannst du es?“

Jona nickte, zwar unsicher, aber ehrlich. „Ich kann's versuchen. Und… ich kenne den Trick mit dem Holzleim aus Fischblasen. Onkel hat's mir gezeigt.“

Mira spürte einen Kloß im Hals, der eher warm als traurig war. „Dann machen wir's zusammen. Du bist nicht allein.“

Kapitel 5: Reparatur im Sturm

Zurück auf der „Sturmkrähe“ verdunkelte sich der Himmel, als hätte er schlechte Nachrichten. Die Crew hatte sich versammelt. Kapitän Rauk sah die verletzte Möwe und wurde erst bleich, dann rot.

„Wer hat—“

„Ich“, sagte Mira schnell. „Ich habe entschieden, sie zurückzuholen. Und sie ist dabei beschädigt worden. Aber wir bringen sie wieder in Ordnung.“

Rauk knurrte wie ein Gewitter. Dann sah er Jona, sah dessen schmutzige Hände, das Werkzeug, das er trug. „Kannst du das, Junge?“

Jona schluckte. „Ich… ich kann's versuchen. Aber ich brauche Zeit. Und Ruhe.“

„Ruhe?“ Bodo zeigte auf die Wolken. „Da oben hat jemand das Wort nicht verstanden.“

Der Wind legte zu. Das Schiff zog an den Tauen. Ein Sturm kam heran, schnell und ohne höflich anzuklopfen. Und genau jetzt fehlte das „Glück“ am Bug.

Mira trat neben Jona. „Wir arbeiten im Laderaum. Sicherer. Und wir befestigen provisorisch ein Stück Holz vorn, damit die Leute nicht ständig nach der Leere starren.“

„Eine Attrappe?“ fragte ein Matrose empört.

Mira sah ihn an. „Ein Verband. Nicht die Heilung.“

Kapitän Rauk spuckte über die Reling. „Macht.“

Im Laderaum war es warm und roch nach Gewürzen, Seilen und alten Abenteuern. Jona legte die Galionsfigur auf eine Kiste, als wäre sie ein Patient. Bodo stellte eine Laterne hin, so vorsichtig, als könne Licht auch zerbrechen.

„Okay“, flüsterte Jona. „Der Riss ist tief. Wir müssen die Bruchstelle säubern, dann leimen, dann klemmen, dann… beten?“

„Nein“, sagte Mira. „Atmen. Und arbeiten.“

Sie hielten das Holz gegen das Licht. Mira fand kleine Splitter, die noch passten wie Puzzleteile. Jona mischte den Leim, der seltsam nach Meer roch. Bodo reichte Klammern, und einmal reichte er aus Versehen einen Löffel.

„Das ist kein Werkzeug“, sagte Mira.

„Doch“, meinte Bodo. „Für Motivation.“ Er hielt den Löffel hoch. „Wenn es klappt, gibt's extra Pudding.“

Draußen krachte Donner. Das Schiff ächzte. Ein Fass rollte gegen die Wand. Staub rieselte.

Jona presste die Bruchstelle zusammen, die Hände zitternd vor Anstrengung. „Sie rutscht!“

Mira legte ihre Hände über seine. „Nicht gegen den Sturm kämpfen“, sagte sie. „Mit ihm. Warte den Moment ab.“

Sie spürte den Rhythmus der Wellen, das kurze Hoch, das lange Runter. „Jetzt“, sagte sie, als das Schiff sich für einen Herzschlag beruhigte.

Jona drückte, Mira klemmte, Bodo hielt die Laterne und redete mit der Figur, als wäre sie eine alte Tante. „Na, Möwe, du schaffst das. Du willst doch nicht, dass der Kapitän ohne dich herumbrummt. Das wäre ein Verbrechen.“

Jona musste lachen, obwohl ihm Schweiß über die Stirn lief. Das Lachen gab ihm Kraft.

Als die Klammern saßen, lehnte sich Jona zurück. „Jetzt trocknen.“

Mira nickte. „Und wir müssen den fehlenden Schnabelrand nachschnitzen. Da ist ein Stück ab.“

Jona zog ein kleines Messer. „Ich… ich hab Angst, es zu ruinieren.“

Mira nahm ein Stück Restholz, legte es ihm hin. „Dann übst du. Fehler sind nur Karten, die zeigen, wo Klippen sind.“

Sie arbeiteten, während draußen der Sturm tobte. Jona schnitzte, korrigierte, schnitzte erneut. Mira hielt, maß, sprach ihm Mut zu. Bodo erzählte zwischendurch die dümmsten Witze, die er kannte, und genau deshalb waren sie gut.

Irgendwann ließ der Wind nach. Das Schiff atmete auf. Im Laderaum glänzte die Möwe im Laternenlicht, der Riss kaum noch zu sehen, der Schnabel wieder frech.

Jona strich darüber. „Sie lebt.“

Mira legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast sie zurückgebracht. Nicht nur körperlich.“

Bodo schnupperte. „Und jetzt… Pudding?“

„Später“, sagte Mira. „Erst kommt sie nach vorn. Dorthin, wo sie hingehört.“

Kapitel 6: Ein neuer Bug, ein neues Band

Am nächsten Morgen war der Himmel klar, als hätte der Sturm sich schuldig gefühlt und aufgeräumt. Die Crew stand am Bug, als Mira und Jona die restaurierte Galionsfigur brachten. Kapitän Rauk war ungewöhnlich still.

„Festhalten“, sagte Mira.

Jona kletterte mit Seil und Werkzeug nach vorn, seine Finger sicherer als gestern. Mira blieb unten, gab Anweisungen, reichte Nägel, achtete darauf, dass niemand ihn ablenkte. Bodo stand daneben und hielt die Pfanne, als wäre sie jetzt ein offizielles Schiffssymbol.

„Wenn sie runterfällt, fang ich sie“, murmelte er.

„Mit der Pfanne?“ fragte Mira.

„Natürlich. Die Pfanne hat schon Schlimmeres gesehen.“

Jona befestigte die Möwe. Als das letzte Seil stramm war, trat er zurück. Die Galionsfigur blickte wieder über das Wasser, als hätte sie nie gefehlt. Ihr Grinsen wirkte sogar ein bisschen mutiger.

Ein erleichtertes Murmeln ging durch die Crew, wie Wind durch Segel. Kapitän Rauk räusperte sich, als müsse er etwas ausspucken, das ihm im Hals steckte.

„Jona“, sagte er schließlich. „Du hast gute Hände.“

Jona wurde rot. „Danke, Kapitän.“

Rauk sah Mira an. In seinen Augen lag etwas, das fast weich war. „Und du hast einen guten Kopf. Und…“ Er zögerte, als wäre das Wort ein schwerer Anker. „…Herz.“

Mira nickte nur. Manchmal reicht ein Nicken.

Da rief der Ausguck: „Schiff im Nebel! Steuerbord!“

Alle Köpfe fuhren herum. Aus einer dünnen Nebelbank schob sich ein schwarzer Rumpf, schnell und elegant: die Black-Fin. Am Bug kein Glück, nur Zähne – gemalt, als würde das Schiff fressen.

Sable stand am Deck, die Hände am Geländer. Sie rief herüber: „Schöne Reparatur, Mira!“

Mira trat vor, die Hände offen. „Was willst du?“

Sable sah zur Möwe und dann zu Mira. Für einen Moment wirkte sie weniger wie eine Legende und mehr wie jemand, der zu lange allein gewesen war. „Ich wollte sehen, ob du's wirklich schaffst“, sagte sie. „Und…“ Sie zog etwas aus ihrer Tasche: ein kleines Stück Holz, passend geschnitzt, mit einer feinen Kerbe. „Das ist der Splitter, der fehlte. Ich hab ihn damals… eingesteckt. Aus Gewohnheit.“

„Aus Gewohnheit klaut man nicht“, rief jemand aus der Crew.

Sable hob die Schultern. „Vielleicht schon. Vielleicht ist es schwer, Gewohnheiten zu reparieren.“

Mira rief zurück: „Dann fang an. Gib's her.“

Sable warf das Holzstück. Es flog über das Wasser, drehte sich in der Luft. Jona sprang vor, fing es mit beiden Händen, als wäre es eine kostbare Perle.

Mira sah Sable an. „Warum?“

Sable schwieg kurz. Dann sagte sie leiser: „Weil ich gestern gesehen habe, wie du kämpfst. Nicht für Gold. Für Menschen. Das… macht dich gefährlich. Und irgendwie…“ Ein schiefes Lächeln. „…macht es mich neidisch.“

Bodo brummte: „Neid ist schlecht für die Verdauung.“

Sable lachte tatsächlich, kurz und echt. „Du hast eine seltsame Crew.“

„Die beste“, sagte Mira.

Sable nickte langsam. „Ich werde nicht eure Freundin über Nacht. Aber… ich schulde dir was.“ Sie deutete auf den Horizont. „In zwei Tagen segelt ein Kriegsschiff durch die Engstelle bei den Klippen. Es sucht die Sturmkrähe. Wenn du klug bist, nimmst du den Weg durch die grünen Riffe. Gefährlich, aber unsichtbar.“

Kapitän Rauk kniff die Augen zusammen. „Warum warnst du uns?“

Sable sah Mira an, als wäre die Antwort dort. „Weil Loyalität ansteckend sein kann“, sagte sie.

Mira spürte, wie sich etwas in ihr löste – nicht Misstrauen, aber ein Knoten, der ein bisschen weicher wurde. „Dann beweise es“, rief sie. „Segel mit uns durch die Riffe. Nicht als Chefin. Als Verbündete.“

Die Crew murmelte überrascht. Jona hielt den kleinen Splitter fest, als wäre er ein Versprechen.

Sable zögerte. Der Nebel zog an ihrem Mantel, als wolle er sie zurück in die Einsamkeit. Dann hob sie ihr rotes Tuch vom Arm, band es langsam ab und steckte es weg.

„Nur für diese Passage“, rief sie. „Wenn ihr mich nervt, verschwinde ich wieder.“

Bodo rief: „Wir sind Weltmeister im Nervigsein!“

Mira musste lachen. „Abgemacht.“

Zwei Tage später glitt die „Sturmkrähe“ zwischen den grünen Riffen hindurch, das Wasser schimmerte wie zerbrochene Flaschen. Sable gab Zeichen, Mira las die Strömung, Jona hielt Ausschau. Mehrmals schrammten sie knapp an scharfen Felsen vorbei. Einmal riss ein Segel, und Bodo stopfte es mit einem Sack Mehl, was das Segel schwerer, aber irgendwie… stabiler machte.

Als sie schließlich aus den Riffen hinaus auf offene See kamen, war das Kriegsschiff nur noch ein grauer Punkt hinter ihnen – zu spät, zu weit weg.

Die Crew jubelte. Jona kletterte nach vorn und setzte das letzte Holzstück an den Schnabel der Möwe. Es passte perfekt.

Mira stand neben Sable am Bug. Die restaurierte Galionsfigur grinste übers Wasser, als wüsste sie, wie knapp es gewesen war.

Sable räusperte sich. „Du hast mich nicht verraten, obwohl du's konntest.“

„Ich verrate keine Verbündeten“, sagte Mira. „Und keine Menschen, die versuchen, besser zu werden.“

Sable sah sie an. „Dann… sind wir vielleicht…“

„Freundinnen?“, schlug Bodo von hinten vor. „Wir könnten ein Freundschaftsmenü machen.“

Sable schnaubte. „Zu früh.“

Mira streckte die Hand aus. „Dann fangen wir mit ‚solide‘ an. Solide ist gut auf See.“

Sable nahm die Hand. Ihr Griff war fest, aber nicht kalt. „Solide“, wiederholte sie.

Jona grinste. „Die Möwe sieht zufrieden aus.“

Mira blickte nach vorn, wo Wind und Wasser sich trafen. „Sie auch“, sagte sie. „Und diesmal ist es kein Glück. Diesmal ist es… wir.“

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Galionsfigur
Eine geschnitzte Figur am vorderen Teil eines Schiffes, oft als Schutzzeichen.
Teer
Eine zähe, schwarze Flüssigkeit, die früher zum Abdichten von Schiffen benutzt wurde.
Aberglaube
Glaube an Zeichen oder Rituale, die angeblich Glück oder Unglück bringen.
Navigatorin
Eine Frau, die das Schiff lenkt und den Weg auf See plant.
Laderaum
Der Innenraum eines Schiffes, in dem Waren und Werkzeuge gelagert werden.
Leuchtturm
Ein hoher Turm am Meer mit Licht, der Schiffen den Weg zeigt.
Riss
Eine lange, schmale Öffnung oder Bruchstelle in Material wie Holz.
Strömung
Bewegung des Wassers im Meer oder Fluss, die ein Boot schieben kann.
Riffen
Felsige Stellen unter der Wasseroberfläche, die für Schiffe gefährlich sind.
Überzeugungskraft
Die Fähigkeit, andere mit Worten oder Taten zu beeinflussen und zu überzeugen.

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