Kapitel 1: Der Mann mit dem lachenden Kompass
Kapitän Jaro Falk stand am Bug der „Seestern“ und tat so, als würde er mit dem Wind verhandeln. Sein Mantel flatterte wie eine ungeduldige Flagge, und in seinem Bart hing eine Prise Salz, als hätte das Meer beschlossen, ihn zu würzen.
„Wenn du jetzt drehst, Wind, spendier ich dir ein Lied“, murmelte er.
„Wind kann nicht trinken“, rief Smilla, die Steuermannsfrau, vom Ruder her. Sie hatte immer einen trockenen Spruch parat, selbst wenn die See nasser war als ein Froschkonzert.
Jaro grinste. „Dann eben zwei Lieder.“
Unter Deck klapperten Töpfe. Kuno, der Koch, hatte angekündigt, heute gäbe es „Piratenbrühe“, was bedeutete: alles, was nicht schnell genug weglief, landete im Kessel. Trotzdem war Kunos Essen erstaunlich gut – wahrscheinlich, weil er großzügig mit Gewürzen und Geschichten war.
Jaro zog einen Messingkompass aus der Tasche. Die Nadel zitterte, als kitzle sie eine unsichtbare Hand. In den Deckel war ein Gesicht graviert, das zu grinsen schien. Jaro nannte ihn seinen lachenden Kompass, weil er immer dann zappelte, wenn Ärger in der Nähe war.
Heute zappelte er wie verrückt.
Am Horizont schob sich ein dunkler Strich aus dem Dunst: ein anderes Schiff, schnell und flach wie ein Haifisch. Auf seinem Segel prangte ein schwarzer Fächer – das Zeichen der Fächerflotte, einer Piratenbande, die lieber nahm als fragte.
Smilla spuckte über die Reling. „Die Fächer. Die sind nicht zum Tee eingeladen.“
„Leider sind wir heute Gastgeber“, sagte Jaro. Er war ein Pirat, ja. Aber einer, der wusste, dass man mit Kanonen zwar Schlachten gewinnt, aber selten Freunde.
Sein Ziel war klar: eine Allianz. Die Inseln der Nebelstraße waren voller Händler, kleiner Dörfer, verwinkelter Buchten – und voller Gefahren. Wenn die Fächerflotte dort ihre Krallen ausfuhr, würden alle verlieren, selbst Piraten. Jaro brauchte Verbündete. Und die klügste Verbündete war, nach allem, was er gehört hatte, Kapitänin Rika Sturm von der „Nebelkrone“.
Problem: Rika traute niemandem.
Noch ein Problem: Die Fächerflotte wollte offenbar auch etwas von ihr.
„Segel trimmen!“, rief Jaro. „Wir kommen Rika zuvor. Und falls die Fächer uns Fragen stellen…“
Smilla zog eine Augenbraue hoch. „Dann antworten wir mit den Füßen?“
„Mit dem Verstand“, korrigierte Jaro. „Und notfalls mit dem Holz.“
Die „Seestern“ schnitt durch die Wellen. Das Meer roch nach Abenteuer und nach Ärger, und irgendwo kreischte eine Möwe, als wüsste sie mehr als alle anderen.
Kapitel 2: Das Angebot zwischen zwei Wellen
Zwei Tage später hing die Nebelstraße wie ein grauer Schal über dem Wasser. Inseln tauchten auf und verschwanden wieder, als spielten sie Verstecken. Jaro mochte das. Es fühlte sich an, als würde die Welt selbst flüstern.
„Da!“, rief der Ausguck. „Schiff an Steuerbord!“
Aus dem Nebel glitt ein Dreimaster, eleganter als ein Messer und doppelt so scharf. Auf dem Bug stand ein geschnitzter Kronenhelm, und am Großmast wehte ein Banner: silberner Halbmond auf dunklem Tuch. Die „Nebelkrone“.
Die Kanonenluken waren offen. Das war eine Begrüßung, die sagte: „Du darfst näherkommen, aber benimm dich.“
Jaro hob beide Hände. „Keine Tricks!“
Eine Schaluppe löste sich vom Schiff und kam herüber. Darin saß eine Frau mit kurzem, sturmblondem Haar und einem Blick, der jemanden aufschneiden konnte, ohne ein Messer zu benutzen. Kapitänin Rika Sturm. Neben ihr hockte ein schmaler Junge mit Sommersprossen, der das Boot ruderte, als wäre es ein Wettlauf gegen die Welt.
Rika sprang an Bord der „Seestern“, als wäre das Deck ihr Eigentum. „Falk“, sagte sie, ohne ihn zu grüßen. „Ich habe von dir gehört.“
„Nur Gutes, hoffe ich.“
„Meistens. Du sollst fair teilen. Das ist verdächtig.“
Jaro lachte leise. „Ich bin Pirat. Fair teilen heißt bei uns: Ich nehme nicht alles.“
Rika musterte ihn. „Warum bist du hier?“
Jaro nahm den lachenden Kompass und legte ihn auf eine Kiste. Die Nadel zitterte, beruhigte sich aber, als hätte sie Respekt vor Rikas Stiefeln. „Weil die Fächerflotte sich die Nebelstraße schnappen will. Allein kann ich sie ärgern. Zusammen können wir sie stoppen. Ich schlage eine Allianz vor.“
Der Sommersprossenjunge – er stellte sich später als Tomme vor – zog die Nase kraus. „Allianz klingt wie ‚wir passen aufeinander auf‘.“
„Genau“, sagte Jaro. „Und wir teilen Infos, Vorräte, sichere Buchten. Wenn ein Dorf Hilfe braucht, geben wir sie. Nicht aus Nettigkeit – auch. Sondern weil wir dann nicht gegen hungrige Leute kämpfen müssen, sondern mit ihnen handeln.“
Rika lehnte sich an den Mast. Der Nebel legte sich ihr um die Schultern. „Und was willst du dafür?“
Jaro antwortete ehrlich: „Sichere Routen. Und eine Chance, dass weniger Leute untergehen. Ich habe genug Wasserleichen gesehen.“
Für einen Moment war nur das Knarren der Planken zu hören.
Dann sagte Rika: „Ein schönes Angebot. Aber Worte sind wie Seifenblasen. Hübsch – und schnell weg.“
„Dann mach sie zu etwas, das schwimmt“, meinte Smilla. „Holzblase sozusagen.“
Rika schnaubte. Das war fast ein Lachen. „Beweise, Falk. Hilf mir heute Nacht. Die Fächer sind mir dicht auf den Fersen. Sie wollen meinen Kartenschreiber – und meinen Kartenraum.“
„Kartenschreiber?“, fragte Jaro.
Tomme wurde rot. „Das bin ich. Ich schreibe Karten sauber, damit Rika nicht wieder aus Versehen in eine Sandbank fährt.“
„Einmal!“, knurrte Rika.
Jaro nickte. „Was ist der Plan?“
Rika trat näher. Ihre Stimme wurde leiser, aber härter. „Wir locken die Fächer in die Krebsscheren-Rinne. Zwei Felsen, scharf wie Zähne. Bei Ebbe ist dort wenig Platz. Wenn du mutig bist, fährst du voraus und tust so, als wärst du allein. Ich verstecke mich im Nebel und schneide ihnen den Rückweg ab.“
Smilla flüsterte: „Das klingt wie ‚wir bauen eine Falle‘.“
Jaro grinste. „Klingt wie ‚wir verhandeln mit Kanonen‘.“
Rika sah ihn an. „Kannst du das?“
Jaro spürte, wie sein Kompass in der Tasche vibrierte. Ärger war garantiert. Aber auch eine Chance.
„Ja“, sagte er. „Und danach verhandeln wir wirklich.“
Kapitel 3: Die Krebsscheren-Rinne
Die Nacht kam wie ein Tuch, das jemand schnell über die Welt warf. Der Nebel wurde dichter, und die Sterne wirkten, als hätten sie Angst, sich zu zeigen.
Jaro stand am Steuer neben Smilla. „Langsam. Wir brauchen sie nah genug, dass sie gierig werden.“
„Gier ist das Einzige, was bei Piraten immer pünktlich ist“, sagte Smilla.
Hinter ihnen knarrte das Holz. Kuno kam hoch, einen Topfdeckel wie einen Helm auf dem Kopf. „Falls wir untergehen, will ich, dass alle wissen: Meine Brühe war unschuldig!“
„Wenn wir untergehen, wirst du an einer Schwimmkiste festklammern und weiter kochen“, sagte Jaro.
„Natürlich“, erwiderte Kuno beleidigt. „Was denkst du denn?“
Ein Geräusch zerschnitt die Nacht: Segel, die sich straff zogen, und das dumpfe Pochen von Rudern. Die Fächerflotte war näher, als Jaro gehofft hatte.
Aus dem Nebel schob sich das feindliche Schiff – die „Schwarzfächer“. Ihre Galionsfigur war ein grinsender Knochenmann, als hätte jemand dem Tod einen schlechten Witz erzählt.
„He da vorne!“, brüllte eine Stimme. „Haltet an und gebt uns euren Laderaum!“
Jaro hob eine Laterne. „Wir haben nur Fässer voller… Heringe.“
„Heringe?“, klang es enttäuscht.
Smilla murmelte: „Jetzt beleidigst du sie auch noch.“
Jaro rief: „Aber sehr wertvolle Heringe! Sie singen bei Vollmond.“
Ein kurzes, ungläubiges Lachen vom Gegner. Dann ein Befehl: „Ran da!“
„Sie kommen“, flüsterte Tomme, der sich auf die „Seestern“ geschlichen hatte und jetzt hinter einer Winde kauerte. Rika hatte ihn nicht von Bord gelassen, also hatte er beschlossen, selbst mutig zu sein. Jaro mochte das nicht – Jungen gehören nicht in Fallen. Aber Tommes Augen waren ernst, und Jaro wusste: Mut sucht sich seine eigenen Wege.
„Bleib unten, wenn's knallt“, sagte Jaro leise zu ihm.
„Ich kann nützlich sein“, flüsterte Tomme zurück. „Ich kenne die Rinne. Ich habe sie gezeichnet.“
„Dann sag uns, wann wir sterben“, brummte Smilla.
Tomme zeigte nach vorn, wo dunkle Formen im Wasser lauerten. „Die Felsen kommen. Zwei. Wie Zangen. Genau in der Mitte ist ein Kanal. Aber nur, wenn man die Strömung liest.“
Jaro schluckte. „Lesen kann ich. Strömungen sind nur… nasse Buchstaben.“
Sie glitten näher. Das Wasser schäumte plötzlich an einer Stelle, obwohl kein Wind ging. Jaro wusste: Dort zieht es nach unten, als hätte der Ozean eine Falltür.
„Ein bisschen nach Backbord!“, zischte Tomme.
Smilla gehorchte. Die „Seestern“ schrammte so nah an einem Felsen vorbei, dass man den kalten Stein hätte streicheln können. Ein Schauer lief Jaro über den Rücken.
Hinter ihnen jagte die „Schwarzfächer“ heran. Zu schnell. Zu selbstsicher.
„Jetzt“, murmelte Jaro. „Jetzt brauchen wir Rika.“
Als hätte der Nebel zugehört, blitzte rechts ein Licht auf. Ein silberner Halbmond – und dann krachte die „Nebelkrone“ aus der grauen Wand, quer vor den Rückweg der Fächer. Kanonen donnerten. Nicht auf die „Schwarzfächer“, sondern auf das Wasser vor ihr, sodass Fontänen hochschossen wie wütende Geister.
„Bremsen, ihr Aale!“, brüllte jemand auf dem Fächerschiff.
Zu spät.
Die „Schwarzfächer“ versuchte auszuweichen – und rammte die erste „Krebsschere“. Holz splitterte, Segel flatterten. Das Schiff drehte sich quer, direkt in die Strömung.
„Sie sitzen fest!“, rief Smilla.
Jaro atmete aus. „Nicht tot. Nur gefangen. Das ist besser.“
Rika ließ ein Seil übersetzen. Ihre Stimme trug über das Wasser: „Falk! Jetzt reden wir – aber schnell. Bevor die Fächer ihre Zähne wiederfinden!“
Kapitel 4: Ein Händedruck, der nach Teer riecht
Auf der „Nebelkrone“ roch es nach Teer, Seil und Zitronenschalen. Jaro wunderte sich über die Zitronen, bis er sah, dass Rika ganze Netze davon hängen hatte – gegen Skorbut und schlechte Laune, wie sie knapp erklärte.
Sie standen in ihrem Kartenraum. Wände voller Karten, Nadeln, Linien, Notizen. Tomme strahlte, als würde er in seinem eigenen Kopf wohnen und dort wäre es gemütlich.
Rika legte zwei Becher auf den Tisch. „Kein Rum. Tee. Damit man beim Verhandeln nicht plötzlich glaubt, man könne fliegen.“
„Schade“, sagte Jaro. „Ich fliege selten, aber wenn, dann elegant.“
Rika zog einen Stuhl heran. „Du hast geliefert. Die Fächer sind beschädigt, und sie werden sich erst rauswinden müssen. Das gibt uns Zeit. Also: Was genau ist deine Allianz?“
Jaro holte tief Luft. Jetzt musste er nicht nur mutig, sondern klug sein. Eine Allianz ist wie ein Knoten: Zu locker, und sie hält nicht. Zu fest, und sie schnürt einem die Finger ab.
„Drei Punkte“, sagte er und hob die Finger. „Erstens: Wir warnen uns gegenseitig vor Gefahren. Fächer, Stürme, Riffe. Zweitens: Wir richten eine neutrale Bucht ein – die Muschelbucht – wo wir Vorräte tauschen können. Drittens: Wenn Dörfer angegriffen werden, helfen wir. Nicht, weil wir Heilige sind. Sondern weil wir die Nebelstraße brauchen, und die Leute dort auch.“
Rika tippte mit dem Finger auf die Karte. „Und wenn ich nein sage?“
Jaro sah sie an. „Dann werde ich trotzdem helfen, wo ich kann. Aber allein kann ich nicht überall sein. Und die Fächer werden dich irgendwann erwischen. Vielleicht nicht heute, aber sie sind wie Mücken: Sie kommen wieder.“
Tomme räusperte sich. „Außerdem…“ Er wurde rot, als alle zu ihm schauten. „Außerdem hat Kapitän Falk nicht versucht, mich zu klauen. Das machen andere. Er hat gesagt, ich soll mich verstecken. Das war… nett. Und klug.“
Kuno, der es irgendwie geschafft hatte, sich ebenfalls in den Kartenraum zu mogeln, nickte ernst. „Er ist oft nett, wenn er nicht gerade Heringe erfindet.“
Smilla grinste. „Oder wenn er nicht versucht, mit dem Wind zu flirten.“
Rika hob eine Augenbraue. „Mit dem Wind flirten?“
„Ich hatte einen schlechten Tag“, sagte Jaro schnell.
Rika schwieg einen Moment. Dann schob sie ihren Becher über den Tisch. „Du bekommst eine Probezeit. Drei Wochen. In der Zeit halten wir uns an deine drei Punkte. Wenn du mich hintergehst, Falk…“
„…dann hängt mein Kopf als neue Galionsfigur“, ergänzte Jaro.
„Zu freundlich“, sagte Rika. „Ich dachte eher an: Du schrubbst mein Deck mit einer Zahnbürste.“
Smilla verzog das Gesicht. „Das ist grausam.“
Jaro hob den Becher. „Abgemacht.“
Rika stieß an. „Abgemacht.“
In diesem Moment krachte draußen etwas. Ein Alarmruf. Schritte. Der Nebel war nicht nur ein Mantel – er konnte auch eine Tür sein, hinter der sich jemand versteckt.
Rika riss die Tür auf. „Sie sind schon frei?“
Ein Matrose rief: „Nicht die Fächer! Ein Boot ohne Licht! Es kommt aus Richtung Klippen!“
Jaro zog den lachenden Kompass. Die Nadel tanzte, als würde sie auf heißen Kohlen stehen.
„Das“, sagte Jaro, „ist kein gewöhnlicher Besucher.“
Kapitel 5: Das Boot ohne Licht
Sie sahen es als dunklen Schatten auf den Wellen, fast lautlos. Kein Banner, keine Laterne. Nur ein Rumpf, der sich im Nebel duckte wie ein Geheimnis.
„Das ist keine Piratenart“, knurrte Rika. „Piraten wollen gesehen werden.“
„Vielleicht sind es welche mit schlechten Manieren“, meinte Smilla.
Jaro hob ein Fernrohr. Im Boot standen drei Gestalten. Zwei ruderten, eine hielt etwas Langes in den Armen – wie ein Rohr.
„Eine Signalröhre?“, murmelte Tomme. „Oder…“
Ein Zischen. Dann ein Pfeil, der sich in den Mast bohrte, nur eine Handbreit neben Jaros Kopf. Daran hing eine kleine Lederrolle.
„Das ist eine Nachricht“, sagte Jaro langsam. „Und eine Drohung.“
Rika riss den Pfeil heraus, als wäre er eine lästige Gräte. Sie entrollte die Botschaft. Ihre Augen verengten sich.
„Lies“, sagte Jaro.
Rikas Stimme wurde kalt. „‚Allianz ist Verrat. Die Nebelstraße gehört den Fächern. Liefert Falk aus, und wir lassen euch schwimmen. Wenn nicht, brennt die Muschelbucht.‘“
Tomme flüsterte: „Die wissen schon von der Bucht…“
„Dann haben wir ein Leck“, sagte Smilla. „Oder sie raten gut.“
Kuno hob den Topfdeckel wie ein Schild. „Ich hab niemandem was gesagt! Außer vielleicht einer Möwe. Aber die war sehr überzeugend.“
Jaro dachte schnell. Wenn die Fächer die Muschelbucht angreifen, treffen sie nicht nur Piraten. Sie treffen Fischerfamilien, Kinder, Händler. Das war der Punkt, an dem ein Pirat entscheiden musste, was für einer er sein wollte.
Rika sah Jaro scharf an. „Sie wollen dich. Wenn du gehst, sind wir sicher.“
Ein schwerer Moment. Jaro spürte, wie die Mannschaft hinter ihm still wurde. Mut war nicht, keine Angst zu haben. Mut war, mit Angst zu rechnen und trotzdem zu handeln.
„Wenn ich gehe“, sagte Jaro, „brennen sie die nächste Bucht. Und die nächste. Dann bestimmen sie die Regeln.“
Rika presste die Lippen zusammen. „Du bist verdammt stur.“
„Nur wenn es wichtig ist.“
Tomme trat einen Schritt vor. Seine Stimme zitterte, aber er hielt stand. „Die Muschelbucht hat Hütten. Und Boote. Und einen kleinen Laden mit Bonbons. Wenn die brennt, ist das…“ Er schluckte. „…einfach unfair.“
Smilla legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Willkommen in der Welt. Aber wir können unfairen Leuten auf die Füße treten.“
Jaro drehte sich zu Rika. „Wir müssen schneller sein. Wir schützen die Muschelbucht, bevor die Fächer dort ankommen. Und wir finden heraus, wer ihnen Informationen gibt.“
Rika nickte knapp. „Gut. Und wie?“
Jaro zeigte auf die Karten. „Intelligenz. Nicht nur Kanonen. Wir stellen ihnen etwas hin, das sie glauben lässt, sie hätten gewonnen. Und dann… nehmen wir ihnen das Ruder aus der Hand.“
Kuno hob den Topfdeckel. „Ich könnte ihnen Brühe anbieten. Mit extra Pfeffer. Das nimmt auch jedem das Ruder.“
„Danke, Kuno“, sagte Jaro. „Vielleicht später.“
Sie segelten sofort los. Der Nebel riss auf, als würde das Meer selbst Platz machen. Und Jaro wusste: Die nächste Nacht würde entscheiden, ob aus einer Probezeit eine echte Allianz wurde.
Kapitel 6: Muschelbucht und das falsche Feuer
Die Muschelbucht lag wie eine schützende Hand zwischen zwei grünen Hügeln. Fischerboote dümpelten am Rand, und über dem Strand standen Hütten aus Holz und Stein. Als die „Nebelkrone“ und die „Seestern“ einliefen, kamen Leute heraus, zuerst vorsichtig, dann neugierig.
Eine ältere Frau mit einem Korb voller Netze stellte sich ihnen in den Weg. „Wenn ihr Ärger bringt, könnt ihr ihn auch wieder mitnehmen.“
Jaro nahm den Hut ab. „Wir bringen Schutz. Und wenn wir Glück haben, auch ein bisschen Hoffnung.“
Rika erklärte kurz, was drohte. Die Frau – sie hieß Maren – verzog keine Miene, aber ihre Finger umklammerten den Korb fester.
„Dann werden wir helfen“, sagte Maren. „Wir sind nicht reich. Aber wir haben Augen. Und wir haben Boote.“
Das war Altruismus, dachte Jaro. Nicht groß reden, sondern anpacken.
Jaro und Rika setzten einen Plan um. Sie ließen am Strand ein „Lager“ errichten: Kisten, Fässer, sogar ein paar glänzende Dinge, die im Mondlicht gut aussahen. Es sollte wie ein leichtes Ziel wirken. Gleichzeitig versteckten sie ihre Leute zwischen den Hütten, in den Booten, hinter Felsen. Tomme zeichnete im Sand die Strömungen und zeigte Smilla eine sichere enge Passage, die nur Einheimische kannten.
„Wenn die Fächer kommen“, sagte Jaro zu seiner Mannschaft, „kein Heldentum ohne Kopf. Wir schützen zuerst die Leute. Dann erst die Beute.“
Kuno hob eine Kelle. „Und die Suppe?“
„Auch die“, sagte Jaro. „Die Suppe ist ein wichtiger Teil der Zivilisation.“
In der Dämmerung sahen sie Segel am Horizont. Schwarz. Fächer.
„Sie sind pünktlich“, murmelte Smilla. „Wie schlechte Nachrichten.“
Rika stand am Strand, die Arme verschränkt. „Warten.“
Die Fächerschiffe glitten in die Bucht, sicher, gierig. Männer sprangen ins flache Wasser und rannten auf das falsche Lager zu.
Jaro gab ein Handzeichen. Keine Kanonensalven. Nur Pfeifen. Dann schossen Netze aus dem Dunkeln, geworfen von Fischern, Matrosen, sogar von Maren selbst. Netze klebten an Armen und Beinen, zogen Männer zu Boden wie wütende Spinnenfäden. Von den Booten aus kippten Leute Fässer ins Wasser – nicht mit Pulver, sondern mit stinkendem Fischöl. Die Oberfläche wurde glitschig.
„Wer hat das Öl vorgeschlagen?“, flüsterte Jaro.
Kuno grinste stolz. „Zivilisation. Mit Aroma.“
Ein Fächer-Offizier brüllte: „Feuer!“
Eine Fackel flog – und zischte aus, als sie das Fischöl traf und im nassen Sand erstickte. Kein Brand. Nur Rauch und Flüche.
Rika trat hervor, ihre Stimme laut wie ein Glockenschlag. „Genug! Eure Drohung ist geplatzt wie eine alte Blase. Geht – oder ihr lasst mehr zurück als eure Würde.“
Ein Mann mit rotem Tuch um den Kopf trat aus den Reihen. Seine Augen waren schmal. „Wo ist Falk?“
Jaro kam langsam aus der Deckung. „Hier.“
Sofort richteten sich Pistolen auf ihn. Rikas Leute spannten die Armbrüste. Es war ein Moment, der so dünn war wie eine Rasierklinge.
Jaro hob beide Hände. „Du willst mich? Dann hör zu. Ich gebe dir etwas Besseres als meinen Kopf: einen Deal.“
Der Mann lachte. „Ein Deal? Mit dir?“
„Ja“, sagte Jaro. „Ihr zieht euch aus der Nebelstraße zurück. Dafür bekommt ihr einen Korridor weiter südlich, den niemand nutzt – weil dort Riffe sind. Aber ich kenne einen sicheren Weg. Den gebe ich euch. Und ihr lasst die Dörfer in Ruhe.“
Rika starrte Jaro an, als hätte er gerade angeboten, sein eigenes Schiff zu verschenken. „Falk…“
Jaro flüsterte, ohne den Blick vom Mann zu nehmen: „Das ist ein Köder. Der Korridor führt in eine Sackströmung. Sie kommen raus – aber mit Zeitverlust. Wir gewinnen Wochen. Und wir zeigen ihnen: Wir handeln, aber wir lassen uns nicht erpressen.“
Tomme schluckte. „Das ist… schlau und gemein.“
„Danke“, murmelte Jaro. „Piratenkunst.“
Der Mann mit dem roten Tuch zögerte. Gier kämpfte mit Misstrauen.
Da rief Maren plötzlich: „Und wenn ihr doch wiederkommt, erzählen wir allen Häfen, dass ihr Angst vor Fischöl habt!“
Ein paar Kinder kicherten nervös. Selbst einige Fächer sahen kurz unsicher aus. Niemand wollte als „Fischöl-Feigling“ berühmt werden.
Der Offizier spuckte aus. „Zeig den Weg, Falk. Aber wenn das ein Trick ist…“
Jaro nickte. „Dann darfst du mich wieder suchen. Aber erst, wenn du gelernt hast, freundlich zu klopfen.“
Die Fächer zogen sich zurück, knurrend, aber nicht brennend. Die Bucht blieb heil. Und die Leute standen noch.
Rika atmete langsam aus. „Du spielst ein gefährliches Spiel.“
„Ich spiele es nicht allein“, sagte Jaro. „Das ist der Punkt.“
Kapitel 7: Ein gerades Ruder
Später, als die Bucht wieder ruhig war und nur das leise Schmatzen der Wellen blieb, saßen Jaro und Rika am Strand. Ein kleines Feuer brannte – diesmal wirklich, sicher zwischen Steinen. Kuno hatte es geschafft, Tee zu kochen, der nach Rauch und Zitronen schmeckte.
Tomme zeichnete neben ihnen im Sand. Keine Karten diesmal, sondern ein Schiff mit viel zu großen Segeln und einem winzigen Kapitän, der wie eine Bohne aussah. Er sah zu Jaro. „Das sollst du sein. Du bist kleiner, als du denkst.“
Jaro lachte. „Danke, Kartenschreiber. Das trifft mich direkt ins… Bohnenherz.“
Rika schob ihm einen Becher hin. „Du hast die Bucht gerettet. Und du hast die Leute nicht als Schild benutzt. Das zählt.“
„Ich habe auch Marens Ruf als Fischöl-Dichterin genutzt“, sagte Jaro.
Rika verzog den Mund. „Sie war gut.“
Sie schwiegen einen Moment, hörten das Meer. Jaro dachte an die Drohung, an den Pfeil im Mast, an die brennenden Möglichkeiten. Dann sah er zu den Hütten, wo Licht flackerte und Schatten tanzten. Menschen, die heute nicht hatten fliehen müssen.
„Also“, sagte Jaro vorsichtig, „Allianz? Nicht nur Probezeit?“
Rika sah ihn lange an. Dann streckte sie die Hand aus. Ihre Hand war rau, stark, ehrlich. „Allianz. Aber mit Regeln.“
Jaro schlug ein. „Mit Regeln.“
„Erstens“, sagte Rika, „du erfindest keine singenden Heringe mehr, wenn wir verhandeln.“
„Zweitens“, warf Smilla ein, die sich dazugesellt hatte, „du flirtst nicht mit Wetter.“
„Das ist ein harter Vertrag“, seufzte Jaro. „Aber ich unterschreibe innerlich.“
Tomme klatschte leise. „Dann sind wir… so etwas wie eine Mannschaft aus zwei Schiffen.“
„Genau“, sagte Jaro. „Und wir passen auf andere auf, nicht nur auf uns.“
In der Nacht versuchten die Fächer, den „sicheren Korridor“ zu nehmen. Von einem Felsen aus beobachtete Jaro, wie ihre Segel kleiner wurden. Sie würden Zeit verlieren, fluchen, vielleicht sogar lernen, dass Drohungen nicht immer ans Ziel führen.
„Du hast ihnen nicht geschadet, mehr als nötig“, sagte Rika neben ihm.
Jaro nickte. „Wenn ich ihnen alles wegnehme, kommen sie nur hungriger zurück. Wenn ich ihnen zeige, dass es Grenzen gibt, aber auch Auswege… vielleicht wählen sie irgendwann den besseren Weg.“
Rika hob eine Augenbraue. „Du bist ein Pirat mit zu viel Gewissen.“
„Ich nenne es: ein gerades Ruder“, sagte Jaro.
„Ein was?“
Jaro zeigte auf die „Seestern“, die ruhig in der Bucht lag. Smilla stand am Steuer, die Hände locker am Rad. Das Ruderblatt lag sauber in der Linie, gerade, stabil. Kein Zickzack, kein nervöses Reißen.
„Wenn das Ruder gerade steht“, erklärte Jaro, „fährt man nicht gegen jede Welle an. Man hält Kurs. Auch wenn's schaukelt.“
Rika sah hinüber, und in ihrem Blick war etwas Weiches, das sie sonst gut versteckte. „Dann halten wir Kurs.“
Am nächsten Morgen wehte der Wind freundlich, als hätte er Jaros Angebot doch angenommen. Zwei Schiffe segelten nebeneinander aus der Muschelbucht, ihre Flaggen verschieden, ihr Ziel gemeinsam. Hinter ihnen blieb eine Bucht, die nicht verbrannt war, und vor ihnen lag die Nebelstraße – voller Gefahren, voller Möglichkeiten.
Und das Ruder stand gerade.