Kapitel 1: Salz auf den Lippen, Blut am Verband
Der Wind roch nach Sturm und nach Freiheit. Jona stand am Bug der „Krähensonne“, die Stiefel fest auf den nassen Planken, und ließ den Blick über das dunkelgrüne Wasser gleiten. Die Wellen schäumten, als würden sie lachen.
Hinter ihm polterte es. „Vorsichtig, du Holzklötzchen!“, knurrte Käpt'n Raska, obwohl sie selbst gerade zwei Eimer umwarf. Ihr rotes Kopftuch flatterte wie eine kleine Flagge der schlechten Laune. „Jona, hol deine schnellen Hände her!“
Jona drehte sich um und rannte unter Deck. Dort war die Luft warm, nach Teer und Zitronenschale und etwas Metallischem. Milo lag auf einer Hängematte, blass wie Kreide, der Arm dick verbunden. Er versuchte zu grinsen, aber es sah eher aus, als würde ihm das Gesicht zu groß sein.
„Du solltest nicht reden“, sagte Jona leise.
„Dann… sing ich“, murmelte Milo und hob zwei Finger, als würde er Dirigieren spielen. „Ahoi, du—“
„Nein“, unterbrach Jona streng. „Nicht singen.“
Käpt'n Raska beugte sich über Milo und kontrollierte den Verband. „Die Kanonenkugel hat dich nur geküsst, Kleiner. Aber wenn du Fieber kriegst, schmeiß ich dich persönlich ins Meer. Verstanden?“
Milo schnaubte. „Das ist ja… rührend.“
Jona konnte nicht anders, als kurz zu lächeln. Doch das Lächeln rutschte weg, als das Schiff plötzlich hart zur Seite kippte. Über Deck schrien Stimmen, Seile schlugen gegen Masten.
„Was war das?“ Milo hob den Kopf, sofort schmerzverzerrt.
„Riff!“ rief jemand von oben. „Oder Felsen!“
Jona sprang die Stufen hoch. Vor ihnen wuchs aus dem Nebel eine Insel: schwarze Klippen, ein Kranz aus spitzen Steinen wie Haifischzähne. Und zwischen den Zähnen: eine schmale, heimtückische Durchfahrt.
Am Steuer stand Nessa, die Navigatorin, mit einer Karte, die aussah, als hätte sie ein Oktopus gezeichnet. „Das ist nicht auf der Route!“
Raska spuckte ins Wasser. „Die Route hat sich geändert. Jemand will uns in die Zange nehmen.“
Da sah Jona das Segel hinter ihnen, grau wie ein Regentuch. Ein anderes Schiff, schnell und schlank, glitt aus dem Nebel. Auf seinem Bug prangte ein goldenes Auge.
„Die Augenbrigade“, flüsterte Nessa. „Die nehmen alles. Und sie lassen keine Zeugen.“
Jona spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Nicht wegen sich selbst. Wegen Milo.
„Wir können nicht kämpfen“, sagte er. „Nicht mit Milo so.“
Raska sah ihn scharf an. In ihrem Blick lag etwas wie Zustimmung, das sich als Knurren tarnte. „Dann rennen wir. Und du, Junge, du passt auf unseren Verletzten auf. Keine Heldentaten ohne Hirn.“
Jona nickte. „Mit Hirn. Versprochen.“
Kapitel 2: Eine Insel, die nicht auf Karten steht
Die „Krähensonne“ schoss durch die Durchfahrt, so knapp an den Felsen vorbei, dass Jona den kalten Sprühnebel im Gesicht fühlte wie Nadeln. Einmal schrammte die Seite, Holz ächzte. Hinter ihnen donnerte eine Kanone; die Kugel zischte über den Mast und zerfetzte ein Stück Segel.
„Die haben Zielwasser getrunken!“ brüllte Raska. „Nessa, wohin?“
Nessa deutete nach vorn, wo die Insel sich öffnete und eine Bucht zeigte, dunkel und still wie ein Geheimnis. „Da rein! Aber das Wasser ist flach. Wir müssen Ballast abwerfen.“
„Alles, was nicht lebt!“ befahl Raska.
Jona rannte unter Deck, stopfte Milos Decke fester. „Wir landen gleich. Du bleibst ruhig, ja?“
„Ich bin… das Bild von Ruhe“, keuchte Milo und versuchte, sich aufzusetzen. „Ich sehe nur aus wie ein… matschiger Fisch.“
„Ein sehr frecher matschiger Fisch“, sagte Jona.
Ein Ruck ging durchs Schiff, dann noch einer. Die „Krähensonne“ glitt in die Bucht und setzte mit einem dumpfen Krachen auf Sand auf.
„Raus!“ schrie Raska. „Und leise!“
Der Nebel hing tief. Palmen standen schief, als hätten sie etwas gesehen, das ihnen nicht gefiel. Die Crew sprang ins seichte Wasser, zog das Boot mit Seilen Richtung Ufer. Jona blieb einen Moment an der Reling stehen, hörte das entfernte Knallen der Augenbrigade draußen an den Felsen.
Dann entschied er. Nicht aus Mut, sondern aus Notwendigkeit.
„Ich trage ihn“, sagte Jona.
„Du bist kein Ochse“, knurrte Raska. „Aber du bist stur. Na gut. Zwei Mann helfen dir.“
Gemeinsam hievten sie Milo vorsichtig in ein kleines Ruderboot. Milo biss die Zähne zusammen, sagte aber keinen Ton. Jona drückte ihm die Hand. „Du schaffst das.“
Milo öffnete ein Auge. „Wenn du mich fallen lässt, spuke ich in deine Suppe. Für immer.“
„Dann halte ich dich lieber fest.“
Am Strand fanden sie eine Mulde zwischen Felsen und dichtem Farn. Dort war es trocken, und ein umgestürzter Baum bildete eine Art Dach. Nessa entzündete ein kleines Feuer, das mehr glimmte als brannte.
Raska kniete sich zu Jona. „Die Augenbrigade wird suchen. Wir brauchen Zeit. Und wir brauchen Wasser, Kräuter, irgendwas gegen Fieber.“
„Ich gehe“, sagte Jona sofort.
Raska hob eine Augenbraue. „Allein?“
„Mit Nessa. Sie kann Spuren lesen.“
Nessa nickte. „Und ich kann so tun, als wäre ich ein harmloser Busch.“
„Du bist der stacheligste Busch, den ich kenne“, murmelte Jona.
Milo zog an Jonas Ärmel. „Und… wenn du ein echtes Piratenabenteuer willst… geh nicht rechts. Da riecht's nach Ärger.“
Jona sah ihn an. „Du riechst nach Ärger.“
„Danke.“ Milo lächelte schwach. „Ich gebe mir Mühe.“
Jona stand auf. Der Nebel schluckte die Bucht, aber irgendwo über den Wolken musste die Sonne sein. Er atmete tief ein.
Gerechtigkeit, dachte er. Nicht nur Beute. Nicht nur Flucht. Wenn die Augenbrigade jagt, weil sie denkt, sie darf alles nehmen—dann sollte jemand sie stoppen. Vielleicht nicht heute. Aber irgendwann.
Heute stoppte er sie zumindest daran, Milo zu erwischen.
Kapitel 3: Spuren im Sand und ein Gesetz der Piraten
Jona und Nessa schlichen durch den Dschungel. Die Insel war kleiner, als sie aussah, aber sie war voll von Geräuschen: kreischende Vögel, knisternde Blätter, das tiefe Brummen von Insekten, die klangen wie winzige Motoren.
„Hier“, flüsterte Nessa und zeigte auf den Boden. Im feuchten Sand waren Abdrücke: Stiefel, viele. Und dazwischen eine Spur, als hätte jemand etwas Schweres geschleift.
Jona beugte sich näher. „Die sind schon hier.“
Nessa zog die Karte hervor. „Die Insel ist nicht eingezeichnet, aber…“ Sie tippte auf einen Punkt. „Wenn es hier Süßwasser gibt, dann dort, wo der Boden tiefer liegt. Flussbett, Quelle, irgendwas.“
Sie gingen weiter, duckten sich unter Lianen, die wie nasse Seile hingen. Jona spürte sein Herz bis in die Kehle. Er dachte an Milo, wie er in der Mulde lag, und daran, wie schnell Fieber einen Menschen klein machen konnte.
Plötzlich blieb Nessa stehen, hob eine Faust. Vor ihnen, zwischen zwei Felsen, lag eine Kiste—offen, leer—und daneben ein Mann in grauem Mantel, der mit dem Rücken zu ihnen hockte und etwas in den Sand zeichnete. An seinem Gürtel hing ein Messer, das zu sauber aussah für einen ehrlichen Menschen.
Jona flüsterte: „Augenbrigade.“
Nessa schüttelte den Kopf. „Warte.“
Der Mann murmelte vor sich hin: „…und dann teilen wir es, wie der Kapitän will. Alles für das Auge.“
Jona ballte die Hände. „Die plündern, was sie finden. Selbst wenn's jemandem gehört.“
„Piraten nehmen“, flüsterte Nessa, „aber nicht von den Schwachen. Das ist Ras… unser Gesetz.“
Jona nickte. Raskas Regeln waren einfach: Beute ja, aber keine Dörfer ausrauben. Keine Kranken ausnehmen. Keine Kinder einschüchtern. Wer es doch tat, bekam eine Lektion—nicht immer sanft.
„Wir brauchen Kräuter“, flüsterte Jona. „Nicht Ärger.“
Der Mann stand auf und ging. Als er weg war, schlichen Jona und Nessa zur Kiste. Darin lag nur ein Stück Stoff, zerrissen, und ein kleiner Kompass ohne Nadel.
„Kaputt“, sagte Nessa.
Jona hörte etwas: leises Plätschern. „Wasser!“
Sie folgten dem Geräusch und fanden eine Quelle, die aus einem Felsen tropfte. Daneben wuchsen Pflanzen mit breiten Blättern und kleinen, gelben Blüten.
Nessa kniete sich hin. „Das könnte helfen. Gegen Fieber… vielleicht. Meine Großmutter hat sowas benutzt.“
„Dann nehmen wir es“, sagte Jona. „Vorsichtig.“
Während sie sammelten, knarrte hinter ihnen ein Ast.
„Na, na“, sagte eine Stimme. „Zwei kleine Krabben im falschen Eimer.“
Jona fuhr herum. Drei Männer standen da. Graue Segel-Leute. Das goldene Auge als Anhänger.
Der vorderste grinste. „Ihr gehört zu der Krähensonne, stimmt's? Wo ist euer Käpt'n?“
Nessa trat einen Schritt vor. „Wir sind nur auf der Suche nach Wasser. Ihr könnt es auch trinken.“
„Wir trinken lieber Gold“, sagte der Mann und machte einen Schritt näher. „Und wir mögen es, wenn Leute uns ihre Geheimnisse schenken.“
Jona spürte, wie sein Kopf arbeitete, schneller als seine Angst. Drei gegen zwei. Keine Pistolen. Aber die Quelle… der Boden war matschig.
Er sah Nessa kurz an. Sie verstand sofort. Sie hob die Hände, als würde sie aufgeben.
„Okay“, sagte Jona. „Wir zeigen euch… aber ihr müsst näher kommen. Sonst hört ihr mich nicht. Die Vögel sind so laut.“
Der Mann beugte sich vor. „Ich hör dich gut—“
Jona trat einen Schritt zurück und stampfte hart in den Matsch. Der Boden spritzte. Nessa warf gleichzeitig die gesammelten Blätter wie einen grünen Fächer ins Gesicht des Mannes. Er fluchte, rieb sich die Augen.
„Jetzt!“ zischte Nessa.
Sie rannten. Hinter ihnen rutschten die Männer im Matsch aus, stolperten über Wurzeln. Einer brüllte: „Packt sie!“
Jona rannte, bis seine Lunge brannte. Er hielt Nessa am Ärmel fest, zog sie durch eine enge Felsspalte. Dahinter war es dunkel und kühl—eine Höhle.
Sie stolperten hinein, hielten den Atem an. Draußen fluchten die Männer, aber die Spalte war zu eng für ihre breiten Schultern.
„Nicht schlecht“, keuchte Nessa.
Jona grinste kurz. „Ich hab's mit Hirn versucht.“
„Und mit sehr viel Matsch.“
In der Höhle roch es nach Stein und altem Holz. Und da, im Halbdunkel, lag etwas, das nicht hierhergehörte: ein kleines, messingfarbenes Instrument, halb im Staub vergraben.
Nessa kniete sich hin. „Ein Sextant.“
Jona strich darüber. Die Metallteile waren kalt, aber fein gearbeitet. „Warum liegt der hier?“
Aus der Tiefe der Höhle kam ein leises Klicken. Als würde jemand… eine Tür schließen.
Kapitel 4: Der Handel mit dem Auge
Sie fanden den Ausgang der Höhle auf der anderen Seite, versteckt hinter Farn. Die Sonne war inzwischen tiefer, und der Nebel bekam einen goldenen Rand. Doch Zeit fühlte sich an wie ein Seil, das zu schnell durch die Hände rutscht.
„Zurück zu Milo“, sagte Jona. „Sofort.“
Als sie die Mulde erreichten, sahen sie zuerst das Feuer—aus. Dann die Decke—weg. Und dann hörten sie Milos Stimme, schwach, aber wütend:
„Ich schwöre, ich beiße!“
Jona stürmte vor. Zwei Männer der Augenbrigade hielten Milo am Arm, während ein dritter mit einem Seil hantierte. Milo war halb aufrecht, das Gesicht schweißnass. Raska stand ein paar Schritte entfernt, die Hände gebunden, das Kinn hoch wie ein Mast im Sturm. Die Crew war auseinandergetrieben, einige ebenfalls gefesselt.
Der Anführer, eine Frau mit silbernem Ohrring in Form eines Auges, trat aus dem Schatten. Ihre Stimme war glatt. „Käpt'n Raska. Immer noch stolz. Das gefällt mir. Stolz lässt sich teuer verkaufen.“
Raska spuckte aus. „Du verkaufst sogar deine eigene Zunge, wenn sie glänzt.“
Die Frau lächelte. „Vielleicht. Aber ich kaufe heute etwas anderes: eure Karte. Und euren verletzten Freund. Zeugen sind lästig.“
Jona blieb stehen. Sein Herz pochte so laut, dass er Angst hatte, es könnte die Piratin hören.
Nessa flüsterte: „Wir sind zu spät.“
Jona sah Milo an. Milo versuchte, Jonas Blick zu finden. Als er ihn sah, hob er minimal den Kopf, als würde er sagen: Nicht dumm werden.
Jona dachte an das Gesetz. An Gerechtigkeit. Und an etwas, das größer war als Mut: Verantwortung.
Er trat aus dem Gebüsch, die Hände sichtbar. „Lasst ihn. Er kann kaum stehen.“
Die Frau mit dem silbernen Auge musterte ihn. „Und du bist…?“
„Jona“, sagte er. „Und ich kann euch etwas geben, das ihr wirklich wollt.“
Raska knurrte. „Jona, nein.“
Jona schluckte. „Einen Sextanten.“
Die Augenpiratin hob langsam die Augenbrauen. „Woher hast du den?“
„In einer Höhle“, sagte Jona. „Alt. Wertvoll. Vielleicht… Teil einer legendären Ausrüstung.“
Die Frau trat näher. „Bring ihn her. Dann rede ich vielleicht über euren Freund.“
Jona sah Nessa kurz an. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf: Zu gefährlich. Aber Jona hatte keine bessere Karte. Und Milo atmete schon zu schnell, als würde sein Körper gegen sich selbst kämpfen.
„Ich bringe ihn“, sagte Jona. „Aber erst lasst ihr Milo los. Gerecht ist gerecht. Ihr wollt handeln, nicht rauben.“
Die Frau lachte. „Gerechtigkeit unter Piraten? Wie niedlich.“
Jona blieb ruhig. „Wenn ihr ihn jetzt umhaut, werdet ihr ihn tragen müssen. Und wenn er stirbt, bevor ihr ihn… loswerdet, habt ihr nichts außer einem Problem. Lasst ihn sitzen. Dann bringe ich den Sextanten. Ihr gewinnt. Und wir—wir verlieren nur einen Gegenstand.“
Raska starrte Jona an, als würde sie gleichzeitig schimpfen und stolz sein.
Die Augenpiratin tippte sich ans Kinn. Dann schnippte sie mit den Fingern. „Setzt den Jungen hin.“
Milo wurde auf einen Stein gedrückt. Er keuchte, aber er lebte. Jona atmete einmal tief durch.
„Gut“, sagte die Frau. „Jetzt, Sextant.“
Jona drehte sich halb zu Nessa. „Hol ihn“, flüsterte er. „Und… wickel ihn ein. In Stoff. Irgendwas. Schnell.“
Nessa blinzelte. Dann verstand sie, und ein winziges, freches Funkeln huschte über ihr Gesicht. Sie verschwand.
Jona blieb stehen, damit alle Augen auf ihm blieben. Er erzählte, während er wartete, irgendeine Geschichte über einen Navigator, der mit einem Sextanten Stürme vorhersagen konnte. Es war halb erfunden, halb Hoffnung. Aber es hielt die Piratin bei Laune.
Nach quälenden Minuten kam Nessa zurück. In ihren Händen lag ein Bündel Stoff—eine alte, dunkelblaue Jacke, eng darum gewickelt. Der Sextant war darin verborgen, nur ein Messingwinkel blitzte kurz auf.
Nessa reichte das Bündel der Augenpiratin. Die Frau nahm es gierig, als hätte sie gerade eine Krone gefangen.
Jona sagte: „Jetzt unser Teil.“
Die Augenpiratin wog das Bündel in der Hand. „Ihr bekommt… einen Vorsprung. Zehn Minuten. Dann jagen wir euch wieder.“
Raska lachte heiser. „Zehn Minuten? Du bist großzügig wie eine hungrige Möwe.“
Die Frau trat näher zu Jona, ihre Stimme leiser. „Du bist schlau. Komm zu uns. Wir mögen schlaue Jungen.“
Jona sah ihr direkt in die Augen. „Schlau heißt nicht käuflich.“
Für einen Moment war es still. Dann schlug die Frau Jona nicht, wie er erwartet hatte. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Wie du willst.“
Sie drehte sich um. „Bindet sie los. Aber nehmt ihnen alles, was glänzt.“
„Das ist nicht gerecht!“ platzte es aus Jona heraus.
Die Frau blickte über die Schulter. „Gerechtigkeit ist eine Geschichte, die Gewinner erzählen.“
Raska hob das Kinn. „Dann sorgen wir dafür, dass du heute nicht gewinnst.“
Kapitel 5: Zehn Minuten Meer, eine Ewigkeit Mut
Sobald die Augenbrigade weg war, bewegte sich die Crew wie ein geöltes Uhrwerk. Seile wurden gelöst, Hände massiert, Waffen gezählt. Raska riss Jona die Fesseln ab und packte ihn an den Schultern.
„Du dickköpfiger Held“, knurrte sie. „Du hast uns fast verkauft.“
„Ich hab uns Zeit gekauft“, sagte Jona, die Stimme rau. „Und Milo…“
Milo saß, zitternd, aber lebendig. Jona kniete sich zu ihm und gab ihm die gelben Blätter, die sie gesammelt hatten. Nessa zerkaute sie, spuckte sie in ein Tuch und machte daraus einen bitteren Brei.
„Das ist das ekligste“, murmelte Milo schwach.
„Gerechtigkeit schmeckt manchmal so“, sagte Nessa trocken.
Jona hielt Milos Kopf, während er den Brei schluckte. „Bleib bei uns. Bitte.“
Milo blinzelte langsam. „Ich bleib… wenn du aufhörst, so zu gucken, als würdest du gleich… explodieren.“
Jona musste lachen, kurz und ungläubig. „Ich gucke nicht so.“
„Doch“, flüsterte Milo. „Wie ein Fass… kurz vorm Knall.“
Raska stampfte. „Genug Gefühlskram! Wir haben zehn Minuten Vorsprung, und die Augenbrigade hat unsere Richtung gesehen. Plan!“
Nessa zeigte auf die Bucht. „Das Wasser ist zu flach. Wir kommen mit der Krähensonne nicht raus, bevor die Flut steigt.“
„Dann verlassen wir die Krähensonne?“ Einer der Matrosen klang, als hätte man ihm das Herz geklaut.
Raska knirschte mit den Zähnen. „Wir verlassen sie nicht. Wir machen sie leichter.“
„Alles, was nicht lebt“, wiederholte Jona.
„Und alles, was uns hält“, ergänzte Nessa. „Wir bauen ein Schleppfloß. Und wir lenken die Augenbrigade in die falsche Ecke.“
Jona dachte schnell. „Wir haben den Sextanten weggegeben. Aber… wir können ihnen etwas geben, das sie noch mehr ablenkt: Streit.“
Raska grinste schief. „Ich liebe Streit. Besonders, wenn andere ihn haben.“
Jona deutete auf den Strand, wo Treibholz lag. „Wir bauen zwei Feuerstellen. Eine groß, eine klein. Das große Feuer weit weg, als wären wir dort. Und wir hinterlassen Fußspuren—viele—die dahin führen. Dann fahren wir im Nebel leise zur anderen Seite der Bucht, wo die Felsen Schatten werfen.“
Nessa nickte. „Und wenn sie uns suchen, suchen sie beim Feuer. Menschen lieben Licht. Besonders gierige.“
Alle arbeiteten. Jona half, ein Floß aus leeren Fässern zu binden, während Raska Ballast über Bord werfen ließ: Kisten, kaputte Ankerteile, sogar ein schweres, rostiges Kettenglied, das mit einem Platschen verschwand.
Milo wurde vorsichtig an Deck gebracht, in Decken und Seilen gesichert. Er sah aus wie ein Paket, das dringend an einen Arzt geliefert werden musste.
„Ich hasse es, ein Paket zu sein“, murmelte er.
„Du bist ein wertvolles Paket“, sagte Jona.
„Mit schlechter Schleife.“
„Mit großer Klappe“, gab Jona zurück.
Der Nebel wurde dicker, als hätte die Insel beschlossen, ihnen zu helfen. Die Flut kam langsam. Das Schiff hob sich ein wenig.
Dann hörten sie wieder Kanonen—weiter draußen, aber näher als vorher. Die Augenbrigade fand den Weg in die Bucht.
Raska riss am Steuer. „Los!“
Die „Krähensonne“ glitt, schwerfällig, aber sie glitt. Das Floß zog hinterher. Jona hielt Milos Hand, als das Schiff an den Felsen vorbeischabte.
Am Strand, weit weg, flackerte das große Feuer. Jona hoffte, die Flammen würden die falschen Augen anziehen.
Ein Schatten tauchte im Nebel auf: das graue Segel, das goldene Auge. Es kam näher, und das Wasser zwischen ihnen schäumte, als würde es kochen.
„Sie sind da“, flüsterte Nessa.
Raska zog ihren Säbel. „Dann zeigen wir ihnen, dass Gerechtigkeit auch Zähne hat.“
Jona sah die Augenpiratin am Bug ihres Schiffes stehen, das Bündel noch in der Hand. Sie schwenkte es wie eine Trophäe.
Und dann—ein Schrei von ihrem Deck. Zwei ihrer Leute stritten, rissen am Stoff. Offenbar wollten beide den Sextanten zuerst sehen. Gier machte sie blind.
„Jetzt!“ zischte Jona.
Nessa warf eine Rauchbombe—eigentlich nur ein Topf mit nassem Seetang ins Feuer—über Bord. Dicker, beißender Rauch stieg auf und mischte sich mit dem Nebel. Die Augenbrigade musste ausweichen, um nicht in einen Felsen zu laufen.
Die „Krähensonne“ nutzte den Moment, glitt durch eine schmale Lücke, hinaus in offeneres Wasser. Ein Mast knarrte, aber hielt.
Hinter ihnen krachte es. Die Augenbrigade schrammte an einem Stein entlang. Kein Untergang—aber genug Chaos.
Raska lachte laut, ein wildes, befreiendes Lachen. „Gewinner erzählen Geschichten, ja? Dann hören sie jetzt unsere!“
Kapitel 6: Ein eingewickelter Stern im Tuch
Erst als die Insel nur noch ein dunkler Fleck war und der Wind wieder nach weitem Meer roch, ließ Jona die Schultern sinken. Das Schiff schaukelte ruhiger. Die Crew war erschöpft, aber lebendig.
Milo schlief endlich, der Atem gleichmäßiger. Nessa saß daneben und zählte leise Milos Atemzüge, als wären es Münzen, die sie bewachen musste.
Raska kam zu Jona, setzte sich schwer auf eine Kiste. „Du hast heute nicht nur Mut gezeigt“, sagte sie. „Du hast nachgedacht. Und du hast dich geweigert, dich kaufen zu lassen. Das ist selten.“
Jona starrte aufs Wasser. „Ich hatte Angst.“
„Gut“, sagte Raska. „Wer keine Angst hat, ist entweder dumm oder tot. Du bist keins von beidem.“
Jona schluckte. „Aber wir haben den Sextanten verloren.“
Raska schnaubte. „Hast du?“
Jona sah sie an, verwirrt.
Nessa hob den Kopf, ein Grinsen, das so schief war wie Raskas. „Ich habe den Sextanten nicht verloren. Ich habe… ihn verpackt.“
Sie griff unter eine Planke neben Milo und zog ein Bündel hervor: ein Stück dunkelblauer Stoff, sauber gewickelt. Jona erkannte die Jacke—aber diesmal war sie schwerer.
„Was hast du denen gegeben?“ fragte Jona.
Nessa zog eine Grimasse. „Ein hübsches Stück Messing vom alten Herd, ein kaputtes Winkelmaß und sehr viel überzeugendes Wickeln. Von weitem glitzert alles gleich, wenn man gierig genug ist.“
Raska lachte so laut, dass ein Möwe erschrocken aufflog. „Ha! Gerechtigkeit, Junge. Nicht mit Gewalt, sondern mit Köpfchen. Sie wollten nehmen, ohne zu schauen. Also haben sie bekommen, was sie verdient haben: Müll.“
Jona nahm das Bündel vorsichtig in die Hände. Der echte Sextant lag darin, kühl und sicher. Er spürte das Gewicht, als hielte er ein Stück Himmel fest.
„Warum ist er so wichtig?“ fragte er.
Nessa zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist er nur ein Werkzeug. Vielleicht gehört er jemandem, der ihn verloren hat. Aber Werkzeuge können Leben retten. Und sie können Wege zeigen. Das ist mehr wert als ein Sack Gold.“
Raska nickte. „Und wenn wir ihn jemandem wegnehmen würden, der ihn braucht, wären wir nicht besser als die Augenbrigade.“
Jona sah zu Milo, der sich im Schlaf bewegte, als würde er gegen eine unsichtbare Welle anrudern. Jona legte den Sextanten wieder weg, näher zu Milo, als wäre er ein Talisman.
„Wenn Milo wieder gesund ist“, sagte Jona leise, „finden wir heraus, wem er gehört. Und wir geben ihn zurück. Oder wir benutzen ihn, um Leute zu schützen, die's brauchen.“
Raska legte ihm eine schwere Hand auf die Schulter. „Das ist Piraterie, wie ich sie mag. Frei, frech… und nicht ungerecht.“
Milo murmelte im Schlaf: „Kein Paket… mehr…“
Jona grinste. „Versprochen.“
Der Wind frischte auf. Die „Krähensonne“ schnitt durch die Wellen, und irgendwo über ihnen, unsichtbar im Tageslicht, warteten die Sterne schon. In einem dunkelblauen Tuch, sorgfältig eingewickelt, schlummerte der Sextant—bereit, den richtigen Kurs zu zeigen, wenn es wieder Zeit für Mut, Verstand und ein bisschen maliziösen Piratenspott war.