Kapitel 1: Der Klang der Ebbe
Der Hafen roch nach Salz, Teer und Abenteuer. Zwischen den Pfählen klebte der Schlick wie Schokolade, die zu lange in der Sonne gelegen hatte. Möwen krächzten, als würden sie sich über jeden Seemann lustig machen, der mit zu großen Stiefeln im Morast versank.
Kapitän Jaro Kiesel stand an der Reling der Seeschwalbe, einer schlanken Brigantine mit geblähten Segeln in der Farbe von Wolkenschaum. Jaro war ein Pirat, gewiss – aber einer, der eher mit klugen Worten als mit Kanonendonner gewann. Wenn die Mannschaft stritt, hörte er zu. Wenn jemand Angst hatte, legte er eine Hand auf die Schulter. Und wenn die See knifflig wurde, roch er an der Luft und wusste, wo das Wasser heimlich hinlief.
„Die Kette bleibt heute Nacht unten“, knurrte Hinnerk, der Bootsmann, und deutete auf die gewaltige Eisenkette, die quer über die Hafeneinfahrt gespannt war. „Der Hafenmeister will uns rupfen wie eine Gans. Doppelte Hafengebühr, weil wir angeblich seine Möwen beleidigt haben.“
„Ich habe die Möwen nicht beleidigt“, rief Ollo, der Smutje, aus der Kombüse. „Ich habe ihnen nur erklärt, dass Löffel nicht zum Nestbau gedacht sind.“
Jaro streifte mit der Fingerspitze eine Salzkruste von der Reling. „Wir zahlen nicht“, sagte er ruhig. „Wir gehen bei ablaufendem Wasser raus. Durch den Nebenarm. Wenn die Ebbe die Sandzungen zeigt, öffnet sich der Flunderpfad. Den kennt der Hafenmeister nicht. Er fährt viel zu tief mit seinem Bauch in der See.“
Mina, die jüngste an Bord, mit Haaren wie gestrandete Algen und Augen so wach wie Sterne, hing am Fockmast und grinste. „Die Ebbe ist in drei Stunden am stärksten, Kapitän. Ich habe die Glocke gehört.“
Jaro nickte. Er hörte sie auch, unsichtbar, wie eine ferne, hohle Muschel, die in seinem Ohr summte: Komm, jetzt.
„Zwei Stunden und ein bisschen“, korrigierte er. „Ollo, bereite etwas Warmes vor. Eine Suppe. Wenn wir draußen sind, essen wir gemeinsam.“
„Kartoffeln habe ich, Algen habe ich, und ein bisschen Pfeffer, der schluckt den Seewind“, rief Ollo. „Aber wenn uns der Hafenmeister erwischt, wird die Suppe kalt.“
„Dann müssen wir dafür sorgen, dass sie warm bleibt“, sagte Jaro, und seine Augen glänzten. „Mannschaft, an die Arbeit. Wir werden leicht und leise.“
Kapitel 2: Ein Plan aus Wind und Schlick
Das Schiff summte wie eine Biene. Fässer wurden versetzt, Taue aufgeschossen, die leeren Wasserkannen an Deck gebunden, damit sie später als Schwimmer taugen konnten. Jaro ging jeden Schritt ab, ließ sich von Mina die Knoten zeigen und vom Bootsmann die Schwertplanken. Er hatte nichts von dem harten, groben Brüllen, das man manchen Kapitänen nachsagte. Er erklärte, zeigte, hörte, und zwischendurch machte er Witze, die so trocken waren wie der Schlick bei Sonnenschein.
„Wenn du die Klampe umarmst, hält sie dich vielleicht fest, Mina“, sagte er, als sie mit den Fingern an einem widerspenstigen Knoten zupfte.
„Ich umarme nicht die Klampe, ich umarme den Wind“, konterte sie, zog einmal, zweimal, und der Knoten gab nach.
Von der Kette her drang flaches Lachen. Auf dem Steg schritt der Hafenmeister Brack – rund wie ein Fass, mit einem Bart, der aussah, als hätte ein Krake darin geprobt. Zwei Wächter begleiteten ihn. Einer, ein schmächtiger Bursche mit zu großer Mütze, blickte unsicher zur Seeschwalbe herüber.
„He“, rief Brack, „schöne Nacht zum Bleiben. Wer den Hafen ohne meine Erlaubnis verlässt, sitzt morgen im Netz.“
„In Ihrem Netz verfangen sich nur die, die nicht schwimmen können“, murmelte Jaro, so leise, dass es nur die Reling hörte.
Da stolperte der schmächtige Wächter – die Mütze rutschte ihm in die Augen, seine Füße glitten weg, und mit einem platschenden Schrei fiel er von der Kette direkt ins kalte, schwarze Wasser. Eine Sekunde war es still. Dann sah man nur noch Finger im Dunkeln, die hektisch paddelten.
„Mann über Bord!“, rief Mina, schneller als alle anderen, und warf einen Tampen.
Jaro war schon unterwegs. Er sprang auf die Kaimauer, trat leicht wie eine Katze auf einen Dalben und streckte sich, so weit er konnte. „Fass das!“, rief er, die Stimme klar. Der Junge griff daneben. Also sprang Jaro. Das Wasser war schneidend, es biss ihn am Bauch, aber sein Arm war lang, und seine Hand war warm, als sie den eiskalten, zitternden Arm des Wächters erwischte. Hinnerk zog die beiden mit einem Fluchen hoch, das in der Luft dampfte.
Brack stand da, als hätte ihm jemand den Hut gegessen. „Das… das ist mein Mann.“
„Jetzt ist er auch wieder Ihrer“, sagte Jaro, hustend, aber mit einem Lächeln. „Trocknen Sie ihn gut. Fieber zu fangen ist keine Kunst.“
Der schmächtige Wächter – er hieß Tamo – stand klappernd auf dem Steg. Er blickte Jaro an, als hätte er zum ersten Mal begriffen, dass Piraten nicht nur aus Geschichten bestehen. „Danke“, flüsterte er. Seine Lippen waren blau.
Jaro nickte nur. „Ebbe in zwei Stunden“, murmelte er, als er an Bord zurücksprang. „Wir nutzen den Moment, nicht das Getöse.“
„Du hättest den Bengel auch die Luft der Gerechtigkeit schnuppern lassen können“, brummte Hinnerk.
„Gerechtigkeit ohne Herz ist wie Suppe ohne Salz“, sagte Jaro. „Man wird davon satt, aber man bleibt kalt.“
Kapitel 3: Der Flunderpfad
Das Wasser fiel. Es war, als würde jemand die See leise ausatmen. Zuerst gurgelte es nur zwischen den Pfählen. Dann zeigten sich glänzende Rücken aus Schlamm. Rillen, in denen das Wasser weiterlief, zeichneten Linien wie Geheimschrift. Die Seeschwalbe hob und senkte sich, doch sie war bereit, federnd, hungrig auf den Wind.
„Los!“, hauchte Jaro. „Leise. Keine Laternen. Wir sind ein Schatten.“
Die Kette über der Hafenausfahrt spannte sich in der Dunkelheit wie eine schlafende Schlange. Jaro steuerte nicht darauf zu, sondern an den Rand, dorthin, wo die Landzunge den Nebenarm küsste. „Rechts Ruder“, sagte er, „und dann gleich zurück. Der Flunderpfad liegt kurz vor dem Schilf.“
Mina kletterte in den Bugspriet und legte sich hin, das Kinn in den Händen. „Ich sehe Schaum“, flüsterte sie. „Er zittert nach rechts.“
„Dann geht die Strömung links“, antwortete Jaro, als wäre das selbstverständlich. „Schaum lügt in Kurven.“
Sie glitten in den Nebenarm. Um sie her war die Nacht weich und schwarz wie Pfeffer. Das Schilf atmete. Am Ufer kluckerten kleine Krebse, und irgendwo lachte eine Kuh, als sie versuchte, die Sterne zu zählen. Die Seeschwalbe schabte einmal am Boden. Alle hielten die Luft an.
„Schwert hoch!“, zischte Hinnerk. „Hoch, hoch!“
Die Seeschwalbe schwebte einen Fingerbreit leichter.
„Du riechst das Wasser, nicht wahr?“, fragte Mina plötzlich.
Jaro lächelte. „Es riecht anders, wenn es flieht. Kalter Stein, rostiger Mond, ein bisschen wie nasse Münzen.“
„Nasse Münzen riecht man nicht.“
„Heute schon.“
Ein Platschen ließ sie zusammenzucken. Ein dunkler Bug kam ihnen im Schilf entgegen wie ein zorniger Wal. „Der Kratzkahn“, hauchte Hinnerk. „Brack hat doch einen Flunderpfadfinder.“
„Der fährt nicht selbst“, sagte Jaro, als ein dünner Schatten auf dem fremden Boot aufspringen wollte. „Das ist Käpt'n Krähenschwarz. Der Mann mit der Stimme wie ein rostiges Scharnier.“
„Seeschwalbe!“, krähte die Stimme auch schon. „Ihr seid fällig. Das Schilf gehört Brack.“
„Das Schilf gehört dem Wind“, flüsterte Mina zurück, aber schon packte Jaro das Ruder fester.
„Haltet euch!“ Sein Ton wurde hart. „Sucht die Läufe. Augen auf den Schaum. Wenn wir stecken bleiben, lehnen wir uns zusammen. Nicht fluchen, schieben.“
Der Flunderpfad zog sich wie eine helle Narbe durchs Dunkel. Drei Mal berührte der Kiel den Grund. Drei Mal zählte Jaro: „Eins, zwei, drei – nach links, leicht!“ Und die Seeschwalbe glitt weiter, als würde sie kichern.
Kapitel 4: Schräglage
„Sie holt auf!“, rief Hinnerk. Hinter ihnen pflügte der Kratzkahn durchs Schilf, rücksichtslos, als wäre er ein Eber im Gemüsegarten. Eine Welle ran, breit und schwer, und drückte die Seeschwalbe von der Linie.
„Festhalten!“, rief Jaro. Der Kiel sank ein, fies, bis zur Hüfte im Matsch. Das Schiff blieb stehen. Es war, als hätte jemand die Zeit schief aufgehängt.
„Wir sitzen fest“, stellte Ollo fest und fischte automatisch einen Löffel aus der Luft, der vom Ruck hochgesprungen war.
„Noch nicht“, sagte Jaro. „Mina – leinen sie die leeren Kannen an Steuerbord ins Wasser. Hinnerk, hol den langen Bootshaken. Ollo, was ist am schwersten in deiner Kombüse?“
„Meine Pfanne“, sagte Ollo sofort. „Und Hinnerks Witzsammlung.“
„Dann bleibt die Pfanne. Hinnerks Sammlung kann über Bord.“
„He!“, brummte Hinnerk, aber er grinste dabei.
Sie warfen schwere Dinge ins Dinghi, zogen sie so rüber, dass das Schiff nach Backbord kippte. Jaro gab den Ton: „Eins… zwei… zusammen!“ Die Mannschaft verlagerte das Gewicht. Das Ruder knirschte in seinen Händen. Die Planken stöhnten, doch das Kichern kehrte zurück: ein Zittern, ein Ruck, und die Seeschwalbe löste sich aus dem Griff des Schlicks.
„Sie haben Probleme“, sagte Mina plötzlich und zeigte nach hinten. Der Kratzkahn hatte sich zu gierig in den Nebenarm gewühlt, und nun riss eine Böe ihm die Spitze herum. Jemand schrie. Ein schmaler Schatten flackerte über dem Rand – ein Junge, noch kleiner als Mina – und stürzte kopfüber in das kalte Schwarz.
Jaro hörte sein eigenes Herz. Es klang, als würde man auf eine Trommel aus Salz schlagen. „Backbord klar!“, rief er, „Wurfleine!“ Er sah nur den Handrücken des Jungen, ein glattes, glitzerndes, erschrecktes Ding.
„Ich hab ihn!“, keuchte Mina und warf, akkurat wie ein Pfeil, die Leine. Der Junge erwischte sie. Ein Ruck. „Ziehen!“
Sie zogen. Der Junge prustete, hustete, klammerte sich fest. Sein Gesicht war bleich wie eine Muschel. „Bitte“, sagte er heiser, „bitte nehmt mich nicht… nicht…“ Er wusste wohl nicht, was er bat.
„Wir nehmen dich erst mal an Bord“, sagte Jaro. „Dann fragen wir weiter.“
Von hinten kreischte die rostige Stimme. „Das ist mein Schiffsjunge! Gebt ihn zurück!“
„Ertrunkene kann man schlecht zurückgeben“, rief Ollo zurück, „die sind sehr unhandlich.“
Käpt'n Krähenschwarz fluchte so laut, dass die Schilfhalme zitterten. Aber sein Kratzkahn saß fest. Die Seeschwalbe glitt wieder, frei, leise, und nahm den Atem der Ebbe in sich auf.
Kapitel 5: Die Flüsterrohre
Der Nebenarm weitete sich zu einer flachen Bucht, in der es nach Schlamm und Minze roch. Schmale Wasseradern zogen Muster wie Fischgräten. Am Rand standen Flüsterrohre, Schilfhalme, die im Wind piepsten, als würden sie Geheimnisse weitertragen. Jaro nahm Fahrt raus. Das Wasser war jetzt so niedrig, dass die Fische mit dem Bauch Sterne malen konnten.
Der gerettete Junge saß an der warmen Stelle neben der Kombüse, in eine Decke gewickelt. Er hieß Fiete und hatte Augen, die größte Wellen aufnehmen konnten. „Ich wollte nicht mehr für Krähenschwarz fahren“, murmelte er. „Er hat gesagt, ich soll euch die Tampen durchschneiden. Aber dann ist mir schlecht geworden, und… und ich hab den Himmel verloren.“
„Den Himmel verliert man nicht so leicht“, sagte Jaro. „Er hängt sehr fest.“
„Ich hab Hunger“, gab Fiete zu. „Und Angst.“
„Beides heilt schnell mit Suppe“, meinte Ollo und reichte ihm eine dampfende Tasse Brühe. „Noch nicht die große, nur die Vorfreude. Die große gibt's, wenn wir draußen sind.“
Mina setzte sich neben ihn. „Wir sind fast vorbei an der Kette“, sagte sie. „Nur noch durch die Flüsterrohre. Hörst du? Sie singen: Keine Eile, keine Eile, aber verpass die Ebbe nicht.“
„Sie sagen eher: Vorsicht, am Ufer wohnt der Matsch“, brummte Hinnerk.
Jaro stand am Ruder, die Lippen leicht geöffnet. Er schmeckte die Luft. „In fünfzig Herzschlägen legt der Schlick die Zunge frei, die uns raus bringt“, sagte er. „Bis dahin warten wir genau hier. Nicht reden. Hört zu.“
Sie hörten. Das Schilf piepste. Eine Schnecke zog ein winziges, glänzendes Fragezeichen über eine Planke. Irgendwo knackte ein Zweig, als ob jemand sehr Vorsichtiges darüber ging. Und dann hörten sie ein anderes Geräusch: ein schweres, müdes Scharren. Ein grauer Buckel bewegte sich im Flachwasser, zerrte an etwas Unsichtbarem.
„Eine Robbe!“, flüsterte Mina, sprang auf und beugte sich über die Kante. „Sie hat sich im Netz verfangen.“
Es war tatsächlich eine junge Robbe. Das Netz schnürte ihr den Bauch ab, die Augen waren weit. Das Tier blies kleine, ungeduldige Blasen, als ob es sagen wollte: Ich habe keine Zeit für euch Menschen, ich muss atmen.
„Wir können nicht…“, begann Hinnerk und sah auf das Ruder, die Strömung, den Plan, der so fein war wie Spinnfäden.
„Doch“, sagte Jaro, schon auf dem Bauch am Rand. „Nur schnell.“ Seine Hände waren nicht die schnellsten, aber sie waren sicher. Er zog das Messer, schnitt, hielt, wartete auf die Bewegung der Robbe, schnitt weiter. Mina hielt das Netz auseinander. Ollo gab ihm Stücke Brot, die die Robbe beruhigten. „Du bekommst nichts Salziges von mir“, murmelte er, „das mag mein Gewürzregal nicht.“
Das Netz gab nach. Ein letzter Faden, ein letzter Zug, und die Robbe war frei. Sie blickte Jaro mit großen, schwarzen Augen an, schnaubte ihm Wasser ins Gesicht und verschwand.
„Wir haben keine Zeit gerade verloren“, stellte Mina erstaunt fest, als sie auf die Wasserlinie am Pfahl zeigte. „Die Ebbe hat auf uns gewartet.“
„Manchmal wartet die Welt auf die richtige Entscheidung“, sagte Jaro leise. „So. Hört ihr? Die Zunge ist frei.“
Die Flüsterrohre sangen jetzt anders, höher, wie wenn man lacht. Jaro steuerte, und die Seeschwalbe folgte dem schimmernden Streifen, den nur Augen sahen, die oft dem Meer zuhörten. Hinter ihnen riefen Stimmen. Der Kratzkahn war wieder in Bewegung, aber er zog eine braune Fahne hinter sich her, mehr Matsch als Wasser.
„Sie nehmen den Totenpfahl“, sagte Fiete plötzlich, das Kinn über der Decke. „Er steht weiter westlich. Krähenschwarz nutzt ihn, um Boote zu erschrecken. Das Wasser ist dort trügerisch.“
„Dann drehen wir früher ab“, entschied Jaro. „Danke, Fiete. Und wenn du willst, kannst du entscheiden, ob du bleiben oder zurück willst. Ich zwinge niemanden.“
Fiete starrte ihn an, als hätte er gefragt, ob der Mond heute frei nehme. „Ich… ich bleibe“, sagte er. „Zumindest bis zur Suppe.“
„Das ist der richtige Grad an Mut“, meinte Ollo, „von Suppe zu Suppe denken.“
Kapitel 6: Wärme über Wasser
Der letzte Rest des Hafens lag wie eine dunkle Idee hinter ihnen. Vorne öffnete sich die See, flacher und breiter, als hätte sie ein Lachen geformt. Im Westen glomm ein Licht – vielleicht eine Fischerhütte, vielleicht ein Stern, der zu tief gefangen war. Der Wind nahm zu, nicht zu viel, gerade so, dass die Seeschwalbe den Rücken streckte.
„Wir sind raus“, sagte Hinnerk, und seine Stimme war plötzlich ganz jung.
„Noch nicht jubeln“, warnte Jaro, aber er lächelte. „Zuerst helfen wir denen, die sich festgefahren haben.“
Alle starrten ihn an. „Wem denn?“, fragte Mina.
Jaro zeigte zurück. „Der Kratzkahn. Wenn die nächste Flut kommt, zerschmettert sie ihn am Pfahl.“
„Das sind unsere Verfolger“, gab Hinnerk zu bedenken.
„Heute waren sie auch die, die beinahe ihren Jungen verloren hätten“, sagte Jaro. „Wir werfen ihnen eine Leine. Keine Predigt.“
Sie hörten Bracks rostige Stimme, diesmal nicht mehr so sicher. Sie sahen Männer, die versuchten, mit Stakstangen den Matsch zu verprügeln, als würde er aufgeben. Jaro ließ die Seeschwalbe im Schutz einer Sandbank kreisen, dann warf Mina die Leine weit und gezielt. „Festmachen – am Vorkran,“ rief Hinnerk. „Nicht rucken, ziehen.“
Sie zogen. Und der Kratzkahn löste sich mit einem Geräusch, das klang, als würde ein Wal seinen Schnupfen loswerden.
Ein Moment Stille. Dann: „Danke“, knirschte Käpt'n Krähenschwarz. Er klang, als würde er in alte Stacheln beißen.
„Weg hier, bevor ihr wieder steckt“, rief Jaro. „Geht östlich raus. Keine Tricks am Totenpfahl. Der heißt so aus einem Grund.“
Brack stand auf seinem Kahn, das Gesicht müde. Er sah Tamo an, den schmächtigen Wächter, der an seiner Seite stand, nun trocken, mit einer Decke um die Schultern. Tamo hob die Hand zum Gruß.
„Bei ablaufendem Wasser entkommt man immer“, rief Ollo, „außer der Verstand läuft schneller ab. Gute Nacht!“
Sie drehten ab. Die Seeschwalbe glitt ins Dunkel, das jetzt weich war, nach Sternen roch und nicht mehr nach Ketten. Ollo holte den großen Topf hervor. Drinnen blubberte eine Suppe, die nach Meer und Kartoffeln duftete, mit einem Hauch Pfeffer, der alle Winde besänftigen konnte.
„Versammelt euch“, sagte Jaro. „Heute essen wir warm, zusammen.“
Sie saßen im Halbkreis. Der Topf dampfte. Die Löffel klangen wie kleine Glocken. Mina pustete so, dass ihr Pony wehte. Hinnerk tat so, als würde er sich vor Rührung verschlucken, um mehr zu bekommen. Ollo tat streng, gab aber allen nach. Fiete hielt seine Schüssel mit beiden Händen, als wäre sie ein kleines, privates Feuer.
„Auf die Ebbe“, sagte Mina.
„Auf den Flunderpfad“, sagte Hinnerk.
„Auf die Suppe“, sagte Ollo.
Jaro hob seinen Löffel. Das Meer rauschte, freundlich, als wäre es ein großes Ohr, das zuhört. „Auf das, was einen nicht hart macht“, sagte er. „Auf die richtigen Momente. Und darauf, dass wir nie vergessen, wer wir sind, auch wenn uns einer eine Kette hinlegt.“
Sie aßen. Die Wärme kroch ihnen in die Finger und weiter ins Herz. Fiete lehnte den Kopf an die Planke und lächelte zum ersten Mal so, dass man sah, wie sein Gesicht eigentlich gemeint war. Drüben, sehr fern, sah man zwei schwache Laternen. Der Kratzkahn zog in sicherem Wasser. Tamo hob vielleicht wieder die Hand, aber das konnte Einbildung sein.
„Kapitän“, sagte Mina, als ihre Schüssel leer war, „wohin als Nächstes?“
Jaro sah in die Nacht, die neue Wege malte, fein wie Linien auf einer Muschel. „Wir fahren dahin, wo der Wind leise Geheimnisse erzählt“, sagte er. „Und wo man nicht hungrig bleibt.“
„Also überall“, stellte Ollo zufrieden fest und füllte noch einmal nach. „Es gibt mehr Geheimnisse als Kartoffeln, aber heute reicht's für alle.“
Die Seeschwalbe knackte, seufzte, und rollte sacht, als hätte sie selbst auch Suppe gegessen. Und während der Mond neben ihnen über dem Wasser spazierte, teilten sie Löffel, Lachen und die Wärme, die bleibt, wenn man jemandem die Hand reicht – im Schilf, im Schlick, oder am Rand der Welt.