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Geschichte, die Angst macht 11/12 Jahre Lesen 26 min. (2)

Mara und Leni und der Faden des Lichts

Mara und Leni bemerken, dass die Straßenlaternen in ihrer Stadt flackern und sich auf eine geheimnisvolle Weise verhalten, was sie auf eine abenteuerliche Suche zum alten Turm führt, um das Geheimnis des „Flackerers“ zu lüften und das Licht wieder in Ordnung zu bringen. Auf ihrem Weg entdecken sie, wie Mut und Freundschaft selbst die tiefsten Ängste überwinden können.

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Es gibt zwei Hauptfiguren: - Mara: ein 10-jähriges Mädchen mit zerzausten braunen Haaren, runden Brillen und einem neugierigen Lächeln. Sie trägt einen roten Pullover und eine zerrissene Jeans. Sie steht in der Mitte des Bildes und schaut entschlossen nach oben zum alten Turm. - Leni: ein 10-jähriges Mädchen mit geflochtenen blonden Haaren und funkelnden blauen Augen. Sie trägt eine Jeansjacke und ein gestreiftes T-Shirt. Sie steht etwas im Hintergrund, hält einen Thermobecher mit heißer Schokolade und hat einen besorgten Gesichtsausdruck. Der Schauplatz ist ein alter Steinturm, dunkel und geheimnisvoll, mit von Efeu bedeckten Wänden. Das Licht der Laternen flackert um die Basis und wirft tanzende Schatten auf den gepflasterten Boden. Innen sind rostige Zahnräder und lautlose Uhren sichtbar, was eine sowohl faszinierende als auch beunruhigende Atmosphäre schafft. Die Hauptsituation der Geschichte zeigt Mara und Leni, die vor einer großen Uhr stehen, mit klopfendem Herzen, während sie sich darauf vorbereiten, dem Flackerer zu begegnen, einer dunklen, verschwommenen Gestalt, die zwischen den Schatten schlüpft. Das flackernde Licht schafft eine angespannte Atmosphäre, während die Mädchen mutig bereit sind, das Geheimnis des Turms zu entdecken. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Das Atmen der Lichter

Die Straße, in der Mara und Leni wohnten, atmete. Nicht wie ein Brustkorb, sondern wie ein Lichtschlauch: jede Laterne flackerte auf, hielt den Atem an, glomm ab, und dann wieder auf. Immer derselbe Rhythmus. Ein Zittern, ein Flüstern. Und doch — regelhaft.

Mara hatte es als Erste bemerkt. Sie war die, die nie wegschaute, wenn etwas merkwürdig war. Sie schrieb Zahlen in ein kleines Notizbuch und zeichnete Striche zwischen Uhrzeiten und Lampenpfählen. Leni saß daneben auf der Bordsteinkante und hielt einen Thermobecher mit Kakao in den Fingern, die nur langsam warm wurden.

„Wenn du anfängst, mit Laternen zu reden, sag's mir vorher, sagte Leni und pustete in den Becher, obwohl das nichts änderte.

„Ich rede nicht mit ihnen. Ich höre ihnen zu“, antwortete Mara. „Sie sagen, dass etwas die Luft zwischen ihnen dünn macht. Als ob jemand daran zieht.“

„Wer soll denn an Luft ziehen?“, fragte Leni skeptisch.

„Vielleicht zieht niemand an Luft“, sagte Mara und sah zum Ende der Straße hin, wo die alte Turmuhr in der Dunkelheit stand, schwarz gegen den Himmel. „Vielleicht zieht jemand am Licht.“

Seit Wochen schon flackerte die ganze Stadt. Nicht immer. Nur nach Einbruch der Dunkelheit. Fensterscheiben spiegelten das flackernde Straßenlicht; Nachtfalter tanzten im Zittern der Helligkeit. Kein Stromausfall, eher ein Kichern in den Leitungen. Die Erwachsenen zuckten mit den Schultern. Der Bürgermeister sprach im Radio von „völlig normal“ und „saisonales Phänomen“. Niemand klang überzeugt.

„Da“, sagte Mara plötzlich und zeigte auf einen Schatten, der sich vom Licht löste und kurz zu einer Kante wurde, zu einer Figur, zu… nichts. Leni blinzelte.

„Ich hab nichts gesehen“, meinte Leni. „Nur… es ist kalt.“

„Es ist kalt, weil es flackert“, sagte Mara. „Mit Licht ist man nie ganz allein. Aber wenn es wackelt, rutschen Dinge dazwischen.“

„Das sagst du, damit du dich mutig fühlst“, meinte Leni. Ihre Stimme war leise. „Oder damit ich mich nicht so fürchte.“

Mara lächelte nur ein bisschen. Sie fürchtete sich auch. Aber sie hatte gelernt, Dinge zu benennen. Wenn man etwas benannte, verlor es einen Teil seiner Dunkelheit.

„Ich will wissen, warum die Lichter atmen“, sagte sie. „Ich will zum Turm. Da oben ist die Uhr. Und eine Uhr weiß, was Zeit ist. Vielleicht weiß sie auch, was mit dem Licht ist.“

„Mitternachtsforschung?“, fragte Leni und hob die Augenbrauen.

„Nicht Mitternacht. Jetzt.“

Leni sah auf ihre Uhr. Halb neun. „Meine Oma sagt, der Turm ist seit Jahren geschlossen. Und sie hat gesagt, da drin lebt der Uhrmacher immer noch, aber nur als Stimme im Zahnrad.“

„Deine Oma hat Humor“, sagte Mara. „Und ich habe einen Plan.“

„Du hast immer einen Plan“, murmelte Leni. „Und ich hab immer kalte Hände.“

Sie standen auf, stapften durch das Flackerlicht, das sich wie eine gehäkelte Decke mit Löchern anfühlte, durch die der Wind fuhr. Die Nacht schien zuzuhören, als sie den Turmweg hinuntergingen.

Die flüsternde Gasse

Der Weg zum Turm führte durch die Schusterstraße, dann durch eine schmale Gasse, die die Leute die Flüstergasse nannten, obwohl niemand mehr Zeit hatte, hier zu flüstern. Die Lampen dort hatten noch alte Glasschirme mit Rissen, und manchmal dachte man, sie hätten Augen.

„Ich hab geträumt, dass hier die Pflastersteine wie Tasten sind“, sagte Leni, während sie ging. „Und wenn man richtig tritt, spielt es Musik.“

„Dann tritt richtig“, sagte Mara. „Und pass auf, wo es dunkler ist.“

Die Gasse schluckte Geräusche. Ihre Schritte klangen wie Münzen, die jemand fallen ließ und gleich wieder auffing. Immer wieder flackerte über ihnen das Licht. Ein kurzer Schein, dann Schatten, in denen flache Hände zu winken schienen.

„Wir gehen durch, ohne die Augen zu schließen“, sagte Mara. „Das ist wichtig. Wenn wir sie schließen, saugt uns die Gasse in ihren Bauch.“

„Echt jetzt?“, fragte Leni und lachte nervös. „Du erfindest Regeln, damit du dich klüger fühlst.“

„Vielleicht“, meinte Mara. „Aber Regeln sind wie Zähne. Ohne sie kauen dich die Dinge.“

„Gruselig poetisch, Frau Regelzahn.“

Ein Rascheln ließ sie stehen bleiben. Ein Kater, schwarz mit weißen Pfoten, saß mitten im Weg und blickte sie an, als hätte er eine dringende Frage.

„Findest du das auch unhöflich, einfach so zu starren?“, fragte Leni.

Der Kater miaute und sprang davon — nicht weg, sondern vor ihnen her, wie ein kleiner Führer. Er verschwand durch ein eisernes Gitter, auf dessen rostigen Stäben eine Motte in Metall geschnitten war. Das Gitter war verschlossen. Doch wo der Kater vorhin noch durchgeschlüpft war, hing jetzt ein kleiner Schlüssel. Er baumelte an einem Faden, grau wie Spinnenfaden, aber glimmend, als würde in ihm eine Glühwürmchenfamilie wohnen.

„Den hat doch niemand so einfach hier hingehängt“, sagte Leni. „Oder?“

Mara hob den Schlüssel vorsichtig auf. Er war kalt und schwer, und auf seinem Bart war dieselbe Motte eingraviert. Sie blickte zum Turm hinüber, der hinter der Gasse wuchs, schwarz und hoch. Ihre Finger waren ruhig, als sie den Schlüssel drehte. Das Schloss gab nach wie ein alter Husten. Das Gitter öffnete sich knirschend.

„Vielleicht will uns jemand da durch schicken“, sagte Leni. „Vielleicht ist das eine Falle.“

„Vielleicht ist es auch eine Einladung“, sagte Mara. „Und manchmal ist eine Einladung nur dann gefährlich, wenn man nicht weiß, warum man gekommen ist.“

„Warum sind wir gekommen?“

„Weil das Licht atmet.“

„Und weil du nicht schlafen kannst, wenn etwas keinen Sinn ergibt.“

„Zum Beispiel.“

“Hast du dem Kater gedankt?”, fragte Leni.

„Danke, Herr Kater“, sagte Mara. Der Kater blinzelte langsam, als wäre das die einzige richtige Antwort, und verschwand endgültig.

Sie traten durch das Gitter. Dahinter lag kein Hof, wie sie erwartet hatten, sondern ein schmaler Gang zwischen zwei Häusern, deren Fenster wie geschlossene Augenlider waren. Am Ende des Gangs ein Holztürchen. Darauf stand in verwischter Schrift: „Haus des Uhrmachers.“

Leni zog an Maras Ärmel. „Meine Oma hatte recht.“

„Oder die Tür hat Humor“, flüsterte Mara. Sie legte den Motten-Schlüssel in das Schloss. Er passte nicht. Aber als sie den glimmenden Faden wickelte, der am Schlüssel hing, und ihn an die Klinke legte, glomm das Türchen auf und ging auf, als hätte es auf eine Berührung gewartet.

„Wow“, machte Leni. „Magie. Oder kaputte Mechanik.

„Vielleicht sind beide dasselbe“, sagte Mara und trat ein.

Das Haus des Uhrmachers

Das Innere roch nach Öl und kaltem Eisen, nach Papier, das lange in einem Schrank gelegen hatte, und nach einem Hauch Zimt, als hätte jemand ein Gewürz vergessen. Überall standen Uhren. Kleine Taschenuhren auf Samttüchern, Wanduhren mit geschnitzten Ranken, Standuhren, deren Spiegelholz das Flackern der Lampe einfing. Aber keine lief. Alle Zeiger standen, als hätten sie eine Abmachung.

„Wenn die alle gleichzeitig stehen, ist das bestimmt ein Rekord“, murmelte Leni.

Die Lampe an der Decke flackerte in einem andern Rhythmus als die Straßenlampen draußen. Kurz auf, lang aus, zweimal kurz, dann wieder aus. Es klang wie ein Morsecode, den niemand mehr übersetzte.

„Hast du das gehört?“, flüsterte Leni.

„Ich seh's“, sagte Mara. „Es ist ein Muster. Jemand spricht mit Licht.“

„Und was sagt er?“, fragte Leni.

„‚Komm hoch.‘“

„Wie bitte? Du kannst Licht lesen?“

„Vielleicht kann ich das heute.“

Sie fanden eine Treppe, die sich wie ein Band nach oben wand. Auf jeder Stufe lagen Späne, glanzlose Federn, als hätten Uhren Vögel hervorgebracht, die nie fliegen gelernt hatten. An der Wand hing ein Foto: Ein Mann mit schmalen Händen, der lächelte, ohne die Zähne zu zeigen. Darunter stand: Johann Faßbinder, Uhrmacher der Stadt.

„Er sieht nicht aus wie ein Geist“, sagte Leni.

„Vielleicht ist er keiner“, sagte Mara. „Vielleicht ist er ein Echo.“

Sie stiegen weiter. Unter dem Geländer lief ein Schacht, in dem etwas glimmte, als würde hinter der Wand eine Ader aus Licht fließen. Mara legte die Hand daran. Es war warm, aber nicht heiß — wie die Hand eines Freundes, der schon länger warte.

Oben lag eine Werkstatt. Der Raum war voller Schubladen, Schalen mit Zahnrädern, Schachteln mit gläsernen Augäpfeln für Figuren, die längst abgebaut waren. Auf dem Tisch lag ein Bündel Faden, der nicht aus Wolle war. Es war Fadenlicht. Dünn wie Haare, aber stärker als Draht. Es glomm, flackerte, glomm wieder.

Mara zog unwillkürlich den Atem ein. „Das ist es“, sagte sie. „Das ist, was die Laternen verbindet. Ein Netz aus Fadenlicht.“

„Wie eine Lichterkette…“, sagte Leni.

„…die jemand zerschnitten hat“, beendete Mara. „Sieh mal.“

Eine Stelle war sauber durchtrennt. Die Enden fransig, als hätten Zähne daran genagt. Daneben lag eine Notiz, in einer klaren, ungeduldigen Schrift: „Wenn der Faden reißt, verliert die Stadt ihren Rhythmus. Flicke ihn mit Mut. Nicht mit Metall. Nicht mit Furcht.“

„Das klingt nach einem schlechten Stickkurs“, meinte Leni, aber sie klang nicht mehr so spöttisch. „Was heißt ‚mit Mut flicken‘?“

„Vielleicht heißt es, dass man ihn im Dunkeln halten muss, ohne zu zittern“, sagte Mara. „Und dass man den Riss kennt. Weißt du, was reißt, wenn man Angst hat?“

„Das Atmen“, sagte Leni leise. „Und das Lachen.“

„Also halten wir den Faden, und wir atmen. Und vielleicht lachen wir, selbst wenn's schwer ist.“

Über ihnen knackte es. Ein leiser, langsamer Schritt, wie von jemandem, der nicht zu schwer sein durfte, um die Dielen nicht zu verraten. Mara hob den Kopf.

„Hallo?“, rief sie. „Wir sind nicht hier, um zu stehlen. Wir sind hier, um zu flicken.“

Keine Antwort. Stattdessen ein leises, sehnsüchtiges Geräusch, als ob jemand an einer Saite zog, die nicht mehr gespannt war.

„Vielleicht sind wir nicht die Einzigen“, flüsterte Leni. „Die das Haus fühlen.“

„Ich glaube, das Haus fühlt uns“, sagte Mara. Sie wickelte den Faden um ihre Handgelenke, ganz vorsichtig. „Wir nehmen das Stück mit. Und wir gehen zum Turm. Wenn dort der Knoten ist, flicken wir ihn dort.“

„Und wenn das Ding, das die Fäden zerreißt, dort wartet?“, fragte Leni.

„Dann sagen wir ihm, wie es heißt“, sagte Mara. „Und dass wir es kennen. Und dass es daher kleiner wird.“

„Du glaubst wirklich, Namen sind Magie?“

„Ich glaube, dass Worte Ordnung machen. Und Ordnung ist das Gegenteil von Reißen.“

„Okay“, sagte Leni, atmete durch und griff nach dem anderen Ende des Fadens. „Dann nenn es.“

Mara lauschte. Hinter dem Flackern hörte sie etwas. Ein Kichern ohne Mund. Ein Seufzen ohne Brust. Ein Ziehen, das kein Wind war. „Ich nenne es den Flackerer“, sagte sie dann. „Und ich nenne uns die Flickerinnen.“

„Klingt nach einer Bande“, sagte Leni und grinste schwach. „Los, Bande. In den Turm.“

Der Faden der Nacht

Die Tür zum Turm stand offen. Das war seltsam. Noch seltsamer war, dass die Steinstufen innen nicht kalt waren. Sie fühlten sich an wie Holz, das die Sonne durch den Tag getrocknet hatte, obwohl die Sonne längst weg war.

„Hörst du das?“, flüsterte Leni. Ein leises Ticken drang von oben herab. Aber es war nicht regelmäßig. Es sprang, stolperte, hielt inne. Wie ein Herz, das sich nicht traute, weiterzuschlagen.

„Der Turm spricht“, sagte Mara. „Und er sagt: Beeilt euch.“

Sie wickelten den Faden durch die Luft, als würden sie eine unsichtbare Bahn legen. Er zog sie. Wo er hinging, wurden die Schatten dünner. Manchmal sahen sie Dinge am Rand ihres Blicks: eine Hand, die an einer Lampe zupfte; Augen unter einer Treppe, die nicht zu einem Gesicht gehörten; eine Figur, so schmal, dass sie in jede Ritze passte.

„Wenn du jetzt einen schlechten Witz machst, lache ich trotzdem“, sagte Leni.

„Warum geht das Licht nie zur Schule?“, fragte Mara, ohne zu überlegen.

„Warum?“

„Weil es ständig schwänzt.“

Leni kicherte. „Das war wirklich schlecht.“

„Ein bisschen Lachen ist wie ein Knoten im Faden“, sagte Mara. „Es hält.“

Sie kamen an Fensteröffnungen vorbei, die die Stadt zeigten. Draußen flackerte es. Häuser mit halb geschlossenen Augen. Menschen hinter Vorhängen, die so taten, als wäre alles in Ordnung, weil es sonst weh tat. Mara fühlte einen Druck im Bauch. So viele Menschen, die still aushielten.

„Das schaffen wir“, sagte sie zu Leni und zu der Stadt, die sie nicht hörte. „Es wird wieder ruhig.“

„Sag es lauter“, flüsterte Leni.

„Es wird wieder ruhig!“, rief Mara in den Turm. Der Turm antwortete mit einem Echo, das nicht nur ihr eigenes war. Als ob noch jemand denselben Satz sagte, ein bisschen älter, ein bisschen müder, aber sicher. Vielleicht der Uhrmacher. Vielleicht nur die Zeit.

Der Faden leuchtete stärker, als sie sich der Turmuhr näherten. Die Uhr selbst war ein Gesicht ohne Pupillen. Die Zeiger zitterten. Dahinter, in einem Raum aus Zahnrädern und Stangen, sahen sie den Riss. Er war so schmal wie ein Nichts, aber er zog Licht hinein wie eine Pfütze, die den Himmel verschluckt.

„Da ist er“, sagte Mara. „Der Flackerer zieht. Und er sitzt in der hohlen Stunde.“

„Was ist eine hohle Stunde?“, fragte Leni.

„Die, die nicht gefüllt ist. Zwischen Schlag und Schlag. Zwischen Ein und Aus. Zwischen Mut und Angst“, sagte Mara. Sie spürte, wie ihre Hände schwitzten. Der Faden pulsierte, als würde er spüren, dass er zum Knoten wollte.

„Wie flickt man eine hohle Stunde?“, flüsterte Leni.

„Mit etwas, das sie füllt“, sagte Mara. „Mit einem Takt.“

Die hohle Stunde

Der Raum hinter der Uhr war größer, als er von außen hatte sein dürfen. Er war ein Bauch aus Dunkel, in dem die Räder wie Zähne eines schlafenden Tieres waren. In der Mitte hing das Pendel. Es bewegte sich, aber ohne Regel. Mal zu weit, mal zu kurz. Darüber, wie eine Spinne in einem Spinnennetz, das aus kaltem Atem bestand, lauerte etwas Langes, Dünnes. Es hatte keine feste Gestalt, nur Kanten, die man sah, wenn man zu lange blinzelte.

„Er ist dünn, weil er Hunger hat“, sagte Leni plötzlich.

„Oder weil er nie satt wird“, sagte Mara. „Flackerer!“, rief sie, und das Wort tat gut. Es machte das Ding ein bisschen schwerer, ein bisschen sichtbarer. „Wir kennen dich.“

Es regte sich. Ein Zucken, das gar keines war, weil es keine Muskeln hatte, einzig Hunger.

„Wir wissen, was du willst“, fuhr Mara fort. „Du willst, dass alles unsicher ist. Du willst, dass wir nicht wissen, ob wir noch da sind, wenn das Licht wieder an ist.“

„Du willst uns den Takt nehmen“, sagte Leni. Ihre Stimme zitterte, aber sie stand neben Mara, und das war so, als hätten sie vier Füße, nicht nur zwei.

„Und wir geben ihn dir nicht“, sagte Mara. „Weil wir ihn teilen können.“

„Ja“, sagte Leni. „Wir haben ein Herz und zwei Köpfe, die zählen können.“

„Drei, wenn man den Turm dazu rechnet“, murmelte Mara und lächelte. Ein kleines, mutiges Lächeln.

Der Flackerer streckte sich, als wäre er aus Faden, der zu lange im Wasser gelegen hatte. Er senkte sich, bis seine Kante fast Maras Stirn berührte. Es war, als streiche ein Gefrierfach durch ihre Gedanken.

„Nicht weggucken“, flüsterte Leni. „Nicht jetzt.“

„Ich gucke nicht weg“, sagte Mara. „Ich nenne deine Teile. Du bist Angst. Du bist Zweifel. Du bist Müdigkeit. Du bist das Zucken vor dem Einschlafen, das einen wieder wach macht. Du bist nicht mehr.“

Jedes Mal, wenn sie ein Wort sagte, verlor das Ding ein Stück. Es war, als würde jemand Knoten aus Haaren lösen. Der Flackerer schob sich zurück, lang und dünn, weniger.

„Jetzt der Faden“, sagte Mara. Sie und Leni hoben ihn. Ihre Finger berührten sich, und das war der kleine Mut, den die Notiz gemeint hatte. „Wir binden den Faden an das Pendel.“

„Wie binden wir Licht an Metall?“, fragte Leni.

„Mit Atem“, sagte Mara. „Auf drei. Eins, zwei, drei.“

Sie atmeten zusammen aus, und der Faden legte sich wie eine Stimme um das Pendel. Er schimmerte, als hätte er gewartet, genau hier zu sein. Der Flackerer schnitt nach ihm, aber seine Kante rann ab, als wäre der Faden glitschig von Hoffnung.

„Hä“, machte Leni. „Das funktioniert.“

„Weil wir glauben, dass es funktioniert“, sagte Mara. „Glaube ist auch ein Knoten.“

„Oh nein“, sagte der Flackerer, und zum ersten Mal war da eine Stimme. Sie klang müde und jung und alt zugleich. „Ihr macht mich klein.“

„Nein“, sagte Mara freundlich. „Wir machen dich passend. Alles hat seine Größe. Du warst zu groß.“

„Ich möchte nicht verschwinden“, flüsterte die Stimme.

„Du musst nicht“, sagte Leni. „Kleine Angst gehört dazu. Sie lässt uns vorsichtig sein. Aber große Angst frisst uns auf.“

„Ich will bleiben“, sagte der Flackerer.

„Dann bleib in den Ritzen“, sagte Mara. „Zwischen dem Schlag und dem Schlag. Dort, wo du hingehörst. Nicht überall. Nicht immer.“

Der Flackerer seufzte. Ein Wind wehte durch den Raum, obwohl keine Fenster offen standen. Er zog sich zusammen, ein Band, dann ein Faden, dann ein Punkt, den man nur sah, wenn man nicht direkt hinsah. Da blieb er, wie ein Leberfleck im Turm.

Das Pendel schlug aus. Nicht zu weit. Nicht zu kurz. Ein Tick. Ein Tack. Noch eines. Ein drittes. Es war, als würde der Turm einen Hut ziehen und sagen: So, Kinder. Das kann ich. Aber es war noch nicht fertig.

„Er muss den Takt finden“, sagte Mara. „Wir müssen ihm helfen.“

„Wie?“, fragte Leni.

„Mit unserem. Wir zählen. Bis er uns überholt.“

Sie stellten sich unter das Pendel, der Faden warm an ihren Handgelenken, und sie zählten. „Eins… zwei… drei…“ Das Pendel antwortete. „Tick… tack… tick…“ Es geriet in eine Bahn. Draußen, als ob die Stadt den Atem anhielt, flackerte es noch einmal, lang. Und dann kam das Licht zurück. Erst zögerlich, dann entschieden. Eine Lampe nach der anderen. Ein Fenster nach dem anderen. Ein Gesicht nach dem anderen, das sich entspannte.

„Wir haben's“, sagte Leni und lachte, diesmal ohne Angst. Es klang wie ein Vogel, der endlich den richtigen Ast gefunden hatte.

„Fast“, sagte Mara. „Wir müssen den Knoten machen.“

Sie führten den Faden, strafften ihn, legten ihn um einen Bolzen, der aussah, als wäre er genau dafür dort. Ihre Hände arbeiteten ohne Hast. Sie machten einen einfachen Knoten, wie bei einem Schnürsenkel. Kein Zauberknoten, keine komplizierte Schleife. Einfach und fest. Er hielt. Das Pendel schlug, der Turm atmete ruhig.

„Ich fühle mich, als hätte ich gerade eine sehr schwierige Hausaufgabe abgegeben“, sagte Leni und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Und das Beste ist“, sagte Mara, „wir bekommen keine Note. Nur Licht.“

„Nur?“, wiederholte Leni und sah hinaus, wo die Lichter jetzt nicht mehr atmeten, sondern ruhig waren, wie eine Hand, die sich auf deine Schulter legt. „Nur Licht ist viel.“

Was bleibt

Sie standen noch eine Weile im Turm und hörten dem neuen Takt zu. Er war nicht feierlich. Er war nicht heroisch. Er war einfach. Tick. Tack. Tick. Tack. Eine Hand, die die andere findet. Ein Schritt, dann der nächste.

„Glaubst du, der Uhrmacher hat uns gehört?“, fragte Leni.

„Wenn er noch hier ist, dann ja“, sagte Mara. „Und wenn nicht, dann hat die Zeit uns gehört. Die beiden sind eh gute Freunde.“

„Und der Flackerer?“, fragte Leni leise. „Glaubst du, er bleibt klein?“

„Nur so lange, wie Menschen Namen für ihre Angst haben“, sagte Mara. „Wenn wir sie vergessen, wird er wieder groß. Aber wir werden ihn nicht vergessen.“

„Ich hab Lust, ihm einen Brief zu schreiben“, sagte Leni. „Sehr geehrter Herr Flackerer…“

„…bitte bleiben Sie in der Ritze zwischen drei und vier, wir danken Ihnen für Ihre Mitarbeit“, ergänzte Mara. Sie kicherte beide. Ihr Lachen klang nicht mehr wie ein Knoten, den man machen musste. Es klang wie ein Vogel, der fliegt, weil er fliegen kann.

Sie taumelten vor Müdigkeit die Treppe hinunter. Unten wartete die Stadt, die nicht wusste, dass zwei Mädchen mit einem Faden gesprochen hatten. Menschen kamen aus ihren Häusern, sahen nach oben und nickten, als hätten sie das schon immer gewusst. Der Kater mit den weißen Pfoten strich um ihre Beine.

„Danke“, sagte Leni zum Kater.

„Gern“, sagte seine Miene.

In der Flüstergasse war es still. Aber es war kein Schwerstill, sondern ein Ruhigstill. Das Gitter stand offen, die Motte im Eisen sah nicht mehr wie ein Loch aus, sondern wie ein Zeichen.

„Wenn wir morgen in die Schule gehen und erzählen, was wir gemacht haben…“, begann Leni.

„…wird niemand uns glauben“, beendete Mara. „Nicht, weil es zu seltsam ist. Sondern weil die meisten denken, dass Dinge wie Licht und Zeit sich nicht bitten lassen. Sie irren sich.“

„Sollen wir's trotzdem erzählen?“

„Wir erzählen's dem, der fragt“, sagte Mara. „Und wir behalten es für den Moment, wenn es wieder flackert. Dann wissen wir, wie man bindet.“

Sie gingen die Straße entlang, die Laternen warfen ruhige Kreise, und hinter manchen Gardinen standen Menschen und tranken Tee, so als hätten sie die ganze Zeit genau darauf gewartet. An einer Kreuzung blieb Mara stehen.

„Was ist?“, fragte Leni.

„Ich höre zu“, sagte Mara.

„Wem?“

„Dem, was bleibt, wenn der Krach weg ist.“

„Und?“

„Es bleibt… Ordnung“, sagte Mara. „Und etwas, das nicht laut ist, aber stark. Hoffnung. Sie tickt.“

Zu Hause angekommen, stellte Leni ihren Thermobecher auf den Tisch. Mara legte den Rest des Fadens in eine Schublade, nicht, um ihn zu verstecken, sondern damit er einen Platz hatte. Sie wusste, dass Dinge, die man achtet, sich erinnern.

„Gute Nacht, Flickerin“, sagte Leni, als sie zur Tür ging.

„Gute Nacht, Flickerin“, antwortete Mara. „Bis morgen.“

In dieser Nacht träumte Mara vom Turm. Er war nicht mehr schwarz, sondern hatte eine leise Farbe, die man nicht benennen musste, weil man sie fühlte. Sie träumte von Zahnrädern, die nicht zermalmten, sondern trugen. Sie träumte von einem Mann mit schmalen Händen, der lächelte, diesmal mit Zähnen. Er sagte nichts. Er nickte nur. Und irgendwo, nicht im Traum, nicht ganz wach, hörte sie es: das ruhige, regelmäßige, freundliche Ticken einer Uhr. Es schob die Schatten weiter zurück, als es jede Lampe könnte.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Am Morgen würde jemand sagen, dass es wohl am Strom gelegen habe oder an einer Firma, die etwas repariert habe. Jemand würde sagen, das sei alles Quatsch. Jemand würde gähnen. Mara würde lächeln. Leni würde den Kater suchen. Und die Lichter würden ruhig bleiben — jedenfalls erst einmal.

Manchmal, wenn die Dämmerung kam und die Luft sich zwischen Tag und Nacht spannte wie eine Trommel, legte Mara die Hand auf die Schublade mit dem Faden und atmete. Sie erinnerte sich an den Namen der Angst, an den Freundschaftsgriff an Lenis Hand, an einen Turm, der gelernt hatte, wieder zu zählen. Und immer, wenn sie ganz still wurde, hörte sie das, was sie gehört hatten, seit sie durch die Flüstergasse gegangen waren: ein Herz aus Zeit, das die Stadt zusammenhielt.

Tick. Tack. Tick. Tack.

Und wieder.

Tick. Tack. Tick. Tack.

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Flackerte
Wenn etwas unregelmäßig und schnell blinkt oder leuchtet.
Rhythmus
Ein regelmäßiger Ablauf von Klängen oder Bewegungen, wie ein Takt in der Musik.
Schwarz
Eine Farbe, die keine Helligkeit hat; die dunkelste Farbe.
Mechanik
Die Wissenschaft, die sich mit den Bewegungen und Kräften von Körpern beschäftigt.
Zahnräder
Runde Teile aus Metall oder Kunststoff, die sich drehen und eine Bewegung übertragen.
Flüsternden
Leise sprechen, so dass es nur wenige Menschen hören können.
Ordnung
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