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Geschichte, die Angst macht 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Die Kreidebrise und die Schatten aus den Mauern

Vier Freundinnen folgen einer geheimnisvollen Brise durch enge Mauergänge zu einem steinernen Haus voller flüsternder Schatten; mit Kreide, Zusammenhalt und ruhigem Atmen versuchen sie, das Rätsel dieser dunklen Erscheinungen zu lösen.

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Vier Mädchen (etwa 10–12 Jahre): eines ca. 11 Jahre, braune Zöpfe, abgenutzte blaue Jacke, steht vorn mittig vor der dunklen Öffnung des steinernen Würfels und streckt die Hand wie um die Gruppe zu führen; links davon ein ca. 10-jähriges Mädchen mit kurzen blonden Haaren und rotgestreiftem Pullover, hockt und leuchtet mit einer alten Taschenlampe auf eingeritzte Symbole; rechts ein ca. 11-jähriges Mädchen mit offenen schwarzen Haaren und grauem Sweatshirt, steht besorgt, hält den Rucksack und presst die Lippen; hinter der ersten ein ca. 12-jähriges Mädchen mit hellbraunem Pferdeschwanz und grüner Jacke, zieht an der runden Metallplatte im Boden. Schauplatz: runder steinerner Hof mit hohen rauen Wänden, nur ein blasser Himmelskreis sichtbar, staubiger Kreideboden mit feinen fadenartigen Häuten, in der Mitte ein offener steinerner Würfel mit dunkler Öffnung und Metallplatte. Situation: Die Kinder entdecken den Eingang zu einem seltsamen dunklen Bau, eine unsichtbare Brise wirbelt Kreidestaub in leuchtenden Wirbeln, dünne schwarze fadenartige Schatten kriechen an den Wänden; sie wirken angespannt aber vereint: eine zieht die Platte, eine leuchtet, eine wacht, eine führt zur Öffnung. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Brise, die nach Kreide schmeckte

Die Mauern der Stadt waren so dick, dass man das Gefühl hatte, die Luft selbst prallte daran ab. Sie standen überall: graue, grobe Flächen, mit Fugen wie Narben. In manchen Gassen war es so eng, dass man mit den Schultern schrammte, wenn man nicht aufpasste.

Mira blieb stehen und schloss kurz die Augen. Sie war das ruhigste Mädchen in ihrer Viererbande, nicht weil sie nie Angst hatte, sondern weil sie ihr Herzschlagen zählen konnte, ohne gleich loszurennen.

Eine Brise strich ihr über die Stirn. Sie war kalt, obwohl der Nachmittag warm sein sollte, und sie roch nach Kreide und etwas Metallischem.

„Habt ihr das gespürt?“, fragte Mira.

„Wenn du damit meinst: Ich bekomme Gänsehaut, ja“, sagte Leni und zog die Kapuze ihres Pullovers hoch. Leni hatte immer einen Witz auf den Lippen, besonders wenn es unheimlich wurde.

„Sie kommt aus der Richtung“, sagte Sanna und zeigte auf einen schmalen Durchgang zwischen zwei Mauern. Sanna war die, die immer zuerst guckte, ob etwas logisch war – ob eine Spur wirklich eine Spur ist oder nur ein zufälliger Fleck.

Jule sagte nichts. Sie knetete nur den Riemen ihres Rucksacks, als könnte sie ihn dadurch stärker machen. Ihre Augen waren wach und vorsichtig.

Die Brise wurde stärker, als wolle sie sie rufen. Mira spürte etwas in ihr: keine Neugier wie eine Süßigkeit, sondern wie ein Rätsel, das in der Tasche drückt.

„Wir gehen nur ein Stück“, sagte Mira. „Und wenn es blöd wird, drehen wir um.“

„Das ist der Plan von Leuten, die später nie umdrehen“, murmelte Leni.

„Trotzdem“, sagte Mira ruhig. „Wir bleiben zusammen.“

Sie traten in den Durchgang. Das Licht änderte sich sofort, als hätte jemand die Farben leiser gestellt. Die Mauern rückten näher. Irgendwo tropfte Wasser in einem gleichmäßigen Takt: plink… plink… plink.

Und da war sie wieder, die Brise – jetzt ganz deutlich, als würde sie ihnen den Weg zeigen.

Kapitel 2: Flüstern in den Fugen

Je tiefer sie gingen, desto mehr fühlte sich die Welt wie ein Labyrinth aus Stein an. Keine Fenster, keine Türen, nur hier und da ein eingelassener Ring aus rostigem Metall. Mira stellte sich vor, wie jemand daran gezogen hatte. Wozu? Um eine Klappe zu öffnen? Um etwas herauszuzerren?

„Findet ihr nicht auch, dass es… lauscht?“, fragte Jule schließlich, leise.

„Stein kann nicht lauschen“, sagte Sanna. Doch ihre Stimme klang nicht überzeugt.

Die Brise fuhr plötzlich unter Sannas Haare und ließ sie wie Gras im Wind wippen. Dann glitt sie weiter und zog an einem Fetzen Papier, der in einer Fuge steckte. Mira zog ihn heraus. Er war alt, grau, fast durchsichtig.

Darauf stand in krakeligen Buchstaben: NICHT AT—

Der Rest war abgerissen.

„Nicht atmen?“, sagte Leni. „Super Tipp. Genau jetzt. In diesem… Stein-Schlauch.“

Mira hielt das Papier fest. Die Brise rührte sich, als wäre sie ungeduldig. Und dann kam ein Geräusch, das nicht zu Tropfen passte: ein leises Schaben, ganz nah an der Wand. Als würde etwas mit Fingernägeln über Stein fahren.

Sanna hob eine Hand. „Stopp.“

Sie standen still. Sogar Leni hörte auf zu witzeln. Mira spürte den eigenen Atem im Hals. Plötzlich erinnerte sie sich an den Zettel. NICHT AT—

Sie nahm einen flachen Atemzug durch die Nase. „Vielleicht… nicht tief einatmen“, flüsterte sie.

Das Schaben wurde lauter, wanderte, wie eine kleine Kreatur, die den Weg entlangkrabbelt. Mira blickte an der Wand entlang und sah – nichts. Und doch: Eine Spur dunklerer Schatten bewegte sich in der Fuge, als wäre dort etwas, das kein richtiges Licht mochte.

„Okay“, hauchte Leni. „Ich möchte offiziell wieder nach Hause.“

„Noch nicht“, sagte Mira. Ihre Stimme war ruhig, aber ihr Magen fühlte sich an wie ein verknotetes Seil. „Die Brise führt uns. Vielleicht führt sie auch raus.“

„Das ist… das optimistischste Gruselargument, das ich je gehört habe“, sagte Leni.

Die Brise stieß ihnen wieder sanft in den Rücken. Sie gingen weiter, Schritt für Schritt, als würden sie auf dünnem Eis laufen.

Kapitel 3: Das Haus ohne Dach

Der Durchgang endete plötzlich in einem runden Hof, von Mauern umstellt, so hoch, dass man den Himmel nur als schmalen Kreis sehen konnte. In der Mitte stand ein Gebäude – oder eher der Rest davon: vier Wände, kein Dach, kein Fenster. Ein Würfel aus dunklem Stein, der aussah, als hätte ihn jemand vergessen.

Die Brise wehte direkt hinein.

„Wenn ich ein Monster wäre, würde ich genau dort wohnen“, sagte Leni und deutete auf den dunklen Eingang.

„Dann sei froh, dass du keins bist“, sagte Jule, aber sie schaffte ein kleines schiefes Lächeln.

Sanna kniete sich hin und fuhr mit den Fingern über den Boden. „Hier ist Staub… aber auch Spuren. Ganz feine. Wie von… Kratzern.“

Mira trat näher an den Eingang. Die Kälte dort drinnen war anders, schwerer, als würde man in einen Keller aus Schatten steigen. Sie blieb an der Schwelle stehen, zählte in Gedanken bis drei und spürte ihren Puls. Nicht zu schnell. Noch kontrollierbar.

„Wir gehen rein“, sagte sie. „Aber leise. Und wir achten aufeinander.“

„Wie in einem dieser Escape-Rooms“, flüsterte Leni. „Nur ohne Angestellte, die einen rauslassen, wenn man weint.“

Drinnen war die Luft trocken. Die Wände waren mit Linien überzogen – eingeritzte Kreise, Pfeile, kleine Symbole, die aussahen wie Augen. Und überall, in den Ecken, klebte etwas Weißes, wie alte Spinnweben, nur dichter, fast wie Kreidestaub-Fäden.

Jule hob die Hand, zeigte auf eine Stelle. „Da… bewegt sich was.“

In einer Fuge kroch der Schatten entlang. Er war wie eine dünne, schwarze Flüssigkeit, die sich nicht tropfte, sondern kletterte. Er zog sich an der Wand hoch, als hätte er Hunger.

„Nicht anfassen“, sagte Mira sofort.

Die Brise wurde unruhig. Sie wirbelte den Kreidestaub auf, und für einen Moment sah es aus, als würden winzige Sterne im Dunkeln tanzen.

Dann hörten sie es: ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch, direkt aus den Wänden.

Nicht. At—

Sanna presste die Lippen zusammen. „Die Wand… spricht.“

„Ich mag das nicht“, sagte Jule. Ihre Stimme zitterte, aber sie blieb stehen. Das war Mut, dachte Mira. Nicht keine Angst, sondern bleiben, obwohl sie da ist.

Mira atmete flach. „Wir finden heraus, was das bedeutet.“

Kapitel 4: Die Schatten, die sich von Atem ernähren

In der Mitte des raumlosen Hauses lag eine runde Platte im Boden, aus Metall, mit einem Griff wie ein Auge. Um sie herum waren die eingeritzten Symbole dichter, fast wie ein Warnkreis.

Die Brise strich über die Platte und blieb dann stehen, als hätte sie ihr Ziel erreicht.

„Das ist eine Falltür“, sagte Sanna und zog leicht am Griff. Er gab nicht nach.

„Vielleicht braucht man ein Passwort“, meinte Leni und räusperte sich. „Ähm… ‚Bitte‘?“

Nichts.

Das Flüstern wurde stärker. Mira hörte einzelne Silben, die sich wie trockene Blätter aneinander rieben. Und in den Fugen – da krochen jetzt mehrere Schatten. Sie waren klein, aber es wurden mehr, und sie bewegten sich in Richtung der Mädchen, wie Spinnen, die kein Fell haben.

Jule wich zurück. Ihr Fuß stieß gegen die Wand. „Sie kommen!“

Mira spürte, wie der Reflex sie packen wollte: rennen, schreien, tief Luft holen. Doch der Zettel, das Flüstern, die Kreidefäden – alles zeigte auf dasselbe.

„Nicht tief atmen“, sagte Mira schnell. „Flach. Ruhig.“

„Wie soll ich ruhig sein, wenn… Schatten-Krabbelviecher…“, keuchte Leni, brach ab und presste die Lippen zusammen.

Einer der Schatten erreichte Sannas Schuh. Im selben Moment, als Sanna erschrocken Luft einsog, wuchs der Schatten – nicht viel, aber sichtbar, als hätte er sich an ihrem Atem festgehängt.

Sanna riss den Mund zu. Ihre Augen wurden groß. Mira sah, wie Sanna sich zwang, durch die Nase ganz leise zu atmen, nur winzige Atemzüge. Der Schatten schrumpfte wieder ein wenig, als hätte er etwas verloren.

„Sie… werden größer, wenn wir…“, begann Jule.

„Wenn wir panisch atmen“, sagte Mira. „Also bleiben wir kalt. Kalt wie Stein. Wir denken.“

Leni hob langsam eine Hand und zeigte auf die Kreidefäden an der Wand. „Das Zeug da… reagiert auf Wind.“

Die Brise, die sie geführt hatte, wehte immer noch, als würde sie warten. Mira verstand: Die Brise war keine gewöhnliche Luft. Sie war ein Hinweis, vielleicht sogar ein Schutz.

„Wenn wir mehr Wind machen“, flüsterte Mira, „können wir den Kreidestaub aufwirbeln. Vielleicht hält das die Schatten fern.“

„Wir haben keinen Ventilator“, sagte Leni.

Mira schaute auf ihre Jacken, auf ihre Rucksäcke. „Wir können fächeln. Alle zusammen. Und dabei… flach atmen.“

Sie stellten sich Rücken an Rücken um die Platte, hielten die Jacken wie Schilde und fächerten kräftig. Die Brise griff den aufgewirbelten Kreidestaub, machte daraus einen kreisenden Schleier. Die Schatten zögerten. Als der Staub sie berührte, zuckten sie zurück, als hätte es gebrannt.

„Ha!“, flüsterte Leni triumphierend. „Kreide gegen Schatten. Wer hätte das gedacht.“

Sanna packte den Griff der Platte. „Jetzt!“

Während die anderen weiter fächelten, zog Sanna mit beiden Händen. Der Griff knarrte. Ein Schatten schoss vor, wurde vom Kreidestaub zurückgedrängt.

Dann gab die Platte nach. Mit einem tiefen metallischen Seufzen öffnete sich die Falltür.

Dunkelheit stieg hoch wie kalter Atem.

Kapitel 5: Der Gang der verlorenen Stimmen

Eine schmale Treppe führte hinunter. Die Mädchen stiegen vorsichtig, einer nach dem anderen. Mira ging zuerst, weil sie es so beschlossen hatte: Die Ruhige vorne. Nicht als Heldin, sondern als Taktgeberin.

Unten war ein Gang, so eng, dass ihre Schultern fast die Wände berührten. Die Luft schmeckte nach altem Eisen. Und wieder diese Mauern – dick, endlos, als wäre die Welt nur aus ihnen gebaut.

Die Brise war auch hier. Sie glitt dicht am Boden entlang und zog wie eine unsichtbare Schnur.

„Hört ihr das?“, fragte Jule.

Es klang, als würden viele Menschen gleichzeitig flüstern, aber hinter einer Tür, die man nicht öffnen kann. Worte ohne Sinn. Manchmal lachte jemand kurz, ein dünnes Kichern, das sofort abbrach.

Leni schluckte. „Das sind… Stimmen. Aber da ist niemand.“

Sanna leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe, die sie aus dem Rucksack zog. Der Lichtkegel zeigte eingekerbte Zeichen an den Wänden. Manche sahen aus wie Namen. Manche wie Striche, als hätte jemand Tage gezählt.

Mira strich mit dem Finger über einen Schriftzug. Der Stein war kalt und ein bisschen feucht. „Vielleicht… waren hier andere.“

Die Brise wurde stärker, drängte sie weiter. Der Gang machte eine Biegung, dann noch eine. Die Stimmen wurden lauter, als würde der Stein selbst erzählen wollen, ohne jemals zu atmen.

Plötzlich blieb die Brise stehen, direkt vor einer Wand, die ganz normal aussah.

„Das ist eine Sackgasse“, sagte Leni, die schon halb umdrehen wollte.

Mira spürte die Luft. Die Brise drückte gegen die Wand, als wäre sie dünner als die anderen. Mira legte die Handfläche darauf. Der Stein fühlte sich glatt an, aber nicht so kalt.

„Hier ist… eine Tür“, sagte sie.

„Eine unsichtbare?“, fragte Jule.

„Vielleicht eine, die man nur findet, wenn man nicht in Panik rumhämmert“, sagte Mira. Ihre Stimme war ruhig, und sie merkte, wie sich diese Ruhe auf die anderen legte wie eine Decke.

Sanna suchte die Wand ab. „Da! Ein kleiner Spalt.

Sie drückten gemeinsam. Die Wand gab nach, lautlos, wie eine schwere Schublade. Dahinter lag ein Raum, in dem ein schwaches, grünliches Licht schwebte – ohne Lampe, ohne Feuer. Es kam aus einer Kugel, die in der Luft hing, als hätte sie vergessen zu fallen.

Und darunter: ein Buch auf einem steinernen Pult, aufgeschlagen, die Seiten voller Kreidezeichen.

Die Schatten waren nicht hier. Als würden sie diesen Raum meiden.

„Okay“, flüsterte Leni, „das ist eindeutig der Teil, wo wir verflucht werden.“

Kapitel 6: Die Kreidekugel und der kalte Mut

Mira trat an das Pult. Die Kreidezeichen wirkten lebendig, als würden sie sich bewegen, wenn man nicht direkt hinsah. Neben dem Buch lag ein Stück Kreide, so weiß, dass es fast leuchtete.

Jule zeigte auf die Kugel. „Sie… atmet?“

Tatsächlich pulsierte das grünliche Licht, wie ein langsamer Atemzug. Einatmen, ausatmen. Nur dass es keine Lunge gab. Mira bekam das Gefühl, dass der Raum selbst ruhig blieb, egal wie schnell ihr Herz klopfte.

Sanna las laut, so gut sie konnte. „‚Wenn die Schatten wachsen, füttere sie nicht. Wenn die Mauern flüstern, antworte nicht mit Angst. Zeichne den Wind.‘“

„Zeichne den Wind?“, wiederholte Leni. „Wie malt man etwas, das man nicht sieht?“

Die Brise strich über das Pult. Sie hob ein paar Kreidestaubkörnchen an, ließ sie tanzen. Mira verstand plötzlich. Nicht sehen – fühlen.

Sie nahm die Kreide. Ihre Hand zitterte kurz, dann hielt sie inne. Sie erinnerte sich an das Zählen. Eins. Zwei. Drei. Der Atem flach, der Kopf klar.

„Wir zeichnen dahin, wo die Brise entlanggeht“, sagte Mira.

„Und wenn wir falsch zeichnen?“, fragte Jule.

„Dann zeichnen wir nochmal“, sagte Mira. „Kalt bleiben.“

Mira hielt die Kreide knapp über die Steinplatte vor dem Pult. Die Brise strich darüber, und Mira folgte ihr, langsam, als würde sie eine unsichtbare Linie nachfahren. Die Kreide hinterließ helle Spuren: Bögen, Spiralen, kleine Wirbel.

Als sie fertig war, glomm die Zeichnung kurz auf. Die Kugel über ihnen pulste schneller, dann ruhiger. Die Flüsterstimmen außerhalb des Raumes wurden leiser, als hätte jemand eine Tür geschlossen.

„Es funktioniert“, sagte Sanna, und in ihrer Stimme lag Erleichterung, aber auch Staunen.

Doch dann vibrierte die Wand hinter ihnen. Ein Kratzen, viel lauter als zuvor. Die Schatten hatten den Eingang gefunden. Dünne schwarze Fäden schoben sich durch den Spalt, tastend.

Leni hielt den Atem an, presste die Lippen zusammen und flüsterte trotzdem: „Ich wünschte, ich hätte heute Morgen nicht gesagt, mein Leben sei langweilig.“

Mira legte die Kreide in Jules Hand. „Du kannst das auch. Zeichne. Da, wo du den Wind spürst.“

Jule schluckte, nickte. Ihre Finger waren kalt, aber sie setzte an. Die Brise strich über ihre Knöchel, und Jule zog eine Linie, dann noch eine, mutiger. Ihre Zeichnung war kantiger als Miras, aber sie leuchtete ebenfalls auf.

Die Schatten am Eingang zuckten zurück, als hätten sie plötzlich keinen Halt.

Sanna schob die Wandtür ein Stück zu. „Wir brauchen einen Abschluss. Etwas, das sie draußen hält.“

Mira schaute auf das Buch. Die Seite blätterte von selbst um, als hätte jemand unsichtbar daran gezogen. Dort stand ein einzelnes Zeichen, groß, wie ein Kreis mit einem Strich – wie ein Auge, das nicht mehr starrt, sondern schläft.

„Das“, sagte Mira. „Wir malen es an die Tür.“

Gemeinsam, Schulter an Schulter, malten sie das Zeichen auf den Stein. In dem Moment, als die Kreide den letzten Strich zog, zog die Brise einmal kräftig durch den Raum – wie ein tiefer, kontrollierter Atemzug.

Die Tür schloss sich wie von selbst. Das Kratzen verstummte.

Stille.

Nur die Kugel schwebte noch, grün und ruhig.

„Ich glaube“, sagte Leni leise, „wir haben gerade offiziell gegen Schatten gewonnen. Mit Kreide. Das ist… irgendwie peinlich für die Schatten.“

Jule lachte kurz, ein echtes kleines Lachen, das die Dunkelheit nicht vertreiben konnte, aber ihr die Zähne zeigte: Wir sind noch da.

Kapitel 7: Zurück durch die Mauern

Der Rückweg fühlte sich anders an. Die Gänge waren noch immer eng, die Mauern noch immer dick, aber das Flüstern war nur noch ein fernes Murmeln, wie ein Traum, den man morgens fast vergessen hat.

Die Brise führte sie, jetzt sanfter, nicht mehr drängend. Sie schien zufrieden, als hätte sie etwas gefunden, das lange gesucht worden war: nicht nur eine Tür, sondern eine Art Antwort.

„Meint ihr, die Schatten sind weg?“, fragte Jule.

„Weg vielleicht nicht“, sagte Sanna. „Aber… gebremst. Wir haben gelernt, wie sie funktionieren.“

Mira nickte. „Sie haben Angst benutzt. Und Atem.“

„Was für eine doofe Ernährung“, sagte Leni. „Ich esse lieber Nudeln.“

Sie stiegen die Treppe hoch. Als die Falltür wieder hinter ihnen ins Schloss fiel, klang es nicht bedrohlich, eher wie ein Buch, das man vorsichtig zuklappt.

Im Hof ohne Dach hatte sich das Licht verändert. Der Himmelkreis war blasser geworden, Abendlicht, das an den Mauern entlangkroch. Der Wind – die Brise – strich ein letztes Mal um sie herum, wie eine Hand, die sagt: Gut gemacht.

Mira blieb stehen und sah zu dem dunklen Gebäude. Es sah noch immer unheimlich aus, aber nicht mehr wie ein Maul, das sie schlucken wollte. Eher wie ein Geheimnis, das man nicht jeden Tag anfassen muss.

„Wir erzählen das niemandem, oder?“, fragte Leni.

Sanna hob eine Augenbraue. „Du würdest platzen.“

„Stimmt“, gab Leni zu. „Aber vielleicht erzähle ich es… sehr vorsichtig.“

Jule schaute Mira an. „Wie hast du das gemacht? Ruhig bleiben, meine ich.“

Mira zuckte mit den Schultern. „Ich war nicht die ganze Zeit ruhig. Ich hab's nur… geübt. Atmen zählen. Denken, bevor der Körper rennt.“

„Kalt wie Stein“, sagte Sanna.

„Aber nicht so stur wie eine Mauer“, ergänzte Leni.

Sie gingen zurück in die Gasse. Die Mauern wirkten weniger erdrückend, als hätten sie ein bisschen Platz gemacht. Oder vielleicht hatten die Mädchen in sich selbst Platz gemacht.

Als sie den Durchgang verließen und wieder in der bekannteren Straße standen, spürte Mira, wie sich ihre Schultern entspannten. Der Kreidegeruch war fast weg.

„Wir sind raus“, sagte Jule, als müsste sie es hören, um es zu glauben.

Mira sah ihre Freundinnen an: Leni, die sich schon die nächste Übertreibung ausdachte, Sanna, die jedes Detail im Kopf sortierte, Jule, deren Angst nicht verschwunden war, aber die trotzdem gegangen war.

Mira atmete ein, diesmal tief, ohne dass etwas davon größer wurde. Dann lächelte sie – ein ruhiges, erleichtertes Lächeln, das sich anfühlte wie ein kleines Licht in einem dunklen Gang.

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Brise
Ein leichter, kühler Wind, der sanft weht und Dinge berührt.
Fuge
Ein schmaler Spalt oder Riss zwischen zwei Steinen oder Wänden.
Narben
Alte, sichtbare Zeichen auf einer Oberfläche, wie bei einer Verletzung.
Labyrinth
Ein schwieriger, verwirrender Weg mit vielen Gängen und Wendungen.
Falltür
Eine Tür im Boden, die sich öffnen lässt und nach unten führt.
Kreidestaub
Feiner, weißer Staub von Kreide, der leicht aufwirbelt.
Kreidefäden
Dünne, weiße Fäden aus Kreidestaub, die an Ecken kleben können.
Symbole
Einfach gezeichnete Zeichen, die etwas Bestimmtes bedeuten sollen.
Spalt
Ein schmaler Riss oder Zwischenraum in einer Wand oder Oberfläche.
Pult
Ein kleines Tischchen oder Podest, auf dem etwas liegt, wie ein Buch.
Kugel
Ein rundes, meist leuchtendes Objekt, das rundherum gleich ist.

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