Kapitel 1: Das Flackern im Treppenhaus
Im Treppenhaus roch es nach kaltem Staub und Zitronenreiniger, als hätte jemand versucht, die Dunkelheit wegzuschrubben. Jon hielt die Luft an und lauschte. Irgendwo über ihnen klickte eine Nachtlampe – dieses leise, zufriedene Geräusch, wenn ein kleines Licht anspringt und so tut, als wäre alles normal.
„Sag nicht wieder, das sei nur der Wind“, flüsterte Emil und zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Er war fast elf, behauptete aber seit Wochen, er sei „praktisch schon zwölf“.
Ben rollte neben ihnen über die Fliesen, die Räder seines Stuhls machten ein trockenes Surren. „Wenn's der Wind wäre, hätte er wenigstens Taktgefühl“, murmelte er. „Das Flackern ist wie… jemand, der Morsezeichen kann, aber schlechte Laune hat.“
Jon grinste kurz, obwohl sein Magen sich zusammenzog. „Vielleicht schreibt uns jemand: Kommt hoch. Oder: Lauft weg.“
Sie waren zu dritt, eine Bande ohne richtigen Namen, weil jedes Mal, wenn sie einen fanden, er sich nach zwei Tagen albern anfühlte. Heute fühlte sich nichts albern an. Heute fühlte sich das ganze Haus wie ein riesiger, schlafender Körper an, und sie standen auf seinen Rippen.
Auf dem Treppenabsatz brannte eine kleine Nachtleuchte, die nicht da sein sollte. Sie war altmodisch, aus milchigem Glas, und innen glomm ein Stern, als wäre er in eine Flasche gesperrt worden. Das Licht flackerte so schnell, dass die Schatten an der Wand zuckten.
„Die gehört nicht zu Frau Schmelzer“, sagte Emil. „Die hat doch diese pinke Einhorn-Lampe.“
Jon beugte sich vor. Auf der Glasfläche lag Staub – und darin war eine Spur, als hätte ein Finger etwas hineingeschrieben. Nur ein Wort.
NÄHER.
Ben pfiff leise durch die Zähne. „Das Haus schreibt uns Nachrichten. Super. Genau das, was ich gebraucht habe.“
Jon hob die Nachtleuchte vorsichtig an. Sie war überraschend warm, als hätte sie Puls. „Wir stellen sie zurück, ja? Und dann—“
Das Flackern stoppte. Das Licht wurde ruhig. Und in dem milchigen Glas erschien, wie eine Spiegelung, die keiner von ihnen machte, ein schmaler Gang, der hinter ihnen nicht existierte.
„Jungs…“, sagte Emil, und seine Stimme klang plötzlich dünn.
Jon drehte sich um. Die Wand am Ende des Flurs, wo eigentlich der Abstellraum war, war nicht mehr glatt. Dort stand jetzt eine Tür. Schwarz gestrichen, ohne Klinke. Nur ein kleines, rundes Loch in der Mitte, wie ein Auge.
Ben rollte einen halben Meter zurück. „Okay. Entweder träumen wir, oder das Haus hat gerade beschlossen, kreativ zu werden.“
Jon spürte etwas in seiner Brust, ein dünnes, zähes Gefühl wie ein Faden. Hoffnung, aber auch Trotz. „Wir machen das zusammen“, sagte er. „Und wenn es ein blöder Streich ist, kriegt der Streich eine schlechte Bewertung.“
Die Nachtleuchte in seiner Hand summte, als würde sie leise lachen.
Kapitel 2: Der Korridor der Nachtlichter
Die schwarze Tür öffnete sich nicht. Sie war einfach… irgendwann offen, als hätten sie nur lange genug hingeschaut. Dahinter lag ein Korridor, der nach Wachs und Metall roch, und die Luft war kühler als im Hausflur. An den Wänden standen hunderte Nachtlichter: Steckdosenlichter, Lampen mit Papier-Schirmen, kleine Mondkugeln, Figuren in Form von Katzen, Raketen, Pilzen. Manche waren aus, manche glommen wie schlafende Augen.
„Das ist… das Sammellager für alle Nachtlampen der Welt“, flüsterte Emil.
Ben rollte über eine Schwelle aus Holz, die aussah, als hätte jemand sie aus einem alten Kinderbett gesägt. „Wenn das so ist, hoffe ich, hier gibt's auch Ersatzbirnen.“
Jon ging voran. Jeder Schritt machte ein Geräusch, das nicht zu seinem Schuh passte – eher wie ein leises Ploppen, als würde der Boden aus sehr festem Teig bestehen.
Die Nachtleuchten reagierten auf sie. Ein Stern ging an, dann ein Hase, dann eine kleine, blaue Wolke. Das Licht wanderte wie eine Welle mit ihnen mit, immer gerade genug, damit sie sahen, wohin sie traten, aber nie so hell, dass man sich sicher fühlte.
Nach ein paar Metern bemerkte Jon, dass sich das Flackern verändert hatte. Es war nicht zufällig. Es folgte einem Rhythmus. Drei kurze, ein langes, zwei kurze.
„Ben“, sagte Jon. „Du hattest recht. Das sind Zeichen.“
Ben nickte, die Stirn gerunzelt. „Das ist… kein normales Morse. Eher wie… ein Herzschlag, der stolpert.“
Emil blieb stehen. „Hört ihr das?“
Ganz leise, irgendwo tief im Korridor, klang ein Flüstern. Nicht wie Worte, eher wie viele Stimmen, die gleichzeitig versuchen, still zu sein. Jon spürte, wie sich seine Haut zusammenzog.
„Vielleicht sind das die Leute, die ihre Nachtlichter verloren haben“, sagte Emil, halb scherzhaft.
„Oder die Nachtlichter haben Leute verloren“, erwiderte Ben trocken.
Jon schluckte. „Wir gehen weiter. Und wenn's gefährlich wird, drehen wir um.“
In diesem Moment ging eine Lampe direkt vor ihnen an: eine kleine, grüne Schildkröte. Auf ihrem Panzer war ein Riss, aus dem Licht sickerte wie aus einer Wunde. Im Lichtkegel lag etwas auf dem Boden. Ein Stück Papier.
Jon hob es auf. Es war ein abgerissener Rand von einem Brief. Darauf stand in krakeliger Schrift:
HALTET EUCH ANEINANDER. NICHT AUS DEN AUGEN VERLIEREN.
Emil las mit. „Wer schreibt denn sowas?“
Das Flüstern wurde lauter, als hätten die Wände näher gerückt. Jon spürte seinen Hoffnungsfaden fester werden. „Jemand, der nicht will, dass wir verschwinden“, sagte er.
Sie gingen weiter. Und jedes Nachtlicht, das sie passierten, spiegelte für einen winzigen Moment nicht ihre Gesichter – sondern ein anderes: blass, überrascht, mit Augen, die zu lange im Dunkeln gewesen waren.
Kapitel 3: Die Schatten, die Namen sammeln
Der Korridor endete in einem Raum, der wie ein Schlafzimmer gebaut war und doch keins war. An der Decke hing ein Mobile aus kleinen Glühbirnen. Ein Teppich lag da, aber die Muster bewegten sich langsam, als würde jemand darunter atmen.
In der Mitte stand ein Tisch. Darauf eine Schachtel, in der Dutzende Schalter lagen – alte Kippschalter, Drehknöpfe, sogar ein Zugschalter mit einer Kette. Neben der Schachtel lag ein Buch mit schwarzem Einband.
„Nicht anfassen“, sagte Ben sofort, aber seine Stimme klang eher wie ein Wunsch als wie ein Befehl.
Emil trat näher. „Da steht was auf dem Buch.“
Jon beugte sich. In silbernen Buchstaben: NAMENREGISTER.
Er schlug es nicht auf. Trotzdem öffnete sich das Buch mit einem leisen Seufzer, als hätte es nur darauf gewartet, Luft zu holen. Die Seiten waren voll mit Namen. Manche ordentlich geschrieben, manche verschmiert. Neben manchen Namen stand ein kleines Symbol: ein Stern, eine Wolke, ein Mond.
„Das sind… Leute“, flüsterte Emil. „Kinder?“
Ben rollte dichter heran. „Und schaut. Bei einigen ist das Symbol durchgestrichen.“
Jon wollte etwas sagen, aber da verdunkelte sich das Licht. Die Nachtlichter an den Wänden flackerten, erst hektisch, dann immer langsamer, wie Augenlider, die schwer werden.
Aus den Ecken lösten sich Schatten. Nicht einfach dunkle Stellen, sondern Formen, die sich bewegten, als hätten sie Gelenke. Sie glitten über den Boden, ohne Geräusch, und dort, wo sie vorbeikamen, wurde es kälter.
Jon spürte, wie ihm die Kehle trocken wurde. „Nicht rennen“, flüsterte er. „Zusammenbleiben.“
Ein Schatten streckte etwas aus – es war wie eine lange, dünne Hand, aber sie bestand aus Rauch. Sie schwebte über das Namenregister, suchte eine Zeile.
Emil schnappte nach Luft. „Der… der will einen Namen!“
Ben hob einen Fuß vor, als könnte er damit etwas blockieren. „Meinen kriegt er nicht. Ich hab noch Pläne.“
Jon sah auf die Seiten. Ganz oben, frisch, als wäre er gerade eben geschrieben worden, stand:
JONAS
Daneben ein winziger Stern.
Jon spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. „Das… das ist—“
Der Schatten senkte die Rauchhand genau auf diese Zeile. Das Silber der Buchstaben begann zu matt werden, als würde jemand es ausradieren, ohne Radiergummi, nur mit Kälte.
Emil packte Jons Ärmel. „Was machen wir?!“
In Jons Kopf blitzte der Satz vom Papier auf: HALTET EUCH ANEINANDER.
Er griff nach Emils Hand, und mit der anderen legte er seine Finger auf Bens Schulter. „Jetzt!“, sagte er.
Sie bildeten einen festen Kreis, so gut es ging, Ben dicht bei ihnen, die Räder still. Jon schloss die Augen und stellte sich vor, dass ihr Zusammenhalten wie ein Licht ist, nicht laut und blendend, aber ehrlich. Wie wenn man nachts den Flur entlanggeht und weiß: Im Wohnzimmer ist jemand wach und wartet.
Das Flackern änderte sich. Die Nachtlichter antworteten. Eins nach dem anderen ging an – nicht grell, aber entschlossen. Der Schatten zitterte, als hätte er sich die Hand verbrannt.
Ein Flüstern schoss durch den Raum, diesmal klarer, fast wütend: „…Namen…Namen…“
Ben sagte leise: „Dann gib ihm keinen.“
Die Schatten zogen sich zurück, als würden sie von unsichtbaren Fäden gezogen. Das Namenregister klappte zu, hart wie ein Zuknallen.
Jon öffnete die Augen. Seine Hände zitterten. Emil atmete stoßweise, aber er grinste plötzlich. „Wir haben… gewonnen?“
„Wir haben Zeit gewonnen“, sagte Jon. „Das ist nicht dasselbe, aber es reicht.“
Am Rand des Raumes stand eine weitere Tür, diesmal aus hellem Holz. In die Mitte war ein kleines, rundes Loch gebohrt – ein Auge, aber nicht schwarz. Dahinter glomm warmes Licht.
Ben nickte dorthin. „Da müssen wir hin.“
Kapitel 4: Die Kammer der verlorenen Stimmen
Hinter der Holztür lag eine Kammer, die aussah wie ein Dachboden, obwohl es keinen Dachboden geben konnte. Kisten stapelten sich bis zur Decke. Auf jeder Kiste klebte ein Etikett: „ANGST VOR DUNKELHEIT“, „ALBTRAUM VOM FALLEN“, „GERÄUSCH UNTER DEM BETT“. Dazwischen standen Nachtlichter wie Wächter.
Und überall hingen Fäden. Dünne, fast unsichtbare Fäden, die von den Lampen ausgingen und sich in der Luft verloren, als würden sie an unsichtbaren Herzen befestigt sein.
Emil streckte die Hand aus, zog sie aber sofort zurück. „Ich hab das Gefühl, wenn ich einen Faden berühre,… passiert was.“
Ben beugte sich vor. „Das sind Verbindungen. Wie… zu Hause. Zu Menschen.“
Jon folgte einem Faden mit den Augen. Er führte zu einer kleinen Lampe in Form eines Buches. Auf dem Buchrücken stand: MAMA. Ein anderer Faden führte zu einer Mondlampe: OPA. Ein dritter zu einem Nachtlicht, das wie ein Fußball aussah: BRUDER.
„Das sind… unsere Leute“, flüsterte Emil.
Jon fühlte ein Ziehen in der Brust, als würde sein eigener Faden an ihm zupfen. Er dachte an seine Mutter, die ihn heute Abend noch gefragt hatte, ob alles okay sei. Er hatte „klar“ gesagt, viel zu schnell.
In der hinteren Ecke stand eine hohe Kommode. Die Schubladen waren angelehnt, und aus jeder quoll ein leises Geräusch: Kichern, Schluchzen, das Kratzen von Bleistift auf Papier.
„Da drin sind Stimmen“, sagte Ben. „Eingesperrt.“
Jon trat näher. Auf der Kommode lag eine einzelne, unbeleuchtete Kerze. Sie war kurz, als hätte jemand sie schon oft angezündet und wieder ausgepustet. Doch der Docht war trocken. Daneben lag ein Zettel:
EIN LICHT KANN MEHR ALS SEHEN. ES KANN ERINNERN.
Emil schluckte. „Wir sollen die Kerze anzünden? Aber womit? Hier gibt's nur Nachtlichter.“
„Vielleicht ist das der Punkt“, murmelte Ben. „Nachtlichter sind… geliehenes Licht. Kerzenlicht ist… entschiedenes Licht.“
Ein Geräusch ließ sie herumfahren. Hinter einer Kiste bewegte sich etwas. Ein Schatten, aber kleiner, dichter. Er kroch wie eine Spinne aus Dunkelheit, und auf seinem Rücken glomm ein durchgestrichener Stern.
Emil wich zurück. „Der sammelt wieder!“
Der Schatten sprang nicht. Er schob sich langsam vorwärts, geduldig, als hätte er alle Zeit der Welt. Das Flüstern kam wieder, diesmal wie ein Reim: „Name weg, Licht weg, still, still, still…“
Jon spürte Panik aufsteigen wie kaltes Wasser. Doch der Faden Hoffnung in ihm blieb. Er sah die Fäden, sah die Lampen, sah seine Freunde.
„Wir brauchen ein Licht, das nicht flackert, weil jemand anders es anknipst“, sagte Jon. „Wir brauchen unseres.“
Ben schaute auf die Kerze. „Dann müssen wir Feuer finden.“
Emil deutete auf eine Kiste mit der Aufschrift „MUT, GELIEHEN“. „Da drin vielleicht?“
Sie rissen den Deckel auf. Drinnen lag kein Mut wie ein Gegenstand, sondern etwas, das wie Streichhölzer aussah – aber aus Glas. In jedem schimmerte ein winziger Funke.
Jon nahm ein Glas-Streichholz. Es fühlte sich kühl an, aber in der Mitte lebte ein warmes Zittern. „Okay“, sagte er und versuchte, nicht zu zeigen, wie sehr seine Hände bebten. „Wir machen das zusammen.“
Der Schatten kam näher. Die Nachtlichter flackerten, als würden sie Angst haben, zu viel zu leuchten.
Ben sagte ruhig: „Jon, du zündest an. Emil, du hältst die Kerze. Ich… halte den Schatten im Blick.“
„Wie denn?“, fauchte Emil, aber er nahm die Kerze trotzdem.
Ben lächelte schief. „Mit der besten Superkraft: Starren.“
Jon strich das Glas-Streichholz über die Kante der Kommode. Ein leises Klingen, wie ein Ton aus einem Wasserglas. Dann sprang der Funke heraus – klein, aber echt.
Der Schatten zuckte, als hätte er den Klang gespürt. Er hielt inne.
Jon führte die Flamme zum Docht. Für einen Moment passierte nichts. Dann fing der Docht Feuer, und ein kleines, ruhiges Licht stand da, nicht perfekt, nicht riesig, aber standhaft.
Die Kammer atmete aus.
Kapitel 5: Der Spiegelgang und die Prüfung
Mit der brennenden Kerze in der Hand sah der Raum anders aus. Die Etiketten auf den Kisten wirkten weniger wie Drohungen, mehr wie Dinge, die man benennen kann. Und benennen heißt: nicht völlig ausgeliefert sein.
Die Schatten-Spinne zog sich zurück, als würde sie an einer unsichtbaren Leine gezogen. Doch sie verschwand nicht. Sie wartete.
Eine neue Tür erschien, diesmal wie ein Spiegel. In seiner Oberfläche waberte Dunkelheit, als wäre dahinter ein tiefer See.
„Da rein?“, fragte Emil, und seine Stimme überschlug sich fast.
Jon hob die Kerze. Das Licht spiegelte sich im Glas, aber das Spiegelbild zeigte nicht nur sie. Es zeigte auch drei andere Jungen – blasser, mit zu großen Augen – die ihnen entgegenstarrten.
Ben verzog das Gesicht. „Oh, toll. Wir bekommen Gratis-Versionen von uns. Hoffentlich ohne unsere peinlichen Momente.“
Die Spiegel-Jungs bewegten sich synchron, nur einen Ticken zu spät, wie bei einem schlechten Video. Dann öffnete einer den Mund, und aus ihm kam nicht seine Stimme, sondern ein Flüstern: „Gib deinen Namen ab… dann wird's leicht…“
Jon spürte, wie die Worte an ihm zogen, wie Hände, die an seinem Ärmel zerren. Einfach ja sagen. Einfach loslassen. Keine Angst mehr, kein Zittern.
Er sah zu Emil. Emil biss sich auf die Lippe, bis sie weiß wurde. Ben hielt die Kerze so, dass das Licht nicht ausging.
„Nicht zuhören“, sagte Jon, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Namen sind… wie Fäden. Wenn wir die hergeben, sind wir allein.“
Emil flüsterte: „Meine Schwester… die sagt immer, ich soll nicht so tun, als wär ich schon groß. Weil… weil sie mich sonst nicht erkennt.“
Ben nickte. „Meine Oma schreibt meinen Namen auf jede Geburtstagkarte, als wäre er ein Zauberwort. Vielleicht ist er das.“
Jon schluckte und dachte an seine Mutter, an den Klang, wie sie „Jon“ sagt, wenn sie ernst ist, und „Joni“, wenn sie lacht. „Unser Name gehört zu den Leuten, die uns rufen“, sagte er. „Und wir gehören zu ihnen.“
Er stellte die Kerze vor den Spiegel. Das Flackern wurde stärker, als würde der Spiegel protestieren. Die Spiegel-Jungs verzerrten sich, ihre Gesichter zogen sich lang wie Kaugummi.
„Sagt eure Namen“, forderte das Flüstern. „Sagt sie mir.“
Jon hob das Kinn. „Ich sag meinen Namen nicht dir. Ich sag ihn ihnen.“
Er legte eine Hand auf Emils Schulter, eine auf Bens. „Emil“, sagte er deutlich. „Ben. Und ich bin Jon.“
Die Kerzenflamme wurde höher, als hätte sie die Worte gefressen und in Licht verwandelt. Im Spiegel tauchten für einen Herzschlag andere Bilder auf: eine Küche, eine Hand, die eine Decke zurechtrückt, ein Lachen im Flur. Nähe. Zuhause.
Der Spiegel knisterte. Ein Riss lief durch die Oberfläche, nicht bedrohlich, eher wie ein Ei, das aufspringt. Das Flüstern kreischte, dünn wie zerreißendes Papier.
Dann wurde der Spiegel zu einer Tür, und dahinter lag ein Gang, der nach frischer Luft roch.
Kapitel 6: Die gesetzte Kerze
Sie traten hinaus – und standen wieder im Treppenhaus ihres Hauses. Der Zitronenreiniger-Geruch war da, der Staub auch, aber alles wirkte fester, weniger träumend. Die schwarze Tür war verschwunden. Nur der normale Abstellraum stand da, brav und verschlossen.
Jon hielt die Kerze noch immer. Die Flamme brannte ruhig, als hätte sie beschlossen, nicht mehr zu flackern.
Emil sah sich hektisch um. „War das… echt?“
Ben rollte ein Stück vor und tippte gegen die Wand. „Wenn's nicht echt war, dann war's ein sehr überzeugender Albtraum mit erstaunlich guter Innenausstattung.“
Jon ging zum kleinen Tischchen auf dem Treppenabsatz, wo sonst Werbezettel lagen. Dort stand die fremde Nachtleuchte mit dem Stern wieder, als wäre nichts geschehen. Doch jetzt war das Glas klar, und im Staub war keine Nachricht mehr.
Jon stellte die Kerze neben die Nachtleuchte. Er tat es langsam, feierlich, obwohl er sich dabei ein bisschen albern vorkam. Aber das Gefühl in seiner Brust sagte: Das zählt.
Die Kerze war jetzt gesetzt. Ein kleines Stück entschiedenes Licht im gewöhnlichen Flur.
In der Stille hörten sie etwas: aus den Wohnungen drangen Geräusche, die vorher nicht da gewesen waren. Ein leises Husten, ein Wasserkocher, ein gedämpftes Lachen, Schritte. Menschen, die da waren. Nähe, die man sonst übersieht.
Emil atmete aus. „Ich glaub… ich geh jetzt hoch. Und ich sag meiner Schwester, dass… dass ich sie mag. Auch wenn sie mir manchmal die Fernbedienung klaut.“
Ben schnaubte. „Sehr mutig. Ich sag meiner Oma morgen, dass ich ihre Karten aufhebe. Auch wenn sie Glitzer benutzt wie… wie eine Naturkatastrophe.“
Jon nickte. „Und ich… ich sag meiner Mom, dass ich heute nicht ‚klar‘ sagen will, sondern… dass ich echt okay sein will.“
Die Stern-Nachtleuchte flackerte einmal, fast wie ein Zwinkern. Dann leuchtete sie konstant.
Als sie auseinander gingen, blieb Jon noch einen Moment stehen und sah auf die Kerze. Die Flamme war klein, aber sie hielt. Und im Glas der Nachtleuchte spiegelte sich nichts Unheimliches mehr – nur der Flur, drei Schatten, die wieder zu normalen Schatten wurden, und ein Licht, das sich nicht nehmen ließ.
Jon drehte sich um und ging nach Hause, den dünnen Faden Hoffnung nicht mehr ganz so dünn in der Hand.