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Geschichte, die Angst macht 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Die Fotos aus dem Nebelwald: Lenis und Minas Weg nach Hause

Zwei Freundinnen finden mysteriöse Fotos, die sie zu einem nebligen, verbotenen Weg führen, und müssen sich dem flüsternden Geheimnis stellen, ohne sich zu trennen.

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Zwei etwa 11-jährige Mädchen: eins mit hellbraunen Zöpfen, gelber Regenjacke und Gummistiefeln hält vorne mit entschlossenem, besorgtem Blick in der rechten Hand eine leuchtende Taschenlampe, das andere mit schwarzem Bob, dicker roter Schal und grauem Rucksack folgt direkt dahinter, die Hände der beiden fest ineinander; sie treten vorsichtig durch ein altes Holztor mit rostigen Beschlägen und schiefem Schild „Kein Ausgang“ auf einen nebligen, schmalen Waldweg mit knorrigen Stämmen, sichtbaren Wurzeln, nassen Blättern, Pilzen und Steinen, die Taschenlampe wirft einen warmen Halo gegen dunkle Nebelsilhouetten, Stimmung zwischen Angst und Zusammenhalt, starke Farbboxen der Kleidung gegen grau-blauen Nebel, jugendlicher Stil mit weichen Konturen, Papiertexturen und kleinen schützenden Doodles (Sterne, Herzen, Mini-Lampen) als Overlay. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Das Foto im Regen

Der Regen hing wie ein grauer Vorhang vor den Fenstern der alten Bushaltestelle. Leni zog die Kapuze tiefer und pustete sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht. Neben ihr schüttelte Mina ihre Handschuhe aus, als könne sie den Himmel damit auswringen.

„Wenn der Bus heute wieder zu spät kommt, verwandle ich mich in ein Fischstäbchen“, murmelte Mina.

„Dann pack ich dich in eine Brotdose“, sagte Leni und grinste kurz. Das Grinsen verschwand, als ihr Blick an etwas kleben blieb, das unter der Bank hervorblitzte.

Ein Stück Papier. Oder eher: ein Foto.

Leni kniete sich hin, die Knie sofort kalt vom Beton. Sie zog das Foto vorsichtig heraus, als könnte es bei zu schnellem Ziehen reißen. Es war feucht, aber nicht völlig durchweicht. Darauf: ein Weg, der sich zwischen Bäumen hindurchschlängelte. Nebel lag wie Watte darüber. Und am Rand – ganz klein – standen zwei Mädchen mit Kapuzen. Eines trug Lenis gelbe Regenjacke. Das andere Minas rote Mütze.

„Das ist…“ Mina beugte sich so nah heran, dass ihre Nasenspitze fast das Bild berührte. „Das sind wir. Aber… wir waren da nie.“

Leni spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Vielleicht ist es ein dummer Streich.“

In diesem Moment flackerte die Lampe über der Haltestelle, obwohl es Tag war. Und dann kam es: ein Geräusch, so leise, dass man es fast für den Regen halten konnte. Eine Stimme. Weit weg. Wie aus einem Tunnel.

„Kommt… zurück…“

Mina riss den Kopf hoch. „Hast du das gehört?“

„Ja“, sagte Leni, und ihre Stimme klang plötzlich dünn. Sie steckte das Foto in die Tasche, als wäre es ein lebendiges Tier.

Der Bus kam endlich. Die Türen schnappten auf wie ein mürrisches Maul. Leni und Mina stiegen ein, setzten sich nebeneinander. Doch selbst zwischen warmen Sitzpolstern und dem Geruch nach nassen Jacken blieb das Gefühl, als hätte das Foto ihnen etwas an die Fersen gebunden.

Als Leni aus dem Fenster sah, war draußen nur Regen. Trotzdem glaubte sie, zwischen den Tropfen den Umriss eines Weges zu sehen.

Kapitel 2: Flüstern im Treppenhaus

Nach der Schule war der Himmel noch dunkler geworden, als hätte jemand eine Decke darüber gezogen. Leni und Mina gingen nicht wie sonst zum Kiosk. Sie gingen zu Leni nach Hause, ohne darüber zu reden. Es fühlte sich an wie ein stiller Vertrag.

Lenis Haus war ein altes Mehrfamilienhaus mit einem Treppenhaus, das nach Staub und Bohnerwachs roch. Normalerweise fand Leni das irgendwie gemütlich. Heute war der Flur zu lang, die Schritte klangen zu laut.

Im dritten Stock blieb Mina stehen. „Da.“ Sie zeigte auf den Briefkasten mit Lenis Namen. Davor lag etwas auf dem Boden.

Ein zweites Foto.

Leni hob es auf. Dieses Mal war der Ausschnitt näher: Der gleiche neblige Weg. Die Bäume standen wie schwarze Rippen. Und mitten auf dem Weg: ein Schild, schief in der Erde, mit abgeplatzter Farbe. Man konnte gerade noch lesen: „Kein Ausgang“.

„Das ist nicht witzig“, flüsterte Mina.

„Vielleicht wirft jemand Fotos rein und findet's lustig, uns zu erschrecken“, sagte Leni – aber sie klang, als würde sie sich selbst überreden.

Als sie die Wohnungstür aufschloss, zog ein kalter Luftzug durchs Treppenhaus. Leni schaute nach unten. In der Dunkelheit zwischen den Stockwerken schien sich etwas zu bewegen. Oder es war nur der Schatten.

Dann wieder die Stimme, diesmal deutlicher, als würde sie durch die Treppenstufen kriechen.

„Nicht… alleine…“

Mina packte Lenis Ärmel. „Ich will nicht, dass du alleine bist.“

Leni schluckte. „Du bleibst heute bei mir.“

Sie warf die Fotos auf den Küchentisch. Ihre Mutter war noch arbeiten, das Haus war still, zu still. Leni machte Tee, mehr aus Gewohnheit als aus Durst. Mina zog die Vorhänge zu, als würde sie die Dunkelheit aussperren.

„Wir sollten jemanden anrufen“, sagte Mina.

„Und sagen was? Dass wir Fotos von uns finden, die wir nie gemacht haben?“

Mina verzog das Gesicht. „Vielleicht… na gut. Aber wir können Regeln machen. Sicherheitsregeln.“

Leni nickte langsam. „Nicht trennen. Taschenlampe. Handy geladen. Und wenn wir Angst haben, gehen wir zurück.“

„Zurück wohin?“, fragte Mina.

Leni legte die Hand auf das erste Foto. Die Kanten waren bereits trocken geworden. Der Weg darauf sah aus, als würde er warten.

„Dorthin, wo dieser Weg ist“, sagte Leni leise. „Und dann… wieder nach Hause.“

In der Küche tickte die Uhr. Jeder Tick klang wie ein Schritt, der näher kam.

Kapitel 3: Der Weg, der nicht auf Karten steht

Am nächsten Morgen war der Regen weg, aber der Himmel blieb bleich, als hätte er sich nicht entscheiden können. Mina hatte bei Leni geschlafen, auf einer Matratze im Zimmer. Sie hatten kaum geredet, weil jede Pause sich mit dem Flüstern füllte, das manchmal aus der Heizung zu kommen schien oder aus dem Summen des Kühlschranks.

„Wir gehen nach der Schule“, sagte Mina, als sie ihre Schuhe zuband. „Bei Tageslicht. Und wir sagen jemanden Bescheid.“

„Ich schreib meiner Mutter eine Nachricht: ‚Bin mit Mina im Park‘“, sagte Leni. „Das ist nicht gelogen. Da ist ja ein Waldstück beim Park.“

Mina hob eine Augenbraue. „Das ist so halb gelogen.“

„Es ist… ein Sicherheitskompromiss“, sagte Leni, und Mina musste kurz lachen. Das Lachen klang wie ein Streichholz in einem dunklen Raum.

Nach der Schule liefen sie direkt zum alten Park am Stadtrand. Dort, wo die Spielgeräte rostiger waren und kaum jemand hinging, begann ein Pfad, den Leni nur aus dem Augenwinkel kannte. Er war schmal, voll mit nassem Laub und verwachsenen Brombeeren.

„Der sieht anders aus als sonst“, murmelte Mina.

„Vielleicht, weil wir sonst nicht hinsehen“, sagte Leni. Sie holte die Fotos heraus. Der Winkel stimmte. Der Baum mit der gespaltenen Rinde war da. Und dieser Stein, der wie ein sitzender Hund aussah.

Je weiter sie gingen, desto stiller wurde es. Keine Autos, keine Stimmen aus der Stadt. Nur das Knacken ihrer Schritte und das Rascheln von etwas, das nicht wie Wind klang.

Dann – ganz leise – das Flüstern.

„Hier… entlang…“

Mina blieb abrupt stehen. „Da! Hörst du? Es kommt von links.“

Links war ein Stück Wald, das irgendwie dunkler wirkte, obwohl die Sonne schwach durch die Wolken drückte. Zwischen den Stämmen hing Nebel, als würde er dort wohnen.

Leni fühlte, wie ihr Herz schneller wurde. „Wir gehen nicht vom Weg ab.“

„Aber die Stimme…“

„Die Stimme kann warten“, sagte Leni. „Sicherheitsregel Nummer eins.“

Mina atmete aus. „Okay. Zusammen.“

Sie gingen weiter, bis der Pfad plötzlich an einer Stelle endete, an der er gestern noch nicht gewesen war: Ein hölzernes Tor, halb offen, mit Eisenbeschlägen, die aussahen wie alte Krallen. Daran hing das Schild: „Kein Ausgang“.

Genau wie auf dem Foto.

„Das ist doch…“, begann Mina.

„…unmöglich“, beendete Leni.

Als Leni das Tor anstieß, quietschte es nicht. Es machte gar kein Geräusch, als wäre es aus Nebel. Dahinter lag der Weg aus dem Foto, genau wie abgebildet: enger, dunkler, der Nebel dichter. Und irgendwo weiter vorne, zwischen den Bäumen, stand etwas, das wie ein Schatten aussah, der vergessen hatte, zu wem er gehört.

Mina hob die Taschenlampe. „Wenn's zu viel wird, drehen wir um.“

Leni nickte. „Und wir bleiben zusammen.“

Sie traten durch das Tor. Hinter ihnen schloss es sich langsam, ohne dass es jemand berührte.

Kapitel 4: Die Stimme im Nebelhaus

Der Nebel schluckte Geräusche. Lenis Schritte klangen, als würde sie über Teppich laufen, obwohl der Boden aus feuchter Erde war. Die Bäume standen so dicht, dass der Himmel nur in dünnen Streifen zu sehen war.

„Ich mag das nicht“, sagte Mina. Ihre Stimme war plötzlich sehr leise, als hätte sie Angst, jemand könnte sie hören.

„Ich auch nicht“, gab Leni zu. „Aber wir sind nicht allein. Wir sind zu zweit.“

„Das ist… eine seltsame Art von Trost.“

Sie gingen an einem Baum vorbei, in dessen Rinde Kratzer waren. Keine normalen Kratzer – sie wirkten wie Buchstaben, hastig eingeritzt. Leni strich mit dem Finger darüber und zuckte zurück. Die Rinde war eiskalt.

„Was steht da?“, fragte Mina.

Leni blinzelte. „‚Geh den bekannten Weg‘.“

Mina starrte sie an. „Bekannt? Hier ist nichts bekannt.“

Das Flüstern wurde lauter, als hätte es gemerkt, dass sie zuhören. Es kam von vorn, von hinten, von überall. Nicht böse, eher dringend. Wie viele Menschen, die gleichzeitig versuchen, durch eine Wand zu reden.

„Nicht… allein… zurück…“

Dann tauchte aus dem Nebel ein Haus auf. Es war klein, schief, mit einem Dach, das aussah, als hätte es sich ducken wollen. Die Fenster waren dunkel, aber nicht leer. Dahinter schien etwas zu warten.

„Das Haus war nicht auf dem Foto“, flüsterte Mina.

„Vielleicht kommt es später“, sagte Leni, obwohl sie selbst hörte, wie albern das klang.

Die Tür stand einen Spalt offen. Ein Luftzug strich heraus und roch nach altem Papier und feuchtem Holz.

„Wir gehen nicht rein“, sagte Mina schnell.

Leni wollte zustimmen. Wirklich. Doch in diesem Moment hörten sie etwas Neues: ein leises Schluchzen. Nicht weit. Nicht im Wald – aus dem Haus.

Mina presste die Lippen zusammen. „Wenn da jemand ist…“

„Dann holen wir Hilfe“, sagte Leni. „Aber wir gehen nicht rein. Wir rufen.“

Sie traten näher und riefen: „Hallo? Ist da jemand?“

Das Schluchzen stoppte. Für eine Sekunde war es vollkommen still. Dann kam eine Stimme, klarer als alle Flüstern zuvor. Sie klang wie ein Kind, aber auch wie eine alte Aufnahme.

„Leni? Mina?“

Beide fuhren zusammen.

„Woher kennt…“, begann Mina.

Leni beugte sich vor, ohne es zu wollen, als würde die Stimme an einem unsichtbaren Faden ziehen. „Wer bist du?“

„Ich bin… ihr“, sagte die Stimme. „Oder… ich war es.“

Die Tür öffnete sich ein Stück weiter. Im Spalt sah Leni eine Tapete mit verblassten Sternen. Und auf dem Boden, direkt hinter der Schwelle, lag ein Fotoapparat. Alt, mit einem Lederband.

Mina packte Lenis Hand so fest, dass es wehtat. „Das ist eine Falle.“

„Vielleicht“, flüsterte Leni. „Aber wenn jemand dort drin ist und Hilfe braucht…“

Mina schüttelte den Kopf, doch ihre Augen waren groß und glänzten. „Wir bleiben an der Tür. Nur an der Tür.“

Sie traten über die Schwelle – nicht ganz hinein, nur so, dass sie den Fotoapparat erreichen konnten. Leni hob ihn auf. Er war schwer und kalt.

In dem Moment, als ihre Finger das Lederband berührten, flackerte das Licht im Haus auf, obwohl keine Lampe an war. Im Nebel draußen formten sich Schatten, als würden sie zuhören.

Aus dem Inneren des Hauses kam ein Geräusch, das wie ein leises Klicken klang. Wie eine Kamera, die auslöst.

Und dann – ganz nah am Ohr – flüsterte jemand: „Jetzt seht ihr es.“

Kapitel 5: Bilder, die nicht passieren dürfen

Leni stolperte rückwärts, raus aus dem Haus, Mina zog sie mit. Die Tür fiel hinter ihnen zu, aber ohne Knall – eher wie ein müdes Augenlid.

„Okay“, keuchte Mina. „Das war offiziell die schlimmste Idee seit der Erfindung von Mathehausaufgaben.“

Leni hielt den Fotoapparat wie eine heiße Kartoffel. „Der hat… geklickt. Von allein.“

Mina deutete auf die Rückseite. „Da ist ein Fach. Vielleicht ist ein Film drin. Oder… irgendwas.“

Lenis Hände zitterten, aber sie zwang sich zur Ruhe. Sicherheitswert, dachte sie. Nicht in Panik rennen. Denken. Atmen. Zusammen bleiben.

Sie öffnete das Fach. Statt Film lag darin ein Stapel Fotos, sauber, als hätte jemand sie gerade erst entwickelt. Leni nahm das oberste.

Das Bild zeigte Mina – allein. Sie stand im Nebel und rief etwas, der Mund offen. Hinter ihr ragte ein Schatten auf, so groß wie ein Baum, aber ohne Gesicht.

Mina sog scharf die Luft ein. „Das bin ich nicht. Ich war nie allein.“

Leni blätterte weiter. Das nächste zeigte Leni, wie sie über eine Wurzel stolperte. Das nächste: beide Mädchen, Hand in Hand, vor dem Tor, das sich schloss.

„Das ist… was wir gerade getan haben“, sagte Leni.

„Und das da ist… was passieren könnte“, flüsterte Mina und deutete auf das Foto, auf dem sie allein war.

Die Flüsterstimmen wurden aufgeregter, als würden sie sich gegenseitig übertönen. Aus dem Nebel schälten sich Bewegungen. Kein richtiges Gehen, eher ein Gleiten. Schatten, die sich zusammenzogen und wieder auseinanderzogen, als wären sie aus Rauch.

Mina stellte sich dichter an Leni. „Wenn die Fotos… die Zukunft zeigen, dann…“

„Dann dürfen wir das nicht passieren lassen“, sagte Leni schnell.

Mina nickte. „Sicherheitsregel Nummer eins: nicht trennen.“

Leni blätterte weiter, die Finger steif vor Angst. Ein Foto zeigte einen Wegweiser, den sie noch nicht gesehen hatten: ein Pfeil mit dem Wort „HEIM“. Der Pfeil zeigte nach rechts, auf einen Pfad, der heller war als der Rest.

„Da“, sagte Leni. „Das ist unser Ausweg.“

„Und was ist mit ‚Kein Ausgang‘?“, fragte Mina.

Leni hielt das Foto hoch, als sei es eine Karte. „Vielleicht lügt das Schild. Oder es meint… keinen Ausgang, wenn man allein ist.“

Ein Schatten glitt näher. Mina richtete die Taschenlampe darauf. Das Licht schnitt durch den Nebel, und der Schatten zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt.

„Die mögen Licht nicht“, sagte Mina.

„Oder sie mögen es nicht, wenn wir sehen“, sagte Leni.

Sie liefen, ohne zu rennen, den Weg entlang, den das Foto angedeutet hatte. Leni hielt den Fotoapparat fest, Mina leuchtete. Die Schatten folgten in einiger Entfernung, und das Flüstern wurde zu einem unruhigen Murmeln, wie Stimmen hinter einer dünnen Wand.

„Heim… heim…“, sagte es. „Bekannt…“

Plötzlich teilte sich der Weg. Links führte er in eine Senke, wo der Nebel wie eine Pfütze lag. Rechts stieg er an, und zwischen den Bäumen schimmerte etwas Helles.

Mina zeigte nach rechts. „Das Foto.“

Leni nickte – und dann hörte sie es: ein Geräusch wie ein Kinderlachen, aber verzerrt, als würde es von einem kaputten Lautsprecher kommen. Es kam von links. Es klang so, als würde jemand sie nachahmen.

Mina machte einen Schritt in die falsche Richtung, wie angezogen. Leni packte sie sofort am Rucksackgurt. „Nein. Zusammen. Rechts.“

Mina blinzelte, als würde sie aus einem Traum auftauchen. „Danke“, flüsterte sie.

Sie gingen rechts. Das Lachen starb ab, beleidigt und fern.

Kapitel 6: Der bekannte Weg

Der Pfad wurde breiter. Der Nebel dünner. Leni spürte, wie die Luft nicht mehr ganz so kalt war. Ihre Schultern waren trotzdem hart wie Stein, als hätte sie eine schwere Tasche voller Angst getragen.

Vor ihnen tauchte ein Zaun auf. Dahinter: ein Stück vertrautes Gras, ein alter Baumstumpf, auf dem Leni und Mina im Sommer oft gesessen hatten, um heimlich Chips zu essen. Und weiter vorne – unglaublich normal – der Rand des Parks.

„Das… ist der Park“, sagte Mina heiser.

„Der bekannte Weg“, flüsterte Leni. Ihre Augen brannten.

Hinter ihnen raschelte es. Die Schatten hielten Abstand, als dürften sie nicht näher an diesen Zaun heran. Das Flüstern wurde schwächer, fast traurig.

„Nicht… allein…“, hörte Leni ein letztes Mal. Dann, als würde jemand eine Tür schließen, war es weg.

Leni griff nach dem Zaun. Das Metall war kühl, aber real. Sie kletterten nicht darüber; sie fanden ein offenes Stück, wo der Zaun verbogen war – genau dort, wo sie als Kinder einmal durchgeschlüpft waren, um einen Ball zu holen. Der alte Durchgang, den sie kannten.

Sie schlüpften hindurch. Mit einem Mal klangen die Geräusche der Welt wieder normal: ein Vogel, ein fernes Auto, das Knirschen von Kies.

Mina drehte sich um. Hinter dem Zaun hing Nebel, aber er wirkte jetzt wie gewöhnlicher Nebel, nicht wie ein lebendes Ding. Das Tor war verschwunden. Das Schild auch. Nur Bäume, wie immer.

Leni sah auf den Fotoapparat in ihrer Hand. Er fühlte sich schwerer an als zuvor. Sie öffnete das Fach noch einmal.

Die Fotos waren anders. Auf dem obersten Bild standen sie beide am Zaun, gerade jetzt, mit zerzausten Haaren und großen Augen – aber sie hielten sich an den Händen. Hinter ihnen war kein Schatten mehr, nur blasser Wald.

Mina atmete langsam aus. „Also… haben wir es geändert.“

„Wir haben uns an unsere Regeln gehalten“, sagte Leni. „Wir sind zusammen geblieben.“

„Und wir haben nicht einfach… blind irgendwas gemacht“, ergänzte Mina. „Auch wenn das Haus uns locken wollte.“

Leni steckte den Fotoapparat in ihren Rucksack. „Wir sagen trotzdem jemandem Bescheid. Keine Geheimmissionen mehr ohne Plan.“

Mina nickte heftig. „Abgemacht. Und wenn wir nochmal eine Stimme hören, die uns irgendwohin ruft…“

„Dann holen wir Erwachsene“, sagte Leni. „Und wir gehen nicht allein.“

Sie gingen den Weg zurück durch den Park, dort entlang, wo der Kies hell war und die Bäume vertraute Namen in Lenis Kopf hatten. Als sie die erste Bank erreichten, auf der sie im Sommer gesessen hatten, setzte sich Mina kurz und rieb sich die Arme.

„Glaubst du, das Foto hat uns gefunden, weil… wir fast zwölf sind?“, fragte sie. „So eine komische Grenze zwischen Kind und… na ja, nicht mehr ganz Kind?“

Leni zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Oder weil wir hingesehen haben.“

Mina verzog den Mund. „Ich will manchmal nicht hinsehen.“

„Ich auch“, sagte Leni. „Aber wenn man nicht hinsieht, stolpert man leichter.“

Sie standen auf und gingen weiter. Der Parkausgang war in Sicht, und dahinter die Straße nach Hause. Der Himmel blieb grau, aber irgendwo riss ein schmaler Streifen Licht durch die Wolken, als hätte die Welt kurz geatmet.

Als sie sich trennten, direkt an der Ecke, sagte Mina: „Heute Abend… schickst du mir eine Nachricht, wenn du zu Hause bist.“

Leni nickte. „Du auch.“

Mina grinste schief. „Sicherheitsregel Nummer tausend.“

Leni lächelte zurück, ehrlich diesmal. „Die wichtigste.“

Und dann ging jede den vertrauten Weg nach Hause – bekannt, hell genug, und begleitet von dem Gefühl, dass Mut nicht heißt, keine Angst zu haben, sondern dass man trotz Angst die Hand festhält, die neben einem ist.

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Das Quiz: Hast du die Geschichte gut verstanden?

Vorhang
Ein großes Tuch, das etwas verdeckt, zum Beispiel ein Fenster.
Kapuze
Der Teil einer Jacke, der den Kopf bedeckt und vor Regen schützt.
Brotdose
Eine kleine Dose, in der man Essen zur Schule mitnimmt.
Feucht
Etwas ist ein bisschen nass, aber nicht ganz durchnässt.
Nebel
Feine Wassertropfen in der Luft, die alles etwas verschwommen machen.
Schwelle
Der Rand oder Bodenbereich direkt vor einer Tür, über den man tritt.
Treppenhaus
Der Raum in einem Haus, in dem die Treppe für alle Wohnungen ist.
Bohnerwachs
Ein Mittel, das man auf Böden streicht, damit sie glänzen und sauber bleiben.
Flüstern
Leise sprechen, so dass es kaum jemand hört.
Umriss
Die sichtbare Kontur oder Form von etwas, ohne viele Details.

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