Erster Teil
Lina ist drei Jahre alt.
Draußen ist Winter.
Der Himmel ist grau.
Die Luft ist kalt und klar.
Lina steht am Fenster.
Sie drückt ihre Nase an die Scheibe.
Draußen ist alles weiß.
Die Bäume haben weiße Mützen.
Die Autos haben weiße Decken.
„Ich erzähle jetzt eine Wintergeschichte“, sagt Lina.
Sie holt ihren Teddybär.
Der Bär heißt Bruno.
Lina setzt Bruno auf den Stuhl.
„Hör gut zu“, sagt sie leise.
„Es war einmal ein kleines Mädchen.
Das Mädchen hieß Lina.
Und sie mochte den Winter noch nicht so gern.“
Sie schaut wieder nach draußen.
„Der Winter ist kalt“, sagt sie.
„Aber ich will wissen, was er noch ist.“
Mama kommt ins Zimmer.
Sie trägt dicke Socken.
„Was machst du, Lina?“, fragt sie.
„Ich erzähle meine Wintergeschichte“, sagt Lina.
„Willst du mitmachen, Mama?“
Mama lächelt.
„Gerne“, sagt sie.
„Dann ziehen wir uns jetzt warm an.
Und wir gehen in deine Geschichte hinein.“
Zweiter Teil
Lina bekommt ihre dicke Hose.
Sie bekommt die warme Jacke.
Sie bekommt den Schal, die Mütze, die Handschuhe.
„Ich bin ein Winterkind“, sagt Lina.
Sie lacht.
Draußen knirscht der Schnee.
Lina hört das Geräusch.
„Knirsch, knirsch“, sagt sie laut.
„So klingt der Winter in meiner Geschichte.“
Sie pustet Luft vor ihren Mund.
Eine kleine weiße Wolke kommt.
„Schau, Mama!“, ruft sie.
„Mein Atem malt Wolken!“
„Im Winter ist die Luft kalt“, sagt Mama.
„Dann sehen wir unseren Atem.“
Lina nickt.
Sie merkt sich die Worte.
Sie will sie später erzählen.
Im Garten ist der Schnee weich.
Lina steckt die Hand hinein.
„Der Schnee ist kalt und ein bisschen nass“, sagt sie.
„Aber meine Handschuhe helfen mir.“
Sie formt eine kleine Kugel.
„Das ist ein Schneeball“, sagt Mama.
„Und das ist ein kleiner Schneemond“, sagt Lina.
Sie legt die Kugel vorsichtig auf den Tisch.
Lina schaut in den Garten.
Alles ist still.
Die Vögel hüpfen im Busch.
Ein kleiner Spatz pickt im Schnee.
„Der Spatz hat auch Winter“, sagt Lina leise.
„Er sucht sein Frühstück.“
Mama nickt.
„Im Winter ist es für alle anders“, sagt sie.
„Aber wir können freundlich sein.
Wir können Futter für die Vögel hinstellen.“
Lina lächelt.
„Das kommt auch in meine Geschichte“, sagt sie.
Dritter Teil
Später sind Lina und Mama wieder im warmen Zimmer.
Die Heizung macht es kuschelig.
Lina sitzt auf dem Sofa.
Bruno sitzt neben ihr.
„Jetzt erzähle ich weiter“, sagt Lina.
Sie spricht langsam, wie eine große Erzählerin.
„Das Mädchen Lina ging in den Winter“, sagt sie.
„Der Winter war kalt.
Aber die Jacke war warm.
Und Mama war da.
Der Schnee war weich.
Die Luft war frisch.
Der Atem machte kleine Wolken.
Die Vögel hatten auch Winter.
Lina gab ihnen Futter.
Da freuten sie sich.
Und Lina dachte:
Der Winter ist nicht nur kalt.
Der Winter ist auch freundlich.
Er ist leise und hell.
Und man kann viel Neues sehen.“
Mama hört zu.
Sie streicht Lina über die Haare.
„Weißt du, was du heute gelernt hast?“, fragt sie.
Lina überlegt kurz.
Dann sagt sie stolz:
„Ich habe gelernt:
Im Winter ist die Luft so kalt,
dass ich meinen Atem sehen kann.
Und im Winter brauchen die Vögel Hilfe.
Und wenn ich mich warm anziehe,
kann der Winter mir gefallen.“
Sie schaut Bruno an.
„Das erzähle ich morgen wieder“, flüstert sie.
„Dann kennen alle meine Wintergeschichte.“
Draußen wird es dunkel.
Drinnen ist es warm und still.
Lina legt sich in ihr Bett.
„Gute Nacht, Winter“, sagt sie leise.
„Jetzt kenne ich dich ein bisschen.
Morgen lerne ich dich noch besser kennen.“
Sie schließt die Augen.
Der Winter bleibt draußen ganz ruhig.
Drinnen träumt Lina weiter.
In ihrem Traum erzählt sie ihre Geschichte noch einmal.
Ganz langsam.
Ganz friedlich.