Kapitel 1: Wie Leni sprang und Mira zählte
Leni sagte später, sie habe die Sache kommen sehen. Später ist ein gemütlicher Ort, an dem man alles sortieren kann wie bunte Murmeln. Aber als es passierte, war Leni ganz eindeutig nicht im Später. Sie war im Jetzt. Und im Jetzt sprang sie.
Sie sprang vom Bordstein in eine Schelle, sprang von der Schelle auf den Deckel der Postkutsche, sprang vom Deckel in ein Fass voll getrockneter Pfefferschoten und nieste so laut, dass drei Tauben vom Brunnenrand fielen. Mira stand zwei Schritte dahinter, hielt das Heft mit den magischen Briefmarken an die Brust gedrückt und seufzte. Das Seufzen rollte durch den Marktplatz wie eine kleine, verantwortungsbewusste Wolke.
Mira mochte Wolken, die ordentlich aussahen. Sie mochte Listen und Linien und dass die Ecken der Dinge aufeinanderpassten. Und sie mochte Leni, obwohl Leni und Ecken ein kompliziertes Verhältnis hatten.
Die Stadt hieß Kleinglück. Es war eine sehr praktische Stadt. Die Leute wuschen mit Seifen, die die Wäsche schon beim bloßen Ansehen sauber machten, und backten Brot, das beim Aufgehen leise sang. In Kleinglück standen die Straßenlaternen morgens auf und gähnten, und die Briefkästen hatten Stimmungen. Wenn ein Briefkasten heute „hm“ sagte, warf man nichts hinein. Man wartete, bis er „ha!“ sagte. So war Kleinglück: freundlich, aber eigen.
Leni wollte etwas, als wäre es das erste Mal, dass sie etwas wollte: Sie wollte ihr Album der Magischen Marken füllen. Zwölf Seiten, vierundvierzig Felder, jedes Feld mit einem Schattenumriss wie ein kleines Fenster. Schon viele Felder waren besetzt von Marken, die knisterten, flüsterten oder ganz leise pulsierten, als würden sie atmen. Aber vier fehlten. Die letzte Reihe oben rechts war leer wie ein Zirkuszelt vor der Vorstellung. Diese vier waren: die Federsturm-Marke, die Orakel-Überdruckmarke, die Barden-Echo-Marke und eine, die in krakeliger Schrift „Nachträgliche Prophezeiung“ hieß und die keiner erklären konnte. Leni behauptete, sie brauche nur einen Sprung.
„Wir brauchen einen Plan“, sagte Mira. Sie legte das Heft vorsichtig auf die Bank neben dem Brunnen. „Einen Plan mit Pfeilen. Und zwischendurch Pausen. Und höchstens zwei Überraschungen.“
„Pah, Pläne sind wie Strumpfhalter“, rief Leni und wischte sich die Pfeffertränen aus den Augen. „Sie halten nur, wenn man schon drinsteckt. Hör zu, Mira! Die Federsturm-Marke gibt es am Ewigen Vulkan, der niest. Er niest Federn. Heute ist Markttag, also wird er sich Mühe geben. Das ist guter Stil für Vulkane.“
Da spielte jemand eine Laute, und zwar mit dem Selbstbewusstsein eines Drachen, der versucht, durch eine Tür zu gehen, die ihn spiegelt. Die Töne stolperten und fielen, standen auf, klopften sich den Staub ab und taten so, als seien sie absichtlich dort gelandet. Die Laute gehörte einem Jungen mit einem Hut, der zu viel hatte: zu viele Federn, zu viele Anstecknadeln, zu viele Löcher. Er stand auf einem Apfelkorb wie ein Pirat, der seine Bühne gefunden hatte.
„Hört, hört! Dies ist die Ballade von der Suppe, die Heldinnen kochte!“ rief er. Er zupfte so wild, dass die halbe Stadt innerlich die Ohren schloss.
„Ich ahne, wir haben einen Barden gefunden“, murmelte Mira.
„Oder er hat uns gefunden“, sagte Leni. „Schau, die Laute niest fast so wie der Vulkan.“
Der Barde verbeugte sich, fiel dabei fast vom Korb und fing sich mit einem Satz, der ihm ein paar Federn aus dem Hut zog. Aus seiner Tasche lugte eine Feder hervor, die nicht an seinem Hut feststeckte, sondern an einem kleinen Tintenfass. Die Feder zwinkerte. Jedenfalls sah es so aus.
„Ich bin Bard Balduin, Sänger der großen Dinge und kleiner Töpfe!“ rief der Junge mit einem Grinsen in Richtung Himmel. „Und ihr seid…?“
„Leni“, sagte Leni. „Und Mira.“
„Mira“, bestätigte Mira. „Und das da ist unser Heft. Es heißt nicht Heft, es heißt Album, aber es ist trotzdem ein Heft. Weniger Eselsohren, bitte.“
„Ein Album! Ein Album ist ein Gedicht mit Ecken!“ rief Balduin begeistert. „Ich habe auch ein Schreibutensil von großer Feinheit und noch größerer Meinung.“ Er tippte gegen die Feder am Tintenfass. „Das ist Frau Klecks. Sie hat Charakter.“
„Charakter ist gut“, sagte Leni. „Charakter kann man nicht verlieren. Und wir brauchen einen Charakter, der uns zum Vulkan führt, der niest.“
Die Feder richtete sich. Sie schrieb, ohne dass jemand sie hielt: Ich bin beleidigt. Es stand plötzlich in der Luft, silbern, und löste sich dann wie Atem im Frost.
„Wieso ist sie beleidigt?“ fragte Mira.
„Sie mag es nicht, wenn man über keine Tinte auf ihren Namen kippt“, sagte Balduin leise, als hätte er es geübt. „Und wenn man sie als ‚das da‘ bezeichnet. Entschuldige, Frau Klecks.“
Die Feder gelangweilte sich. Sie schrieb, wieder in die Luft: Entschuldigung akzeptiert. Bedingt.
„Wir gehen zum Vulkan“, sagte Leni. „Jetzt.“
„Jetzt?“ fragte Mira.
„Jetzt“, nickte Leni. „Bevor der Vulkan schnieft und jemand anders die Federn bekommt. Bevor die Welt die falsche Ballade über uns singt. Und bevor Frau Klecks wieder beleidigt ist.“
„Das wird ein Epos!“ rief Balduin. „Ein Epos mit Pfeffer!“
„Mit Plan“, sagte Mira und hob das Album hoch. „Ich habe zwei Pfeile gemalt. Los.“
Und weil in Kleinglück die Dinge gern mitmachen, klapperte eine Leiter genau im richtigen Moment an die Kutschwand, als Leni schon den Fuß hob. Das Jetzt nickte zustimmend. Später konnte warten.
Kapitel 2: Der Vulkan, der Federn nieste
Der Weg zum Vulkan begann auf dem Marktplatz und führte, wie gute Wege das so tun, direkt in einen Irrgarten, der vorgab, eine Gasse zu sein. Es war die Gasse der Gähnenden Weiden. Das klingt gefährlich, war es aber nicht. Es war nur ansteckend. Wenn Weiden gähnen, winken sie mit ihren Blättern so langsam, dass es die Augen müde macht.
Mira dachte an den Plan. Der Plan sagte: links, dann rechts, dann bei dem Schild „Achtung, Steine denken mit“ geradeaus. Leni dachte an Federn. Balduin dachte an Reime. Frau Klecks dachte offenbar an eine Liste mit Vorwürfen, denn sie kratzte sie in die Luft. „Zu schnell“, schrieb sie einmal. „Zu unhöflich“, ein anderes Mal. Leni blinzelte und machte ein höfliches Gesicht, das aussah, als hätte sie es einmal auf einem Bild gesehen.
Sie kamen zur Brücke über den Fluss, der das Trockentuch hieß. Er hieß so, weil er immer schon trocken war, bevor man merkte, dass es geregnet hatte. Die Brücke war alt und dick und hatte ein Geländer, das die Steine mit Kaugummis zusammenhielt. Auf dem Geländer saß eine Schildkröte mit einem Hut. Der Hut war ein Blumentopf. Die Schildkröte gähnte. Die Weiden waren schuld.
„Das ist die Zahl-Kröte“, flüsterte Mira. „Sie lässt uns nur rüber, wenn wir zählen.“
„Zählen? Ich kann zählen bis jetzt!“ rief Leni und setzte den Fuß auf die Brücke. Ein Stein rollte ihr nett entgegen, als wäre er eine Stufe. Manchmal mögen Steine Menschen, die nicht warten.
„Sie lässt uns nur rüber, wenn wir spielen“, korrigierte die Kröte und hob den Kopf so langsam, als würde sie eine Pause dehnen wie Kaugummi im Sommer. „Zählen ist langweilig. Zählt rückwärts in Sprüngen. Seid lustig dabei. Und reimt.“
„Oh“, sagte Balduin und strich sich über den Hals. „Das ist mein Fach.“
„Und meines auch“, sagte Leni. „Achtung. Zwölf! Hopps! Zehn! Popp! Acht! Schnopp!“
„Sechs, Flachs, Wachs“, juxte Balduin, „vier, hier, Tür!“
Mira machte eine sehr genaue Hopsebewegeung und sagte: „Zwei.“
Die Kröte lachte, und wenn eine Schildkröte lacht, klingt es wie ein kleiner Regen auf eine große Trommel. Die Brücke rollte die Steine zurecht, und sie gingen hinüber, sicher wie auf einer Decke, die jemand festhielt und jemand anders schüttelte.
Hinter der Brücke stieg der Weg an. Es roch nach warmem Staub und nach Pfefferkuchen, der nie fertig werden wollte. Der Vulkan war schon zu sehen. Er war nicht besonders hoch, aber er war besonders eigen. Er hatte eine Mütze aus Wolken. Und er nieste. Es war kein lautes, finsteres „RUMMS!“, wie man das bei Vulkanszenen in Büchern gern liest, sondern vielmehr ein „Huuuu… hatschiiiii!“ wie ein fröhliches Nilpferd. Danach regnete es Federn.
„Er ist schneller dran als ich am Morgen“, murmelte Mira und hielt das Album fester. „Hoffentlich ist es die richtige Art von Federn.“
„Natürlich! Federsturm-Marke!“, rief Leni, und dieses Mal sprang sie nicht. Sie rannte. Es war ein Unterschied. Springen war für den Anfang. Rennen war für das Mittendrin.
Sie rannten bis zum Fuß des Vulkans, der hier so flach war, dass Leni auf die Idee kam, er sei höflich. Warum sollte er sonst seine Federn so weit streuen? Der Boden war weich von altem, flauschigem Nies. Man versank bis zu den Knöcheln. Es war, als würde man durch ein ganzes Dorf von Kissen laufen, die schon eingeschlafen waren.
„Achtung!“, rief Balduin und zeigte in den Himmel. Eine Wolke aus glänzenden Weißlingen fiel auf sie herab. Es waren Federn, aber sie benahmen sich wie Vögel. Sie flatterten, lachten, manche kitzelten ihnen die Ohren. Leni schnappte nach einer, die aussah wie ein Handschuh für Gnomen. Sie hielt sie, und als sie sie hielt, fühlte sie, wie sie schmolz. Sie wurde ein kleines, flaches Rechteck, das in ihren Fingern kribbelte.
„Die Marke“, hauchte Mira. „Sie hat sich selbst gestempelt!“
Balduin machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen einer Note und einem Frosch lag, und hielt seinen Hut fest. „Das ist die Federsturm-Marke! Sie kommt im Regen, der keiner ist. Ha!“
„In das Feld oben rechts, bitte“, sagte Mira mit einem Blick, der jeder Marke Höflichkeit beibrachte. „Nicht schief, Leni.“
Aber Leni war schon wieder unterwegs. Am Rand des Vulkans stand ein Schild, das so tat, als wäre es ein Sprichwort. Darauf stand: BITTE NICHT KLETTERN OHNE WITZ. Leni hielt inne. Sie mochte Regeln, die man spielen konnte.
„Ich habe einen Witz“, sagte Balduin und hob die Laute. „Was sagt ein Vulkan, wenn er in der Schule sitzt? Ich krater nicht ab!“
Die Luft hielt kurz die Luft an. Der Vulkan schnaufte. Er lächelte. Man konnte es spüren. Er machte „Huuuu…“ Leni stand plötzlich direkt dort, wo man bei „Hatschiiiii!“ besser nicht stand.
„Leni!“ rief Mira und wedelte mit den Armen. „Deckung!“
„Deckung ist was für Deckel“, lachte Leni. „Ich brauche eine Feder mehr!“
Der Nies kam. Er war warm und weich wie das Ausatmen eines großen, freundlichen Hundes. Federn, Federn, Federn. Eine besonders große, mit Punkten in allen Farben, setzte sich Leni mitten auf die Nase. Sie hielt sie, und sie wurde, wieder, klein, flach, kribbelig. Diesmal knisterte sie nach Himbeermarmelade. Es war die Barden-Echo-Marke. Warum das? Weil Balduin im Moment des Niesens einen Akkord getroffen hatte, der sich E statt G nannte und genau das mochte der Vulkan. Marken sind manchmal sehr musikalisch.
„Zwei!“ jubelte Leni. „Zwei von vier!“
„Erst markieren, dann jubeln“, erinnerte Mira und streckte das Album hin. „Und danke sagen. Wir sollten dem Vulkan danken. Er hat geniest. Das ist privat.“
„Danke!“ rief Balduin mit einer Verbeugung, die ihn wieder fast hinwarf. „Gesundheit!“
Frau Klecks kratzte in die Luft: Gesundheit! Dann schrieb sie: Konfetti wäre hübsch gewesen. Und fügte klein hinzu: Ich kann Federn nicht leiden. Sie kitzeln die Orthografie.
„Das war großartig“, sagte Mira, als sie die beiden Marken eingeklebt hatte. Sie klebten sich ein bisschen selbst. Die Ecken schnippten in die richtigen Ecken. „Und jetzt kommt der Orakel-Überdruck. Und die Nachträgliche Prophezeiung, was immer das bedeutet.“
„Wir brauchen das Orakel“, sagte Leni. „Wer kennt sich besser mit Überdruck aus als jemand, der immer zu viel sagt?“
„Das Orakel der Verwechslungen“, sagte Balduin mit einem Ton, der so tat, als hätte er ihn geprobt. „Es wohnt in der Halle der Missverständnisse auf der anderen Seite des Vulkans. Es verwechselt immer die falschen Dinge mit den richtigen Ausreden.“
„Perfekt“, strahlte Leni. „Ich liebe falsche Dinge. Sie sind wie richtig, nur mit mehr Arbeit.“
„Wir sollten eine Pause einplanen“, meinte Mira. „Fünf Atemzüge. Vielleicht sieben.“
„Sieben Atemzüge“, nickte Leni. „Aber dann gehen wir. Jetzt, wo mein Gesicht noch Federn riecht.“
Der Vulkan atmete weiter. Er nieste in die Wolken. Und die Wolken gackerten, als wären sie Hühner auf einem Geheimnis.
Kapitel 3: Das Orakel der Verwechslungen
Die Halle der Missverständnisse lag in einer Senke, die aussah, als hätte jemand versucht, ein Tal zu falten und es dann vergessen. Es hingen Schilder herum, die nicht dort hingen, wo sie hinwollten. Eins zeigte nach links und sagte: RECHTS. Eines zeigte nach oben und sagte: UNTEN. Ein drittes sagte: BITTE NICHTS EINWERFEN, und darunter stand eine Kiste voller Fragen mit Stempeln drauf. Fragen werden selten beantwortet, bevor sie gestempelt sind. Das ist eine dieser kleinen Regeln, die niemand erfunden, aber alle unterschrieben haben.
Das Orakel saß auf einem Stuhl, der ein anderes Stuhlmodell sein wollte. Es trug ein Gewand mit zu vielen Taschen. Aus den Taschen lugten Dinge, die ganz eindeutig zu anderen Orakeln gehörten: eine Schneekugel mit einer winzigen Stadt darin, ein Löffel, der summte, und ein Hut, der immer gerade dann weglaufen wollte, wenn niemand hinsah.
„Willkommen, Wanderinnen“, sagte das Orakel zu Leni und Mira und blickte mit einem Auge auf Balduin und mit dem anderen auf die Wand hinter ihm. „Willkommen, Sänger. Willkommen, beleidigte Feder. Und willkommen, Alb-um.“
„Album“, sagte Mira leise.
„Alb-um“, wiederholte das Orakel zufrieden, als hätte es ein Rätsel gelöst. „Die, die zuerst springen und dann fragen, sind mir die liebsten“, fuhr es fort und zeigte auf Leni. „Sie kitzeln den Lauf der Dinge. Kitzeln heißt: dem Schicksal die Seiten streicheln.“
„Das können wir gut“, sagte Leni.
„Wir brauchen einen Überdruck“, erklärte Mira. „Für die Orakel-Überdruckmarke. Und eine Nachträgliche Prophezeiung. Es steht hier in unserem Heft, und wenn es da steht, muss es irgendwo sein.“
„Überdruck ist, wenn man auf etwas druckt, das schon etwas ist“, dozierte das Orakel. „Verwechseln ist, wenn man zwei Dinge verwechselt und dann merkt, dass der dritte das Richtige war. Eure Prophezeiung ist irgendwo zwischen einem Wolf im Teekessel und einem Kuchen, der lieber ein Hut wäre.“
„Aha?“, sagte Leni, die auf Ahas gewöhnlich zurücksprang wie auf Trampoline.
„So in etwa“, murmelte Balduin und strich über die Saiten, als würde er die Luft kämmen.
Das Orakel holte tief Luft und hob eine Hand, die in einem Handschuh steckte, der sehr deutlich jemand anderem gehört hatte. „Also“, sagte es feierlich, „hört die Worte der alten Verwechslung!
Geht nach Norden, aber nur so weit, wie der Süden hängt. Trinkt aus der Quelle, die statt Wasser Geschichten gibt, aber nur solche, die in den Schuh passen. Sucht das Sockenmoor, das eigentlich ein Museum ist. Kitzelt den Drachen, der schläft, bis er einen Stempel träumt. Und wenn ihr einen Wolf trefft, erklärt ihm höflich, dass er ein Löffel ist.“
„Das kann ich“, flüsterte Leni begeistert. „Ich erkläre ständig Dinge, die niemand wissen wollte.“
„Und der Überdruck?“ fragte Mira. „Worauf drucken wir was?“
„Auf die Marke, die noch keine sein will.“ Das Orakel kramte in einer seiner Taschen und zog etwas heraus, das aussah wie ein Hauch. Es hielt ihn mit zwei Fingern, und der Hauch hielt zurück. „Hier. Ein Überdruckspruch: Darauf-darunter-drumherum. Einmal sprechen, wenn die Luft so dünn ist, dass man seine Gedanken hört.“
„Das ist sehr präzise“, sagte Mira. „Ich mag präzise, wenn es dabei noch atmet.“
„Wenn ich ein Wolf im Teekessel bin, wollte ich Löffel werden“, sagte Balduin und guckte seine Laute so an, als könnte sie ihm eine Antwort aufmalen. „Ich meine, ich nehme die Verwechslung ernst. Das hilft manchmal.“
„Noch etwas“, sagte das Orakel und beugte sich vor. Es roch nach Zimt und nach dem Ende eines Rätsels. „Man kann Prophezeiungen füttern. Wenn ihr spielt, werden sie satt und freundlich. Wenn ihr sie ernst nehmt wie ein Gewitter, werden sie nass.“
„Wir nehmen sie spielernst“, sagte Leni.
„Spielernst“, nickte Mira. „Beste Sorte.“
„Das Orakel der Verwechslungen spricht!“ rief das Orakel und verhedderte sich mit einer Tasche in seinem Stuhl. Es war erleichtert, als Leni sie befreite. „Geht nun! Und verwechselt die richtigen Dinge!“
„Wir haben verstanden“, sagte Mira. „Norden. Südlich hängen. Quelle mit Geschichten. Sockenmoor. Drachenstempel. Löffelwolf. Überdruckspruch, wenn die Luft dünn ist. Alles klar.“
„Klingt nach Montag“, grinste Leni. „Auf!“
„Ich schreibe das mit“, kratzte Frau Klecks in die Luft, diesmal in schönster Schrift. Sie hatte beschlossen, dass sie vielleicht doch gern Geschichten in Schuhen mochte. Solange die Schuhe sauber waren.
Kapitel 4: Socken, Drachen und ein beleidigter Stift
Norden war dort, wo die Bäume grüner taten, als sie waren. Leni legte den Finger in die Luft, als würde sie den Wind melken. Sie zeigte irgendwohin, und wenn Leni irgendwohin zeigte, pfiff manchmal eine Drossel, um zu sagen: „Gute Richtung.“
Sie fanden die Quelle der Geschichten unter einem Felsen, der sich räusperte, wenn man auf ihn trat. Aus der Quelle kamen Sätze statt Wasser. Sie plätscherten, tanzten über Steine und rollten in Pfützen. „Es war einmal“, sagte eine Pfütze, verlegen. „Nein“, sagte Mira und machte eine Handbewegung, die nicht streng war, aber freundlich bestimmt, „heute nicht. Wir haben das anders.“
„Einmal war“, korrigierte die Quelle munter. „Einmal war ein Löffel, der als Wolf arbeitete. Er heulte nachts und rührte tags.“
„Das ist er!“ rief Balduin. „Der Löffelwolf!“
Sie folgten der Geschichte, die sich über den Boden schlängelte wie ein Faden, der keine Lust mehr hatte, Knoten zu sein. So kamen sie zum Sockenmoor. Es war genau das, was man vermutet: eine weite Fläche aus weichem Zeug, in dem Socken steckten. Socken aller Art. Einige winkten. Einige pochten. Einige waren traurig, weil ihre Partner noch auf der Wäscheleine hingen. Über allem lag ein Schild: MUSEUM. Darunter: Öffnungszeiten, wenn jemand Lust hat.
„Ich wette, hier ist der Drache“, sagte Leni und machte einen Schritt, der mehr ein Hüpfen war. Das Moor schmatzte. Leni sank bis zum Knöchel ein. Das war angenehm, wie warmer Pudding. „Uuh! Ich mag das.“
„Nicht weiter springen“, warnte Mira und zog Leni an der Hand zurück. „Wir nehmen den Weg aus den Wadenwärmern. Sie sehen aus, als wollten sie uns tragen.“
Balduin spielte leise eine Melodie, die wie eine Leiter klang. Die Wadenwärmer legten sich, und tatsächlich: Sie bildeten eine feste Spur über das Moor, als hätte jemand ihnen gesagt, jetzt sei Auftritt. Alles im Sockenmoor wollte einmal Bühne sein. Sie gingen drüber, Leni vorne, Mira mit dem Album in der Mitte, Balduin hinten, der aufpasste, dass keine Socke verlorenging, ohne wenigstens einmal „Tada!“ sagen zu dürfen.
In der Mitte des Moors lag ein Häuflein Dampf, das versuchte, unsichtbar zu sein. Dazu pfiff es, was nicht half, denn pfeifender Dampf ist selten unauffällig. Leni hockte sich hin. „Hallo“, sagte sie in die Dampf-Richtung.
„Schnurrr“, machte der Dampf. Das war erstaunlich und ein bisschen unlogisch. Dampf kann schnurren, wenn er es sehr will.
„Ich glaube, das ist unser Drache“, sagte Mira leise. „Ein Postdrache. Klein aber offiziell.“
Balduin klopfte sich den Hut zurecht. „Drachen arbeiten oft in Teilzeit. Es ist eine Frage der Rentenpunkte und der Hitze.“
„Wenn es ein Postdrache ist, träumt er bestimmt von Stempeln“, flüsterte Leni. „Ich sollte ihn kitzeln, oder? Wegen der Prophezeiung.“
Mira nickte. „Aber freundlich. Und frag erst. Drachen mögen es, wenn man fragt, bevor man kitzelt.“
„Darf ich dich kitzeln?“ fragte Leni, und der Dampf machte ein Geräusch, das definitiv „Ja, aber nur ein bisschen“ hieß. Also kitzelte Leni mit zwei Fingern und einem Witz. „Warum hat die Briefmarke eine Leiter bei sich? Weil sie hoch gestempelt werden wollte.“
Der Dampf gluckste. Plötzlich erschien eine kleine Kralle, die nach etwas griff, das noch nicht da war, und dann war es da: ein Stempel. Er war rund, er war warm, und auf ihm stand: AMTSHALBER GEKICHERT. Leni hielt den Stempel hoch. Er war eine Marke geworden, wie das bei Dingen passiert, die wissen, wo sie hingehören.
„Orakel-Überdruckmarke!“ rief Mira, und ihr Blick wurde weich, als hätte sie ein Kind gesehen, das endlich die richtige Mütze trägt. „Aber… wir müssen noch überdrucken. Mit dem Spruch.“
„Darauf-darunter-drumherum“, rezitierte Balduin theatralisch. „Jetzt wo die Luft dünn ist.“
„Ist sie dünn?“ fragte Leni und legte die Hand in die Luft. Sie hörte etwas—ihre Gedanken, die leise tippelten. Sie lachten. Ja, es war dünn genug, um leise zu lachen.
„Darauf-darunter-drumherum“, sagten sie zusammen. Die Marke glitzerte. Ein zweiter, kleiner Stempel wuchs wie ein Pilz über dem ersten. Er trug den Aufdruck: VORLÄUFIG RICHTIG. Mira klebte die Marke ins Album. Das Album seufzte. Es ist schön, wenn Dinge sich setzen dürfen.
„Drei von vier“, sagte Mira. „Bleibt die Nachträgliche Prophezeiung.“
„Wir geben die der Zukunft zurück“, meinte Balduin, „damit sie wieder was zu tun hat.“
Sie drehten sich um, und da stand plötzlich ein Wolf. Er war nicht groß, nicht klein, und er trug eine Serviette. Er sah freundlich aus, völlig unbeeindruckt vom pfeifenden Dampf, der seine Pfoten warm machte.
„Guten Tag“, sagte Mira höflich. „Wir hätten da eine Verwechslung. Du bist ein Löffel.“
Der Wolf blinzelte. Er dachte nach. Denken ist bei Wölfen eine Sache der Ohren. Erst stellt sich das linke auf, dann das rechte. „Ach so“, sagte der Wolf. „Das erklärt, warum ich immer in Töpfe gucke. Danke. Ich muss gehen. Man braucht mich in einer Suppe.“
„Gern“, sagte Leni.
„Habt ihr vielleicht einen Stift?“ fragte der Wolf noch. „Ich muss meinen Namen ändern.“
„Frau Klecks?“ sagte Mira.
Die Feder war schon in der Luft. Sie schrieb sehr schön: Löffel. Dann schrieb sie darunter kleiner: ehemals Wolf. Dann verharrte sie. Sie schrieb: Ich bin nicht beleidigt. Aber ich könnte es sein, wenn man weiter von mir verlangt, in Moorluft zu schreiben.
„Entschuldige“, sagte Leni rasch. „Du schreibst großartig. Ich wäre ohne dich nur ein Rufen ins Leere.“
„Wir kaufen dir nachher einen Hut“, versprach Mira. „Ein Tintenhut, damit du dich warm fühlst.“
Frau Klecks kratzte ein Herz und dann ein: Angenommen. Unter Protest. Dann tanzte sie eine Schleife in der Luft und sprenkelte Miras Nase. Manchmal müssen auch Federn lachen.
Der Weg zurück zur Halle der Missverständnisse führte sie über einen Hang, der so steil tat, dass man ihn ernst nehmen musste. Leni rannte trotzdem. Balduin sang und verirrte sich dreimal in seiner eigenen Melodie, was gut war, weil die Melodie wenigstens Gesellschaft hatte. Die Luft wurde dünn, und die Gedanken wurden laut. Leni hörte ihren eigenen Mut kichern. Mira hörte ihre Ordnung summen. Balduin hörte seine Zweifel klatschen, aber freundlich. Sie alle hörten Frau Klecks schnurren. Das tat sie nur, wenn sie sich gehört fühlte.
Auf dem Bergkamm hielt Mira an. „Wir haben noch eine Marke“, sagte sie. „Die Nachträgliche Prophezeiung. Sie ist gar nicht nur eine Marke. Sie ist auch eine Aufgabe.“
„Wir schreiben sie“, sagte Leni, „nachträglich. Mit Witz.“
„Und mit Überdruck“, ergänzte Balduin. „Und mit einer Prise Dampf.“
Das Album raschelte zustimmend. Es war an der Zeit, etwas zu sagen, das bleiben wollte.
Kapitel 5: Die neu geschriebene Prophezeiung
Das Orakel der Verwechslungen saß immer noch da, wo es gesessen hatte, aber eine Tasche mehr war auf dem Boden und spielte Kegel mit einem Satz von Murmeln, die nie vorhatten, anzukommen. Als Leni, Mira und Balduin eintraten, nickte das Orakel, als hätten sie eine Pause eingehalten, die ihm fehlte.
„Ihr riecht nach Federn, Moor und Klugsein“, sagte das Orakel. „Und nach Post. Habt ihr den Überdruck?“
„Ja“, sagte Mira. „Und er ist vorläufig richtig, wie man es von guten Dingen erwarten kann.“
„Vorläufig richtig ist das Beste, was wir bekommen“, nickte das Orakel zufrieden. „Es lässt Platz für Nachbesserungen und Mittagessen.“
„Wir wollen die Nachträgliche Prophezeiung“, sagte Leni. „Und zwar so, dass sie Spaß hat.“
„Das ist eine seltene Bitte“, sagte das Orakel und schaute so, dass seine Augen plötzlich beide im selben Moment dieselbe Richtung fanden. „Prophezeiungen sind oft zu beschäftigt damit, zu wissen, was passiert. Sie vergessen, lachen ist auch eine Art wissen.“
Mira legte das Album auf den Tisch, der eigentlich kein Tisch war, sondern die Idee von einem sehr bequemen lapisblauen Kissen. Es hielt das Album so, als wären Stempel darauf die Pfefferminzblätter in einem Tee aus Zeit. „Hier ist das Feld“, sagte sie. „Es hat noch keinen Schattenumriss. Es wartet.“
„Frau Klecks?“ sagte Balduin.
Die Feder schwebte. Sie war nicht mehr beleidigt. Sie war aufgeregt. Das sah man daran, wie die Tinte in ihr glitzerte, als würden kleine Monde darin baden. „Ich bin bereit“, kratzte sie in die Luft.
„Ich möchte vorschlagen“, begann Mira, „dass eine Prophezeiung für uns nicht sagt, was wir müssen, sondern was wir vielleicht wollen. Und dass sie zum Spielen einlädt, damit sie nie fertig ist, aber immer fängt.“
„Ich möchte vorschlagen“, rief Leni, „dass wir eine Prophezeiung schreiben, die man umdrehen kann, wenn es regnet. Und die beim Lesen den Fuß wippen lässt.“
„Ich möchte vorschlagen“, sang Balduin, „dass sie sich selbst Überdruckt, wenn sie gelacht hat.“
„Dann los“, flüsterte das Orakel. „Dann schreibt.“
Frau Klecks setzte an. Die Luft war dünn genug, dass man spüren konnte, wie Worte durch sie hindurchliefen, ohne zu stolpern. Die Feder schrieb:
Wer spielt, findet Wege, auch wenn sie geradeaus schlafen.
Wer fragt, hört mehr, auch wenn das Echo singt.
Wer springt, weckt die Treppe, die sich zum Teppich legt.
Wer sammelt, teilt, und teilt, was glänzt, gehört allen.
Darauf-darunter-drumherum:
Wenn Federn fallen, heb eine auf.
Wenn Drachen träumen, kitzle leise.
Wenn ein Wolf Löffel sein will, dann gib ihm Suppe.
Nachträglich gilt ab jetzt und rückwirkend auf jeden Lachanfall.
Sie hielten gemeinsam die Luft an. Die Prophezeiung war nicht kurz, nicht lang, sie war genau genug, um Raum zu lassen. In dem Moment, in dem Frau Klecks den Punkt unter „Lachanfall“ als Konfettiregen auf die Seite setzte, knisterte die Seite. Ein kleines Rechteck bildete sich im Feld. Es war eine Marke, die sich verändert, wenn man sie schräg anschaute. Einmal sah man Leni darauf, wie sie sprang. Einmal Mira, wie sie zählte und lachte. Einmal Balduin, wie er die Laute hielt, als wären die Saiten Stricke, an denen man die Angst festbinden konnte, damit sie nicht weglief. Einmal sah man eine Pfote und einen Löffel, zwei, die gute Freunde waren.
„Die Nachträgliche Prophezeiung“, sagte Mira. „Sie ist genau, wie sie heißen wollte.“
„Ich—“ Balduin räusperte sich. „Ich bin vielleicht ein bisschen gerührt.“
„Rühr dich ruhig“, lächelte Leni. „Das hilft beim Stempeln.“
Das Orakel klatschte in die Hände, und die Taschen klatschten mit. „Großartig! Und jetzt kommt der Beste Teil. Der Überdruck.“
„Aber wir haben doch schon…“, begann Mira.
„Nein, nein. Der Überdruck der Prophezeiung. Ein ganz besonderer“, sagte das Orakel und zog unter seinem Stuhl einen Stempel hervor, der aussah, als wäre er aus Wunschträumen geschnitzt. „Damit wird sie offiziell. Aber nur, wenn sie zustimmt.“
„Stimmt sie zu?“ fragte Leni.
Die Luft flüsterte zweimal „Ja“. Es war das Album. Und es war etwas, das so klang, als würden die Federn im Vulkan kichern.
„Dann los“, sagte Balduin, und Leni legte ihre Hand auf den Stempel mit Mira. Balduin legte seine dazu. Und Frau Klecks, die ihre Eitelkeiten nicht hinter sich lassen wollte, malte einen kleinen Schnörkel auf den Stempelgriff. Das Orakel legte seine Hand daneben, die ein bisschen nach Zimt roch und nach Dingen, die schon fast geregelt sind. Sie drückten.
Der Stempel sank in die Marke wie ein Ball in einen Handschuh, der genau die richtige Größe hat. Als sie ihn wieder hoben, stand über der Prophezeiung: FROHEN MUTES GÜLTIG. Dazu ein kleines Zeichen, das aussah wie eine Leiter, die eine Schaukel sein wollte. Mira schloss das Album. Es summte.
„Es ist fertig“, sagte sie. „Nein. Es ist voll. Fertig sind Dinge selten. Voll ist wunderbar.“
„Wir haben alle vier“, sagte Leni. „Und keiner war so, wie er hieß, bevor wir ihn trafen. Perfekt.“
„Ich habe eine Ballade“, sagte Balduin und hob die Laute. „Sie heißt: ‚Wie zwei und ein halb Helden die Welt überdruckten und keine Socke verlor‘.“
„Du bist insufferabel“, sagte Leni fröhlich. „Und ich mag dich.“
„Ich auch“, sagte Mira. „Vor allem, wenn du leise singst.“
„Ich kann leise prahlen“, versprach Balduin. Er prahlte leise. Es war erträglich.
Das Orakel sah sie an, und zum ersten Mal schienen seine Augen nicht zwei verschiedene Dinge gleichzeitig zu wollen. „Ihr habt gut verwechselt“, sagte es. „Und ihr habt das Richtige daraus gebastelt. Wenn ihr gehen wollt, geht. Aber wenn ihr bleibt, könnt ihr gerne die Schilder umhängen. Sie lieben es, gebraucht zu werden.“
„Wir gehen“, sagte Leni. „Sonst wird der Vulkan beleidigt, weil wir seinen Nachmittag verschlafen. Und Frau Klecks braucht einen Hut.“
„Und ich brauche einen Plan, wie wir wieder durch die Gasse kommen, die tut, als wäre sie ein Irrgarten“, sagte Mira. „Aber ein Plan, der lachen kann.“
Sie gingen hinaus. Die Luft war weiter dünn, aber sie war satt. Sie trugen das Album wie einen Schatz, der sich nicht verstecken will. Als sie am Vulkan vorbeikamen, nieste er ihnen eine Gans entgegen. Die Gans landete, schüttelte sich und beschloss, ab jetzt ein Kissen zu sein. Man muss den Dingen ihren Willen lassen.
„Dankeschön!“, rief Leni dem Vulkan zu.
„Ich schreibe ihm eine Postkarte“, schrieb Frau Klecks. Sie malte in die Luft: Lieber Vulkan, bleib heiter. Nies nach Lust und Laune. Deine Freunde vom Markt. P.S.: Federn kitzeln Wörter. Sei gnädig.
„Weißt du, was ich gemerkt habe?“, sagte Mira, während sie die Brücke über den Trockentuch-Fluss wieder überquerten, indem sie rückwärts in Reimen zählten, was inzwischen leicht war wie Pfeffern in der Suppe. „Wenn man spielt, wird alles leichter. Nicht leichter, weil es weniger ist, sondern leichter, weil es schwimmt.“
„Ich weiß, was ich gemerkt habe“, sagte Leni. „Wenn man springt, kommt der Plan hinterher. Er meckert ein bisschen, aber er ist schnell.“
„Ich weiß, was ich gemerkt habe“, sagte Balduin. „Wenn man mehr singt, als man kann, klappt manchmal genau das, was man nicht konnte.“
Die Zahl-Kröte hob den Blumentopf-Hut und ließ ein Lachen fallen wie eine Münze. „Ihr seid gute Besucher. Kommt wieder. Bringt Witze mit.“
„Wir bringen ein ganzes Witzpaket“, versprach Leni. „Und Stempel.“
Sie kamen nach Kleinglück zurück, in den Marktplatz, wo die Laternen gähnten und die Briefkästen je nach Stimmung „hm“ oder „ha!“ sagten. Leni stellte sich auf dieselbe Bank wie morgens und hob das Album in die Luft. Es war voll, und es funkelte nicht, es grinste. Man kann das sehen, wenn man genau hinschaut, wie bei Leuten, die etwas geschafft haben, das wusste, wie es geht.
„Das ist nicht nur ein Album“, sagte Mira leise. „Es ist ein Spielbuch. Ein Buch, das spielt, dass es gesammelt wird.“
„Und wir sind darin“, sagte Leni. „Zwölf Seiten lang.“
„Ich habe eine Schlusszeile“, verkündete Balduin. „Sie lautet: Spiel ruhig. Das ist ernst genug.“
„Die nehme ich“, sagte Mira und schlug das Album zu, als würde sie eine Tür schließen, hinter der es warm bleibt.
Der Abend bummelte langsam die Straße entlang, wie ein Hund, der weiß, dass am Ende des Wegs ein Napf steht. Die Gassen ließen sich kitzeln und wurden kürzer. Die Wolken setzten sich auf Dächer und hörten zu, wie unten gelacht wurde. Und irgendwo, nicht weit, nieste ein Vulkan in die Sterne. Die Sterne kicherten. Man weiß nie, ob Sterne kitzelig sind, bis man es probiert.
Und wenn am nächsten Morgen jemand auf dem Marktplatz fragte: „Was macht man, wenn eine Prophezeiung verwirrt?“ dann antwortete Kleinglück im Chor: „Man spielt mit. Man schreibt sie um. Und man teilt die Marken, wenn jemand sie sehen will.“
So kam es, dass die Dinge ein bisschen mehr lachten als sonst. Der Postdrache träumte von Stempeln, die Musik machten. Der Löffelwolf fand eine Suppenküche, die ihn brauchte, und trug die eleganteste Serviette. Das Orakel hing die Schilder neu auf und vertauschte die Taschen der Taschen. Und Frau Klecks bekam einen Hut aus weichem Filz, der die Tinte warm hielt und die Wörter mutig. Sie schrieb, in einem letzten, zufriedenen Kringel: Spiel verstanden. Ende offen.