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Humorvolle Fantasy 11/12 Jahre Lesen 17 min.

Die Schnurrhaare der Dämmerung

Vier Kinder machen sich auf, die geheimnisvollen „Schnurrhaare der Dämmerung“ zu zählen und begegnen dabei magischen Zeichen, ungewöhnlichen Prüfungen und der Kraft von Teamarbeit.

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Ein 12-jähriger Junge mit rundem Gesicht und Sommersprossen, hellbraun zerzaustes Haar, staunendem, leicht schuldbewusstem Ausdruck, reicht die Hand nach einem silbernen schwebenden Fädchen und lacht leise; rechts davon die 11-jährige Noor mit olivfarbener Haut, schwarzer Pferdeschwanz und konzentriertem Blick, die mit weißer Kreide eine Linie auf den Weg zieht; links der 12-jährige Ben mit beschlagenen runden Brillen, kurzem braunem Haar und ernster, amüsierter Miene, hockt an einer Wurzel und kreuzt Kästchen in einem Heft; die 12-jährige Lotte mit blonder Zopf, farbigem Gilet und schelmischem Blick hält die kleine Katze Nebel (rauchgrau, grüne Augen), setzt sie neben einen dunklen Knoten leuchtender Fäden; Park in der Dämmerung: gepflasterte Wege mit Kreidestrichen, große Kastanie mit sichtbaren Wurzeln, alte Holzbank, dunkle Büsche, rundliche gelbe Laternen, die warme Halos werfen; feine silberne und graue Linien schweben wie Bänder in der Luft — die Kinder zählen die leuchtenden „Schnurrhaare“ der Dämmerung, einige verflechten sich zu einem kleinen Knoten, den die Katze aufmerksam betrachtet; die Szene wirkt magisch, lustig und zärtlich. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Eine Aufgabe, die nach Ärger riecht

Als Emil an diesem Nachmittag die Haustür hinter sich zuzog, stand die Luft schon schief. So nannte er das: Wenn die Welt sich anfühlte, als hätte jemand sie ein bisschen zu fest geschüttelt.

„Heute zähle ich die Schnurrhaare der Dämmerung“, erklärte Emil feierlich dem Briefkasten.

Der Briefkasten antwortete nicht. Aber er klapperte beleidigt im Wind, was ungefähr dasselbe war.

Emil war zwölf, hatte Knie mit Schrammen-Gedächtnis und ein Talent dafür, Aufgaben zu finden, die eigentlich niemand erfunden hatte. „Schnurrhaare der Dämmerung“ klang nämlich wie etwas, das in einem alten Zauberbuch stand. Oder wie ein Fußballverein. Oder wie eine Katze, die zu viel Poesie gelesen hatte.

Er stapfte die Straße entlang. Die Sonne hing noch über den Dächern, aber schon wurde alles weicher, als hätte der Tag einen Schal umgelegt. Genau diese Zeit. Dämmerung.

„Wie viele Schnurrhaare kann eine Dämmerung überhaupt haben?“, murmelte Emil.

„Mindestens sieben. Sonst gilt sie nicht“, sagte eine Stimme.

Emil blieb stehen. Neben dem Kiosk saß Frau Klinker auf ihrer Klappbank, strickte an einem Schal, der so lang war, dass man damit wahrscheinlich einen Drachen anbinden konnte.

„Wissen Sie… also…“, begann Emil.

„Ich weiß alles, was man wissen muss, um nicht in Pfützen zu treten“, sagte Frau Klinker. „Und ich weiß, dass die Dämmerung Schnurrhaare hat. Feine, fast unsichtbare. Wenn du sie zählst, musst du leise sein.“

„Ich bin immer leise“, log Emil. In dem Moment stolperte er über seinen eigenen Schnürsenkel und machte ein Geräusch wie ein nasser Pfannkuchen.

Frau Klinker grinste. „Dann viel Glück. Aber nimm Hilfe. Schnurrhaare sind Teamarbeit.“

Emil spürte dieses angenehme Kribbeln, das er bekam, wenn ein normaler Tag plötzlich so tat, als wäre er ein Abenteuer. Er holte tief Luft und rannte los, um Verstärkung zu sammeln.

Kapitel 2: Die Mannschaft der merkwürdigen Dinge

Als Erstes klopfte Emil bei Noor. Noor war elf, schneller im Denken als Emil im Stolpern und hatte immer ein Pflaster in der Tasche, weil sie überzeugt war, dass Emil aus Spaß kaputtging.

Noor öffnete, sah Emils Gesicht und sagte nur: „Nein.“

„Doch“, sagte Emil.

„Worum geht's?“

„Wir müssen die Schnurrhaare der Dämmerung zählen.“

Noor blinzelte. „Das klingt… falsch.“

„Es klingt wichtig“, sagte Emil. „Und Frau Klinker meinte, es gilt nur ab sieben.“

Noor verschränkte die Arme. „Und warum zählt man die?“

Emil überlegte. „Damit die Dämmerung weiß, dass wir sie ernst nehmen.“

Noor seufzte, aber ihre Augen funkelten. „Ich hol meinen Rucksack. Wenn wir schon Unsinn machen, dann ordentlich.“

Der Nächste war Ben, Emils bester Freund. Ben war zwölf, trug eine Brille, die bei Abenteuergeruch sofort beschlug, und liebte Listen.

Ben hörte zu, schrieb „Schnurrhaare der Dämmerung“ auf einen Zettel und fragte: „Wie definiert man ein Schnurrhaar?“

„Ähm… flauschig? Unsichtbar?“

„Sehr wissenschaftlich“, murmelte Ben. „Ich komme mit. Für die Forschung.“

Zuletzt schloss sich Lotte an, die in der Nachbarschaft als „die mit der Katze“ bekannt war. Ihre Katze hieß Nebel und sah aus, als hätte sie sich aus einem Schattenstück geschnitten.

„Wenn jemand Schnurrhaare versteht, dann Nebel“, sagte Lotte. „Und Nebel versteht mich meistens.“

Nebel gähnte, als würde er sagen: Ich verstehe euch alle, aber ich halte es euch nicht vor.

Die Vier standen schließlich am Rand des kleinen Parks, dort, wo die Bäume sich dicht aneinanderdrängten. Die Dämmerung kroch schon aus den Ecken. Emil fühlte sich, als hätte er eine Taschenlampe im Bauch, die gleich angehen würde.

„Plan?“, fragte Noor.

Ben hob seinen Zettel. „Wir brauchen Messpunkte. Vielleicht… Laternen? Schattenkanten?“

„Oder wir fragen die Dämmerung direkt“, schlug Emil vor.

Alle sahen ihn an.

„Was denn?“, sagte Emil. „Ich frage auch den Kühlschrank, ob noch Saft da ist.“

Lotte kniete sich zu Nebel. „Dann soll Emil fragen. Aber ich wette, die Dämmerung spricht lieber mit Katzen.“

Nebel schnippte mit dem Schwanz. Das war sein Ja. Oder sein Vielleicht. Oder sein Ich bin der König, macht, was ihr wollt.

Kapitel 3: Ein Schnurrhaar kitzelt zurück

Im Park wurde es merklich kühler. Nicht kalt. Eher wie ein Witz, den man erst später versteht.

Emil stellte sich unter die große Kastanie, räusperte sich und sagte: „Hallo, Dämmerung! Wir sind wegen der Schnurrhaare hier.“

Es passierte… nichts. Dann raschelte es im Laub. Ein Blatt löste sich und segelte Emil genau auf die Nase. Es kitzelte.

„Das zählt?“, flüsterte Ben.

„Das war ein Wink“, sagte Noor. „Oder ein Angriff.“

„Oder ein Schnurrhaar“, meinte Emil und versuchte, nicht zu niesen. Er hielt das Blatt vorsichtig zwischen zwei Fingern. Es fühlte sich nicht wie ein Blatt an. Eher wie ein Stück Abend.

Lotte deutete auf den Boden. „Schaut!“

Zwischen den Wurzeln glomm ein feiner Faden, kaum sichtbar, silbrig-grau wie eine Spinne, die heimlich Mondlicht sammelt. Der Faden zuckte, als Emil näherkam.

„Schnurrhaar Nummer eins!“, rief Emil.

Der Faden schnippte nach oben und strich ihm über die Wange. Emil jappste. „Es… es zählt zurück!“

Ben kniete sich hin, zog einen Bleistift aus der Tasche und hielt ihn daneben. Der Faden kringelte sich um die Bleistiftspitze, als wäre sie eine Katze. Dann schnurrte etwas. Wirklich. Ein leises, vibrierendes Geräusch, wie ein Handyladen, der zufrieden ist.

„Okay“, sagte Ben langsam. „Das ist entweder Magie oder wir sind alle gleichzeitig übermüdet.“

Noor deutete auf eine Bank. „Da! Noch eins.“

Und tatsächlich: Am Rand der Bank hing ein zweiter feiner Faden, der sich in der Luft wie ein Fragezeichen bog. Als Emil ihn zählen wollte, kitzelte er Noor am Ohr.

„Hey!“, zischte Noor und versuchte, ernst zu bleiben. „Das ist unhöflich.“

Der Faden wackelte frech. Emil lachte. „Die Dämmerung hat Humor.“

„Dann müssen wir mithalten“, sagte Lotte.

Nebel sprang auf die Bank, schnupperte und tat so, als würde er ein Geheimnis kauen. Dann schnippte er mit der Pfote in die Luft. Zwei weitere Fäden wurden sichtbar, als hätten sie sich erschrocken und kurz ihr Versteck vergessen.

„Drei und vier!“, sagte Emil.

Ben machte Striche auf seinem Zettel. „Wir nähern uns der Mindestzahl.“

„Nicht zu früh freuen“, warnte Noor. „Es ist die Dämmerung. Die kann sich einfach verdoppeln.“

In dem Moment kroch ein Schatten über den Weg, als hätte jemand einen Teppich aus Dunkel ausgerollt. Darauf lagen fünf, sechs, sieben… feine Linien, die hin und her wippten.

Emil schluckte. „Ich glaube, wir stehen auf dem Bart.“

Kapitel 4: Der Bart der Dämmerung und der Streit um die Zahl

„Nicht bewegen!“, flüsterte Ben.

„Zu spät“, flüsterte Emil, denn sein Fuß hatte schon ein Schnurrhaar berührt. Es fühlte sich an, als hätte ihn eine Feder getadelt.

Die Schnurrhaare zitterten. Dann passierte etwas sehr Unpraktisches: Die Schattenlinien begannen, sich zu verknäulen. Wie Kopfhörerkabel in einer Hosentasche. Nur dass diese Kabel lebendig waren und offenbar beschlossen hatten, eine Party zu feiern.

„Sie vermischen sich!“, rief Lotte. „Wie sollen wir da zählen?“

Noor zeigte auf Emil. „Emil! Das warst du! Du hast den Dämmerungsbart gekitzelt!“

„Ich wollte doch nur zählen!“, protestierte Emil. „Außerdem… Bartkitzeln ist doch harmlos!“

Die Schnurrhaare schossen nach oben und schwebten wie dünne, freche Schlangen um sie herum. Eines stupste Ben an die Brille, die sofort beschlug.

„Ich sehe nichts!“, jammerte Ben. „Ich kann nicht zählen ohne Sicht!“

Ein anderes Schnurrhaar wickelte sich um Noors Zopf. Noor zog daran und sagte streng: „Loslassen. Ich bin kein Geschenkband.“

Emil versuchte, mit beiden Händen in die Luft zu greifen, als könnte er die Fäden sortieren. „Okay! Wir brauchen einen Plan! Teamarbeit!“

Lotte hob Nebel hoch wie eine kleine, sehr unkooperative Laterne. „Nebel kann sie vielleicht ordnen. Katzen können alles ordnen. Sogar Menschen.“

Nebel machte ein Geräusch, das wie „Müssen wir?“ klang, und streckte dann die Pfote aus. Er tippte ein Schnurrhaar an, dann noch eins. Plötzlich begannen die Fäden, sich in einer Reihe auszurichten, als würden sie sich benehmen wollen, weil eine Katze sie ansah.

Ben wischte seine Brille frei. „Gut! Jetzt zählen wir systematisch. Emil zählt laut. Noor bestätigt. Lotte markiert die gesehenen Schnurrhaare mit… äh…“

Noor kramte ein Stück Kreide aus dem Rucksack. „Mit dem hier. Ich wollte eigentlich Hüpfkästchen malen. Aber Schicksal ist flexibel.“

Sie zog vorsichtig kleine Kreidestriche auf den Weg, immer neben ein Schnurrhaar. Jedes Mal, wenn sie eins markierte, zuckte es, als würde es kichern.

„Eins“, sagte Emil.

„Bestätigt“, sagte Noor.

„Zwei.“

„Bestätigt.“

„Drei.“

„Bestätigt.“

Ben schrieb mit, als wäre er der Schiedsrichter eines sehr merkwürdigen Spiels.

„Sieben“, sagte Emil schließlich und grinste so breit, dass ihm die Wangen wehtaten. „Mindestzahl erreicht!“

Da machte die Dämmerung etwas, das Emil nicht erwartet hatte: Sie schickte noch mehr.

Aus den Büschen, von den Baumkanten, sogar aus dem Brunnenrand erschienen neue Schnurrhaare. Nicht sieben. Nicht zehn. Eher… viele.

Ben quietschte. „Das sprengt jede Tabelle!“

Noor stemmte die Hände in die Hüften. „Das ist doch Betrug!“

„Vielleicht ist die Dämmerung eitel“, meinte Lotte. „Wer viele Schnurrhaare hat, ist beeindruckend.“

Emil starrte in das wogende Gewimmel. „Oder sie will, dass wir merken: Allein kriegt man das nie hin.“

Die Schnurrhaare schwebten jetzt wie ein sanfter Sturm um sie herum, aber nicht gefährlich. Mehr wie eine neckische Erinnerung: Du bist hier nur Gast.

„Also“, sagte Emil, „teilen wir auf. Ben zählt links. Noor rechts. Lotte in der Mitte. Ich… äh… ich mache die Geräuschkulisse.“

„Du machst was?“, fragte Noor.

Emil räusperte sich und sagte feierlich: „Ich rede beruhigend auf die Dämmerung ein. Sie mag mich. Ich habe eine kitzlige Nase.“

Ben verdrehte die Augen. „Dann beruhige schnell.“

Kapitel 5: Der Knoten im Abend und ein unerwarteter König

Sie arbeiteten, so gut man eben arbeiten kann, wenn ein Stück Tageszeit einem um die Ohren schnurrt. Ben murmelte Zahlen. Noor setzte Kreidestriche. Lotte folgte Nebel, der sich bewegte, als hätte er den Park schon vor Jahren gekauft.

Emil sprach leise: „Gute Dämmerung. Wir zählen nur. Keine Sorge. Wir machen dir keine Frisur. Also… keinen Bart. Du weißt schon.“

Für einen Moment schien es tatsächlich zu helfen. Die Schnurrhaare wurden ruhiger. Sie legten sich wie feine Linien über die Dinge: Bank, Wege, Baumstämme. Der Park sah aus, als hätte jemand ihn mit Bleistift nachgezogen.

Dann kam der Knoten.

Mitten zwischen zwei Bäumen verdichtete sich die Dämmerung zu einer kleinen, dunklen Kugel. Daraus ragten Schnurrhaare in alle Richtungen. Es sah aus wie ein Igel, der beschlossen hatte, Modeberater zu werden.

„Was ist das?“, flüsterte Lotte.

Ben hob vorsichtig die Hand, als würde er in der Schule melden. „Das ist vermutlich der… zentrale Schnurrhaar-Knoten. Eine Art… Verteiler.

„Oder ein Nest“, sagte Noor. „Schnurrhaare brüten doch bestimmt aus.“

Der Knoten wackelte. Ein Schnurrhaar schoss hervor und zeichnete in die Luft etwas, das sehr nach einem Ausrufezeichen aussah. Dann noch eins. Und noch eins.

„Ich glaube, es ist… aufgeregt“, sagte Emil.

Nebel sprang auf einen Stein direkt neben den Knoten. Er setzte sich hin. Er sah den Knoten an. Der Knoten sah Nebel an. Zwischen ihnen passierte etwas, das Emil nur als „stilles Verhandeln auf königlichem Niveau“ beschreiben konnte.

Dann machte Nebel: „Mrrp.“

Der Knoten entspannte sich. Die Schnurrhaare legten sich, als würden sie sich vor Nebel verbeugen. Emil starrte.

„Deine Katze ist ein Diplomat“, sagte Ben ehrfürchtig.

„Er ist eher… ein König“, korrigierte Lotte. „Er regiert über Sofakissen und über das, was man nicht sieht.“

Noor grinste. „Dann haben wir ja Glück, dass er auf unserer Seite ist.“

Emil beugte sich vor. „Nebel, sag der Dämmerung, wir brauchen nur die Zahl. Dann lassen wir sie in Ruhe glitzern.“

Nebel blinzelte langsam. Das war vermutlich ein sehr langer Vertragstext.

Der Knoten ließ ein Schnurrhaar zu Emil hinübergleiten. Es tippte ihm auf die Stirn, als würde es sagen: Du auch. Dann zog es sich zurück.

„Okay“, sagte Emil. „Wir zählen den Knoten als… wie viele?“

Ben schlug seinen Zettel um. „Als einen Ursprung. Aber wenn wir die Schnurrhaare zählen, die aus ihm rausgehen, zählen wir doppelt. Wir brauchen eine Regel!“

Noor hob die Kreide. „Regel: Was man markieren kann, zählt. Der Knoten selbst ist kein Schnurrhaar. Ende.“

„Das ist streng“, sagte Emil.

„Ich bin die, die Kreide hat“, sagte Noor.

Sie zählten weiter. Gemeinsam. Laut, leise, durcheinander, aber immer mit dem Blick aufeinander, damit niemand sich verhedderte. Und langsam wurde aus dem Chaos ein Rhythmus.

Als sie bei dreißig ankamen, begann Ben zu lachen. „Wer hätte gedacht, dass ich mal in einem Park stehe und Dämmerungshaare zähle.“

„Ich“, sagte Emil. „Ich dachte das heute Morgen schon. Also… fast.“

„Du hast heute Morgen Cornflakes gegessen“, sagte Noor.

„Und dabei groß gedacht“, verteidigte Emil sich.

Kapitel 6: Die Lampe, die wacht

Die Sonne war inzwischen ganz verschwunden. Der Himmel war nicht schwarz, sondern tiefblau, wie Tinte, die sich entschieden hat, freundlich zu sein. Die Schnurrhaare wurden weniger. Nicht, weil sie weg waren, sondern weil sie sich wieder zurückzogen, in Ecken und Baumrinden und zwischen die Sekunden.

Emil, Noor, Ben und Lotte standen am Rand des Parks und sahen auf Noors Kreidestriche. Der Weg war übersät wie mit kleinen Kommas.

„Endstand?“, fragte Lotte.

Ben zählte seine Striche zusammen, sehr ernst, als ginge es um einen Weltrekord. „Vierunddreißig, wenn wir die doppelt markierten abziehen. Plus…“, er sah auf den Knoten, der nun nur noch ein dunkler Fleck zwischen den Bäumen war, „plus das Gefühl, dass es noch mehr sind, wenn man nicht hinschaut.“

„Vierunddreißig ist gut“, sagte Emil zufrieden. „Die Dämmerung hat einen ordentlichen Bart.“

Noor stieß ihn mit der Schulter an. „Und du hast gelernt, dass man große Aufgaben nicht alleine macht.“

Emil nickte. „Teamarbeit. Und Katzen-Diplomatie.“

Nebel miaute, als würde er sagen: Vergesst das nicht.

Sie gingen zusammen nach Hause. Die Straße war still, aber nicht einsam. Über ihnen flackerten die Laternen an, eine nach der anderen, als würden sie sich gegenseitig anstupsen: Du bist dran. Nein, du!

Vor Emils Haus blieb die letzte Laterne kurz dunkel. Emil hielt den Atem an. Dann sprang sie an, warm und gelb, und der Lichtkegel legte sich auf den Gehweg wie eine Decke.

„Sie wacht“, sagte Lotte leise.

Emil schaute zur Lampe hoch. In ihrem Licht tanzten Staubkörner wie winzige, zufriedene Sterne. Und ganz kurz, nur für ihn, meinte Emil ein feines Kitzeln in der Luft zu sehen, als hätte die Dämmerung ihm zum Abschied ein Schnurrhaar zugewinkt.

„Gute Nacht“, flüsterte Emil zur Lampe.

Die Lampe summte leise. Nicht wie ein Geräusch, eher wie ein Versprechen. Und während Emil ins Haus ging, blieb ihr Licht draußen stehen, geduldig, wachsam – als würde es die Straße zählen, bis alle sicher sind.

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Dämmerung
Die Zeit am Abend, wenn es dunkel wird, aber noch nicht ganz Nacht ist.
Schnurrhaare
Feine, haarähnliche Fäden; hier sind sie wie zarte Linien der Abendstimmung.
Schrammen-Gedächtnis
Ein bildlicher Ausdruck für Knie, die viele Kratzer und Narben haben.
Klapperte beleidigt
Ein Geräusch, das etwas macht, als wäre es verärgert und laut.
Verstärkung
Hilfe von anderen, damit eine Aufgabe leichter oder sicherer wird.
Kribbeln
Ein leichtes, prickelndes Gefühl auf der Haut, oft vor Spannung oder Freude.
Verknäulen
Wenn sich viele Fäden oder Dinge durcheinanderwinden und einen Knoten bilden.
Verteiler
Etwas, das viele Stränge oder Teile von einer Stelle aus in verschiedene Richtungen bringt.
Diplomat
Jemand, der gut mit anderen redet und Probleme ruhig löst.
Stilles Verhandeln auf königlichem Niveau
Leises und wichtiges Besprechen zwischen zwei Mächtigen, ohne viele Worte.

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