Kapitel 1: Ein Plan, so bunt wie der Morgen
An einem gewöhnlich-magischen Dienstagmorgen saß Lotta auf dem Fensterbrett ihres Zimmers und blickte hinaus in den noch verschlafenen Garten. Ihre Freunde, Lila, Nelli und Fenja, waren noch nicht da, aber Lotta hatte schon einen Plan, der zu verrückt war, um ihn für sich zu behalten.
„Eine Echarpe aus Morgenlicht, wer braucht schon sowas?“, kicherte sie leise und hielt ihre Stricknadeln in die Luft. „Na, ich! Und ihr auch, wetten?“
Als die anderen drei endlich angerannt kamen — Lila mit einem Buch unterm Arm, Nelli mit einem Keks im Mund und Fenja mit einer Wolldecke um die Schultern — grinste Lotta spitzbübisch.
„Morgen, ihr Schlafmützen! Wisst ihr, was wir heute machen? Wir stricken eine Echarpe aus dem Licht der Aurora!“
„Aus Licht?“, fragte Nelli und schnappte sich gleich noch einen Keks. „Das gibt doch bestimmt Sonnenbrand!“
„Oder wir werden unsichtbar und niemand sieht das Prachtstück“, warf Lila ein, während Fenja versuchte, ihre Decke wie einen Umhang zu schwingen.
„Quatsch“, lachte Lotta. „Wir brauchen nur das richtige Garn. Und das finden wir... im alten Haus von Frau Flink!“
Fenja kicherte. „Da spukt es doch!“
„Da spukt höchstens der Staub“, meinte Lotta. „Na, kommt schon!“
Und so begann ihr Abenteuer, noch bevor das Mittagessen auf dem Tisch stand.
Kapitel 2: Das Haus der tausend Knäuel
Das alte Haus von Frau Flink stand am Ende der Straße und war berühmt-berüchtigt für seine kreischenden Türen und die Katze, die angeblich sprechen konnte. Die Mädchen schlichen sich durch den knarrenden Gartenzaun.
„Wenn ich einen sprechenden Kater sehe, rede ich nie wieder mit Mäusen“, flüsterte Fenja.
„Psst“, machte Lila und zeigte auf das Fenster mit den bunten Gardinen. „Da drin!“
Sie krochen durch die offene Hintertür, die erstaunlich leicht aufschwang. Drinnen roch es nach Lavendel und altem Tee. Überall lagen Wollknäuel: rot, blau, grün, sogar glitzerndes Silber und Gold.
„Wer hätte gedacht, dass es so viele Sorten Wolle gibt!“, staunte Nelli.
Lotta griff nach einem Knäuel, das leise flackerte. „Seht mal! Das hier sieht aus wie Morgendämmerung!“
Plötzlich ertönte eine krächzende Stimme: „Finger weg von meinem Sonnenstrahlgarn, du kleine Wühlmaus!“
Erschrocken fuhren die Mädchen herum. Im Türrahmen stand Frau Flink, kleiner als gedacht, mit einer riesigen Brille auf der Nase. Neben ihr saß, ganz gemütlich, die Katze — und blinzelte.
Kapitel 3: Die magische Strickprüfung
„Ihr wollt also eine Echarpe aus Aurore stricken?“, fragte Frau Flink und musterte die Mädchen streng.
„Nur, wenn Sie erlauben…“, begann Lotta.
„Erlauben? Pah! Was ist schon erlaubt?“, lachte Frau Flink plötzlich. „Ihr dürft es versuchen, aber nur, wenn ihr meine Strickprüfung besteht! Und der Preis: das Morgengarn.“
„Was müssen wir tun?“, fragte Lila mutig.
Frau Flink holte einen alten Korb hervor, aus dem vier Stricknadeln ragten, jede anders verziert. „Jede von euch strickt mir etwas — aber nicht irgendwas! Ich will... ein Lächeln, das nie vergeht!“
„Ein Lächeln?“, fragte Fenja und runzelte die Stirn. „Wie soll man das stricken?“
„Mit Herz, Humor und einer Prise Wahnsinn. Los geht's!“, rief Frau Flink.
Die Mädchen starrten ihre Nadeln an. Lotta begann, kleine Sonnen zu stricken, Lila versuchte sich an tanzenden Katzen, Nelli strickte Kekse mit Gesichtern und Fenja... nun, Fenja strickte einfach drauflos. Die Ergebnisse? Ein Sammelsurium aus schiefen, lustigen, tapferen Lächeln, das Frau Flink so herzlich zum Lachen brachte, dass sogar die Katze von der Fensterbank plumpste.
„Bestanden!“, rief Frau Flink. „Das Morgengarn gehört euch! Aber hütet euch: Es spinnt sich nur, wenn ihr zusammenarbeitet.“
Kapitel 4: Ein Knäuel für alle
Zurück im Garten rollten die Mädchen das Morgengarn aus. Es glänzte rosa, orange und gold, und manchmal blitzte es, als wollte es davonfliegen.
„Wer fängt an?“, fragte Lila.
„Wir alle!“, beschloss Lotta. „Zusammen geht's am besten.“
Sie setzten sich im Kreis, jeder hielt einen Teil des flirrenden Garns. Doch kaum fingen sie an, entglitt Nelli das Ende, das Garn schlängelte sich um Lottas Bein, Fenja lachte, und plötzlich waren sie alle verwickelt, als hätten sie gegen einen besonders listigen Wurm verloren.
„Das ist doch verhext!“, schimpfte Nelli, aber niemand war böse.
„Vielleicht müssen wir uns absprechen“, überlegte Fenja.
Und so begannen sie, sich gegenseitig Schritt für Schritt zu helfen. Mal gab Lila Tipps, mal half Fenja beim Entwirren, mal reichte Nelli Kekse, damit niemand hungrig wurde. Mit jeder Masche wurde das Garn zahmer, die Farben leuchteten heller, und die Echarpe wuchs — langsam, aber sicher.
Kapitel 5: Das Fest der Morgenmädchen
Als die Echarpe endlich fertig war, war sie so lang, dass sie einmal um den Apfelbaum passte. Die Mädchen lachten und wickelten sich gegenseitig ein, bis sie wie ein einziger, bunter Wurm aussahen.
„Lasst uns ein Fest feiern!“, schlug Fenja vor.
Sie luden Frau Flink und ihre sprechende Katze ein (die, wie sich herausstellte, nur dann sprach, wenn niemand hinsah), hängten die Echarpe wie eine Girlande in die Bäume und tanzten darunter im Morgenlicht.
„Teilen ist schöner als jeder Zauber“, sagte Lotta feierlich, während sie den anderen ein Stück von der Echarpe gab.
„Und Kekse teilen nicht vergessen!“, rief Nelli und verteilte großzügig.
Die Katze schnurrte. „Ganz meine Meinung“, sagte sie — oder war es nur ein leises Miauen? Keiner wusste es so genau.
Kapitel 6: Wenn die Sonne schläft
Am Abend, als das Fest vorbei war und die letzte Keksdose leer, setzten sich die Mädchen auf die Echarpe, die immer noch im Gras glänzte.
„Weißt du, Lotta“, flüsterte Lila, „das war das beste Abenteuer überhaupt.“
„Und das schönste Strickwerk der Welt“, fügte Fenja hinzu.
Lotta lächelte, während sie sanft ihre Stricknadel schwang und leise sang:
„Wenn das Licht der Sonne sinkt,
und der Tag sich langsam winkt,
träum von Farben, zart und sacht,
die die Echarpe für dich macht.
Teil ein Lächeln, Teil ein Lied,
weil Magie im Herzen liegt.“
Im letzten Licht des Tages kuschelte sich der Morgenwurm — oder vier Mädchen und eine Katze — zufrieden in die Echarpe. Und irgendwo, zwischen Lachen, Flüstern und einem letzten Keks, begann die Nacht — so magisch, wie nur ein gemeinsam geteiltes Abenteuer sein kann.