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Geschichte der unmöglichen Herausforderung 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Die unmöglichen Herausforderungen der Papierwunder-Papeterie

Vier Mädchen lösen in einer magischen Papeterie gemeinsam ungewöhnliche Prüfungen und entdecken dabei, wie wichtig Ehrlichkeit, Zusammenarbeit und sogar scheinbar unnütze Tricks sind.

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Vier Mädchen arbeiten in einer magischen Schreibwarenhandlung daran, ein Modell einer Tür ohne Berührung zu öffnen: Mila (ca. 10) mit hellbraidem Zopf und feiner runder Brille steht in der Mitte und schlingt eine Schnur um einen kleinen Knopf, Jona (ca. 9) mit schwarzem Pferdeschwanz und rotem T‑Shirt links zieht an der Schnur und macht dramatische Orchestergesten, Tessa (ca. 11) mit kurzem blondem Haar und grüner Jacke rechts justiert eine improvisierte Rolle, Kira (ca. 10) mit langem braunem Haar und gestreiftem Pullover steht leicht zurück rechts mit verschränkten Armen und prüft Regeln auf einem kleinen Schild; Umgebung: warme Beleuchtung, hölzerne Regale mit bunten Stifttöpfen und Papierrollen, Tisch mit farbigem Türmodell und Bastelmaterialien; Stimmung: konzentrierte, fröhliche Zusammenarbeit, klare freundliche Ausdrücke, lebendige Farben und scharfe Schatten im Cel‑Shading. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Laden, der nach Ideen riecht

Die „Papierwunder-Papeterie“ roch nach frischen Bleistiften, Vanille-Radiergummis und einem Hauch von Geheimnis. Wenn man ganz genau hinhörte, konnte man sogar das leise Rascheln der Notizblöcke hören, als würden sie sich gegenseitig Witze erzählen.

Hier standen vier Mädchen zwischen Regalen voller Glitzerstifte, Tintenfässern und Briefumschlägen, die manchmal… hüstel… von selbst davonflatterten.

Mila war die Ruhige. Wenn alle anderen redeten, schaute sie erst, dachte dann, und sagte am Ende einen Satz, der alles sortierte wie ein ordentlicher Stapel Karteikarten. Neben ihr hüpfte Jona, die ständig so tat, als wäre der Boden Lava. Tessa hatte immer eine Idee, die „bestimmt nicht schiefgeht“, und Kira konnte mit einem Blick erkennen, ob jemand mogeln wollte – und fand das furchtbar.

„Also“, sagte Tessa und hielt ein Schild hoch, das sie irgendwo aus einem Regal gezogen hatte. Darauf stand in krakeligen Buchstaben:

„DIE UNMÖGLICHEN HERAUSFORDERUNGEN – HEUTE! PREIS: EIN GOLDENER HEFTKLAMMERER.“

Jona pfiff. „Ein goldener Heftklammerer! Damit könnte ich offiziell wichtige Dinge zusammenheften. Zum Beispiel… meinen Snack-Zettel.“

„Nur wenn du fair spielst“, murmelte Kira.

Mila hob die Augenbrauen. „Unmögliche Herausforderungen? Das klingt nach… Verkaufsstrategie.“

In dem Moment räusperte sich hinter ihnen die Ladenbesitzerin Frau Tintenklecks. Sie trug eine Brille, deren Gläser so dick waren, dass ihre Augen dahinter wie zwei neugierige Fische wirkten. „Kinder“, sagte sie, „heute ist Prüfungstag. Wer den goldenen Heftklammerer gewinnt, bekommt außerdem…“ Sie machte eine Pause und zog ein kleines Notizbuch hervor, das in der Luft ein bisschen glitzerte. „…das Regelbuch der Papeterie. Es schreibt sich selbst. Aber nur für Menschen, die fair bleiben, auch wenn es schwierig wird.“

„Ich bin immer fair“, behauptete Jona sofort.

Kira räusperte sich so laut, dass ein Lineal im Regal erschrocken umkippte.

Frau Tintenklecks nickte. „Gut. Dann beginnt ihr mit Herausforderung Nummer eins. Und Mila…“ Sie zwinkerte. „Ich weiß, du sammelst doch diese… wie nennst du sie? Unnütze Tricks?“

Mila wurde leicht rot. Sie hatte seit Wochen in einem kleinen Heft „total unnötige, aber irgendwie interessante Tricks und Tipps“ notiert. Zum Beispiel: wie man eine Büroklammer in einen Mini-Katapult biegt oder wie man ein Blatt so faltet, dass es wie ein Krokodil schnappte.

„Vielleicht sind sie ja gar nicht unnütz“, sagte Mila vorsichtig.

„Vielleicht“, sagte Frau Tintenklecks und zeigte auf eine Tür, auf der stand: „PRÜFUNGSRAUM. NICHT KLINGELN. ES KLINGELT ZURÜCK.“

Kapitel 2: Die Tür, die nicht aufgehen wollte

Der Prüfungsraum sah aus wie eine Mischung aus Klassenzimmer und Zauberwerkstatt. In der Mitte stand ein Pult, darauf eine riesige, quietschbunte Tür – als Modell, wie aus Pappe gebaut, aber sie wirkte echt. Daneben ein Schild:

„HERAUSFORDERUNG 1: ÖFFNE DIE TÜR, OHNE SIE ANZUFASSEN.

ZEIT: 3 MINUTEN.

HINWEIS: NICHT MOGELN. DIE TÜR MAG DAS NICHT.“

„Nicht anfassen?“ Jona steckte die Hände in die Hosentaschen und wackelte nervös mit den Fingern. „Ich fasse grundsätzlich alles an.“

„Dann ist das eine gute Übung“, meinte Kira.

Tessa beugte sich vor. „Vielleicht kann man sie anpusten.“

Jona pustete. Die Tür knarrte beleidigt. Nichts passierte.

Kira stellte sich streng hin. „Wir machen das fair. Keine Unsichtbarkeitsstifte, keine Zauber-Abkürzungen.“

„Wir haben gar keine Unsichtbarkeitsstifte“, sagte Tessa.

Hinter ihnen machte ein Regal „hüstel“.

Mila betrachtete die Tür und das Scharnier. „Ohne anfassen… aber wir dürfen Dinge benutzen.“

„Klar“, sagte Tessa. „Was denn? Einen Elefanten?“

Mila zog ihr Trick-Heft heraus. „Unnützer Tipp Nummer 17: Mit einem Faden und einer Büroklammer kann man eine Schlaufe bauen, die an etwas zieht.“

Jona grinste. „Eine Tür an der Tür ziehen, ohne sie anzufassen. Genial!“

Sie fanden eine Schnur aus dem Bastelkorb und eine Büroklammer, die verdächtig fröhlich glänzte. Mila bog die Büroklammer, Tessa hielt die Schnur, Kira kontrollierte, dass niemand heimlich schummelte, und Jona machte die wichtigste Aufgabe: Sie stand daneben und gab Geräuscheffekte. „Spannung! Dramatische Musik! Tüüü-düüü-düüü!“

Mila warf die Schlaufe geschickt über den kleinen Türgriff. „Jetzt ziehen wir… aber so, dass niemand die Tür berührt.“

„Mit den Ellbogen!“, flüsterte Jona.

„Ellbogen zählen auch“, sagte Kira.

„Mit dem Fuß?“, fragte Tessa.

„Fuß zählt auch“, sagte Kira noch strenger.

Mila schob die Schnur durch eine leere Klebebandrolle, damit sie Abstand halten konnten. „Wir ziehen an der Schnur, aber die Rolle ist unser Griff. Wir fassen nur die Rolle an, nicht die Tür.“

„Das ist fair“, entschied Kira nach kurzem Prüfblick.

Alle zogen. Die Tür wackelte, knarzte, seufzte – und sprang auf, als hätte sie nur auf eine gute Ausrede gewartet.

Auf dem Pult erschien ein Stempelabdruck wie von selbst: „BESTANDEN“.

Jona verbeugte sich tief. „Danke, danke. Ich nehme Applaus in Form von Keksen.“

Frau Tintenklecks' Stimme kam aus dem Nichts: „Herausforderung zwei wartet. Und Mila… notiere dir: Manchmal ist ein unnützer Tipp nur ein Tipp, der noch nicht seinen großen Auftritt hatte.“

Kapitel 3: Der Stift, der die Wahrheit sagt

Im nächsten Bereich stand ein Glasbehälter mit einem Stift darin. Er sah harmlos aus, ein ganz normaler Füller – nur dass die Feder wie eine kleine Zunge wackelte.

Daneben hing ein Schild:

„HERAUSFORDERUNG 2: SCHREIBE EINEN SATZ, DER DEN STIFT ZUFRIEDENSTELLT.

DER STIFT SCHREIBT NUR WAHRHEIT.

WENN DU ÜBERTREIBST, KLECKST ER.“

„Oh“, sagte Tessa. „Ich übertreibe nie.“

Der Stift im Glas machte ein Geräusch, das verdächtig nach „Pfft“ klang.

Kira verschränkte die Arme. „Hier geht's um fair-play. Also keine Angeberei.“

Jona klopfte sich an die Brust. „Ich bin die mutigste Person im Umkreis von…“ Der Stift im Glas rüttelte am Deckel. „Okay, okay! Ich sage nichts!“

Mila überlegte. „Wir brauchen einen Satz, der wahr ist, aber auch… freundlich? Der Stift soll zufrieden sein.“

Tessa schnappte sich ein Blatt Papier. „Ich schreibe: ‚Ich bin die Beste!‘“

Kira packte ihre Hand. „Stopp. Das ist nicht fair. Außerdem stimmt's nicht.“

„Wieso?“, empörte sich Tessa. „In… äh… Gummiband-Weitwurf bin ich fast gut!“

„Fast“, wiederholte Mila und lächelte.

Jona tippte auf Milas Trick-Heft. „Hast du da auch einen Tipp für ehrliche Sätze?“

Mila blätterte. „Unnützer Tipp Nummer 5: Wenn man nicht weiß, was man schreiben soll, schreibt man die Wahrheit in drei Teilen: Was ich kann. Was ich nicht kann. Was ich versuche.“

Kira nickte anerkennend. „Das ist fair. Und mutig.“

Sie setzten sich zusammen. Mila tauchte den Stift ein – der Deckel sprang von selbst ab und landete mit einem Plopp auf dem Tisch.

Mila schrieb langsam, damit niemand schummeln konnte:

„Ich kann gut nachdenken, ich kann nicht alles sofort, und ich versuche, niemanden auszutricksen.“

Der Stift hielt kurz inne. Dann glitt er plötzlich ganz weich über das Papier, ohne einen einzigen Klecks. Im Gegenteil: Am Ende zeichnete er ein kleines zufriedenes Häkchen, als wäre er ein Lehrer mit guter Laune.

Auf dem Tisch tauchte ein weiterer Stempel auf: „BESTANDEN“.

Tessa schnaufte. „Also muss man… ehrlich sein, um zu gewinnen? Das ist ja… anstrengend.“

„Anstrengend, aber cool“, sagte Kira.

Jona grinste. „Und es macht weniger Flecken. Meine Mutter wird begeistert sein.“

Aus der Ecke ertönte Frau Tintenklecks' Stimme: „Herausforderung drei: die berühmteste Unmöglichkeit der Papeterie.“

Kapitel 4: Die Schere, die nichts schneiden will

In der Mitte des Raums stand eine riesige Schere, so groß wie ein Skateboard. Um sie herum lagen Papierstreifen, Pappe, Stoff – und ein Stück… scheinbar unzerstörbarer Folie.

Ein Schild erklärte:

„HERAUSFORDERUNG 3: SCHNEIDE EIN STÜCK VON DER UNZERSTÖRBAREN FOLIE.

ABER: DIE SCHERE SCHNEIDET NUR, WENN MAN FAIR BLEIBT.

WENN MAN SCHUMMELT, WIRD SIE ZU EINEM LÖFFEL.“

„Zu einem Löffel?“, prustete Jona. „Das ist die beste Drohung, die ich je gehört habe.“

Tessa hob die Schere an. Sie war überraschend leicht. „Ich schneide einfach ganz fest!“

Sie drückte zu. Die Schere machte „Nö.“ Also wirklich: Sie klang wie ein trotziges Kind. Die Folie blieb heil.

Kira beugte sich über den Rand. „Vielleicht funktioniert sie nur, wenn man… gerecht teilt?“

Mila kniete sich hin und fuhr mit dem Finger dicht über die Folie, ohne sie zu berühren. „Die Herausforderung ist nicht ‚schneide irgendwie‘, sondern: schneide fair. Vielleicht bedeutet das, dass alle etwas beitragen müssen.“

Jona hob die Hand. „Ich kann Geräusche beitragen!“

„Und ich kann zählen, damit keiner mehr schneidet als die anderen“, sagte Kira sofort.

Tessa runzelte die Stirn. „Aber wie soll das helfen?“

Mila blätterte in ihrem Heft. „Unnützer Tipp Nummer 22: Wenn etwas zu glatt ist, hilft eine Falz. Man knickt es minimal an, dann findet die Klinge einen Anfang.“

„Aber knicken ist doch…“, begann Tessa.

„Wir dürfen die Folie anfassen“, sagte Kira, „solange wir fair sind und nichts verstecken.“

Also legten sie die Folie genau in die Mitte. Kira hielt eine Ecke, Tessa die andere, Jona hielt… die Luft an, weil sie unbedingt auch helfen wollte, und Mila machte einen winzigen, sauberen Knick – so klein, dass er eher wie ein Flüstern im Material war.

„Jetzt alle zusammen“, sagte Mila. „Und jeder drückt gleich stark.“

Kira zählte: „Eins, zwei, drei!“

Sie drückten. Die Schere zögerte. Dann schnitt sie plötzlich durch die Folie, als wäre sie Butter auf warmem Toast. Ein perfekter Streifen fiel ab.

Die Schere klappte zufrieden auf und zu. Kein Löffel weit und breit.

Jona riss die Arme hoch. „Wir haben die Unzerstörbarkeit zerstört! Das klingt so falsch, dass es wieder richtig ist!“

Auf dem Boden erschien der dritte Stempel: „BESTANDEN“.

Tessa stupste Mila an. „Dein Heft ist vielleicht doch nicht so unnütz.“

Mila zuckte die Schultern, aber man sah, wie stolz sie war. „Ich sammle eben gern Zeug, das niemand braucht. Bis es jemand braucht.“

Frau Tintenklecks' Stimme kicherte: „Dann kommt jetzt die letzte Aufgabe. Und die ist wirklich… unmöglich. Angeblich.“

Kapitel 5: Das Labyrinth aus Post-its

Eine Tür öffnete sich, und dahinter lag ein Labyrinth – gebaut aus riesigen Post-its. Gelbe Wände, rosafarbene Ecken, grüne Sackgassen. Über allem schwebten Klebezettel wie freche Schmetterlinge.

Ein Schild hing schief:

„HERAUSFORDERUNG 4: FINDET DEN GOLDENEN HEFTKLAMMERER.

REGELN:

1) NICHT RENNEN.

2) NICHT REISSEN.

3) NICHT SCHUBSEN.

4) WER MOGELT, MUSS DEN REST DES TAGES NUR MIT BLEISTIFT SCHREIBEN.“

„Das ist grausam“, flüsterte Tessa. „Nur Bleistift?“

Kira nickte ernst. „Das ist die härteste Strafe, die ich mir vorstellen kann.“

Jona trat an den Eingang. „Nicht rennen… dann hüpfe ich.“

„Hüpfen ist fast rennen“, sagte Kira.

„Dann gleite ich elegant“, sagte Jona und machte eine Bewegung, die aussah, als würde sie auf unsichtbaren Bananenschalen ausrutschen.

Mila blieb stehen und hörte. Im Labyrinth klebte es leise. Schsch. Plopp. Als würden die Zettel miteinander tuscheln.

„Wir brauchen einen Plan“, sagte Mila ruhig.

Tessa zeigte nach links. „Einfach rein und Glück haben!“

Kira schüttelte den Kopf. „Fair-play heißt auch: Wir lassen niemanden allein und wir halten uns an die Regeln.“

Jona hob die Hand. „Ich kann… mich aus Versehen verlaufen, aber dabei laut reden.“

„Das ist tatsächlich nützlich“, sagte Mila.

Sie gingen langsam hinein. Die Wände aus Post-its waren so nah, dass man ihre Fasern sehen konnte. Manchmal löste sich ein Zettel und klebte an Jonas Ärmel. Sie blieb stehen, zog ihn vorsichtig ab und klebte ihn zurück. „Ich bin die freundlichste Zettel-Retterin der Welt.“

„Das war fair“, lobte Kira.

Nach der dritten Ecke standen sie vor zwei Gängen. Über dem linken klebte ein Post-it: „SICHER.“ Über dem rechten: „AUCH SICHER.“

Tessa lachte. „Sehr hilfreich.“

Mila dachte an ihr Heft. „Unnützer Tipp Nummer 9: Wenn du dich in einem Labyrinth verläufst, markiere den Weg – aber so, dass du nichts beschädigst.“

„Wir dürfen nichts reißen“, erinnerte Kira.

„Wir reißen auch nicht“, sagte Mila. Sie zog aus ihrer Tasche einen kleinen, winzigen Locher. „Wir lochen.“

Tessa glotzte. „Du hast einen Locher dabei? Einfach so?“

Mila nickte. „Unnützer Tipp Nummer 1: Ein Mini-Locher passt in jede Tasche und macht sofort Konfetti, falls man plötzlich gute Laune braucht.“

Jona flüsterte ehrfürchtig: „Du bist wie ein wandelnder Bastel-Schrank.“

Mila lochte ganz vorsichtig in ein paar extra Zettel, die lose am Boden lagen, und sammelte die winzigen Papierkringel. Dann streute sie an jeder Ecke ein kleines Konfetti-Pünktchen auf den Boden – nicht klebend, nicht zerstörend, nur als Spur.

„Das ist fair“, entschied Kira. „Und ordentlich.“

Sie gingen weiter. Jona übernahm die Aufgabe, an jeder Abzweigung laut zu kommentieren: „Wir gehen jetzt nach rechts. Rechts ist bekanntlich die Richtung, in der meine Hausaufgaben verschwinden.“

„Deine Hausaufgaben verschwinden überall“, sagte Tessa.

Plötzlich hörten sie ein leises „Klick… klick… klick…“ wie eine Heftklammer, die nervös mit den Beinen wippte.

Mila blieb stehen. „Hört ihr das?“

Kira nickte. „Das kommt von… da vorne.“

Sie bogen um die Ecke – und standen vor einer winzigen Bühne aus Karton. Darauf saß der goldene Heftklammerer. Er glänzte so stark, dass Tessa kurz die Augen zusammenkniff.

Doch zwischen ihnen und dem Preis lag eine letzte „unmögliche“ Sache: ein schmaler Streifen Boden, der aussah wie flüssige Tinte. Darüber hing ein Schild:

„DER TINTENSTREIFEN IST NUR FÜR FAIR-PLAYER FEST.“

Jona schob ihre Brille hoch. „Also: Wer unfair ist, plumpst rein?“

„So klingt es“, sagte Kira.

Tessa sah sich um. „Wir könnten eine Abkürzung machen. Da ist doch eine Stelle, wo die Wand locker ist…“

Kira stellte sich sofort davor. „Nein. Keine Abkürzungen. Das wäre mogeln.“

Tessa seufzte, aber nickte. „Okay. Dann fair.“

Mila öffnete ihr Heft ein letztes Mal. „Unnützer Tipp Nummer 30: Wenn ein Boden unsicher wirkt, verteile das Gewicht. Zum Beispiel mit einem Brett… oder vielen gefalteten Blättern.“

„Falten!“, rief Jona. „Ich kann falten! Ich falte ständig Servietten zu Drachen, wenn ich warten muss.“

Sie fanden im Labyrinth einen Stapel unbedruckter Zettel – offenbar extra dafür. Gemeinsam falteten sie schnell stabile Dreiecke, wie kleine Papier-Schneeschuhe. Kira achtete darauf, dass jede genau gleich viele faltete. „Fair ist fair. Niemand macht sich hier aus der Arbeit davon.“

Tessa, die am schnellsten falten konnte, bot an, für Jona mitzufalten.

„Nein“, sagte Kira. „Jona schafft das. Und wenn nicht, helfen wir, aber gleichmäßig.“

Jona zog eine Grimasse, faltete konzentriert – und schaffte es. „Seht ihr? Ich kann Dinge. Manchmal.“

Sie legten die gefalteten Zettel als Pfad über den Tintenstreifen. Mila testete vorsichtig mit dem Fuß. Der Zettel hielt. Die „Tinte“ darunter gluckste enttäuscht.

„Okay“, sagte Mila. „Wir gehen nacheinander, langsam. Und wir lassen niemanden zurück.“

Tessa ging zuerst, dann Kira, dann Jona, die bei jedem Schritt „Wackel-wackel, ich bin ein Königspinguin“ murmelte, und zuletzt Mila. Kein Zettel riss, niemand drängelte.

Auf der Bühne angekommen, nahmen sie den goldenen Heftklammerer nicht einfach an sich. Kira räusperte sich. „Wir haben das als Team gemacht. Also teilen wir den Gewinn.“

„Wie teilt man einen Heftklammerer?“, fragte Jona erschrocken. „Bitte nicht auseinanderbrechen!“

Mila lachte. „Wir teilen nicht das Ding. Wir teilen, wofür wir ihn benutzen. Und wer ihn wann haben darf.“

Tessa nickte. „Abwechselnd. Und für wichtige Sachen.“

Jona flüsterte: „Mein Snack-Zettel ist sehr wichtig.“

Kira zog eine Augenbraue hoch. „Wichtig… für dich.“

Der goldene Heftklammerer klickte zufrieden, als hätte er zugehört.

Kapitel 6: Das selbstschreibende Regelbuch

Zurück in der Papeterie wartete Frau Tintenklecks am Tresen. Neben ihr lag das glitzernde Notizbuch.

„Ihr habt gewonnen“, sagte sie. „Nicht, weil ihr die Schnellsten wart. Sondern weil ihr fair geblieben seid, sogar als es verlockend war, zu mogeln.“

Sie schob ihnen das Notizbuch hin. Es schlug sich von selbst auf, und auf der ersten Seite erschienen Worte, als würde eine unsichtbare Hand schreiben:

„TRICK 1: FAIR-PLAY MACHT AUS UNMÖGLICHEN DINGEN SPIELE.

TRICK 2: UNNÜTZE TIPPS SIND NUR TIPPS IM WARTEMODUS.“

Jona beugte sich näher. „Kann es auch meinen Namen schreiben? Mit Glitzer?“

Das Buch schrieb prompt:

„JONA: KANN SEHR GUT PINGUIN-GERÄUSCHE MACHEN. DAS IST… IRGENDWIE NÜTZLICH.“

Tessa lachte so laut, dass ein Stift im Regal vor Schreck die Kappe verlor. „Und was schreibt es über mich?“

Das Buch kritzelte:

„TESSA: HAT IDEEN WIE FEUERWERK. MAN MUSS NUR AUFPASSEN, WO ES LANDET.“

Kira tippte mit dem Finger auf die Seite. „Und ich?“

Das Buch schrieb:

„KIRA: IST EIN KOMPASS FÜR GERECHTIGKEIT. MANCHMAL PIEKST ER, ABER ER ZEIGT RICHTIG.“

Mila wartete. Schließlich schrieb das Buch:

„MILA: SAMMELT KLEINE DINGE. AUS KLEINEN DINGEN WERDEN GROßE LÖSUNGEN.“

Mila schluckte, dann grinste sie. „Okay. Das ist… ziemlich schön.“

Frau Tintenklecks legte ihnen eine Schachtel auf den Tresen. „Darin sind neue Post-its, die nicht kleben, sondern… höflich fragen. Und ein paar Büroklammern, die gerne Kunst werden. Für eure nächste Neugier.“

„Nächste?“, fragte Jona. „Es gibt noch mehr unmögliche Herausforderungen?“

Frau Tintenklecks zwinkerte. „In einer magischen Papeterie gehen die unmöglichen Dinge nie aus. Und eure Tricks-und-Tipps-Sammlung…“ Sie nickte zu Milas Heft. „…hat gerade erst angefangen, nützlich zu werden.“

Die vier Mädchen sahen sich an. Tessa hob den goldenen Heftklammerer wie eine Trophäe. „Also… nächste Woche wieder?“

Kira lächelte. „Nur wenn wir wieder fair spielen.“

Jona salutierte. „Fair wie ein Pinguin im Anzug!“

Mila steckte ihr Heft ein, spürte das Gewicht der kleinen, scheinbar nutzlosen Ideen – und merkte, dass es sich anfühlte wie ein Schlüsselbund für Türen, die man noch gar nicht gefunden hatte.

Und während draußen die Welt ganz normal weiterlief, raschelten in der Papierwunder-Papeterie die Notizblöcke leise – als würden sie schon die nächste Aufgabe ausbrüten.

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Papeterie
Ein Geschäft, das Stifte, Papier und Bastelmaterial verkauft.
Geheimnis
Etwas, das man nicht allen erzählt und verborgen hält.
Prüfungsraum
Ein Raum, in dem man Prüfungen oder Tests macht.
Knarrte
Ein lautes, altes Geräusch, wenn etwas holpert oder sich bewegt.
Scharnier
Das Teil, an dem eine Tür befestigt ist und sich dreht.
Unnützer Tipp
Ein Rat, der meist nicht wichtig wirkt, aber helfen kann.
Unzerstörbaren Folie
Eine Folie, die sich nicht leicht zerreißen oder kaputt machen lässt.
Labyrinth
Ein Ort mit vielen verwirrenden Wegen und Sackgassen.
TINTENSTREIFEN
Ein breiter Streifen, der aussieht, als wäre er mit Tinte bedeckt.
Konfetti-Pünktchen
Sehr kleine Papierstückchen, die wie bunte Punkte aussehen.

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