Kapitel 1: Der Dachboden, der nach Abenteuern niest
Moritz war elf, mutig und hatte eine sehr ernste Schwäche: Er konnte an keiner „Unmöglich“-Behauptung vorbeigehen, ohne sie anzustupsen.
An diesem Samstagnachmittag stupste ihn gleich eine ganze Stimme an.
„Unmöglich“, sagte seine große Schwester Jule und hielt ein Stück Papier hoch. Darauf stand in krakeliger Schrift: „DIE UNMÖGLICHE CHALLENGE“.
Moritz' Augen funkelten. „Unmöglich ist nur ein Wort, das sich schnell erschrecken lässt.“
Jule grinste. „Dann erschreck es mal. Oma hat im Dachboden eine alte Truhe. Die klemmt seit Jahren. Wetten, du kriegst sie nicht auf, ohne sie kaputtzumachen?“
„Wetten“, sagte Moritz sofort.
Sie kletterten die knarzige Treppe hoch. Der Dachboden roch nach Staub, Holz und einem Hauch Apfelkuchen, als hätte jemand mal einen Apfelkuchen gelesen und dann vergessen.
Überall standen Dinge, die offenbar darauf warteten, endlich wieder wichtig zu sein: ein kaputter Regenschirm, ein Fächer aus Federn, ein Einrad ohne Sattel, ein Stapel vergilbter Comics, ein riesiger Wecker, der aussah, als könnte er Kühe wecken.
Und in der Ecke: die Truhe. Dunkles Holz, metallene Ecken, ein Schloss, das so schmollte, als hätte es seit hundert Jahren keinen Spaß mehr gehabt.
Moritz kniete sich davor. „Hallo, Truhe. Ich bin Moritz. Ich bin freundlich, aber hartnäckig.“
Jule verschränkte die Arme. „Bitte keine Freundschaft mit dem Schloss schließen. Es hat dir nichts getan.“
Moritz zog am Deckel. Nichts. Er rüttelte. Die Truhe rührte sich nicht einmal. Sie war so stur wie ein Kaugummi unter dem Schulstuhl.
„Okay“, murmelte Moritz. „Dann eben mit Köpfchen.“
In diesem Moment vibrierte Jules Handy. Sie las und pfiff durch die Zähne. „Oh! Oma hat gerade geschrieben: In der Truhe sind alte Fotos… und die ‚Familien-Trophäe der Konzentration‘.“
Moritz blinzelte. „Die was?“
„Angeblich hat Opa damals eine Medaille gewonnen, weil er bei einem Wettbewerb drei Stunden lang eine Mücke beobachtet hat, ohne zu lachen.“
Moritz prustete. „Drei Stunden? Ich lache schon, wenn ich nur ‚Mücke‘ höre.“
Jule hielt ihm das Papier mit „DIE UNMÖGLICHE CHALLENGE“ hin. „Also?“
Moritz atmete tief ein. Nicht wie ein Ritter vor einem Drachen, eher wie ein Kind vor Mathehausaufgaben. „Challenge angenommen. Aber ich brauche… das richtige Werkzeug.“
Und der Dachboden, als hätte er das gehört, knarzte geheimnisvoll. Als würde er sagen: Viel Glück. Oder: Viel Staub.
Kapitel 2: Die große Werkzeug-Safari
Moritz stand auf und sah sich um, als wäre der Dachboden ein Dschungel und jedes Objekt ein Tier, das beißen könnte.
„Wir suchen etwas, das ein Schloss überredet, ohne es zu ärgern“, erklärte er.
„Also… ein höflicher Brecheisen?“ Jule hob eine alte Gardinenstange hoch. „Sagt man dazu ‚Bitte‘ und drückt dann?“
Moritz nahm sie, betrachtete die verbogenen Enden und schüttelte den Kopf. „Das ist eher ein beleidigter Speer.“
Er wühlte in einer Kiste mit Werkzeugen. Schrauben, Nägel, ein Metermaß, das sofort wieder einschnappte wie eine zickige Schlange.
„Aua!“ Moritz rieb sich den Finger.
Jule kicherte. „Der Dachboden verteidigt seine Schätze.“
Moritz blieb stehen, schloss kurz die Augen und hielt den Atem an. Er stellte sich das Schloss vor. Nicht als Feind, sondern als Rätsel. Ein Rätsel, das man mit Geduld knackt – und vielleicht mit etwas Quatsch, um es weich zu kochen.
„Okay“, sagte er langsam. „Wir bleiben konzentriert. Aber fröhlich. Wie… ein Ninja auf einem Trampolin.“
Jule nickte ernst. „Ninja. Trampolin. Sehr wissenschaftlich.“
Moritz fand einen Schlüsselbund in einer Schachtel. Dutzende alte Schlüssel, manche winzig, manche so groß wie kleine Löffel.
„Das ist es!“ Er schüttelte den Bund. Er klirrte wie ein kleines Orchester, das nur ein Lied kennt: Dingdingding.
Sie probierten Schlüssel für Schlüssel. Moritz steckte einen hinein, drehte, zog, wackelte. Nichts.
„Vielleicht ist es ein Schloss, das nur auf Komplimente reagiert“, schlug Jule vor. „Sag ihm, dass es hübsch ist.“
Moritz räusperte sich. „Liebes Schloss, du siehst… sehr metallisch aus.“
Jule prustete. „Metallisch! Das ist, als würdest du einem Hund sagen, er sei… sehr fellartig.“
Moritz grinste, doch dann konzentrierte er sich wieder. Er spürte, wie sein Kopf ruhiger wurde, wenn er nicht gleichzeitig fünf Dinge dachte. Er hörte sogar das leise Ticken des riesigen Weckers.
Nach dem zwanzigsten Schlüssel sagte Jule: „Vielleicht gibt's keinen Schlüssel mehr. Vielleicht ist die Challenge wirklich unmöglich.“
Moritz' Blick fiel auf ein Regal. Darauf stand ein alter Fotoapparat und daneben… eine Lupe. Groß, mit einem Griff aus Holz, wie aus einem Detektivfilm.
Moritz nahm sie vorsichtig. „Das ist kein Werkzeug. Das ist eine Idee.“
Er kniete sich wieder zur Truhe. „Wenn ich das Schloss verstehe, muss ich es nicht zwingen.“
Jule beugte sich über ihn. „Du willst mit ihm reden?“
„Nein“, sagte Moritz. „Ich will es… anschauen, bis es sich schämt.“
Und mit der Lupe untersuchte er das Schloss so konzentriert, als hätte es heimlich Schokolade im Metall versteckt.
Kapitel 3: Das Schloss mit dem Kitzel-Geheimnis
Durch die Lupe sah das Schloss plötzlich aus wie eine Landschaft. Kleine Kratzer wie Flüsse, Staubkörner wie Felsen. Und ganz unten, fast unsichtbar, eine winzige Kerbe.
Moritz' Herz hüpfte. „Da!“
„Was da?“ Jule kniff die Augen zusammen.
Moritz zeigte auf die Stelle. „Eine Kerbe. Vielleicht… ein versteckter Schieber. Oder ein Haken. Oder das Schloss hat einfach einen Pickel.“
Jule schnaufte. „Ein Schloss-Pickel. Das ist jetzt mein Lieblingsbild.“
Moritz suchte nach etwas Dünnem. Eine Haarnadel? Fehlanzeige. Eine Büroklammer? Ja! In einer Dose mit alten Schulheften fand er eine Handvoll Büroklammern und einen Bleistift, an dem jemand so viel gekaut hatte, dass er aussah wie ein winziger Biberdamm.
„Perfekt“, sagte Moritz.
„Wieso?“ fragte Jule. „Du willst das Schloss mit Hausaufgaben bestechen?“
Moritz bog die Büroklammer auseinander, ganz langsam. Er merkte, wie wichtig es war, nicht zu hastig zu sein. Wenn er zu schnell drückte, rutschte er ab. Wenn er zu wild zog, verbog er alles.
„Konzentration“, murmelte er. „Aber mit Spaß.“
„Wie macht man Konzentration mit Spaß?“ Jule lehnte sich an einen Koffer.
Moritz grinste. „Man tut so, als wäre man im Finale einer verrückten Spielshow. Und der Moderator ist eine Eule.“
Jule setzte eine tiefe Stimme auf: „Huuuh! Kandidat Moritz! Wenn du abrutschst, wirst du von einem Kissen beworfen!“
Moritz lachte leise, atmete dann wieder ruhig und setzte die Büroklammer an der Kerbe an. Er drückte vorsichtig.
Nichts.
Er drückte minimal anders. Ein winziges „Klick“.
Moritz erstarrte. „Hast du das gehört?“
Jule riss die Augen auf. „Das Schloss hat geniest!“
Moritz' Finger zitterten vor Aufregung, also stoppte er. Er legte die Büroklammer kurz ab, schüttelte seine Hand aus und sah die Truhe an, als wäre sie ein wildes Tier, das man nicht erschrecken darf.
„Nicht übertreiben“, flüsterte er. „Wir machen das gemütlich.“
Jule nickte und hielt sogar den Atem an, als würde sie damit helfen.
Moritz setzte die Büroklammer wieder an. Er spürte einen Widerstand, wie eine kleine Feder. Er drückte, ganz sanft, und gleichzeitig drehte er mit der anderen Hand den Schlüssel, der bisher „am besten“ gepasst hatte, obwohl er nie richtig gepasst hatte.
„Eulenmoderator“, flüsterte Jule. „Huuuh! Jetzt nicht kichern!“
Moritz biss sich auf die Lippe. Er konzentrierte sich auf drei Dinge: Druck, Drehung, Ruhe.
Dann machte es „Klack“.
Das Schloss sprang nicht auf. Aber es fühlte sich… weniger beleidigt an.
Moritz hob den Kopf. „Das ist Fortschritt!“
Jule grinste. „Oder das Schloss hat sich nur gestreckt.“
Moritz nickte ernst. „Auch Strecken ist wichtig.“
Doch als er erneut drückte, rutschte die Büroklammer ab und schnipste gegen seinen Finger.
„Au!“ Moritz schüttelte die Hand. „Das Schloss hat zurückgekitzelt!“
Jule lachte so laut, dass eine Staubwolke vom Balken fiel. „Pass auf, sonst ruft die Truhe die Schloss-Polizei.“
Moritz wischte sich eine Staubflocke von der Nase. „Okay. Neuer Plan. Wir brauchen ein anderes Werkzeug. Etwas, das dünn ist… aber nicht so frech wie eine Büroklammer.“
Sein Blick wanderte über den Dachboden. Und blieb an etwas hängen, das aussah wie ein zusammengefalteter Stern aus Metall.
„Was ist das?“ fragte er.
Jule zog es hervor. „Omas alter Stricknadel-Satz. Aber nur eine ist noch da.“
Moritz nahm die einzelne Stricknadel. Sie glänzte, als hätte sie auf genau diesen Moment gewartet.
„Hallo, Superwerkzeug“, sagte Moritz. „Bitte sei nett.“
Kapitel 4: Die Stricknadel des Schicksals (und der Keksdieb)
Moritz setzte die Stricknadel an die Kerbe. Sie passte besser als die Büroklammer, so als wäre sie für Schloss-Pickel gemacht.
„Eulenmoderator?“ fragte Moritz.
Jule setzte sofort ihre Stimme auf: „Huuuh! Kandidat Moritz hat das legendäre Werkzeug gefunden! Als Bonus erhält er… einen imaginären Keks!“
Moritz' Magen knurrte. „Ich nehme ihn.“
Er drückte, langsam, und drehte wieder den Schlüssel. Diesmal hielt er inne, genau im Moment, wo er merkte: Jetzt bin ich zu aufgeregt. Er zwang sich, die Schultern zu entspannen. Er spürte sogar, wie seine Stirn nicht mehr so faltig war.
„Konzentriert, aber fröhlich“, murmelte er. „Wie ein Mensch, der eine Spinne rausbringt, ohne zu schreien.“
„Sehr gutes Bild“, sagte Jule. „Ich schreie trotzdem.“
Moritz drückte einen Millimeter weiter. „Klick.“
Er drehte. „Klack.“
Und dann… „KRRR…“
Beide erstarrten.
„War das… das Schloss?“ flüsterte Jule.
Moritz schluckte. „Oder der Dachboden bricht zusammen.“
Das Geräusch kam wieder, aber diesmal klang es eher wie… Knabbern.
Sie blickten nach oben. Auf einem Balken saß ein kleines, rundes Etwas: eine Maus. Sie hatte ein Keksstück im Maul und kaute, als wäre sie im Kino.
Jule starrte. „Seit wann haben wir eine Dachboden-Maus?“
Moritz flüsterte: „Vielleicht ist sie der Schlüsselmeister.“
Die Maus hielt inne, schaute sie an und knabberte demonstrativ weiter. Ein Krümel fiel wie ein winziger Meteorit nach unten.
Jule sagte: „Wenn sie unsere Konzentrations-Trophäe frisst, dann—“
„—dann werden wir sehr konzentriert wütend“, beendete Moritz.
Die Maus sprang vom Balken auf eine Kiste und schnupperte in Richtung Truhe, als würde sie sich für das Drama interessieren. Moritz nutzte den Moment: Er atmete ein, zählte im Kopf bis drei und arbeitete weiter.
Drücken. Drehen. Ruhe.
„Klack.“
Diesmal spürte er deutlich: Etwas im Schloss gab nach, wie eine Tür, die endlich ein bisschen gute Laune bekommen hat.
Moritz grinste. „Jule… ich glaube…“
Er zog vorsichtig am Deckel. Er bewegte sich einen Spaltbreit.
Jule schnappte nach Luft. „Nein!“
Moritz zog noch ein Stück. Der Deckel knarrte wie ein alter Pirat, der aus dem Bett steigt.
Die Maus kletterte näher und setzte sich direkt neben die Truhe, als wäre sie die Jury.
„Bitte nicht gleich alles aufreißen“, sagte Moritz, mehr zu sich selbst. „Langsam. Damit nichts klemmt.“
Er hob den Deckel. Zentimeter für Zentimeter.
Und dann war die Truhe offen.
Jule und Moritz starrten hinein. Drinnen lagen Stoffe, Fotoalben, ein kleiner Lederbeutel… und ein eigenartig glänzendes Ding, das aussah wie eine Medaille.
Die Maus schnupperte. Moritz hielt schnell den Deckel ein bisschen tiefer, wie eine freundliche Schranke.
„Sorry“, sagte er zur Maus. „Heute keine Kekse aus der Truhe.“
Die Maus blinzelte, als würde sie sagen: Dann eben später.
Kapitel 5: Die Trophäe der Konzentration und das Foto, das alles verdreht
Moritz nahm zuerst das Fotoalbum heraus. Auf dem Einband stand: „Sommer, als die Frisuren noch Mut hatten.“
Jule klappte es auf. Das erste Foto zeigte Oma als junges Mädchen mit einem Hut, der so groß war wie ein Satellitenschüssel.
Jule prustete. „Oma sah aus, als hätte sie ein Sofakissen auf dem Kopf!“
Moritz blätterte weiter und fand ein Foto von Opa. Opa saß auf einem Stuhl im Garten, starrte auf etwas Kleines in seiner Hand… und hatte einen Gesichtsausdruck, als würde er innerlich einen Witz bekämpfen.
Daneben klebte tatsächlich eine Medaille: „KONZENTRATIONS-MEISTER 1978“.
Moritz hielt sie hoch. Sie war schwerer als erwartet und klirrte leise.
„Also hat es das wirklich gegeben“, sagte Jule.
Moritz las die Rückseite. „Regel: Drei Stunden lang auf eine Mücke schauen, ohne zu lachen.“
Jule verzog das Gesicht. „Das klingt nach Folter.“
Moritz' Augen leuchteten. „Das klingt nach Training.“
Jule hob eine Augenbraue. „Moritz… du willst das nachmachen?“
„Nein“, sagte Moritz schnell. „Ich will… etwas Besseres. Eine Unmöglich-Challenge, die nicht eklig ist.“
Jule blätterte weiter und fand einen Briefumschlag. „Hier. ‚Für den, der sich traut‘.“
Moritz nahm ihn. „Das klingt wie ein Dachboden-Schatzfilm.“
Er zog den Brief heraus. Omas Schrift:
„Wer diese Truhe öffnet, hat Geduld, Humor und gute Augen. Jetzt kommt der zweite Teil: Baut aus Dachboden-Zeug etwas, das euch hilft, euch fröhlich zu konzentrieren. Und wenn ihr dabei lacht, ist das kein Fehler. Das ist der Trick.“
Jule las mit. „Oma ist gefährlich klug.“
Moritz grinste. „Dann machen wir das. Wir bauen ein Konzentrations-Dings.“
„Was für ein Dings?“ fragte Jule.
Moritz schaute sich um. Die Lupe, die Stricknadel, der riesige Wecker, der alte Regenschirm, das Einrad ohne Sattel, die Comics…
„Ein Spiel“, sagte er. „Ein Spiel, das wie eine unmögliche Herausforderung aussieht, aber eigentlich… Spaß ist.“
Jule legte den Kopf schief. „Und wie soll das gehen?“
Moritz nahm den Wecker vom Regal. Er war so groß, dass man ihn auch als Kuchenform benutzen könnte.
„Wir machen… die ‚Unmögliche Minute‘“, sagte Moritz. „Man muss sechzig Sekunden lang eine total alberne Aufgabe machen, ohne die Konzentration zu verlieren.“
Jule lachte. „Das ist schon wieder Opa, nur ohne Mücke.“
Moritz nickte. „Genau. Und wir bauen die Aufgaben aus Dachboden-Sachen.“
Er legte Dinge auf den Boden: eine Feder aus dem Fächer, einen kleinen Löffel, ein paar Murmeln, eine Wäscheklammer, die Lupe.
Jule zeigte auf das Einrad. „Und das?“
Moritz grinste breit. „Das ist das Finale. Aber erst brauchen wir… eine Stoppuhr.“
Er klopfte auf den Wecker. „Dich, du Kuhwecker.“
Der Wecker antwortete nicht, aber er sah beleidigt aus.
Kapitel 6: Die Unmögliche Minute (mit Eule, Maus und fast einem Murmel-Unfall)
Sie räumten eine freie Fläche. Jule stellte den Wecker in die Mitte. Moritz schrieb mit einem dicken Filzstift auf ein Stück Pappe: „DIE UNMÖGLICHE MINUTE“.
„Keine Rechtschreibprüfung?“ fragte Jule.
„Der Dachboden hat keine Internetverbindung“, sagte Moritz.
Sie legten drei „Level“ fest:
Level 1: Eine Murmel mit dem Löffel durch eine Strecke schieben, ohne dass sie runterfällt.
Level 2: Mit der Wäscheklammer eine Feder halten und dabei einen Comic laut vorlesen, ohne zu stottern.
Level 3: Zehn Sekunden auf dem Einrad… ohne Sattel… nur so tun, als ob. Also: draufsetzen und nicht schreien.
„Das letzte ist unmenschlich“, sagte Jule.
„Es ist nur zehn Sekunden“, sagte Moritz. „Und wir dürfen dabei lachen. Aber nicht die Konzentration verlieren.“
Jule setzte die Eulenmoderator-Stimme auf. „Huuuh! Willkommen zur Unmöglichen Minute! In der rechten Ecke: Moritz, der Mann mit der Stricknadel! In der linken Ecke: Jule, die Königin der skeptischen Augenbraue!“
Moritz startete den Wecker. Der Sekundenzeiger begann zu rennen, als hätte er Termine.
Level 1, Moritz. Er balancierte die Murmel auf dem Löffel und schob sie über eine Linie aus Klebeband. Seine Zunge hing ein bisschen raus, ganz unbewusst.
„Nicht so gucken“, flüsterte Jule. „Du siehst aus wie ein konzentrierter Frosch.“
Moritz wollte lachen, aber hielt es zurück, atmete aus und blieb beim Löffel. Die Murmel rollte. Fast fiel sie.
Moritz stoppte, ganz kurz. Er setzte den Löffel neu an, langsam, und führte die Murmel ins Ziel.
„Geschafft!“ sagte Jule.
„Noch nicht“, sagte Moritz und zeigte auf den Wecker. „Die Minute läuft. Ich darf nicht ausrasten.“
Jule riss die Augen auf. „Oh! Stimmt!“
Moritz grinste nur klein. Das war schwerer als gedacht: nicht nur schaffen, sondern dabei ruhig bleiben.
Level 2, Jule. Sie klemmte die Feder in die Wäscheklammer und hielt sie vor ihr Gesicht, als wäre es ein Mikrofon. Dann las sie aus einem Comic vor.
„‚Superkartoffel rettet die Stadt‘“, las sie. Ihre Stimme war feierlich. „‚Ich bin knusprig, aber gerecht!‘“
Moritz musste die Lippen zusammenpressen. Die Feder wackelte, kitzelte Jules Nase.
„Nicht niesen“, flüsterte Moritz.
Jule hielt tapfer durch, aber ihre Augen tränten. „‚Böse Gurke, ich… ich…‘“ Sie stolperte über das Wort „Gurken-Galaxie“.
In dem Moment hörte man wieder Knabbern. Die Maus saß auf einer Kiste und kaute an einem Keksrest, als würde sie das Publikum versorgen.
Jule wollte lachen, schaffte es aber, nur die Schultern zu schütteln. „‚…ich werde dich… ent-saft-en!‘“ Sie sprach das Wort so langsam aus, als wäre es heiß.
Moritz nickte anerkennend. „Das war… sehr konzentriert.“
„Ich habe eine Feder im Gesicht“, sagte Jule. „Ich bin ein Held.“
Level 3. Das Einrad stand da wie eine Falle. Moritz stellte sich daneben, legte die Hände an einen Balken zur Stabilität und setzte sich vorsichtig auf das nackte Rohr, wo eigentlich der Sattel sein sollte.
„Zehn Sekunden“, sagte Jule und hielt den Wecker so, dass Moritz ihn sehen konnte. „Eulenmoderator?“
„Huuuh“, sagte Moritz selbst, mit zusammengekniffenem Gesicht. „Ich bin die Eule, weil ich leiden muss.“
Jule zählte. „Eins… zwei… drei…“
Moritz' Gesicht verzog sich. Er versuchte, nicht zu schreien, nicht zu lachen, nicht zu jammern. Er atmete wie beim Schlösserknacken: ruhig, gleichmäßig, ernst und doch irgendwie komisch.
„Vier… fünf…“
Ein Murmel rollte los, direkt Richtung Einradreifen.
„Achtung!“ rief Jule.
Moritz sah sie, blieb aber sitzen. Für einen Moment wurde alles still, als würde die ganze Welt zuschauen, sogar die Maus.
Die Murmel prallte gegen den Reifen und rollte weg.
„Sechs… sieben… acht…“
Moritz' Augen wurden groß. „Ich überlebe!“
„Neun… zehn!“
Moritz sprang herunter, als wäre der Boden eine Rettungsinsel. Er japste, dann lachte er los. Jule lachte mit, und sogar die Maus wirkte, als würde sie innerlich grinsen, was bei Mäusen schwer zu erkennen ist.
Der Wecker machte „Brrring!“ und erschreckte sie alle so sehr, dass Jule fast den Comic fallen ließ.
„Das war die unmöglichste Minute meines Lebens“, keuchte Moritz.
Jule klopfte ihm auf die Schulter. „Und du hast nicht einmal geweint. Nur… kurz die Seele verlassen.“
Moritz hielt die Medaille hoch. „Opa hätte Respekt.“
Jule nickte. „Oma auch. Und die Maus…“
Die Maus knabberte zustimmend.
Kapitel 7: Eine neue Komplizenschaft, die leise klickt
Als sie später die Fotos und die Medaille wieder ordentlich in die Truhe legten, wirkte das Schloss plötzlich weniger grimmig.
Moritz strich über den Rand. „Danke, dass du dich hast überreden lassen.“
Jule grinste. „Gib ihm noch ein Kompliment. Aber ein besseres.“
Moritz räusperte sich. „Liebes Schloss… du bist… beeindruckend widerständig. Und jetzt auch… irgendwie cool.“
Jule nickte zufrieden. „Das ist schon fast ein echtes Kompliment.“
Moritz nahm die Stricknadel und die Lupe. „Die bleiben unser Geheimwerkzeug.“
„Unser“, wiederholte Jule, und das Wort klang überraschend gut, wie zwei Zahnräder, die endlich ineinandergreifen.
Sie schauten zur Maus. Sie saß neben der Truhe, putzte sich und wirkte plötzlich sehr unschuldig.
Moritz legte einen Keks auf eine Kiste, weit weg von der Truhe. „Friedensangebot. Aber nur da.“
Die Maus schnupperte, rannte hin und nahm den Keks. Dann blieb sie stehen, schaute zu ihnen zurück und tappte in eine dunkle Ecke, als wäre sie eine kleine, pelzige Geheimagentin auf Mission.
Jule schloss die Truhe vorsichtig. Moritz drückte den Deckel zu, ohne zu knallen. Das Schloss klickte leise, fast zufrieden.
„Weißt du“, sagte Jule, als sie zur Treppe gingen, „ich dachte, du würdest einfach mit einem Hammer draufhauen.“
Moritz schüttelte den Kopf. „Das wäre laut. Und langweilig. Ich mag's, wenn man sich konzentriert, aber dabei trotzdem lachen kann.“
Jule stieß ihn leicht mit der Schulter an. „Dann machen wir nächste Woche wieder eine Unmögliche Minute. Aber ich bestimme Level 3.“
Moritz hielt an, tat erschrocken. „Oh nein. Dann muss ich bestimmt…“
Jule grinste fies. „…sechzig Sekunden lang still sein.“
Moritz starrte sie an, dann lachte er. „Das ist wirklich unmöglich.“
„Huuuh“, machte Jule als Eule, während sie die Stufen hinuntergingen. „Aber ihr seid ein gutes Team.“
Und Moritz merkte, dass das vielleicht die beste Trophäe war: diese neue Komplizenschaft, die sich anfühlte wie ein Klick im Schloss – genau im richtigen Moment.