Kapitel 1
Mats und Juri waren beide acht. Sie wohnten nah am Meer, wo die Luft nach Salz und Sonnencreme roch. Heute war ein besonderer Tag. Sie durften mit Tante Lene zum Riff hinausfahren. Tante Lene war Meeresforscherin. Vor allem aber war sie freundlich und konnte sogar eine Banane so ernst anschauen, dass man lachen musste.
Im Hafen wackelte das Boot leicht. Mats hielt seine Schwimmbrille fest. Juri trug eine kleine Tasche mit zwei Schnorcheln, einem Notizheft und einem Apfel, „für mutige Pausen“, wie er sagte.
„Ich will das heute schaffen“, sagte Mats leise.
„Was denn?“, fragte Juri.
Mats zeigte auf das glitzernde Wasser. „Schweben. Richtig schweben. So, dass ich nichts berühre. Keine Korallen. Keinen Sand. Gar nichts.“
Tante Lene nickte. „Das ist ein wunderbarer Wunsch. Unter Wasser ist alles lebendig. Manchmal auch empfindlich. Wer gut schwebt, ist wie eine Wolke. Eine sehr höfliche Wolke.“
Juri grinste. „Dann bin ich heute ein höflicher Sturm!“
„Bitte nicht“, sagte Mats und stupste ihn an. Beide kicherten.
Als sie ankamen, war das Meer klar wie ein Glas. Unter ihnen schimmerte das Riff in bunten Flecken. Tante Lene zeigte auf eine ruhige Stelle. „Hier üben wir. Erst an der Oberfläche atmen. Dann langsam runter. Ganz ruhig.“
Sie zogen Flossen an. Mats' Herz hüpfte wie ein kleiner Fisch. Er mochte das Meer. Aber manchmal fühlte er sich darin wie ein unbeholfener Stein.
„Ich bleib bei dir“, sagte Juri und zog die Maske über die Nase. „Und wenn du zu sehr nach unten sinkst, winke ich wie eine Windmühle.“
„Und wenn du zu sehr nach oben schießt, zieh ich an deinem Schnorchel“, flüsterte Mats.
„Das klingt nach Ärger“, sagte Juri.
„Das klingt nach Team“, sagte Tante Lene.
Sie ließen sich ins Wasser gleiten. Es war kühl und weich. Über ihnen tanzten Lichtstreifen. Unter ihnen standen Korallen wie kleine Städte. Fische mit Streifen, Punkten und leuchtenden Augen schwammen vorbei, als hätten sie es eilig zu einem geheimen Fest.
Mats atmete. Ein. Aus. Ein. Aus. Er wollte schweben, nicht plumpsen.
Kapitel 2
Unter Wasser fühlte sich alles langsamer an. Mats trat vorsichtig mit den Flossen. Trotzdem sank er zu schnell. Seine Flosse strich beinahe den Sand.
„Stopp, Wolke!“, rief Juri durch das Schnorchelrohr, was mehr wie „Ffppp, wllk!“ klang. Aber Mats verstand ihn.
Tante Lene tauchte neben Mats und zeigte mit der Hand: ruhig werden. Dann machte sie eine einfache Bewegung: Sie blies ein kleines bisschen Luft in die Weste. Mats spürte, wie sein Körper leichter wurde. Nicht wie ein Ballon, eher wie ein Blatt, das nicht weiß, ob es landen oder weiterfliegen soll.
„Atme langsam“, sagte Tante Lene, als sie kurz den Kopf aus dem Wasser hob. „Deine Lunge ist wie ein kleiner Aufzug. Mehr Luft: du steigst. Weniger Luft: du sinkst.“
Mats probierte es. Er atmete tief ein. Ein winziges Stück hob er ab. Dann atmete er aus. Er sank ein wenig. Das war wie ein Spiel. Ein Aufzug-Spiel.
Juri zeigte mit dem Finger auf einen Clownfisch, der sich in einer Anemone versteckte. Der Fisch guckte heraus, als würde er sagen: „Wer seid ihr denn?“
Mats wollte näher, doch er erinnerte sich an seinen Wunsch. Nichts berühren. Keine Flosse in die Anemone. Kein Finger an die Korallen.
Er hielt Abstand und schwebte. Ein Moment lang klappte es. Er war wirklich eine Wolke.
„Du schaffst das!“, rief Juri, als er auftauchte und kurz Luft holte. „Du siehst aus wie ein schwebender Pfannkuchen!“
„Das ist… nicht das beste Bild“, sagte Mats, aber er musste lachen. Beim Lachen stieg er ein bisschen zu schnell nach oben.
„Pfannkuchen steigen!“, rief Juri.
Tante Lene hielt zwei Finger hoch, ganz ruhig. „Langsam ausatmen.“
Mats machte es. Der Aufzug in ihm fuhr wieder nach unten, sanft wie eine Feder. Er fühlte sich mutiger. Er fühlte sich klug, weil er verstand, was sein Körper tat. Und er fühlte sich zäh, weil er es immer wieder versuchte, auch wenn er mal hochschoss oder absackte.
Da bemerkte Mats etwas. Ein dünnes Stück Schnur lag zwischen zwei Steinen. Es sah nicht aus wie Seegras. Es sah fremd aus. Daneben klebte ein kleiner Krebs und zupfte daran, als wolle er es wegziehen, aber es war zu lang.
Mats' Bauch zog sich zusammen. „Das gehört nicht hierher“, murmelte er.
Juri kam näher. „Eine Kordel? Oder… Müll?“
Tante Lene nickte ernst. „Das ist eine Schnur. Sie kann Tiere stören. Wir nehmen sie mit. Aber ohne das Riff zu berühren. Das wird unsere kleine Mission.“
Mats spürte ein Kribbeln. Eine Mission! Und genau dafür brauchte er: Schweben, Mut und Ruhe.
Kapitel 3
Sie schwammen ein Stück zurück und holten ein kleines Netz und eine Schere aus der Boje-Tasche. Tante Lene gab Mats das Netz. „Du führst. Du wolltest schweben, ohne zu berühren. Das ist die beste Übung. Juri passt auf, dass du nicht gegen etwas stößt. Und ich bin ganz nah.“
Mats nickte. Unter Wasser sah man sein Nicken nur als kleine, lustige Bewegung. Juri machte einen Daumen hoch.
Sie näherten sich der Schnur. Mats spürte, wie sein Atem schneller wurde. Sofort sank er ein wenig. „Aufzug“, erinnerte er sich. Langsam einatmen. Ruhig bleiben.
Er schwebte auf gleicher Höhe wie die Schnur. Ganz vorsichtig streckte er das Netz aus. Die Strömung zupfte daran. Der Krebs hüpfte zur Seite, als wäre er beleidigt. Dann sah er die drei an, als würde er sagen: „Na gut, macht ihr mal.“
Juri hielt seine Hand neben Mats' Flosse, nicht um zu ziehen, nur als Grenze. „Nicht nach unten treten“, sagte er leise.
Mats wollte antworten, doch er dachte: Unter Wasser redet man nicht viel. Man macht langsame Zeichen. Also zeigte er: verstanden.
Die Schnur war zwischen den Steinen eingeklemmt. Tante Lene zeigte auf einen Knoten. „Da schneiden. Aber nur die Schnur. Nicht das Leben drumherum.“
Mats zitterte ein wenig. Die Schere fühlte sich groß an. Er stellte sich vor, wie Korallen sich anfühlen: hart, aber lebendig. Er wollte sie nicht einmal streifen.
Er atmete ein. Sein Körper stieg ein kleines Stück. Zu hoch. Er atmete aus. Zu tief. „Nicht aufgeben“, dachte er. „Noch mal.“
Juri machte ein komisches Gesicht hinter der Maske, so dass seine Wangen aussahen wie zwei kleine Brote. Mats musste fast lachen, aber er blieb konzentriert.
Endlich war er ruhig. Er schwebte genau richtig. Die Schere glitt zur Schnur. „Schnipp“, machte es leise, mehr ein Gefühl als ein Ton. Ein Stück Schnur löste sich und schwebte wie eine dünne Schlange.
Mats führte es ins Netz. Dann das nächste Stück. Noch eins. Er bewegte sich langsam, wie in einem Traum, der freundlich ist.
Plötzlich kam ein Schwarm kleiner silberner Fische vorbei. Sie blitzten im Licht. Sie drehten sich wie ein glitzernder Pfeil. Mats staunte so sehr, dass er vergaß zu atmen. Er sank ein paar Zentimeter.
„Hey“, flüsterte Juri, „Aufzug!“
Mats atmete wieder. Sanft. Er hob sich. Er lächelte in seine Maske hinein.
Gemeinsam sammelten sie die ganze Schnur ein. Der Krebs kletterte wieder an seinen Stein und wackelte mit den Fühlern, als würde er applaudieren. Oder vielleicht sagte er: „Endlich ist das Ding weg.“
Als das Netz voll war, tauchten sie auf. Mats' Kopf kam aus dem Wasser. Die Sonne war warm, und Tante Lene strahlte.
„Sehr gut“, sagte sie. „Ihr wart vorsichtig. Und ihr habt geteilt: die Arbeit, die Aufmerksamkeit und den Mut.“
Juri schüttelte das Wasser aus den Haaren. „Ich habe auch meine besten Grimassen geteilt.“
Mats lachte. „Die waren… sehr hilfreich.“
Sie schwammen zurück zum Boot. Mats merkte: Er war nicht mehr der Stein. Er war wirklich eher eine Wolke. Eine höfliche Wolke mit einem Netz.
Kapitel 4
Auf dem Boot legten sie das Netz in eine Kiste. Tante Lene holte eine Trinkflasche und schenkte beiden Wasser ein. „Mut macht durstig“, sagte sie.
Juri biss in seinen Apfel. „Für die mutige Pause!“ Er kaute und sprach trotzdem weiter. „Mats, du hast das echt gut gemacht. Du hast gar nichts berührt.“
Mats sah auf seine Hände. Sie zitterten nicht mehr. „Ich dachte, ich kann das nicht. Aber ich hab's geübt. Und ihr wart da.“
„Teilen hilft“, sagte Tante Lene. „Man teilt nicht nur Dinge. Man teilt auch Ruhe.“
Sie fuhren langsam zurück. Das Meer war friedlich. Möwen riefen, als würden sie das Boot begrüßen. Im Hafen stand ein kleiner Tisch mit einer Schüssel Sand und ein paar Klammern. Tante Lene hatte alles vorbereitet.
„Was machen wir damit?“, fragte Mats und zeigte auf das nasse Knäuel Schnur.
„Wir trocknen sie“, sagte Tante Lene. „Und dann machen wir etwas Gutes daraus. Damit sie nie wieder ins Meer fällt.“
Sie spülten die Schnur sorgfältig in einem Eimer mit klarem Wasser. Dann hängten sie sie an die Klammern in die Sonne. Der Wind spielte damit. Die Schnur wurde langsam heller und steifer.
Juri beugte sich vor. „Sieht aus wie eine Spaghetti, die vergessen hat, weich zu bleiben.“
Mats kicherte. „Eine sehr tapfere Spaghetti.“
Als sie trocken war, nahm Tante Lene die Schnur und schnitt zwei kurze Stücke ab. Sie gab jedem Jungen eines. „Eine Kordel als Erinnerung. Ihr habt heute dem Riff geholfen. Und Mats, du hast dein Schweben gefunden.“
Mats strich über die getrocknete Kordelette. Sie war rau, aber warm von der Sonne. Er band sie vorsichtig um sein Notizheft, wie ein Band, das sagt: Das war wichtig.
Juri band seine Kordel um den Griff seiner Tasche. „Damit meine mutigen Pausen nicht weglaufen.“
„Und damit du dich erinnerst“, sagte Tante Lene, „dass Mut oft leise ist. Er atmet langsam. Er passt auf. Er teilt.“
Mats schaute zum Meer hinaus. In seinem Kopf sah er noch die Korallenstädte und die glitzernden Fische. Er fühlte sich leicht, auch an Land.
„Nächstes Mal“, sagte Mats, „will ich noch besser schweben.“
Juri nickte. „Und ich will ein höflicher Sturm sein, aber nur ganz klein.“
Tante Lene lachte. „Abgemacht. Kleine Stürme, große Herzen.“
Die Sonne sank ein wenig. Die getrocknete Kordelette hielt das Notizheft zusammen. Und in Mats' Brust fuhr der kleine Aufzug ruhig auf und ab, als wüsste er jetzt genau, wie man eine Wolke wird.