Kapitel 1
Lina saß am Strand und hielt ein kleines Notizbuch. Sie war acht Jahre alt. Ihre Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten. Ihre Augen funkelten wie die Wellen.
"Ich will die seltene Anemone finden", sagte sie leise. "Die mit den goldenen Spitzen."
Neben ihr schaufelte ihr Freund Max eine Sandburg. "Meinst du die Anemone aus Omas Buch?" fragte er neugierig.
"Ja", antwortete Lina. "Sie ist sehr scheu. Aber ich habe eine Karte." Sie zog eine zerknitterte Zeichnung hervor. Auf der Karte waren bunte Fische, Seerosen und ein Kreis mit einer kleinen Sternzeichnung.
"Los!" rief Max und sprang auf. "Abenteuer!"
Sie setzten ihre Schnorchel auf. Das Wasser war warm wie eine Decke. Lina nahm einen tiefen Atemzug und tauchte.
Unter der Oberfläche war alles ruhig. Licht streute in langen Streifen. Fische schwammen vorbei und kicherten wie Perlen. Lina hielt das Notizbuch fest. "Zuerst Ruhe", flüsterte sie. "Dann genau schauen."
Ein kleiner Krebs winkte mit einer Schere. "Möchtest du eine Führung?" piepste er.
"Ja, bitte!" sagte Lina und lachte. Der Krebs führte sie durch ein Feld aus Seegras. Es raschelte leise.
Kapitel 2
Plötzlich erschien eine Meeresschildkröte. Sie war alt und weise. "Hallo, kleine Forscherin", sagte sie mit langsamer Stimme. "Die seltene Anemone mag geduldige Augen."
"Wie sieht sie genau aus?" fragte Lina eifrig.
Die Schildkröte lächelte. "Goldene Spitzen. Ein Herz aus Perlen. Und sie singt kaum, doch wenn sie summt, leuchtet sie."
"Das klingt wie ein Schatz", flüsterte Lina.
Sie folgten dem Schildkrötenpfad. Unter ihnen lag ein Korallenlabyrinth. Farben tanzten. Kleine Seesterne klammern sich an Felsen. Lina merkte, wie ihr Herz schneller schlug. "Mutig bleiben", sagte sie zu sich.
"Ich habe ein Rätsel", sagte Max plötzlich. "Wenn zwei Fische an einer Blume vorbeischwimmen und einer lacht, welcher lacht zuerst?"
"Du machst Witze", murmelte Lina. "Vielleicht der, der kitzlig ist."
Sie lachten und schwammen weiter. Die Meeresschildkröte nickte. "Fröhlichkeit bringt Licht", sagte sie.
Bald kamen sie zu einer Lichtung. Dort tanzten Quallen wie Lampions. Eine kleine Qualle bremste und sagte: "Die Anemone zeigt sich nur, wenn du freundlich bist."
"Freundlich?" fragte Lina. "Wie zeigt man das unter Wasser?"
"Teile dein Lachen", piepste die Qualle. "Und teile dein Brot." Sie zeigte mit ihrem Schweif zu einem alten Brotstück, das auf dem Meeresboden lag.
Lina nahm das Brot. "Für die Fische?" fragte sie. Max nickte. Sie warf kleine Stücke ins Wasser. Fische schwammen neugierig herbei und knabberten. Ihre Schuppen funkelten dankbar.
"Sie sind so glücklich", sagte Lina. "Ich glaube, Freundlichkeit funktioniert."
Kapitel 3
Auf einmal wurde das Wasser dunkler. Eine kleine Höhle öffnete sich zwischen zwei Felsen. Aus der Höhle kam ein leises Summen. Lina spürte ein Prickeln in den Fingerspitzen.
"Hier muss es sein", flüsterte Max.
"Vorsichtig", sagte die Schildkröte. "Die Anemone ist zart."
Lina schwamm hinein. Die Höhle funkelte von innen. Kleine Perlen lagen wie Sterne verteilt. In der Mitte saß etwas Winziges und doch Ganzes: eine Anemone mit goldenen Spitzen. Sie schwebte wie eine Blume im Wasser. Ihre Arme bewegten sich langsam.
"Hallo", sagte Lina ganz leise. "Ich bin Lina. Ich habe dich gesucht."
Die Anemone neigte sich sanft. Ein leises Summen klang wie ein Lied. Die goldenen Spitzen glitzerten. Lina spürte Wärme in ihrer Hand. Die Anemone berührte sie mit einer kleinen Spitze. Es kitzelte, aber es tat nicht weh.
"Sie summt", hauchte Max. "Und sie leuchtet!"
Die Anemone öffnete sich ein bisschen mehr und zeigte ein kleines Herz aus Perlen. Lina atmete tief ein. "Du bist wunderschön", sagte sie.
Die Anemone antwortete nicht mit Worten. Aber ihre Schimmer sagten Danke. Lina zog ihr kleines Notizbuch heraus. "Ich muss sie beschreiben", flüsterte sie. Sie zeichnete schnell. Goldene Spitzen, ein Perlenherz, ein sanftes Lächeln wie Licht.
"Was machen wir jetzt?" fragte Max. "Wir dürfen sie nicht stören."
"Wir bleiben leise", sagte Lina. "Wir danken ihr und teilen etwas." Sie hatte noch ein Stück Brot. Vorsichtig legte sie ein winziges Stück nahe der Anemone nieder, nicht auf sie, sondern ein bisschen entfernt. Einige Fische kamen und knabberten. Die Anemone wirkte zufrieden.
"Freigeben", sagte die Schildkröte. "Du hast Mut gezeigt und dein Herz geteilt. Das ist das Wichtigste."
Kapitel 4
Auf dem Rückweg erzählte Lina alles für ihr Notizbuch. "Goldene Spitzen, Perlenherz, leises Summen", schrieb sie. Sie zeichnete die Schildkröte, den Krebs und die tanzenden Quallen.
"Du hast sie gesehen!" rief Max. "Was machen wir mit dem Wissen?"
"Wir teilen es", sagte Lina. "Nicht die Anemone selbst. Wir teilen ihre Geschichte. Damit alle wissen, wie schön sie ist und dass man sie schützen soll."
Die Schildkröte nickte stolz. "Wahre Entdecker sind auch Beschützer."
Als sie näher zum Strand kamen, winkte der kleine Krebs. "Tschüss! Und passt auf den Müll auf", piepste er.
Lina sammelte das alte Brotstück, das sie noch in der Hand hielt. "Alles gehört hierher", sagte sie leise. "Wir müssen vorsichtig sein."
Am Strand wartete ein kleines Boot. Lina stieg aus dem Wasser, tropfnass und glücklich. Ihre Mutter reichte ihr ein Handtuch. "Wie war es?" fragte sie.
"Wunderbar", sagte Lina. "Ich habe eine seltene Anemone gefunden. Sie singt leise und hat ein Perlenherz."
"Und?" fragte ihre Mutter.
"Ich werde ihre Geschichte erzählen", sagte Lina. "Und ich werde dafür sorgen, dass niemand sie stört."
Kapitel 5
Am Abend saß Lina auf der Veranda. Die Sonne ging langsam unter und malte den Himmel in Pfirsichfarben. Sie blätterte ihr Notizbuch durch und las laut vor: "Die Anemone, die freundlich ist."
Max kam mit einem Glas Limonade. "Und die Meeresschildkröte?" fragte er.
"Sie sagte, wir sollen teilen", antwortete Lina. "Teilen heißt auch geben. Ich werde einen kleinen Schild schreiben: 'Schützt die Anemonen.'"
"Das ist großartig", sagte Max. "Du bist mutig, Lina."
"Mutig und nett", korrigierte sie lächelnd. "Beides gehört zusammen."
Bevor Lina ins Haus ging, schaute sie noch einmal aufs Meer. Die Wellen glitzerten, als wollten sie ihr heimlich zulächeln. Sie fühlte sich warm von innen. Ihre Entdeckung blieb ein Schatz, den sie mit anderen teilen würde — auf eine gute, vorsichtige Weise.
Sie zwinkerte dem Meer zu. Ein kleiner Punkt weit draußen funkelte zurück, wie ein Augenzwinkern.
"Bis bald", flüsterte Lina und ging ins Haus, das Licht gedämpft, bereit für süße Träume von bunten Korallen, freundlichen Tieren und einer Anemone mit einem Herz aus Perlen.