Lina und Mia sind fast vier Jahre alt. Sie sind beste Freundinnen. Sie spielen jeden Tag zusammen im Garten. Der Garten ist ihr kleines Königreich. Heute wird er zur großen Abenteuerwelt.
„Schau, Mia,“ sagt Lina. „Da sind unsere Samen. Die kleinen grünen Stängel!“
Mia nickt. „Wir müssen sie schützen. Für die Blumen. Für die Bienen.“
Die Samen wachsen in einem kleinen Beet. Es ist ganz zart. Die Erde ist weich wie ein Bett. Die Stängel sind schlank wie Kerzen. Lina und Mia nennen das Beet die Sonneninsel. Die Sonneninsel ist ihr Schatz. Sie wollen ihn hüten.
Zuerst holen sie die Werkzeuge. Ein bunter Gießkanne. Zwei kleine Schaufeln. Ein Stück Stoff. Ein Stock, den sie als Fahne benutzen wollen. Sie tragen die Dinge wie echte Forscherinnen. Ihre Schuhe sind bunt. Ihre Haare sind ein bisschen wirr. Sie lachen.
„Fühl mal,“ sagt Mia und hält die Erde in der Hand. „Sie ist warm.“
„Sie riecht gut,“ sagt Lina. „Wie Schokolade. Aber das ist Erde.“
Sie klopfen sanft auf die Erde. Die Erde klopft zurück nicht mit Tönen, aber mit Leben. Kleine Würmer wuseln. Kleine Schnecken schlafen. Alles ist friedlich.
Plötzlich kommt Wind. Ein Windhauch. Der Wind kitzelt die Blätter. Die Fahne tanzt. Die Mädchen halten die Fahne fest. Der Wind versucht, die Samen zu schütteln. Er pustet. Die Mädchen pusten zurück.
„Oh nein,“ sagt Lina. „Der Wind will die Samen wegzaubern.“
„Wir müssen schützen,“ sagt Mia. „Schnell!“
Sie bauen eine Mauer aus Zweigen. Sie legen Steine im Kreis. Sie basteln ein kleines Dach aus Stoff. Lina hält das Dach, Mia steckt die Zweige fest. Sie arbeiten zusammen. Sie reden zusammen. Sie singen leise ein Lied.
„Wir sind die Hüterinnen,“ sagt Mia. „Wir sind stark.“
„Wir sind klug,“ sagt Lina. „Wir sind immer zusammen.“
Ein freundlicher Nachbarshund kommt vorbei. Er schnuppert an der Fahne. Er ist groß, aber er ist lieb. Er zuckt mit der Nase. Er wackelt mit dem Schwanz. Die Mädchen lächeln. Sie streicheln den Hund. „Hallo, Bruno,“ sagen sie. „Das ist unser Beet. Bitte nicht graben.“
Bruno legt sich hin. Er schnaubt. Er bewacht die Ecke wie ein kuscheliger Wächter. Die Mädchen klopfen ihm den Kopf. Bruno schnarcht leise. Alles ist gut.
Dann regnet es ein bisschen. Kleine Tropfen fallen. Nicht viel. Aber die Kinder überlegen: Ist das gut? Die Mädchen wissen, zu viel Regen kann die kleinen Stängel zerdrücken. Also holen sie den Stoff. Sie spannen ihn über das Beet wie ein kleines Zelt. Sie machen eine Tür vorne. Sie probieren, wie man die Tür aufmachen kann. „Klopf, klopf,“ sagt Lina. „Hallo, Sonne. Hier ist Platz.“
Die Stofftür flattert. Die Pflanzen sind sicher. Der Regen hört auf. Ein bunter Regenbogen zeigt sich. Die Mädchen klatschen. Sie hüpfen. Der Regenbogen sieht aus wie ein großes Lächeln am Himmel.
Später entdecken sie eine kleine Muschel neben dem Beet. „Oh!“ ruft Mia. „Das ist ein Boot!“
„Für die Samen,“ sagt Lina. „Ein Rettungsboot!“
Sie stellen die Muschel neben die Pflanzen. Dann bauen sie eine Brücke aus einem Stück Holz. Die Brücke führt zur Sonneninsel. Sie machen Schilder. „Nur für Freunde“ steht auf einem. „Vorsichtig“ steht auf dem anderen. Sie malen mit Kreide.
Am Nachmittag kommt ein starker Windstoß. Eine Hecke verliert ein Blatt. Ein Vogel fliegt sehr tief. Die Mädchen halten sich an den Händen. Sie legen sich eine kleine Taktik zurecht. „Eins, zwei, drei,“ flüstern sie. Sie pusten wieder. Nicht um den Wind zu verjagen, sondern um zusammen zu lachen. Zusammen sind sie ruhig.
Dann sehen sie etwas ganz Kleines. Ein Marienkäfer sitzt auf einer Blattspitze. Er sieht müde aus. Seine Flügel sind geschlossen. Die Mädchen schicken ihm einen Wunsch. „Gute Reise,“ sagen sie. „Kleiner Freund, sei vorsichtig.“ Der Marienkäfer blinzelt. Er hebt die Flügel. Er fliegt hoch.
Am Abend kommt die Mutter. Sie sieht das Beet. Sie staunt. „Was habt ihr gemacht?“ fragt sie. Die Mädchen erzählen alles. Sie zeigen die Fahne. Sie zeigen das Stoffzelt. Sie zeigen die Brücke und die Muschel. Die Mutter lächelt. Sie umarmt sie beide. „Ihr habt die Sonneninsel beschützt,“ sagt sie. „Ihr habt gut aufgepasst.“
Die Sonne sinkt. Die Farben werden weich. Der Garten flüstert Gute Nacht. Die Mädchen räumen die Werkzeuge weg. Sie füllen die Gießkanne mit noch einem Schluck Wasser. Sie geben ein bisschen Wasser. Nicht zu viel. Ganz genau.
„Wir sind müde,“ sagt Lina.
„Aber glücklich,“ sagt Mia.
Im warmen Licht der Küche essen sie Kekse. Ihre Hände kleben ein bisschen. Sie erzählen von ihren wichtigen Aufgaben. Dann nehmen sie ihre Kuscheltiere. Sie legen eine kleine Decke über die Sonneninsel. Nicht wirklich, nur im Kopf. Sie sagen der Sonneninsel gute Nacht.
Lina kuschelt sich an Mia. „Morgen wieder Abenteuer?“ fragt sie.
„Immer,“ sagt Mia. „Wir passen auf.“
Sie gähnen. Sie lächeln. Draußen leuchten kleine Sterne. Die Sonneninsel schläft. Die Erde atmet leise. Die Käfer träumen. Die Mädchen träumen. Sie träumen von Fahnen, Brücken und Marienkäfern. Sie träumen von Freundschaft.
Am Ende ist alles sicher. Die Samen schlafen. Die Hüterinnen schlafen. Und der Garten flüstert: Danke.