Teil 1
Mila ist vier Jahre alt. Sie hat lockige Haare und kleine Gummistiefel. Heute ist ein ganz normaler Tag. Und doch fühlt er sich wie ein Abenteuer an.
In der Küche riecht es nach Toast. Mama stellt eine Schüssel mit Apfelstückchen hin. Papa summt leise. Mila sitzt auf ihrem kleinen Stuhl und schaukelt mit den Beinen.
„Heute gehen wir einkaufen“, sagt Mama.
Mila nickt ernst. „Einkaufen ist wie eine Reise.“
Papa lacht. „Dann brauchst du vielleicht eine Ausrüstung.“
Er holt aus der Schublade etwas Rundes. Es glänzt ein bisschen. Es ist ein einfacher Kompass. Kein großer, kein komplizierter. Nur eine kleine Scheibe mit einem roten Pfeil.
Mila macht große Augen. „Was ist das?“
„Ein Kompass“, sagt Papa. „Der Pfeil zeigt nach Norden.“
„Norden?“, fragt Mila.
Mama zeigt zum Fenster. „Norden ist eine Richtung. Wie links und rechts. Nur für die ganze Welt.“
Mila nimmt den Kompass vorsichtig in die Hände. Der rote Pfeil zittert. Dann bleibt er stehen.
„Er bewegt sich!“, flüstert Mila.
„Ja“, sagt Papa. „Und wenn du ihn ruhig hältst, zeigt er dir den Weg.“
Mila hält ihn ganz still. Sie drückt die Lippen zusammen. „Ich bin ruhig wie eine Katze.“
Der Pfeil bleibt stehen.
„Gut gemacht“, sagt Mama. „Im Laden suchen wir drei Dinge: Milch, Brot und eine gelbe Banane.“
„Drei Dinge“, wiederholt Mila. „Milch, Brot, Banane. Ich bin die Sucherin.“
Sie packt ihren kleinen Rucksack. Ein Taschentuch, ein Mini-Auto, ein Keks. Und den Kompass. Der Kompass ist jetzt ihr Schatz.
Draußen ist die Luft frisch. Der Himmel ist hell. Mila geht zwischen Mama und Papa. Ihre Schritte machen „platsch, platsch“, obwohl es gar nicht regnet. Die Gummistiefel können das trotzdem.
An der Ecke steht eine große Baustellen-Absperrung. Ein Schild zeigt: Gehweg zu.
Mila bleibt stehen. „Oh! Der Weg ist zu.“
Mama schaut. „Dann gehen wir einen anderen Weg. Ganz ruhig.“
Mila streicht über den Kompass. „Der Kompass hilft!“
Papa hockt sich hin. „Magst du schauen?“
Mila hält den Kompass flach, wie Papa es zeigt. „Ruhig wie eine Katze“, sagt sie wieder.
Der rote Pfeil zeigt nach vorn, ein bisschen nach links.
„Da entlang?“, fragt Mila.
„Ja“, sagt Papa. „Links herum. Das ist klug.“
Mila strahlt. „Ich kann Wege finden!“
Sie gehen um die Baustelle herum. An einem Gartenzaun sitzt eine dicke Katze. Sie blinzelt langsam, als würde sie sagen: Sehr ruhig, Mila.
Teil 2
Bald sehen sie den kleinen Laden. Vor dem Eingang steht ein Korb mit Blumen. Mila schnuppert. „Die riechen wie Sommer.“
Drinnen ist es warm. Es riecht nach Brot. Die Regale sind hoch, aber Mila sieht trotzdem viel. Bunte Packungen, runde Äpfel, glänzende Gurken.
Mama gibt Mila eine Aufgabe. „Kannst du die Milch finden?“
Mila nickt. „Ja. Ich suche. Ich gucke. Ich finde.“
Sie geht mit Papa zum Kühlregal. Da sind viele Flaschen. Große, kleine, weiße, blaue.
Mila runzelt die Stirn. „So viele!“
Papa zeigt auf das Bild einer Kuh. „Milch hat oft eine Kuh.“
Mila schaut ganz genau. „Kuh da!“, ruft sie.
Sie nimmt eine Flasche. Sie ist kalt. Mila kichert. „Brrr, Milch ist geschniegelt kalt.“
„Gekühlt“, sagt Papa und grinst.
Mila sagt ernst: „Gekühlt kalt.“
Sie bringen die Milch zu Mama. Mama klatscht leise in die Hände. „Super.“
„Jetzt Brot!“, sagt Mila.
Sie laufen zur Brotabteilung. Dort liegt Brot wie kleine Berge. Ein rundes Brot, ein langes Brot, ein Brot mit Körnern.
Mila zählt. „Eins, zwei, drei Brote. Nein, viel mehr.“
Sie schaut zu Mama. „Welches Brot?“
Mama sagt: „Das mit der braunen Kruste. Nicht zu groß.“
Mila tippt vorsichtig auf ein Brot. „Braun. Kruste. Nicht zu groß. Das hier.“
Mama nickt. „Du denkst gut nach.“
Dann fehlt nur noch die Banane. Mila liebt Bananen. Sie sind weich und lustig, wie ein Lächeln.
Beim Obst liegt ein Haufen Bananen. Aber heute sind fast alle grün. Nur eine ist gelb. Die gelbe Banane liegt ganz hinten.
Mila streckt den Arm. Sie kommt nicht ran. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen. Noch immer nicht.
Mila atmet ein. „Ich gebe nicht auf.“
Papa sagt sanft: „Was könntest du tun?“
Mila schaut sich um. Neben ihr steht eine kleine Kiste mit Äpfeln. Und da ist ein Mitarbeiter, Herr Weber, mit einer Schürze.
Mila geht zu ihm. „Entschuldigung“, sagt sie leise. „Ich brauche die gelbe Banane. Die versteckt sich.“
Herr Weber lächelt. „Eine versteckte Banane? Das ist ja spannend.“
Mila zeigt. „Da hinten. Ich bin klein.“
Herr Weber nimmt die Banane und hält sie wie einen Schatz hoch. „Ta-da!“
Mila lacht. „Danke! Du bist ein Helfer.“
Herr Weber verbeugt sich ein bisschen. „Und du bist eine gute Entdeckerin.“
Mila nimmt die Banane. „Gelb wie die Sonne“, sagt sie glücklich.
Dann passiert noch etwas: An der Kasse ist es ein bisschen voll. Mila sieht ein kleines Kind, das seine Münze fallen lässt. Die Münze rollt weg, pling-plang, unter ein Regal.
Das Kind schaut traurig.
Mila kniet sich hin. „Ich helfe“, sagt sie.
Sie legt ihren Kompass neben sich, damit sie beide Hände frei hat. Sie schaut unter das Regal. Es ist dunkel, aber nicht schlimm.
„Ich bin mutig“, flüstert Mila.
Sie streckt den Arm aus. Sie tastet. Da ist Staub. Da ist… etwas Rundes!
„Gefunden!“, sagt Mila.
Sie gibt die Münze dem Kind. Das Kind lächelt. „Danke.“
Mama streicht Mila über den Kopf. „Das war sehr lieb.“
Mila nimmt ihren Kompass wieder. Der Pfeil zittert kurz. Dann wird er still, als würde er auch lächeln.
Teil 3
Draußen trägt Papa die Einkaufstasche. Mama hält Milas Hand. Mila hält den Kompass fest.
„Wie finden wir den Weg nach Hause?“, fragt Mila.
Papa sagt: „Wir gehen zurück, wie wir gekommen sind.“
Mila schaut auf den Kompass. „Ich kann auch schauen. Ruhig wie eine Katze.“
Sie hält ihn flach. Der rote Pfeil zeigt wieder in eine Richtung. Mila dreht sich ein bisschen. Dann merkt sie: Wenn sie sich dreht, dreht sich die Welt im Kompass nicht. Der Pfeil bleibt treu.
„Der Pfeil bleibt immer er selbst“, sagt Mila staunend.
„Ja“, sagt Mama. „So wie du.“
Sie gehen an den Blumen vorbei, an der Ecke mit der Baustelle, wieder links herum. Mila zeigt mit dem Finger. „Da lang. Das ist unser Umwegweg.“
„Unser Abenteuerweg“, sagt Papa.
Zu Hause stellen sie die Milch in den Kühlschrank. Mama schneidet Brot. Mila legt die Banane auf den Tisch, als wäre sie ein kleiner Preis.
Papa fragt: „Was war heute das Mutigste?“
Mila denkt nach. „Unter das Regal greifen. Und fragen. Und nicht aufgeben.“
Mama nickt. „Und was war das Klügste?“
Mila tippt auf den Kompass. „Ruhig halten. Gucken. Denken.“
Papa sagt: „Und was war das Schönste?“
Mila lächelt breit. „Zusammen. Und die gelbe Banane.“
Sie essen Brot mit etwas Honig. Mila trinkt einen Schluck Milch. Alles ist warm und gut.
Später liegt Mila im Bett. Der Kompass liegt auf dem Nachttisch. Der rote Pfeil zeigt still nach Norden, ganz brav.
Mama flüstert: „Morgen gibt es wieder ein kleines Abenteuer.“
Mila gähnt. „Ja. Ich bin bereit. Ich bin eine Entdeckerin.“
Papa macht das Licht klein. „Schlaf gut, Mila.“
Mila schließt die Augen. In ihrem Kopf geht sie noch einmal durch den Laden. Milch, Brot, Banane. Und eine Münze, die wiedergefunden wurde.
Sie fühlt sich mutig. Sie fühlt sich klug. Und sie fühlt sich sicher.
Dann schläft sie ein, ganz ruhig wie eine Katze.