Teil 1
In der großen Stadt Morgenhell glitzerten die Türme wie bunte Bauklötze. Auf den Dächern wuchsen kleine Gärten. Zwischen den Häusern schwebten leise Busse. Die Straßen waren sauber. Die Lampen waren rund und warm wie kleine Sonnen.
Vier Jungen spielten auf dem Platz vor dem Brunnen. Sie waren alle vier Jahre alt.
Noah hatte lockige Haare. Ben trug eine rote Kappe. Ali lachte schnell. Finn saß in seinem kleinen Rollstuhl mit blauen Rädern. Er rollte flink, fast wie ein Rennwagen.
„Schau, der Brunnen singt!“, sagte Ben.
Und wirklich: Das Wasser machte leise Musik. Pling. Pling. Pling.
Noah hielt seinen Handreif. Es war ein dünner Ring aus Metall. Er konnte Bilder in die Luft malen. Noah malte eine kleine Katze. Die Katze winkte.
Ali klatschte. „Noch mal! Noch mal!“
Da zog ein heller Streifen über den Himmel. Nicht wie ein Vogel. Nicht wie ein Flugzeug. Es war schneller und leiser. Und er kam näher.
„Was ist das?“, flüsterte Finn.
Noah spürte ein Kribbeln im Bauch. Es war kein Angst-Kribbeln. Eher ein Staunen-Kribbeln.
Der Streifen wurde zu einer Person. Eine Botin. Sie trug einen silbernen Anzug. An ihren Füßen waren magnetische Rollschuhe. Die Sohlen leuchteten blau. Sssschhh—sie glitt über den Boden, ohne zu stolpern.
Die Botin bremste sanft. Ganz nah bei den vier Jungen. Sie lächelte.
„Hallo, ihr Vier“, sagte sie freundlich. „Ich heiße Mira. Ich bringe eine Nachricht.“
Teil 2
Mira hielt ein kleines, flaches Kästchen hoch. Es sah aus wie ein Bonbon, nur aus Glas. Darin tanzten winzige Lichter.
„Für das Stadt-Herz“, sagte Mira. „Aber mein Navi ist müde. Es zeigt nur Kreise.“
Ben zeigte auf die hohen Türme. „Das Stadt-Herz ist beim großen Lichtbaum.“
Ali nickte heftig. „Da waren wir schon! Da ist es hell!“
Finn rollte ein Stück vor. „Wir können mitkommen“, sagte er. Seine Stimme war ruhig.
Noah schaute auf Miras magnetische Rollschuhe. „Die sind wie Zauber“, sagte er.
„Wie Technik“, sagte Mira und zwinkerte. „Magnetkraft. Sie hält mich auf der Spur.“
Sie gingen los. Mira glitt neben ihnen her. Ganz langsam, damit alle gut mitkamen. Ihre Rollschuhe machten ein weiches Summen.
Sie kamen an einem Haus vorbei, das seine Fensterfarbe wechselte: gelb, grün, blau. Darüber schwebte ein Schild: „Limonaden-Labor“.
„Mmm“, sagte Ali. „Ich mag Zitrone.“
Dann kamen sie zu einer Kreuzung. Dort standen Ampeln, die auch sprechen konnten.
„Guten Tag“, sagte die Ampel. „Bitte warten.“
Die Ampel leuchtete grün. „Danke. Jetzt gehen.“
Mira schaute auf ihr Kästchen. Die Lichter darin wurden schwächer.
„Oh“, sagte Mira leise. „Die Zeit läuft.“
Noah hielt seinen Handreif hoch. „Ich kann ein Pfeilbild machen.“
Er malte einen großen Pfeil in die Luft. Der Pfeil zeigte nach rechts. Dann noch einen. Und noch einen. Pfeil, Pfeil, Pfeil.
„So finden wir es“, sagte Ben.
Sie bogen rechts ab. Plötzlich standen kleine Lieferroboter auf dem Weg. Sie trugen Kisten mit Brot. Einer blieb stehen und piepste. Er war nicht kaputt. Er war nur verwirrt.
Finn rollte näher. „Hallo, kleiner Roboter“, sagte er.
Mira kniete sich hin. „Ich kann ihn kurz umstellen.“
Sie tippte zweimal auf seine Seite. Piep. Piep. Der Roboter blinkte glücklich und fuhr los.
„Gut gemacht“, sagte Ali. „Alles gut.“
Sie kamen zum großen Lichtbaum. Er war aus Glas und Metall. Seine Äste waren Lampen. Die Lampen schimmerten wie Früchte. Unter dem Baum war eine runde Tür.
„Da ist es“, sagte Ben.
Mira atmete aus. „Danke.“
Teil 3
Die Tür öffnete sich leise. Drinnen war es warm. Wie in einer Höhle aus Licht. In der Mitte stand das Stadt-Herz: eine große Kugel. Sie drehte sich langsam. In ihr flossen Farben wie Milch und Honig.
Mira ging zur Kugel. Ihre Rollschuhe zogen sie sanft auf eine glänzende Linie im Boden. Die Magnetspur führte genau bis zum Stadt-Herz.
„Jetzt“, sagte Mira. Sie legte das Glas-Kästchen in eine kleine Mulde. Klick.
Die Kugel leuchtete heller. Nicht grell. Nur schön. Wie Morgensonne.
Ein freundlicher Ton erfüllte den Raum. Duuum. Duuum. Duuum. Als würde die Stadt ruhig atmen.
Noah legte die Hand auf seine Brust. „Die Stadt ist wach“, sagte er.
Finn nickte. „Und sie ist zufrieden.“
Mira drehte sich zu den Jungen. „Ihr wart meine beste Hilfe.“
Ben grinste. „Wir sind ein Team.“
Ali hüpfte. „Team! Team!“
Mira holte vier kleine Aufkleber aus der Tasche. Sie glänzten wie Sterne.
„Für mutige Wege“, sagte sie.
Finn klebte seinen Stern an sein blaues Rad. Noah an seinen Handreif. Ben an seine Kappe. Ali auf sein Shirt.
Draußen war der Himmel noch heller. Die schwebenden Busse glitten ruhig. Die Brunnen-Musik klang von weit her.
„Kommst du wieder?“, fragte Noah.
„Ja“, sagte Mira. „Morgenhell braucht immer Botschaften. Und manchmal braucht es Freunde.“
Sie glitt los, langsam und weich, bis sie wie ein heller Punkt wurde. Kein Abschied, der wehtut. Eher ein Versprechen.
Die vier Jungen gingen zurück zum Platz. Der Brunnen sang: Pling. Pling. Pling.
„Heute war ein guter Tag“, sagte Finn.
„Ein sehr guter Tag“, sagte Ben.
Noah malte noch eine Katze in die Luft. Die Katze winkte. Und die Stadt leuchtete ruhig weiter.