Teil 1
Mila, Ben und Jona waren drei kleine Kinder. Sie waren fast gleich groß. Sie waren drei Jahre alt. Heute spielten sie am Strand. Der Sand war warm. Das Wasser glitzerte blau.
Neben ihnen stand ein kleines Boot. Es war rund und weich. Es sah aus wie ein großer, bunter Reifen mit Sitz. Daneben lag eine Kiste. In der Kiste waren drei Bojen. Eine Boje war rot. Eine war gelb. Eine war blau. Sie hatten kleine Glöckchen.
„Wollen wir Forscher sein?“, fragte Mila leise.
„Ja“, sagte Ben. „Ganz mutig.“
„Und klug“, sagte Jona. „Und zusammen.“
Eine freundliche Taucherin winkte. Sie hieß Nora. Nora hatte eine große Maske und ein ruhiges Lächeln. „Ich bleibe ganz nah bei euch“, sagte sie. „Wir schauen nur dort, wo es hell und flach ist.“
Die Kinder zogen kleine Westen an. Es waren Schwimmwesten. Sie fühlten sich sicher an. Nora gab jedem ein kleines Röhrchen zum Atmen an der Oberfläche. „Nur pusten und schauen“, sagte sie. „Ganz ruhig.“
Dann glitten sie ins Wasser. Mila hielt Bens Hand. Ben hielt Jonas Hand. Nora schwamm daneben.
Unter ihnen war die Welt still und klar. Ein Seestern lag auf einem Stein. Kleine Fische blitzten wie silberne Striche. Seegras wogte hin und her, wie Haare im Wasser.
„Ich sehe ein Geheimnis“, flüsterte Jona.
„Was denn?“, fragte Ben.
Jona zeigte nach unten. Da war ein runder Stein mit einer Muschel darauf. Die Muschel sah aus wie ein kleines Tor.
Nora nickte. „Das ist ein schönes Zeichen“, sagte sie. „Heute bauen wir ein Dreieck aus drei Zeichen. Dann finden wir den Weg immer wieder. Ein Dreieck hat drei Ecken. Drei Ecken, so wie ihr drei seid.“
Mila kicherte. „Drei wie wir!“
Teil 2
Nora gab Mila die rote Boje. „Du bist Ecke eins“, sagte sie.
Mila atmete ruhig. Sie schwamm langsam zu einem großen, glatten Stein. Darauf saß eine grüne Alge wie ein Hut. Mila legte die rote Boje daneben. Das Glöckchen klingelte ganz leise. Kling. Kling.
„Ich hab's!“, sagte Mila.
„Sehr gut“, sagte Nora. „Du warst mutig und ruhig.“
Dann gab Nora Ben die gelbe Boje. „Du bist Ecke zwei.“
Ben schaute um sich. Er wollte einen besonderen Ort finden. Da sah er einen kleinen Bogen aus Steinen. Darunter war ein Sandloch. Ein Krebs guckte heraus, nur ein bisschen.
Ben blieb stehen. Er wollte den Krebs nicht erschrecken. Er dachte nach. „Ich lege die Boje nicht direkt ans Loch“, sagte er. „Dann hat der Krebs Platz.“
„Das ist klug“, sagte Nora.
Ben legte die gelbe Boje neben den Steinbogen. Das Glöckchen machte: Kling.
Der Krebs wackelte mit einer Schere. Es sah aus wie ein Gruß.
Jetzt war Jona dran. Nora gab ihm die blaue Boje. „Du bist Ecke drei.“
Jona schwamm. Er sah Korallen, klein und rund wie bunte Knöpfe. Er sah auch eine lange, glatte Muschel, die wie ein Boot aussah.
Plötzlich kam eine kleine Welle. Nicht groß. Nur ein Schubser. Jona spürte, wie er ein Stück wegtrieb. Sein Herz machte bum-bum. Er blieb aber ruhig. Er erinnerte sich: langsam atmen. Langsam paddeln.
„Ich bin noch da“, sagte Jona.
„Wir sind hier“, sagte Mila.
Ben streckte die Hand aus. „Komm zu uns.“
Nora schwamm näher. „Alles gut“, sagte sie. „Wellen sind wie kleine Schaukeln.“
Jona nahm Bens Hand. Zusammen schwammen sie zur langen Muschel. Jona legte die blaue Boje an einen Stein daneben. Kling. Kling.
Jetzt lagen drei Bojen im Wasser: rot, gelb, blau. Drei Ecken. Ein Dreieck.
„Wir haben es gebaut!“, sagte Ben.
„Zusammen“, sagte Mila.
„Zusammen“, sagte Jona.
Nora zeigte mit dem Finger. „Schaut. Wenn ihr von der roten Boje zur gelben schaut, und dann zur blauen, dann wisst ihr: Das ist unser Platz. Ein Dreieck hilft beim Wiederfinden.“
Die Kinder schauten. Es war wie ein unsichtbarer Faden im Wasser. Rot zu Gelb. Gelb zu Blau. Blau zu Rot.
Da kam ein Schwarm kleiner Fische. Sie schwammen durch das Dreieck. Es sah aus wie ein tanzender Pfeil.
„Die Fische kennen unser Dreieck“, flüsterte Mila.
„Vielleicht ist es ihr Spielplatz“, sagte Jona.
„Dann passen wir gut auf“, sagte Ben.
Teil 3
Sie schwammen langsam im Dreieck herum. Sie berührten nichts. Sie schauten nur. Ein Seepferdchen hing am Seegras. Es war gelb wie Sonne. Es blinzelte, ganz ruhig.
„Hallo, kleines Pferd“, sagte Mila.
Das Seepferdchen blieb still. Dann wackelte es ein bisschen, als würde es nicken.
Ben entdeckte einen runden Stein mit Punkten. „Sieht aus wie ein Mond“, sagte er.
Jona fand eine Feder von einer Möwe, die im Wasser trieb. „Ein Schatz“, sagte er.
Nora nickte. „Schätze sind auch Dinge, die man nur sieht und im Herzen behält“, sagte sie. „Wir lassen alles hier. So bleibt das Meer fröhlich.“
Dann zeigte Nora nach oben. „Zeit, zurück zu fahren.“
„Kommen wir wieder?“, fragte Jona leise.
„Ja“, sagte Nora. „Und euer Dreieck wartet. Rot, gelb, blau.“
Sie schwammen zurück zum Boot. Mila hielt wieder Bens Hand. Ben hielt Jonas Hand. Nora war daneben. Niemand war allein.
Am Strand setzten sie sich in den warmen Sand. Die Sonne war weich. Die Kinder hörten noch das leise Kling in ihren Ohren, wie ein Lied.
„Heute waren wir mutig“, sagte Mila.
„Und klug“, sagte Ben.
„Und wir haben nicht aufgegeben“, sagte Jona.
Nora lächelte. „Das nennt man stark sein. Und zusammen sein.“
Die drei Kinder legten kleine Muscheln in den Sand, auch als Dreieck. Rot, gelb, blau konnten sie sich dazu denken. Dann kuschelten sie sich aneinander. Das Meer rauschte leise. Es klang wie: Alles ist gut. Alles ist gut.