Mia ist drei. Mia ist klein, mutig und neugierig. Heute hat Mia eine Idee. Sie will die Große Runde gehen. Zur roten Post. Zum Park. Zum Bäcker. Alles an einem Vormittag. Das klingt groß. Das klingt wie eine Abenteuerreise.
Mama lächelt. „Dann brauchen wir unsere Leuchtwesten“, sagt Mama. „Die Westen machen uns gut sichtbar.“ Mia nickt. Sie liebt das Wort. Leuchtweste. Es klingt wie Sternenlicht.
Die Westen wohnen oben im Flurschrank. Ganz oben. Mia schaut hoch. Sehr hoch. „Ich bin klein“, sagt Mia. „Aber ich habe eine Idee.“ Sie holt den kleinen Hocker. Mama hält ihn fest. „Sicher ist wichtig“, sagt Mama. Mia klettert hinauf. Sie streckt die Arme. Ein Zipfel gelb blinkt. Sie tippt, zieht, wackelt. Die Westen sind verknotet.
Mia atmet ein. Mia atmet aus. „Ich kann das“, flüstert sie. Sie erfindet das Weste-Wirbel-Spiel. Sie dreht ein bisschen. Sie zieht ein bisschen. Jetzt rutscht eine Weste heraus. Und noch eine. „Geschafft“, ruft Mia. Sie klatscht.
Die große Weste ist für Mama. Die kleine Weste ist für Mia. Doch auch die kleine Weste ist noch groß. Sie rutscht fast bis zu den Knien. Mia denkt nach. Ihre Augen blitzen. Sie nimmt ein Haarband. Sie macht eine Schlaufe an der Seite. Die Weste sitzt besser. „Genau richtig“, sagt Mia. Mama staunt. „Das war sehr schlau“, sagt sie.
Mias Teddy will auch mit. Er liebt Abenteuer. „Teddy braucht auch etwas Leuchtendes“, sagt Mia. Mama holt einen Stern-Aufkleber. Er glitzert silbern. Mia klebt den Stern vorsichtig an Teddys Bauch. „Teddy ist jetzt Sternen-Kapitän“, kichert Mia. Teddy strahlt.
„Bereit?“, fragt Mama. „Bereit!“, ruft Mia. Sie gehen los. Schritt, Schritt, Schritt. Die Leuchtwesten klimpern leise. Die Sonne kitzelt sie. Wenn ein Strahl sie trifft, sagen sie: „Blink!“ Mia lacht. „Blink, blink, blink!“
An der Haustür fällt Mamas Schlüssel zu Boden. „Oh nein“, sagt Mama. Mia ist schnell. Sie bückt sich. Sie steckt die Schlüssel in die Weste. „In die Weste-Tasche“, sagt sie. „So sind sie sicher.“ Mama nickt. „Gute Idee“, sagt sie.
Draußen duftet es nach frischer Luft. Ein rotes Fahrrad klingelt freundlich. Ein Hund wedelt. „Hallo, Bruno“, sagt Mia. Bruno schnuppert und geht weiter. Alles ist nah. Alles fühlt sich groß an.
Sie kommen zum Zebrastreifen. Die Straße ist breit. Aber Mia kennt den Zebrastreifen-Spruch. Sie stellt sich an den Rand. Sie hebt den Arm. Ganz hoch. „Ich schaue nach links. Ich schaue nach rechts. Ich schaue noch mal nach links“, spricht Mia leise. Mama schaut auch. Ein Auto hält. Der Fahrer lächelt. „Danke!“, ruft Mama. Mia geht. Schritt, Schritt, Schritt. Die Weste leuchtet. Das fühlt sich mutig an.
Auf dem Weg liegt eine lange Pfütze. Sie glitzert wie ein kleiner See. „Oh“, sagt Mia. „Wie komme ich rüber?“ Links ist ein trockener Rand. Rechts sind drei runde Steine. Mia zeigt mit dem Finger. „Stein, Stein, Schritt“, sagt sie. Sie probiert. Ein Zeh prüft. Sicher. Ein Fuß. Dann der andere. Hopp! Mia ist drüben. „Gern geschehen, Pfütze“, sagt sie und winkt. Mama lacht leise.
Bei der roten Post steckt Mia ihren Brief ein. „Für Oma“, sagt sie. „Gute Reise, Brief.“ Die rote Klappe macht klapp. Das klingt wie Musik.
Vor dem Park steht Leo. Er ist vier. Er hat eine blaue Mütze. Neben ihm steht Papa. Die Leuchtweste liegt in Leos Hand. Leo guckt. „Die Weste ist doof“, murmelt er. „Sie kratzt.“
Mia denkt kurz nach. Dann lächelt sie. „Wollen wir Sonnenstrahlen fangen?“, fragt Mia. Leo schaut. „Wie denn?“ Mia stellt sich in die Sonne. Sie bewegt ihre Schultern. Das Licht springt auf die gelbe Weste. „Blink!“, ruft Mia. „Sonnenstrahl gefangen!“ Sie macht es noch einmal. „Blink!“ Jetzt probiert Leo. Er zieht seine Weste über. Langsam. „Es geht“, sagt er. Die Weste sitzt. Der Stoff fühlt sich weich an. „Blink?“, fragt Leo. Er bewegt sich. Die Sonne lacht. „Blink!“, ruft Leo und grinst. Papa klatscht. „Ihr seid gute Erfinder“, sagt er.
Im Park liegt ein kleiner Handschuh. Er ist grün. „Verloren“, sagt Mia. „Wir helfen.“ Sie hängt den Handschuh an den Zaun. „Hier findet dich jemand“, sagt sie zart. Das ist freundlich.
Der Wind wird ein bisschen stärker. Mias Weste flattert. Der Reißverschluss klemmt. Mia zieht. Nichts. Sie schaut Mama an. „Ich probiere noch mal“, sagt Mia. Sie zieht sanft. Sie wackelt ein bisschen. Ein kleiner Ruck. Klick. Zu! „Dranbleiben hilft“, sagt Mama. Mia nickt stolz. „Ich bin stark und schlau.“
Sie sammeln Blätter. Gelb, rot, braun. „Ein Blätterkuchen“, ruft Leo. Sie kochen unsichtbare Suppe. Teddy wacht. Der Stern an seinem Bauch blitzt freundlich. Eine kleine Schnecke kriecht vorbei. „Gute Reise, Schnecke“, flüstert Mia. Sie wartet. Alle warten. Es dauert nicht lang. Die Schnecke ist am Gras. „Geschafft“, sagt Mia. Sie lächelt.
Beim Bäcker gibt es zwei kleine Brötchen. Eins für Mia. Eins für Leo. Sie sagen „Danke“ und „Tschüss“. Die Leuchtwesten schimmern wie kleine Sonnen.
Der Heimweg ist ruhig. Schritt, Schritt, Schritt. „Blink“, sagt die Sonne noch einmal. „Blink“, flüstert Mia zurück. Zuhause hängt Mia ihre Weste an den Haken. Der Haken ist hoch. Mia holt den Hocker. Sie ist vorsichtig. Sie hängt die Weste auf. Dann klebt sie einen kleinen Stern an die Wand. Ganz unten. „Mein Weste-Platz“, sagt sie. „Jetzt komme ich immer gut dran.“
Mama streicht über Mias Haare. „Heute war eine große Runde“, sagt Mama. „Und du warst mutig. Und klug.“ Mia kuschelt Teddy. „Und wir haben geblinkt“, sagt sie und gähnt.
Nach dem Essen wird es still. Mia legt den Kopf auf das Kissen. Teddy liegt neben ihr. Der Stern glitzert ganz leise. Mia denkt an Sonnenstrahlen, an Pfützen, an den Zebrastreifen-Spruch. Sie denkt an Leos Lachen. An ihr Haarband an der Weste. An den kleinen grünen Handschuh.
„Morgen wieder?“, flüstert Mia. Mama nickt. „Morgen wieder. Sicher und fröhlich.“ Mia lächelt. Die Augen werden zu. Die Leuchtweste hängt wie ein kleiner Mond im Flur. Alles ist gut. Alles ist hell. Und die Abenteuer von Morgen warten schon.