Die kleine Schildkröte Tilda wacht auf. Die Sonne streichelt ihren Panzer. Er ist warm wie ein kleines Haus. Tilda blinzelt und lächelt. Heute ist ein guter Tag.
Auf der bunten Wiese treffen sich alle Tiere. Die Luft duftet nach Gras. Der Wind ist weich. Tilda geht langsam. Langsam ist auch gut. Ihre Schritte sind leise. Tap, tap, tap.
Hase Hopp ist schon da. Er springt hoch. Er lacht und ruft: „Ich bin schnell!“ Spatz Pia sitzt auf einem Zweig. Sie singt ein helles Lied. Fuchs Lio schnuppert neugierig. Sein Fell ist orange wie der Abend. Igel Mina rollt sich kurz ein und rollt wieder aus. „Ich piekse nicht, wenn ich freundlich bin“, sagt sie. Bär Benno winkt mit einer großen Tatze. Sie ist groß, aber sanft. Frosch Kiko macht plitsch-platsch in der Pfütze. Eule Edda blinzelt und gähnt. Sie ist oft abends wach. Ziege Zita klettert auf einen kleinen Stein. Sie nickt stolz.
Alle sind anders. Alle gehören dazu.
Auf der Wiese liegt ein riesiges Blatt Papier. Daneben stehen viele Töpfe Farbe. Gelb, blau, grün, lila, rot. Es gibt Pinsel in klein und groß. Tilda stellt sich dazu. „Heute malen wir zusammen“, sagt sie. Ihre Stimme ist ruhig. „Wir malen die Wiese, wie wir sie sehen. Wir zeigen, wie verschieden wir sind.“
„Ich male schnelle Striche!“, ruft Hase Hopp. „Ich male Punkte wie Regentropfen“, quakt Frosch Kiko. „Ich male leise Sterne“, flüstert Eule Edda. „Ich male ein warmes Haus“, brummt Bär Benno. Tilda nickt. „Jeder malt auf seine Art. Das ist gut.“
Hase Hopp greift nach dem roten Pinsel. Fuchs Lio greift auch. Ihre Pfoten treffen sich. Beide halten fest. „Ich zuerst!“, sagt Hopp. „Nein, ich!“, sagt Lio. Ihre Stimmen werden groß. Der Pinsel wackelt.
Tilda geht näher. Tap, tap, tap. Sie lächelt sanft. „Stopp“, sagt sie leise. „Atmen.“ Sie atmet langsam ein. Ein. Aus. „So“, sagt sie. „Wir sprechen. Wir hören zu.“
Hopp nickt. Lio nickt auch. Ihre Pfoten werden weich. „Was willst du malen, Hopp?“, fragt Tilda. „Rote Blumen“, sagt Hopp. „Ganz viele. Sie riechen nach Sommer.“ Tilda nickt. „Und du, Lio?“ Lio schaut auf das Papier. „Ein rotes Blatt“, sagt er. „Es tanzt im Wind.“
„Das sind zwei schöne Ideen“, sagt Tilda. „Der Pinsel kann reisen. Zuerst malt eine Pfote. Dann reist der Pinsel weiter. Zuerst. Dann. Danach. Wir warten kurz. Wir zählen zusammen bis fünf. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Das ist nicht lange.“ Tilda legt zwei runde Steine hin. „Der große Stein zeigt, wer dran ist. Der kleine Stein zeigt, wer danach kommt.“
Hopp und Lio sehen sich an. Ihre Ohren und ihr Schwanz werden wieder locker. „Ich kann warten“, sagt Hopp. „Ich auch“, sagt Lio. Tilda lächelt. „Danke. Warten ist freundlich.“
Hopp malt fünf rote Blumen. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Er zählt, und alle zählen mit. Dann gibt er den Pinsel an Lio. „Danke“, sagt Lio. Er malt ein rotes Blatt. Es sieht aus, als würde es tanzen. Es macht fast „schwusch“.
Alle sehen zu. Alle lächeln. Das Warten klappt. Die kleine Schildkröten-Regel hilft. Stoppen. Atmen. Sprechen. Hören. Teilen. Tilda fühlt Wärme im Bauch. Langsam ist auch gut.
Nun malen alle. Spatz Pia tupft kleine gelbe Punkte. Sie sind wie Liednoten. Igel Mina malt feine Linien. Sie sehen aus wie Stachelschatten. Bär Benno malt ein großes, rundes Haus. Es ist weich wie Honig im Blick. Ziege Zita malt einen Hügel. „Zum Klettern!“, ruft sie. Frosch Kiko spritzt grüne Tropfen. Plitsch. Platsch. Eule Edda malt kleine Sterne am Rand. „Für den Abend“, flüstert sie.
Tilda nimmt einen breiten Pinsel. Sie taucht ihn in Blau. Sie malt einen ruhigen Bach. Der Bach sagt „schsch“, ganz leise. Dann malt sie in Gelb. Ein Weg aus Licht. Er geht von Tier zu Tier. „Das ist unser Weg zusammen“, sagt Tilda. „Jeder findet Platz.“
Manchmal wollen zwei Tiere wieder dieselbe Farbe. „Ich will jetzt Blau“, sagt Kiko. „Ich auch“, sagt Pia. Tilda zeigt auf die Steine. „Zuerst. Dann. Danach. Wir zählen frei.“ Sie lächelt. Kiko nickt. Pia nickt. Es klappt wieder. Die Zeit ist kurz und freundlich.
Alle sind anders. Alle gehören dazu.
Die Wiese auf dem Papier wird groß und bunt. Es riecht nach Farbe und Gras. Die Sonne wandert. Das Licht wird weich. Hase Hopp hüpft auf der Stelle. „Schau, Tilda!“, ruft er. „Die roten Blumen lachen!“ Fuchs Lio wispert: „Mein Blatt tanzt noch. Es ist fröhlich.“ Bär Benno brummt zufrieden. „Unser Haus hat Platz für alle.“ Igel Mina tippt mit der Pfote auf die Linien. „Sie kitzeln meine Augen“, sagt sie und kichert.
Tilda klatscht langsam. Klatsch. Klatsch. „Ich bin stolz auf uns“, sagt sie. „Wir haben geteilt. Wir haben gewartet. Wir haben zugehört. Jetzt hat das Bild viele Arten. Wie wir.“
„Wir machen einen Rahmen“, schlägt Eule Edda vor. „Mit unseren Spuren.“ Alle tauchen eine Pfote oder einen Fuß in Farbe. Tap. Tap. Tap. Rund um das Bild entsteht ein Ring aus Spuren. Große Spuren. Kleine Spuren. Runde Spuren. Spuren mit Krallen. Spuren mit Schwimmhäuten. Tilda macht eine kleine, feste Spur. „Das kitzelt“, sagt sie und lacht.
Die Sonne steht tief. Der Himmel ist rosa. Die Luft ist mild und still. Ein Käfer summt leise wie ein Schlaflied. Tilda atmet langsam. Ein. Aus. Ihr Herz fühlt sich groß an. „Unser Bild ist wie wir“, sagt sie. „Bunt und ruhig und fröhlich. Jeder ist er selbst. Zusammen sind wir stark.“
Sie räumen die Pinsel auf. Sie stellen die Farben zu. Sie wischen Tropfen weg. Es macht Spaß, zusammen fertig zu sein. Bär Benno trägt den Wassereimer. Er ist groß, doch er schwappt nicht. „Langsam ist auch gut“, sagt er und zwinkert zu Tilda. Tilda nickt. Ihre Augen glänzen.
„Gute Nacht, Bild“, flüstert Spatz Pia. „Schlaf gut, Wiese auf Papier“, sagt Frosch Kiko. „Bis morgen“, ruft Hase Hopp. „Wir kommen wieder und schauen dich an.“
Die Tiere gehen heim. Schritt für Schritt. Pfote für Pfote. Flügel, Tatze, Huf. Alle Wege sind anders. Alle führen nach Hause. Tilda geht zuletzt. Tap, tap, tap. Der Mond kommt wie eine weiche Lampe. Er hängt freundlich am Himmel.
Tilda kriecht in ihr kleines Haus. Ihr Panzer ist warm. Sie kuschelt sich hinein. Ihr Bauch ist ruhig. Ihr Kopf ist leicht. Sie denkt an die roten Blumen. An das tanzende Blatt. An den blauen Bach. An die Spuren rundherum.
Alle sind anders. Alle gehören dazu. Und wenn morgen ein kleiner Streit kommt, weiß Tilda, was sie tut. Stoppen. Atmen. Sprechen. Hören. Teilen. Dann ist es wieder gut.
Tilda schließt die Augen. Die Nacht ist sanft. Die Wiese atmet. Leise sagt Tilda: „Gute Nacht, Freunde.“ Und der Wind antwortet: „Gute Nacht.“