Teil 1
Momo, der kleine weiße Hase, hüpfte leise durch den Garten. In der Küche saß sein kleiner Bruder Sami auf dem Fußboden und zählte bunte Perlen. Sami zupfte an einer Perle, dann an der nächsten, und seine Augen wurden groß. "Ich will jetzt schon essen", sagte Sami mit einer Stimme wie ein Piepsen.
Momo setzte sich neben ihn und lächelte. "Komm, wir spielen Geduld", flüsterte er. "Ein leises Spiel. Wir zählen Wolken und bringen sie sicher nach Hause." Sami nickte. Er mochte Momo sehr. Momo nahm zwei kleine Holzlöffel und stellte sie wie Trommeln vor sich hin. "Wenn wir leise spielen, bleibt das Abendlicht beim Warten bei uns", sagte Momo.
Sie klopften sanft, ganz leise, so dass nur die Libellen es hören konnten. "Eins", sagte Momo. "Zwei", flüsterte Sami. Draußen glitzerte der Himmel, und die Sonne legte sich wie ein warmes Tuch über das Haus.
Teil 2
Die Luft roch nach frisch gebackenem Brot. Momo spürte, wie sein Herz ruhig wurde, als er den Ofenduft einsog. Er erinnerte sich an die Hände ihrer Mutter, die liebevoll Teig formten. "Weißt du", sagte Momo, "manchmal ist Warten wie Teig kneten. Ruhig und mit Liebe." Sami formte mit seinen kleinen Pfoten einen Ball aus Luft. Sie lachten leise.
Im Fenster hing ein kleiner Laternenstern. Wenn die Sonne sank, begann er zu leuchten, erst ganz sacht. Momo zeigte auf den Stern. "Jedes Licht erinnert uns daran, freundlich zu sein. Und wenn wir hören, dann verstehen wir." Sami schaute. Er legte die Stirn in Falten und lauschte den leisen Geräuschen: das Ticken der Uhr, das Rascheln der Blätter, das Lachen einer Biene.
"Ich bin hungrig", murmelte Sami. Momo nickte. "Ich auch manchmal", sagte er. "Aber heute warten wir zusammen. Wir zählen und hören. Das macht das Warten leichter." Momo nahm einen Schluck Wasser und lächelte, als wäre das Wasser ein kleiner Zaubersaft. Seine Nase zuckte. "Hör zu", sagte er, "wenn du zuhörst, hörst du auch dein Herz. Es erzählt dir Geschichten."
Da kam ein leichter Wind und trug winzige Lichtpunkte, wie kleine Glühwürmchen. Momo streckte seine Pfote aus, und sie landeten auf seiner Nase. "Aua!" kicherte Sami. "Magie!" flüsterte Momo. Die Punkte tanzten und malten auf dem Küchenboden ein Bild: ein großer, runder Mond mit einem Löffel daneben. Sami klatschte vor Freude.
Momo machte eine Pause und atmete tief. Er fühlte sich ruhig und warm. Er dachte an die Freundlichkeit ihrer Nachbarin, die immer einen Keks schenkte, und an das Teilen der Decke beim Spielen. "Wenn wir teilen, wird das Herz warm", sagte er. Sami zog an Momo's Ohrläppchen. "Teilen?" fragte er.
"Ja", antwortete Momo. "Wir teilen ein Lächeln, ein Stück Brot, ein Lied. Das macht den Tag heller." Sie teilten ein kleines Stück Apfel, so dünn wie ein Blatt, und probierten es gleichzeitig. Das Knacken war leise, aber köstlich. "Mmm", sagte Sami zufrieden.
Teil 3
Die Küche wurde dunkler, und mehr Sterne kamen heraus. Momo hörte die Stimme ihres Vaters draußen, leise und freundlich. "Es ist Zeit", sagte er. Sami stand auf und rieb sich die Augen. "Danke", flüsterte er zu Momo. "Danke, dass du mit mir gewartet hast."
Sie setzten sich an den Tisch. Die Mutter legte warme Pfannkuchen vor ihnen. Der Duft war wie eine Umarmung. "Vor dem Essen singen wir ein kleines Lied", schlug Momo vor. Die Familie sang leise zusammen, und die Töne rollten wie kleine Wellen durchs Zimmer. Sami hielt Momo's Pfote fest. "Ich habe gelauscht", sagte er stolz. "Und die Zeit war nicht lang."
Als sie aßen, schmeckte alles besonders gut. Momo dachte an das leise Spiel, an die Laterne, an die geteilte Apfelscheibe und an die leisen Geschichten im Herzen. Er fühlte sich geborgen. "Manchmal", sagte Momo, "ist das Warten eine Brücke. Sie führt zu einem freundlichen Tisch, zu einem Lachen, zu einem Licht." Sami nickte und lächelte mit vollem Mund.
Später, als die Sterne funkelten wie kleine Geheimnisse, legten sich die Brüder dicht nebeneinander. Momo flüsterte: "Wenn du hörst, findest du Frieden." Sami schloss die Augen. Der Mond schaute herein, wie ein freundlicher Besucher, und legte seine Hand aus Silber auf die Decke. Alles war still, warm und gut. Momo atmete langsam, und im Garten summte eine ruhige Nachtmelodie. Ende.