Anfang
Es waren Sommerferien. Die Sonne stand schon früh am Himmel. Die Luft roch nach warmem Gras und nach Erdbeeren. In einem kleinen Ferienhaus am Rand eines Dorfes wachten drei Kinder auf: Mira, Ben und Jona. Alle drei waren fünf Jahre alt.
Mira war sehr gesprächig. Ihre Worte sprangen oft schneller aus ihrem Mund, als ihre Gedanken hinterherkamen. Sie erzählte gern, was sie sah, was sie fühlte, und was sie gleich tun wollte. Ben hörte meistens ruhig zu. Jona kicherte oft und wackelte dabei mit den Füßen.
An diesem Tag wollten sie mit der Bergbahn zu einem See hoch oben fahren. Mama hatte Rucksäcke gepackt. Es gab Äpfel, Wasser und kleine Brote. Jeder bekam auch eine Aufgabe. Ben sollte auf die Trinkflaschen achten. Jona sollte die Servietten tragen. Mira sollte den kleinen Müllbeutel im Rucksack behalten. Mama sagte, das sei Verantwortung. Das Wort klang groß, aber Mira mochte es, etwas Wichtiges zu haben.
Sie liefen los. Der Weg zur Station war nicht weit. Überall summten Bienen. Die Kinder zählten rote Mohnblumen am Rand. Mira erzählte dabei alles, was ihr auffiel: die Wolken, die wie Schafe aussahen, den Hund hinter einem Zaun, den Geruch von Sonnencreme.
Als sie um die letzte Ecke bogen, sahen sie die kleine Bergstation. Sie war aus hellem Holz. An den Fenstern waren bunte Fensterläden. Einer war grün, einer blau, einer gelb. Die Farben leuchteten in der Sonne. Mira blieb kurz stehen, weil sie es so schön fand.
Drinnen war es kühl. Es roch nach Holz und nach Metall. Eine Uhr tickte laut. Auf einer Bank lagen Prospekte mit Bildern von Bergen. Ein Mann in Uniform fegte den Boden. Draußen hörte man irgendwo ein leises Klacken von Schienen.
Mitte
Sie stellten sich an. Es war eine kurze Schlange, aber für Mira fühlte sie sich lang an. Mira redete weiter, immer weiter. Sie sagte, dass sie bestimmt als Erste den See sehen würde. Sie sagte, dass die Bahn vielleicht ganz schnell fahren würde. Sie sagte, dass die Fensterläden wie Bonbons seien.
Mama legte eine Hand auf Miras Schulter. Mira sollte kurz leiser werden, damit sie hören konnte, wann sie dran waren. Mira nickte. Für zwei Atemzüge ging es gut. Dann kamen die Worte wieder, als hätten sie kleine Flügel.
Da passierte ein Mini-Reinfall. In Miras Rucksack knisterte es. Der Müllbeutel hatte sich geöffnet. Ein dünnes Papierchen, das von einem Brot stammte, rutschte heraus und segelte auf den Boden. Mira sah es erst nicht. Ben sah es und zeigte darauf. Der Mann mit der Uniform schaute auch kurz hin.
Mira wurde warm im Gesicht. Sie wusste, das war ihre Aufgabe. Sie kniete sich hin. Ganz vorsichtig hob sie das Papier auf. Sie stopfte es nicht einfach irgendwohin, sondern öffnete den Müllbeutel richtig, drückte die Luft heraus und machte einen festen Knoten. Danach hielt sie den Beutel mit beiden Händen, als wäre er ein Schatz. Das fühlte sich gut an, obwohl es vorher peinlich gewesen war.
Dann hieß es warten. Die Bahn hatte Verspätung, weil oben ein kleines Gewitter gewesen war. Draußen war es jetzt wieder klar, aber die Menschen mussten noch prüfen, ob alles sicher war.
Mira wollte schon wieder erzählen, wie sie einmal einen Regenbogen gesehen hatte. Doch Mama erinnerte sie an etwas. Warten könne schwer sein. Man könne dabei aber ruhig bleiben, wenn man sich eine kleine, leise Aufgabe suche.
Mira schaute sich um. In einer Ecke stand ein kleiner Tisch mit Postkarten. Daneben lag ein weicher Bleistift. Es gab auch ein Blatt Papier, auf dem stand: „Bitte Eintragen.“ Mira konnte noch nicht alles lesen, aber Mama erklärte, dass man aufschreiben konnte, wie viele Besucher da waren.
Mira bekam eine Idee. Sie setzte sich an den Tisch. Sie nahm den Bleistift und machte kleine Striche. Für jeden Menschen, der durch die Tür kam, machte sie einen Strich. Sie zählte leise in ihrem Kopf. Ben setzte sich neben sie und sortierte die Postkarten nach Farben. Jona hielt die Servietten fest und faltete sie in kleine Dreiecke, ganz langsam, wie kleine Berge.
Mira merkte, dass ihr Mund plötzlich Ruhe hatte. Ihre Hände hatten etwas zu tun. Ihre Augen konnten schauen. Ihre Ohren konnten hören. Das Tick-Tack der Uhr war wie ein kleiner Rhythmus. Sie fühlte ihren Bauch, wie er sich beim Atmen hob und senkte. Sie wartete, ohne dass es sich so groß anfühlte.
Ein kleiner Windstoß kam durch die offene Tür. Er roch nach Tannennadeln und nach warmem Stein. Draußen schimmerte das Gleis. Ein Spatz hüpfte über den Boden. Mira machte auch für den Spatz fast einen Strich, dann musste sie kichern, aber ganz leise.
Dann kam ein zweiter Mini-Reinfall, nicht schlimm, aber wichtig. Jona wollte seine Servietten hochwerfen, weil er sich freute. Eine Serviette rutschte ihm aus der Hand und landete in einem Blumentopf. In der Erde klebte sie fest.
Jona wurde traurig. Er dachte, er habe alles kaputt gemacht. Mira sah ihn an. Früher hätte sie sofort viele Worte gesagt. Jetzt stand sie auf und ging langsam zu ihm. Sie nahm den Müllbeutel, den sie fest verknotet hatte, und holte die Serviette vorsichtig aus der Erde. Sie klopfte die Krümel ab und steckte sie in den Müllbeutel. Dann gab sie Jona eine neue Serviette aus dem Stapel.
Jona atmete wieder normal. Ben nickte, als würde er sagen: So macht man das. Mama lächelte. Mira spürte etwas wie Stolz, aber ganz weich.
Endlich kam das Signal. Eine Glocke klingelte. Die Bahn rollte ein, nicht schnell, sondern gemütlich. Die Türen gingen auf. Mira ging in einer Reihe mit den anderen Kindern. Sie drängelte nicht. Sie hielt den Rucksack fest und dachte an ihre Aufgabe.
Sie setzten sich ans Fenster. Die Bahn ruckelte an. Die bunten Fensterläden der kleinen Station wurden kleiner. Mira sah, wie der Mann mit der Uniform weiter fegte. Dann waren sie schon zwischen Bäumen. Sonnenflecken tanzten auf den Sitzen. Es roch nach warmem Holz und ein bisschen nach Öl von den Rädern.
Oben am See war es still. Das Wasser glitzerte wie tausend kleine Münzen. Die Kinder aßen ihre Brote. Ben gab jedem seine Trinkflasche. Jona verteilte Servietten, diesmal ganz vorsichtig. Mira sammelte die Reste ein. Sie passte auf, dass nichts wegflog. Einmal kam ein leichter Wind, und Mira hielt den Müllbeutel fest zu. Sie dachte an die Station und an das Papierchen. Diesmal klappte alles.
Sie spielten am Ufer. Sie suchten glatte Steine. Sie bauten einen kleinen Damm, damit das Wasser leise um die Steine herumfloss. Mira erklärte kurz, was sie tat, aber sie merkte, dass sie auch gern einfach schaute. Die Sonne wärmte ihre Arme. Ihre Füße standen im kühlen Wasser. Das war ein schönes Gefühl, wie Sommer, der kitzelt und beruhigt.
Als es Zeit war zu gehen, prüfte Mira noch einmal die Wiese. Sie suchte nach Krümeln und nach Papier. Sie fand nichts. Das machte sie froh. Verantwortung konnte auch bedeuten, dass ein Ort sauber bleibt.
Ende
Am Nachmittag fuhren sie wieder zurück. Das Licht war jetzt goldener. In der kleinen Bergstation mit den bunten Fensterläden war es ruhiger. Nur wenige Menschen waren da. Mira setzte sich kurz auf die Bank. Sie hielt den leeren Müllbeutel in der Hand. Er war leicht, weil er fast nichts mehr enthielt.
Auf dem Heimweg zum Ferienhaus liefen sie langsam. Die Grillen zirpten. Die Luft war weich. Mira spürte Müdigkeit in den Beinen, aber eine angenehme Müdigkeit, wie nach einem guten Spiel.
Abends lag Mira im Bett. Das Fenster stand einen Spalt offen. Von draußen kam der Duft von Heu. Mira dachte an den See, an das glitzernde Wasser und an den kühlen Schatten der Bäume. Sie dachte an die Station, an die bunten Fensterläden und an das Tick-Tack der Uhr. Sie dachte an den Moment, als sie still Striche gemacht hatte, Strich für Strich.
Sie legte eine Hand auf den Bauch. Sie atmete langsam ein. Sie atmete langsam aus. Dabei fühlte sie, wie ruhig es in ihr werden konnte, auch wenn sie sonst so viel zu sagen hatte. Sie stellte sich vor, wie der Wind durch die Tannen strich und wie die Bahn ganz sicher über die Schienen rollte.
Mira lächelte in die Dunkelheit. Heute hatte sie gewartet, ohne zu zappeln. Heute hatte sie auf Dinge aufgepasst. Heute hatte sie geholfen, dass alles ordentlich blieb. Sie nahm noch einen ruhigen Atemzug und ließ die Sommerbilder in ihrem Kopf leise weiterglitzern, bis sie einschlief.