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Geschichten von kleinen Ermittlern 11/12 Jahre Lesen 28 min.

Jonas und das Rätsel der verschwundenen Wasser‑Mappe

Jonas, ein selbsternannter Privatdetektiv, entdeckt mysteriöse Schuhabdrücke auf dem Schulhof und eine verschwundene Projektmappe, die ihn auf die Spur eines Missverständnisses zwischen seinen Mitschülern führt. Während er die Wahrheit aufdeckt, lernt er, wie wichtig Ehrlichkeit und Mut sind.

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Ein 12-jähriger Junge mit zerzausten braunen Haaren und runden Brillen hockt neben einer großen Wasserpfütze auf dem Pausenhof. Sein Gesichtsausdruck ist konzentriert und entschlossen, seine Augen leuchten vor Aufregung, während er Fußabdrücke im Schlamm untersucht. Neben ihm steht sein bester Freund, ebenfalls 12 Jahre alt, mit blonden Haaren und einem schelmischen Lächeln, der ein Notizbuch hält und aufmerksam zuschaut, bereit, ihm bei seiner Untersuchung zu helfen. Im Hintergrund ist der Pausenhof mit Spielgeräten, grünen Bäumen und Holzbänken gefüllt, während ein bewölkter Himmel einige Sonnenstrahlen durchlässt. Die Hauptsituation zeigt den Jungen, der geheimnisvolle Hinweise in der Pfütze entdeckt, umgeben von einer Atmosphäre von Abenteuer und Neugier. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1 – Spuren im Schulhof

An diesem Morgen roch der Schulhof nach Regen und nassem Asphalt. Die Pflastersteine glänzten dunkel, und in den Fugen schimmerte noch Wasser. Jonas zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht, obwohl es gar nicht mehr regnete.

„Komische Luft heute“, murmelte er. „So feucht, als würde der Boden schwitzen.“

Er war zwölf und nannte sich selbst gern „Privatdetektiv“. Nicht laut, natürlich. Nur in Gedanken. Aber er hatte ein Notizbuch, einen alten Kugelschreiber und eine Taschenlampe, die fast immer leer war. Das gehörte sich für einen Detektiv.

Jonas ging an der Turnhalle vorbei zur großen Pfütze in der Mitte des Hofs. Die war immer da, wenn es geregnet hatte. Aber heute sah sie anders aus. Die Oberfläche war glatt wie ein Spiegel. Keine Blätter, kein Sand, gar nichts.

„Seltsam“, sagte er leise.

Er kniete sich hin, spürte die Feuchtigkeit durch die Knie seiner Jeans ziehen und sah genauer hin. In der Pfütze waren Abdrücke. Zwei halbmondförmige Spuren, als hätte jemand mit Gummistiefeln mitten hindurchgestapft. Aber die Ränder waren ganz scharf.

„Diese Spuren sind frisch“, murmelte Jonas. „Sehr frisch.“

Er sah sich um. Der Schulhof war fast leer. Nur ganz hinten, unter dem überdachten Teil, standen ein paar Fünftklässler. Sie tauschten Sammelkarten und kicherten. Der Pausenaufsicht-Lehrer, Herr Fink, lehnte an der Tür zum Lehrerzimmer und gähnte.

Jonas zückte sein Notizbuch.

FALL NR. 7, schrieb er. RÄTSELHAFTE PfützenSPUREN.

Er tippte mit dem Stift gegen seine Zähne. Dann schrieb er weiter:

– Schulhof nass, Luft feucht

– Pfütze sauber, keine Blätter

– Frische Schuhabdrücke, halbmondförmig

„Wessen Schuhe sind das?“, fragte er sich halblaut.

Und du? Wenn du hier wärst, würdest du zuerst die Abdrücke vergleichen? Oder lieber schauen, wer gerade nasse Schuhe hat?

Ein schriller Pfiff zerriss seine Gedanken.

„Jonas! In die Klasse!“, rief Frau Kahl, seine Klassenlehrerin. „Die Pause ist vorbei.“

Er steckte schnell das Notizbuch ein. Aber sein Kopf war schon mitten im neuen Fall.

Auf dem Weg zur Tür blieb er noch einmal kurz stehen. Auf einer Bank nahe der Mauer lag etwas Dunkles. Ein Schatten? Nein. Ein Stofffetzen. Jonas griff danach. Es war ein kleines, blaues Stoffstück, noch ein bisschen feucht, als hätte es Regenwasser aufgesogen.

Er drehte es zwischen den Fingern.

„Spur Nummer eins“, murmelte er und schob das Stück vorsichtig in seine Jackentasche.

Die Tür zur Schule fiel hinter ihm zu. Der Schulhof lag wieder still da. Aber für Jonas hatte er ein Geheimnis preisgegeben.

Und Geheimnisse ließen ihn nie los.

---

Kapitel 2 – Die verschwundene Projektmappe

Nach der großen Pause war Mathe. Jonas starrte auf die Tafel, dachte aber mehr an nasse Schuhe und blaue Stoffstücke als an Brüche. Als endlich der Gong zur nächsten Pause ertönte, sprang er auf.

„Nicht rennen!“, rief Frau Kahl, aber Jonas war schon halb auf dem Flur.

Da hörte er ein aufgeregtes Rufen aus dem Klassenzimmer nebenan. Die 6b.

„Das kann doch nicht weg sein!“, jammerte eine Stimme.

„Du hast es bestimmt verlegt“, sagte jemand anders.

Jonas blieb stehen. Probleme zogen ihn an wie ein Magnet. Er spähte durch die halb offene Tür.

In der Mitte der Klasse stand Lara, die Klassensprecherin der 6b. Vor ihr war ein leerer Platz auf einem Tisch. Nur ein Wasserfleck zeichnete einen dunklen Kreis auf der Holzplatte. Daneben lagen ein Stift und ein Radiergummi.

„Was ist los?“, fragte Jonas und trat ein.

„Ähm… das ist die 6b“, meinte ein Junge mit Brille. „Du bist in der 6a.“

„Ich weiß“, sagte Jonas ruhig. „Aber ich bin auch Detektiv.“

Ein paar Kinder lachten, aber Lara sah nur verzweifelt aus.

„Meine Projektmappe ist weg“, erklärte sie. „Das Wasser-Experiment-Projekt für den Naturkunde-Abend heute. Ich habe es hier hingelegt, bin kurz raus, und als ich zurückkam, war nur noch der nasse Fleck da.“

Jonas beugte sich vor und betrachtete den Fleck. Er war rund, genau wie der Bodenkreis einer Mappe, die in einer Pfütze gestanden hätte.

„War die Mappe feucht?“, fragte er.

Lara nickte. „Ja, ich musste vorhin durch den Schulhof rennen. Da war alles nass. Und ich… ich bin ein bisschen in die große Pfütze getreten.“

Jonas' Ohren spitzten sich. Die große Pfütze. Der Schulhof. Die Spuren.

„Also“, sagte er langsam. „Die Mappe war nass. Du stellst sie hier ab. Dann gehst du raus. Wie lange warst du weg?“

„Vielleicht fünf Minuten“, antwortete sie. „Ich wollte nur Frau Kahl fragen, ob sie unsere Plakate schon aufgehängt hat. Als ich wiederkam… nichts.“

Jonas nahm sein Notizbuch.

FALL NR. 8: DIE VERSCHWUNDENE WASSER-MAPPE, schrieb er.

Dann wandte er sich an die Klasse. „Hat jemand gesehen, wer in den fünf Minuten hier drin war?“

Eine Hand ging hoch. „Ich war auf der Toilette“, sagte ein Mädchen. „Da war der Raum leer, als ich raus bin.“

„Ich hab Pausenbrot gegessen“, rief ein Junge. „Draußen.“

Einer nach dem anderen sagten alle, dass sie woanders gewesen waren. Es klang, als hätte die ganze Klasse die perfekte Ausrede.

Jonas beugte sich zu Lara. „War die Tür abgeschlossen, als du gegangen bist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Nur zugezogen.“

„Also konnte jeder rein“, murmelte Jonas. „Auch jemand von draußen.“

Er ließ seinen Blick über den Boden schweifen. Und da! Direkt neben dem Wasserfleck glänzte eine winzige Pfütze. Und von ihr weg zogen sich einzelne Tropfen, wie eine Spur, die zur Tür hinausführte.

Jonas' Herz machte einen Sprung.

„Bitte niemand aufwischen!“, rief er so laut, dass alle zusammenzuckten. „Das ist wichtig!“

„Was ist wichtig?“, fragte eine tiefe Stimme hinter ihm.

Herr Fink stand in der Tür. Seine Haare waren noch feuchter als der Schulhof.

„Äh… die Spuren“, sagte Jonas. „Sehen Sie? Da, die Wassertröpfchen. Die führen aus der Klasse. Jemand muss die Mappe genommen haben, als sie noch nass war.“

Herr Fink seufzte. „Jonas, wir suchen jetzt keine Gespenster. Bestimmt hat jemand die Mappe nur in ein anderes Zimmer gebracht.“

„Oder jemand hat sie versteckt“, sagte Jonas ernst. „Vielleicht als Scherz. Oder…“ Er stockte. „Oder jemand hat sie genommen, weil er selbst kein Projekt fertig hat.“

In der Klasse wurde es ganz still.

Und du? Wen würdest du verdächtigen? Jemanden, der Panik vor dem Naturkunde-Abend hat? Jemanden, der immer Blödsinn macht? Oder… niemanden, bevor du Beweise hast?

Jonas schob seine Hände tief in die Taschen. Seine Finger spürten das kleine, feuchte Stoffstück vom Schulhof.

Nasse Mappe. Nasser Fleck. Feuchtes Stoffstück.

Irgendwie hing das alles zusammen. Da war er sich sicher.

---

Kapitel 3 – Verdächtige Schuhe

In der nächsten Pause rannte Jonas direkt in den Schulhof. Der Regen hatte ganz aufgehört, aber die Luft fühlte sich immer noch schwer und feucht an. Über dem Basketballkorb hing ein dünner Nebelschleier.

„Wie in einem Krimi-Film“, murmelte Jonas zufrieden.

Er ging zur großen Pfütze zurück. Die Abdrücke waren schon etwas verschwommener geworden, aber man konnte sie noch gut erkennen. Halbmondförmig, tief eingedrückt. So lief also jemand mit nassen Schuhen hier herum.

„Ich brauche ein Muster“, sagte Jonas zu sich selbst.

Er stellte seinen linken Schuh vorsichtig neben einen Abdruck. Sein Schuh war schmal und vorne eher spitz. Der Abdruck in der Pfütze war breiter und hatte eine dicke Sohle mit zwei Rillen.

„Nicht meine Spur“, murmelte er und war ein kleines bisschen enttäuscht.

Da hörte er hinter sich ein Quietschen. Turnschuhe auf feuchtem Stein.

„Jonas! Was machst du da?“, fragte eine Stimme.

Er drehte sich um. Finn, sein bester Freund, kam auf ihn zu. Er trug weiße Sneakers. Sehr weiße Sneakers.

„Ich untersuche Tatort Pfütze“, erklärte Jonas. „Schuhprofilvergleich.“

Finn trat neugierig näher. „Boah, du bist echt komisch. Aber cool-komisch. Also? Wer war's?“

„Noch keine Ahnung“, sagte Jonas. „Aber schau mal, die Abdrücke sind breiter. Und guck, da ist so ein halbmondförmiger Rand. Kennst du jemanden mit solchen Schuhen?“

Finn kniff die Augen zusammen. „Hm. Vielleicht Mia? Die mit den schwarzen Halbstiefeln. Die haben so eine dicke Sohle.“

Jonas überlegte. „Mia aus der 6c? Die ist doch in der Naturkunde-AG. Die macht auch ein Wasser-Projekt.“

„Eben“, sagte Finn. „Wasser, Pfützen, Mappe… alles Wasser. Vielleicht ist sie eine heimliche Wasser-Verbrecherin.“

Jonas schnaubte. „Blödsinn. Aber wir könnten trotzdem mal schauen.“

Er ging quer über den Hof zu der Bank, auf der er das blaue Stoffstück gefunden hatte. Finn trottete hinterher.

„Wonach suchst du?“, fragte Finn.

„Nach mehr Spuren“, sagte Jonas. „Vielleicht hat der Täter…“

Er brach ab. Hinter der Bank lag ein zusammengeknülltes Papiertaschentuch. Es war feucht und hatte einen blauen Rand. Jonas hob es mit zwei Fingern hoch.

„Iih“, sagte Finn.

„Nicht iih. Interessant“, korrigierte Jonas. „Blauer Rand. Genau wie mein Stoffstück. Vielleicht von demselben Ding.“

Er holte das Stoffstück aus der Tasche. Es war blau mit einer dünnen, hellen Naht.

„Sieht aus wie von einer Kapuze“, meinte Finn. „Oder von einem Rucksack.“

„Oder von einem Ordner“, fügte Jonas hinzu. „Die Mappe von Lara war doch blau, oder?“

Finn nickte langsam. „Stimmt. Vielleicht ist sie draußen runtergefallen.“

„Aber warum fehlt dann nur die Mappe und nicht auch das Blatt Papier daneben?“, fragte Jonas. „Im Klassenzimmer meine ich.“

Finn kratzte sich am Kopf. „Gute Frage. Du hast zu viele gute Fragen.“

Jonas sah zum Schulgebäude. Unter dem Dach entlang führten kleine, dunkle Fußspuren. Nicht mehr so klar wie in der Pfütze, aber noch zu sehen. Sie wirkten, als wären sie von draußen reingelaufen.

„Komm“, sagte Jonas. „Wir folgen der Spur.“

Sie gingen dicht nebeneinander an der Mauer entlang. Die Luft war hier noch feuchter, als würde sie an der Wand kleben. Jonas bemerkte, wie sein T-Shirt am Rücken klebte.

„Magst du eigentlich Regen?“, fragte Finn plötzlich.

„Ja“, sagte Jonas. „Regen versteckt Spuren. Aber er verrät auch viele.“

Die Tropfen führten zur Seitentür, die meistens nur Lehrer benutzten. Jonas drückte vorsichtig die Klinke. Die Tür war offen.

„Regel Nummer eins“, murmelte er. „Wenn eine Tür offen ist, führt sie zu einem Geheimnis.“

Sie traten ein.

Ein dünner Wasserstreifen zog sich über die grauen Fliesen bis zu einer Tür mit der Aufschrift: „Putzmittel / Hausmeister“.

Jonas sah Finn an. „Bereit?“

„Na klar“, sagte Finn, obwohl seine Stimme ein bisschen wackelte.

Doch bevor Jonas klopfen konnte, ging die Tür auf.

Hausmeister Herr Schuster stand im Rahmen. In der einen Hand hielt er einen Eimer, in der anderen einen Mopp. Sein T-Shirt war dunkel vor Feuchtigkeit, und seine Schuhe glänzten nass.

Und an seinen Schuhsohlen waren zwei dicke, halbmondförmige Rillen.

---

Kapitel 4 – Der Hausmeister und die halben Monde

„Äh… guten Tag, Herr Schuster“, sagte Jonas schnell und versuchte, nicht zu starren.

„Was macht ihr hier?“, fragte der Hausmeister. Seine Stimme war nicht böse, nur müde. „Der Flur ist rutschig. Nasse Schuhe, ihr wisst schon.“

„Genau darum geht es“, entfuhr es Jonas. „Ihre Schuhe… äh… ich meine, gibt es hier irgendwo vielleicht eine… verlorene blaue Mappe?“

Herr Schuster zog eine Augenbraue hoch. „Eine blaue Mappe? Was glaubt ihr denn, was ich sammle? Blaue Mappen?“

Finn prustete. „Wäre ein komisches Hobby“, murmelte er.

Jonas ließ nicht locker. „Eine Schülerin aus der 6b vermisst ihre Wasser-Projektmappe. Sie war nass. Und wir haben Wasser-Spuren vom Klassenzimmer hierher verfolgt.“

Herr Schuster seufzte wieder. „Kinder, ich habe keine Mappe geklaut. Ich habe heute Morgen den Schulhof gefegt, nachdem es geregnet hat. Da sind mir die Füße halb abgesoffen. Seitdem lasse ich überall Tropfen.“

Er zeigte auf den Eimer. „Ich war gerade im Erdgeschoss wischen. Bestimmt sind das eure Spuren.“

„Aber…“, begann Jonas.

„Wisst ihr was“, unterbrach ihn Schuster. „Kommt mal mit.“

Er ging den Flur entlang, sie folgten ihm. Die Luft hier drinnen war noch feuchter als draußen. Jonas spürte, wie sie sich schwer in seine Lunge legte.

Vor dem Klassenzimmer der 6b blieb Herr Schuster stehen.

„Hier“, sagte er. „Vor einer halben Stunde war ich drin. Hab kurz nach dem Rechten gesehen. Nasser Fleck auf dem Tisch, Tropfen am Boden. Ich hab gedacht, da hätte jemand unsauber getrunken.“

„Sie waren im Klassenzimmer?“, fragte Jonas. „Und die Tür war offen?“

„Ja“, nickte der Hausmeister. „Ich hab nur geguckt, ob irgendwo Wasser tropft. Wegen Schimmel und so. Bei der Luftfeuchtigkeit heute kann alles gammeln.“

Das passte. Jonas notierte innerlich: Hausmeister in 6b, aber kein Dieb? Oder doch?

„Hat er vielleicht die Mappe weggeräumt, weil sie nass war?“, flüsterte Finn.

Jonas schluckte. Er musste ehrlich sein: Herr Schuster klang nicht wie jemand, der lügt. Seine Augen wirkten klar. Trotzdem… ein Detektiv musste alle Möglichkeiten prüfen.

„Haben Sie irgendetwas mitgenommen?“, fragte Jonas.

„Nur einen Stapel Zeitungspapier, der komplett durchweicht war“, antwortete Schuster. „Der lag auf dem Fensterbrett. Aber keine Mappe. Wenn ich eine gesehen hätte, hätte ich sie zur Klassenlehrerin gebracht.“

„Und woher kommen dann die Spuren aus dem Klassenzimmer?“, hakte Jonas nach.

„Vielleicht von mir. Vielleicht von jemand anderem“, sagte Herr Schuster gelassen. „Es ist nass heute. Das halbe Gebäude tropft.“

Er zuckte mit den Schultern. „Hört mal, ich muss weiter. Wenn ihr was Komisches findet, meldet euch. Aber bleibt ehrlich, ja? Keine wilden Beschuldigungen. Das gibt nur Krach.“

„Wir beschuldigen niemanden ohne Beweise“, sagte Jonas automatisch.

Herr Schuster nickte langsam, als würde er Jonas prüfen. „Gut. Dann seid ihr bessere Detektive als manch Erwachsener.“

Er ging davon. Jonas sah ihm nach. Die Sohlen seiner Schuhe hinterließen tatsächlich die gleichen halbmondförmigen Muster wie in der Pfütze.

Finn flüsterte: „Täter mit Eimer. Könnte ein spannender Film sein.“

„Oder doch nur ein nasser Hausmeister“, antwortete Jonas.

Plötzlich fiel ihm etwas ein. „Warte mal. Die Tropfenspur im Klassenzimmer war viel dünner als die im Flur. Und kleiner.“

„Stimmt“, sagte Finn. „Du sagtest, so einzelne Tröpfchen vom Tisch bis zur Tür. Die sehen nicht nach großem Eimer-Mann aus.“

Jonas strich sich über die Stirn. Sein Finger blieb feucht. Die Luft machte alles klamm.

„Dann gibt es zwei Spurensorten“, sagte er. „Die schweren, halbmondförmigen von Herrn Schuster. Und die kleineren Tropfen von jemand anders. Jemand, der eine nasse Mappe getragen hat.“

Er dachte nach. „Wer könnte Zugang zur 6b gehabt haben? Nicht nur die Klasse. Vielleicht jemand aus einer anderen Klasse. Jemand aus der Naturkunde-AG, der wusste, wie wichtig die Projekte sind.“

„Mia“, flüsterte Finn.

„Vielleicht“, murmelte Jonas. „Oder jemand ganz anderes.“

Und du? Was würdest du jetzt tun? Zur AG gehen und alle fragen? Oder heimlich beobachten, wer nervös ist?

Jonas entschied sich. „Wir gehen zur Aula. Da werden die Projekte aufgebaut. Vielleicht ist die Mappe schon da. Nur nicht, wo sie sein sollte.“

„Du meinst, der Dieb hat sie abgegeben?“, fragte Finn verdutzt.

Jonas grinste schmal. „Oder der ehrliche Dieb. Sowas soll es geben.“

---

Kapitel 5 – Verdächtig ehrliche Ausreden

In der Aula war Hochbetrieb. Schüler schleppten Plakate, Kartons, Modelle. Überall roch es nach Kleber, Pappe und einem Hauch von nassem Papier. Die Luft war stickig und feucht. Jonas fühlte, wie sein Hemd noch stärker an seinem Rücken klebte.

„Puh“, stöhnte Finn. „Feuchter als im Schwimmbad hier.“

Am hinteren Ende der Aula standen die Tische für die Naturkunde-AG. An einem Tisch baute Mia aus der 6c gerade ein kleines Modell eines Wasserwerks auf. Sie trug schwarze Halbstiefel mit dicker Sohle.

Jonas' Blick wanderte sofort zu ihren Schuhen. Halbmondförmige Profile. Genau wie in der Pfütze.

Er ging auf sie zu. „Hi, Mia.“

„Hi Jonas“, sagte sie und klebte ein Papier an ein Papphaus. „Kommst du, um mein Meisterwerk zu bewundern? Das Wasserwerk der Zukunft. Ganz ohne Wasserverschwendung.“

„Sieht cool aus“, meinte Jonas. „Sag mal, warst du heute Morgen im Schulhof?“

„Klar“, sagte Mia. „Ich gehöre zu den Menschen, die zur Schule laufen müssen.“ Sie lachte.

„Auch bei der großen Pfütze in der Mitte?“, fragte er.

„Äh, ja. Leider“, seufzte sie. „Meine Schuhe sind immer noch nass.“ Sie hob einen Fuß und wedelte damit in der Luft. Ein paar Tropfen spritzten auf den Boden.

Finn wich zurück. „Achtung, Flutwelle!“

Jonas setzte seine ernste Miene auf. „Und warst du heute auch im Klassenzimmer der 6b?“

Mia hörte auf zu kleben. „Wieso sollte ich? Ich bin in der 6c.“

„Da ist eine blaue Projektmappe verschwunden“, sagte Jonas. „Zum Thema Wasser. Und draußen auf der Bank habe ich ein blaues Stoffstück gefunden. Schau mal.“

Er zeigte ihr den Fetzen. Mias Augen wurden groß.

„Das… das ist von meinem Ordner!“, rief sie. „Mist, ich hab mich heute Morgen an der Bank verhakt. Wusste gar nicht, dass ich ein Stück verloren habe.“

„Dann warst du also an der Bank“, sagte Jonas ruhig. „In der Nähe der großen Pfütze.“

„Ja, und?“, fragte Mia. „Ist das jetzt verboten?“

Finn flüsterte: „Sehr verdächtig.“

Jonas ignorierte ihn. „Und du bist sicher, du warst nicht in der 6b? Nicht mal kurz?“

Mia verschränkte die Arme. „Ich war nur in der 6c und hier. Frag Frau Weber, unsere Lehrerin. Und wenn du wissen willst, wer bei den Projekten geschummelt hat, dann solltest du vielleicht mit Tom reden.“

„Tom?“, fragte Jonas. „Aus welcher Klasse?“

„Aus meiner“, sagte Mia. „Der hat bis gestern noch nicht mal ein Thema. Und heute steht plötzlich ein supertolles Plakat über den Wasserkreislauf auf seinem Tisch. Ganz allein gemacht, sagt er. Ist klar.“

Sie rollte mit den Augen.

Jonas notierte in Gedanken: Mia hat blaues Zeug verloren, aber ehrliche Erklärung. Verdächtigt Tom.

„Danke“, sagte er nur und ging weiter.

„Ey, du kannst nicht einfach Leute verdächtigen!“, rief Mia ihm nach. „Beweise sammeln, Jonas!“

„Mach ich“, murmelte er.

Am nächsten Tisch stand tatsächlich Tom. Ein großer Junge mit zerzausten Haaren und einem etwas schiefen Plakat. „Der Wasserkreislauf“ stand in krakeligen Buchstaben oben drauf. Die Bilder waren gut ausgeschnitten, aber einige Texte klebten schief.

„Sieht… interessant aus“, sagte Jonas vorsichtig.

„Ja, ne?“, sagte Tom und grinste stolz. „Hab ich heute Morgen noch schnell gemacht. Ganz alleine.“

„Heute Morgen?“, wiederholte Jonas. „Wann denn?“

„Na, in der zweiten Stunde, als wir Vertretung hatten“, antwortete Tom. „Ich hab mich einfach an einen freien Tisch gesetzt und losgelegt.“

„In welchem Raum?“, fragte Jonas.

„Äh… in der 6b“, sagte Tom. „Da war noch Platz und die Fenster sind so groß. Warum?“

Jonas spürte, wie es in seinem Kopf klick machte. „Hast du Lara gesehen?“

Tom überlegte. „Nur kurz. Die hat da irgendwas hingelegt. Eine Mappe oder so. Dann war sie weg. Ich hab mich an den Tisch daneben gesetzt. War Platz, weißt du?“

„Und die Mappe?“, fragte Jonas. „Was ist mit der passiert?“

Tom biss sich auf die Lippe. „Also… die war total nass. Hat überall Tropfen gemacht. Ich hatte Angst, dass sie mir mein Plakat durchweicht. Also hab ich sie hochgenommen und… ja… auf den Schrank gestellt.“

„Auf welchen Schrank?“, fragte Jonas.

„Den großen, links neben der Tür“, sagte Tom. „Oben drauf. Damit sie trocknen kann. Ehrlich!“

Jonas blinzelte. „Und warum hast du es niemandem gesagt?“

Tom zuckte zusammen. „Ich dachte… also… ich hab ja eigentlich nicht da sein dürfen. Wir sollten im Vertretungsraum bleiben. Und wenn ich erzähle, dass ich in der 6b war, krieg ich Ärger. Und ich wollte nicht, dass irgendwer denkt, ich hab was geklaut. Also hab ich… nichts gesagt.“

Er sah Jonas direkt an. „Ich schwöre. Ich wollte nichts Böses.“

Jonas glaubte ihm. Toms Stimme zitterte ein bisschen. Und seine Hände waren feucht. Vielleicht vor Nervosität. Vielleicht auch, weil die Luft in der Aula einfach alles feucht machte.

Und jetzt bist du dran: Glaubst du Tom? Wenn ja, wohin würdest du als Nächstes gehen?

---

Kapitel 6 – Ehrlich bis zum letzten Tropfen

Jonas rannte beinahe aus der Aula. Finn hinterher. Sie stürmten die Treppe hoch zur 6b. Ihre Turnschuhe quietschten auf den leicht feuchten Stufen.

„Wenn Tom die Mappe wirklich auf den Schrank gelegt hat und sie da immer noch liegt“, keuchte Finn, „dann ist der ganze Fall nur ein riesiges Missverständnis.“

„Missverständnisse sind auch Fälle“, schnaufte Jonas. „Man muss sie nur lösen.“

Sie stürzten in die 6b. Der Raum war leer. Nur das Summen der Neonlampen und der Geruch von feuchtem Papier lagen in der Luft.

Jonas ging zum Schrank links neben der Tür. Er war hoch und grau, mit alten Aufklebern an der Seite.

„Ich seh nichts“, sagte Finn. „Zu hoch.“

Jonas stellte sich auf die Zehenspitzen. Immer noch zu niedrig. Er zog einen Stuhl heran, kletterte vorsichtig drauf und blickte über die Kante.

Da lag sie. Eine blaue Mappe. Die Ränder waren leicht gewellt, als wäre das Papier darin feucht gewesen und nun langsam getrocknet. Daneben klebte ein Tropfen, der noch nicht ganz verdunstet war.

„Gefunden“, sagte Jonas leise.

Er nahm die Mappe vorsichtig herunter und klappte sie kurz auf. Innen lagen Blätter voller sauberer Schrift, Zeichnungen von Regentropfen, Diagramme zu Luftfeuchtigkeit. Alles ordentlich. Alles Laras Stil.

„Wir bringen sie sofort zurück“, sagte Finn.

„Moment“, murmelte Jonas. „Wir müssen erst die Wahrheit erklären. Sonst denkt jeder, der Dieb ist noch frei.“

Auf dem Flur trafen sie ausgerechnet auf Lara und Frau Kahl. Lara sah die Mappe in Jonas' Händen und ihre Augen wurden rund wie Untertassen.

„Meine Mappe!“, rief sie. „Wo war sie? Hast du sie geklaut?“

Jonas atmete tief durch. Die Luft roch nach feuchter Wandfarbe und etwas, das an Angst erinnerte.

Jetzt kam es darauf an, ehrlich zu sein. Ganz ehrlich.

„Nein“, sagte er fest. „Und ich glaube auch nicht, dass jemand sie wirklich stehlen wollte. Ich erklär's euch.“

Er erzählte alles. Von der nassen Mappe, dem Fleck, den Tropfen, der Spur zum Flur, dem Hausmeister, der die falschen Spuren geliefert hatte. Von Mia und ihrem verlorenen Stoffstück. Von Tom, der in der 6b an seinem Plakat gearbeitet und die Mappe nur aus dem Weg geräumt hatte.

„Tom hat Mist gebaut, weil er in der falschen Klasse war und nichts gesagt hat“, schloss Jonas. „Aber er wollte deine Mappe nicht verschwinden lassen. Er hatte nur Angst, Ärger zu bekommen.“

Lara drückte die Mappe an sich. „Und… und du glaubst ihm?“

„Ja“, sagte Jonas. „Weil er's mir ehrlich erzählt hat. Er hätte auch lügen können und behaupten, er weiß von nichts. Aber er hat zugegeben, dass er in der 6b war. Ohne, dass ich einen Beweis hatte.“

Frau Kahl nickte langsam. „Ehrlichkeit ist wichtig. Auch, wenn man dadurch Ärger riskiert.“

„Wird Tom Ärger bekommen?“, fragte Finn leise.

„Ein bisschen“, sagte Frau Kahl. „Er hätte nicht ohne Erlaubnis in die 6b gehen dürfen. Aber ich werde ihm auch sagen, dass ich es mutig finde, dass er die Wahrheit gesagt hat. Und ich werde Lara erklären, dass manchmal Dinge verschwinden, ohne dass jemand ein Dieb ist.“

Lara sah Jonas an. „Danke“, sagte sie. „Ohne dich…“

„…hätte ich nur halb so viele Schritte gemacht heute“, fiel Jonas ihr grinsend ins Wort. „Meine Schuhe sind durchweicht.“

Sie lachten alle. Sogar Frau Kahl.

Später, als der Naturkunde-Abend begann, standen alle Projekte ordentlich in der Aula. Laras Wasser-Mappe lag auf ihrem Tisch. Toms schiefes, aber ehrliches Plakat hing daneben. Mia präsentierte stolz ihr Wasserwerk.

Jonas schlenderte durch die Reihen. Die Luft war noch immer feucht, aber jetzt roch sie nach Aufregung und ein bisschen nach Waffeln aus der Mensa.

Finn stieß ihn an. „Na, Meisterdetektiv? Wieder mal einen Fall gelöst.“

„Eher aufgeklärt“, korrigierte Jonas. „Der Fall war ja mehr ein Durcheinander aus Wasser, nassen Schuhen und Schweigen.“

„Klingt nicht so spannend“, fand Finn.

„Doch“, sagte Jonas. „Weil es am Ende darum ging, ob jemand ehrlich ist oder nicht. Und darum, genau hinzuschauen, bevor man andere beschuldigt.“

Er holte sein Notizbuch hervor und schrieb:

FALL NR. 8 GELÖST. KEIN DIEB. NUR ANGST UND NASSER BODEN.

MERKE: FEUCHTE LUFT MACHT PAPIER WELLIG, ABER AUCH MANCHES HERZ WEICHER.

Finn las über seine Schulter. „Sehr philosophisch.

„Ist das ein Schimpfwort?“, fragte Jonas trocken.

Finn schüttelte lachend den Kopf.

Auf dem Heimweg trat Jonas absichtlich in jede kleine Pfütze. Er betrachtete die Abdrücke, die seine Schuhe hinterließen.

Nicht halbmondförmig. Nicht geheimnisvoll. Nur Jonas-Spuren.

„Vielleicht sieht sich jemand meine Spuren an und stellt Fragen“, dachte er. „Und vielleicht hilft ihm das irgendwann.“

Er blickte kurz zurück zum Schulhof, wo die große Pfütze langsam verschwand. Nur ein feuchter, dunkler Fleck blieb zurück. Wie eine Erinnerung.

Dann zuckte er die Schultern, steckte die Hände in die Taschen und ging weiter.

Man konnte ja nie wissen, wann der nächste Fall auftauchte.

Aber falls du neugierig genug bist, wirst du ihn sicher mit mir bemerken.

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Privatdetektiv
Eine Person, die im Geheimen Ermittlungen anstellt, um Rätsel oder Probleme zu lösen.
Halbmondförmig
Eine Form, die wie ein Halbmond aussieht, also rundlich an einer Seite und flach auf der anderen.
Aufgeklärt
Wenn ein Problem oder ein Rätsel gelöst wurde, sodass man nun die Wahrheit kennt.
Merke
Eine Aufforderung, sich etwas zu merken oder zu bedenken.
Philosophisch
Etwas, das mit den Gedanken über das Leben, die Welt oder die Natur des Menschen zu tun hat.
Nervös
Ein Gefühl, das man hat, wenn man aufgeregt oder ängstlich ist, oft mit einer schnellen Herzfrequenz verbunden.

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