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Geschichten von kleinen Ermittlern 11/12 Jahre Lesen 27 min.

Der Fall der grünen Federtasche und der verschwundene Füller

Jonas und Mira verfolgen Hinweise, um Miras verschwundene Federtasche zu finden, und stoßen dabei auf Geheimnisse, Missverständnisse und die Bedeutung von Ehrlichkeit und Fairness.

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Jonas, 12 Jahre, konzentrierter Blick, Stirn gerunzelt, schüchternes Lächeln, zerzaustes braunes Haar, dunkelblaue Jacke, hält zärtlich ein grünes Stoffetui in der Bildmitte in aufmerksamer Detektivhaltung; Mira, ca. 11, erleichtertes Gesicht, glänzende Augen, kastanienbrauner Pferdeschwanz, hellgrüner Pullover, links von Jonas, Kopf geneigt, Hand vor dem Mund; Frau Damm, etwa 50, kurze graue Haare, runde Brille, gepunktete Bluse, steht hinter einem kleinen überladenen Tisch und zeigt wohlwollend auf das Etui; Hintergrund: Hinterladen „Papier & Plan“ mit Holzregalen voller bunter Hefte, gestapelten Kartons, verstreuten Schreibwaren, warmem Licht einer hängenden Glühbirne und abgenutztem Fliesenboden; Hauptszene: Fund des geöffneten grünen Etuis auf einem unordentlichen Tisch, Nahaufnahme mit Stiften und einer freien Stelle für einen Füller, beschädigtem Reißverschluss und kleinem Eulenanhänger neben einem Karton, sanfte, beruhigende Ermittlungsstimmung, kräftige Farben und tintenbetonte Konturen im Comicstil. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der verschwundene Reißverschluss

Jonas war elf und hatte diesen Blick, den Erwachsene „zu konzentriert“ nannten. Er nannte ihn einfach seinen Ermittlerblick. Damit konnte er Dinge sehen, die anderen entgingen. Zum Beispiel, dass Frau Schmitz' Schlüsselbund immer nach Minzbonbons roch. Oder dass der Hausmeister Herr Krüger seine Pfeife nur anzündete, wenn er nervös war.

Heute begann alles in der großen Pause.

„Meine Federtasche ist weg!“ rief Mira aus der 6b und klatschte ihre Hände auf den Tisch. „Gerade eben war sie noch in meinem Ranzen. Grün, mit einem Reißverschluss, und da ist ein kleiner Eulen-Anhänger dran!“

Ein paar Kinder drehten sich um. Jemand sagte: „Vielleicht ist sie rausgefallen.“ Jemand anders: „Oder du hast sie zu Hause vergessen.“

Mira schüttelte den Kopf. „Ich hab sie heute früh noch aufgemacht. Ich hatte Mathe. Und jetzt… weg.“

Jonas schob sich seinen Rucksack zurecht. Er war nicht in Miras Klasse, aber er mochte Rätsel. Und er mochte Mira, weil sie immer ein extra Radiergummi dabeihatte und ihn ohne großes Theater teilte.

„Wann hast du sie zuletzt gesehen?“ fragte Jonas.

Mira überlegte. „Nach der ersten Stunde. Ich hab im Flur kurz meinen Taschenrechner gesucht. Da stand ich bei den Schließfächern.“

Jonas nickte. „Und dein Ranzen war… wo?“

„In der Klasse. Unterm Tisch.“

Jonas' Ermittlerblick sprang sofort zu einem Ranzen am Nebentisch. Ein grauer, ordentlich zugezogener Ranzen, der da stand, als würde er zuhören. Jonas kannte ihn: Er gehörte Tim aus der 6c. Tim war schnell, laut und in Gruppen oft der Erste, der rief: „Ich war's nicht!“

Jonas beobachtete den Ranzen. Nicht Tim. Den Ranzen. Er sah die Kratzer an der Schnalle, den abgewetzten Tragegriff. Und er sah etwas anderes: Zwischen den Fächern steckte ein winziger grüner Faden, als hätte sich etwas Stoff verfangen.

„Mira“, sagte Jonas leise, „wie sieht deine Federtasche genau aus?“

„Grün, so ein Stoff… mit heller Naht.“

Jonas schluckte. „Mit heller Naht. Okay.“

Da kam Tim vorbei, schnappte seinen Ranzen und war schon wieder weg. Der graue Ranzen wackelte kurz, als hätte er sich erschrocken.

Jonas' Herz klopfte schneller. Verdächtig? Oder nur Zufall? Er mochte keine vorschnellen Urteile. Ein guter Ermittler sammelt erst Hinweise. Dann denkt er. Dann fragt er. Und erst dann beschuldigt er niemanden.

„Ich helfe dir“, sagte Jonas.

Mira atmete aus, als hätte Jonas ihr gerade einen Schwimmreifen zugeworfen. „Danke.“

„Erste Regel“, sagte Jonas und hob einen Finger. „Wir bleiben fair. Zweite Regel: Wir schauen genau hin. Und dritte Regel: Wir fragen uns immer: Was würde eine Federtasche tun, wenn sie Beine hätte?“

Mira schnaubte. „Weglaufen.“

„Genau. Und wir fangen an, wo sie zuletzt sicher war.“

Kapitel 2: Spuren im Flur

Der Flur roch nach Turnschuhen und Tafelkreide. Jonas und Mira gingen zu den Schließfächern. Jonas blieb stehen und ließ seinen Blick langsam wandern, als würde er ein unsichtbares Netz aus Hinweisen einsammeln.

„Du standest hier?“, fragte er.

Mira nickte und zeigte auf ein Schließfach mit einem Sticker: ein Dinosaurier mit Brille.

Jonas kniete sich hin. „Was sieht man, wenn man unten schaut?“

„Staub“, sagte Mira.

„Staub kann erzählen“, murmelte Jonas. Er fuhr mit dem Finger über den Boden. Da waren Schleifspuren. Nicht viele, aber frisch. Als hätte jemand etwas über den Boden gezogen. Vielleicht ein Ranzen, der zu schwer war und kurz gekratzt hatte.

„Siehst du das?“ Jonas zeigte auf zwei dünne Linien im Staub.

Mira beugte sich vor. „Ja… aber…“

„Es könnte alles sein“, sagte Jonas schnell. „Ein Ranzen, ein Stuhl, ein Fuß. Wir brauchen mehr.“

Sie gingen weiter Richtung Treppe. Jonas blieb wieder stehen. Neben der Pinnwand lag eine kleine, zerknitterte Quittung.

Mira hob sie auf. „Vom Kiosk?“

„Vom Schreibwarenladen ‘Papier & Plan'“, las Jonas. „Kugelschreiber, Radiergummi, Lineal. Heute. 08:12 Uhr.“

Mira runzelte die Stirn. „Aber der Laden ist doch unten in der Straße. Was hat das mit meiner Federtasche zu tun?“

Jonas steckte die Quittung vorsichtig ein. „Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Eine Quittung findet man nicht zufällig im Schulflur. Jemand hat sie verloren. Und wer heute Morgen im Schreibwarenladen war, könnte… jetzt etwas Neues haben. Oder etwas Altes loswerden.“

„Du redest wie ein Detektiv im Fernsehen“, sagte Mira.

„Ich rede wie jemand, der zu viele Krimis liest“, gab Jonas zu. „Aber wir bleiben bei Fakten. Frage: Wer war heute Morgen im Schreibwarenladen?“

Mira zuckte die Schultern. „Keine Ahnung.“

Da kam Frau Schmitz vorbei, die Pausenaufsicht. Ihre Schlüssel klimperten wie eine kleine Glocke.

„Alles okay bei euch?“ fragte sie.

Mira sagte schnell: „Meine Federtasche ist weg.“

Frau Schmitz seufzte. „Schon wieder was verschwunden… Habt ihr im Fundbüro geschaut?“

„Noch nicht“, sagte Jonas. „Dürfen wir?“

„Nach der Pause“, sagte Frau Schmitz. „Jetzt zurück in den Hof.“

Jonas nickte brav. Innerlich schrieb er schon eine Liste:

1. Letzter sicherer Moment: nach der ersten Stunde.

2. Ort: Klasse / Schließfächer / Flur.

3. Mögliche Spur: Schleifspuren.

4. Quittung von ‘Papier & Plan' um 08:12.

5. Grüner Faden am grauen Ranzen von Tim.

Im Hof setzte Jonas sich mit Mira auf die Bank. Jonas' Blick glitt über die Kinder. Wer wirkt nervös? Wer wirkt zu fröhlich? Wer hält seinen Ranzen auffällig fest?

Tim stand am Kicker. Er lachte laut. Neben ihm zupfte Lea an ihrem Pferdeschwanz und schaute immer wieder zur Schultür, als würde sie warten, dass etwas passiert.

Jonas stieß Mira leicht an. „Siehst du Lea?“

„Ja. Was ist mit ihr?“

„Sie schaut, als hätte sie irgendwo etwas liegen lassen.“

Mira schnaubte. „Wie ich gerade.“

„Stimmt“, sagte Jonas. „Also: keine Panik. Wir brauchen eine kluge Frage.“

In dem Moment rief die Glocke. Die Pause war vorbei. Jonas fühlte dieses Kribbeln, das er immer bekam, wenn ein Rätsel anfing, wirklich lebendig zu werden.

Und irgendwo, dachte Jonas, liegt eine grüne Federtasche und wartet darauf, gefunden zu werden.

Kapitel 3: Der graue Ranzen und das grüne Fädchen

Nach dem Unterricht schlichen Jonas und Mira nicht. Sie gingen ganz normal. Unauffällig sein war auch eine Art von Mut, fand Jonas.

Auf dem Weg zur nächsten Stunde trafen sie Tim am Wasserspender. Er drückte so lange auf den Knopf, bis der Becher fast überlief.

„Hey Tim“, sagte Jonas freundlich. „Kurze Frage: Warst du heute Morgen im Schreibwarenladen ‘Papier & Plan'?“

Tim blinzelte. „Was? Nee. Wieso?“

„Wir haben eine Quittung im Flur gefunden“, sagte Jonas. „Und Miras Federtasche ist weg.“

Tim verzog den Mund. „Ich hab nix damit zu tun.“

„Hab ich nicht gesagt“, antwortete Jonas ruhig. „Ich frage nur. Hast du heute früh irgendwen gesehen, der was getragen hat? Oder… keine Ahnung… eine grüne Federtasche?“

Tim schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Ich muss los.“

Er griff nach seinem grauen Ranzen. Jonas' Augen fanden wieder den grünen Faden. Er hing wie ein winziges Fragezeichen aus der Seitennaht.

Jonas sagte ganz vorsichtig: „Tim, an deinem Ranzen hängt ein grüner Faden.“

Tim erstarrte einen Moment. Dann zog er ruckartig daran. „Ist doch nur Fussel.“

„Von was?“, fragte Mira. Ihre Stimme klang nicht böse, nur neugierig.

Tim wurde rot. „Keine Ahnung! Von… von meiner Jacke.“

Jonas hob die Hände. „Okay. Kein Problem. Kann passieren.“

Tim starrte sie an, als würde er erwarten, dass gleich Sirenen losgehen. Dann rannte er davon.

Mira flüsterte: „Das war komisch.“

Jonas nickte. „Komisch heißt nicht schuldig. Aber es heißt: hinschauen.“

Sie gingen zum Fundbüro. Das war eigentlich ein kleiner Raum neben dem Sekretariat, vollgestopft mit Turnbeuteln, Mützen und einzelnen Handschuhen, die nie wieder ihren Zwilling fanden.

Frau Keller, die Sekretärin, sah über ihre Brille. „Was sucht ihr?“

„Eine grüne Federtasche mit Eulen-Anhänger“, sagte Mira.

Frau Keller schüttelte den Kopf und wühlte trotzdem in einer Kiste. „Nichts Grünes heute. Nur eine rote Brotdose, zwei Schals und… aha… ein Zirkel.“

Mira seufzte. Jonas bedankte sich. Draußen blieb er stehen.

„Wir brauchen eine Liste von Orten“, sagte er.

„Toiletten?“, schlug Mira vor.

„Möglich. Aber eine Federtasche geht selten allein aufs Klo“, sagte Jonas. „Außer sie hat Matheangst.“

Mira grinste kurz, obwohl ihr die Augen noch traurig waren.

„Wichtiger Punkt“, sagte Jonas. „Wer hatte Zugang zu deinem Ranzen?“

Mira dachte nach. „In der Klasse… eigentlich jeder, wenn der Lehrer kurz rausgeht.“

„Wer saß in deiner Nähe?“

„Lea sitzt hinter mir. Und Tim sitzt… nicht in meiner Klasse.“

Jonas erinnerte sich: Tim hatte in der Pause direkt neben Miras Tisch gestanden. Und sein Ranzen war dort gewesen. Warum?

„Gibt es jemanden, der heute Morgen was verloren hat?“, fragte Jonas.

Mira runzelte die Stirn. „Lea hat in Mathe geflucht, weil ihr Radiergummi weg war. Sie hat gesagt, jemand hätte ihn geklaut.“

Jonas' Kopf machte klick. „Ein Radiergummi. Und eine Quittung über Radiergummis.“

„Meinst du… Lea war im Laden?“

„Vielleicht“, sagte Jonas. „Oder jemand hat für sie was gekauft. Oder jemand hat etwas gekauft, weil etwas verschwunden ist.“

Mira starrte Jonas an. „Das ist voll verwirrend.“

„Willkommen im echten Fall“, sagte Jonas. „Wir brauchen den Ort, wo Dinge verschwinden und wieder auftauchen.“

„Wie…?“

Jonas deutete mit dem Kinn Richtung Straße. „Schreibwarenladen. Wenn jemand heute Morgen dort war, kennt vielleicht die Verkäuferin das Gesicht. Und… ich hab nachmittags Klavier, aber vorher schaffe ich es.“

Mira zögerte. „Darf ich mit?“

„Klar“, sagte Jonas. „Und wenn wir Glück haben, führt uns die Spur…“

Mira beendete den Satz: „…zu meiner Federtasche.“

Jonas nickte. „Und wenn nicht, dann wenigstens zu einer Erkenntnis. Und Erkenntnisse sind wie Radiergummis: Man braucht sie ständig.“

Kapitel 4: Die Hinterstube von „Papier & Plan“

Der Schreibwarenladen „Papier & Plan“ lag gleich hinter der Bäckerei. Im Schaufenster standen bunte Hefte und Stifte in Reih und Glied, als würden sie gleich zur Parade antreten.

Drinnen roch es nach Papier, Holz und einem Hauch Kleber. Hinter dem Tresen stand Frau Damm, die Verkäuferin. Sie hatte kurze graue Haare und ein Lächeln, das so aussah, als könnte es sogar einen verknoteten Schnürsenkel beruhigen.

„Hallo ihr zwei“, sagte sie. „Sucht ihr etwas Bestimmtes?“

Jonas zog die zerknitterte Quittung aus der Tasche. „Wir haben die im Schulflur gefunden. Wissen Sie, wer heute Morgen um 08:12 eingekauft hat?“

Frau Damm nahm die Quittung, kniff die Augen zusammen und lächelte schief. „Ihr spielt Detektive.“

„Wir… ermitteln“, korrigierte Mira ernst.

Frau Damm nickte respektvoll. „Okay, Ermittler. Um 08:12 war es voll. Viele Eltern, viele Kinder. Aber…“ Sie tippte mit dem Finger auf die Quittung. „Das hier war ein Set: blauer Kugelschreiber, weißer Radiergummi, durchsichtiges Lineal. Das kaufen bei mir vor allem Kinder, die es eilig haben.“

Jonas fragte: „Erinnern Sie sich an jemanden, der hektisch war?“

Frau Damm überlegte. „Ein Junge mit einem grauen Ranzen hat sich vorgedrängelt und ständig auf die Uhr geschaut.“

Mira und Jonas sahen sich an.

„Kennen Sie ihn?“, fragte Jonas.

Frau Damm schüttelte den Kopf. „Nicht vom Namen. Aber er hatte…“ Sie suchte nach dem Wort. „…eine Art grünes Fädchen am Reißverschluss hängen. Wie ein Stofffussel.“

Jonas spürte, wie ihm warm wurde. „Dürfen wir kurz… hinter den Tresen schauen? Also, ob vielleicht etwas abgegeben wurde?“

Frau Damm hob eine Augenbraue. „Hinter den Tresen nicht. Aber ich kann in der Hinterstube nachsehen. Kommt mit. Aber nichts anfassen, verstanden?“

Sie führte sie durch eine schmale Tür. Die Hinterstube war voll mit Kartons, Regalen und Stapeln von Heften. Es war enger als im Laden, und es klang dumpf, als hätte der Raum eine Decke aus Watte.

Auf einem Tisch lag ein Haufen Dinge: ein einzelner Handschuh, ein Schlüsselanhänger, zwei Kulis und… Jonas' Herz machte einen Sprung.

Da lag eine grüne Federtasche.

„Mira“, flüsterte Jonas.

Mira starrte. „Das… das ist sie! Das ist meine!“

Sie wollte zugreifen, aber Frau Damm hob die Hand. „Langsam. Ich erkläre euch, wie sie hierherkam.“

Mira hielt sich mit Mühe zurück.

„Vorhin“, sagte Frau Damm, „kam ein Junge rein. Grauer Ranzen. Er sagte, er hätte ‘das hier' vor dem Laden gefunden. Er war sehr… unruhig. Er hat die Federtasche auf den Tresen gelegt und meinte, er müsse sofort los. Ich habe gefragt, aus welcher Schule. Er sagte nur ‘von da oben' und weg war er.“

Jonas' Kopf arbeitete. Tim. Oder jemand, der wie Tim aussah. Aber warum sollte jemand eine Federtasche erst nehmen und dann zurückbringen?

Jonas fragte: „Hat er noch etwas gesagt?“

Frau Damm nickte langsam. „Ja. Er sagte: ‘Sagen Sie, es lag draußen. Bitte.' Als würde er wollen, dass ich das unbedingt glaube.“

Mira ballte die Hände. „Hat er meine Stifte rausgenommen?“

Frau Damm öffnete vorsichtig die Federtasche. Drinnen: Stifte, Textmarker, Lineal… aber etwas fehlte.

„Der Füller“, sagte Mira sofort. „Mein Füller ist weg. Und der Eulen-Anhänger…“ Sie zeigte auf die Stelle am Reißverschluss. „Der ist ab!“

Jonas sah den Reißverschluss an. Da hing kein Anhänger mehr, aber eine kleine Metallöse war verbogen. Als hätte jemand daran gerissen.

„Wir haben zwei Probleme“, sagte Jonas leise. „Die Federtasche ist da. Aber nicht komplett. Und jemand hat sie hierher gebracht, um… Spuren zu verwischen.“

Mira schluckte. „Was machen wir jetzt?“

Jonas blickte sich in der Hinterstube um. Kartons, Regale, eine Kiste mit Scheren. Und auf dem Boden: ein winziger, goldener Anhänger in Form einer Eule, halb unter einem Karton.

Jonas hob ihn auf. „Gefunden.“

Mira schnappte nach Luft. „Mein Anhänger!“

Frau Damm runzelte die Stirn. „Der lag hier? Das heißt, der Junge war auch in der Hinterstube.“

Jonas nickte. „Oder jemand anderes hat ihn hier verloren. Aber…“ Er sah sich die Eule an. Ein kleines Stück grüner Stoff hing daran. Genau wie der Faden am grauen Ranzen.

Jonas atmete tief ein. „Wir müssen mit Tim reden. Aber ruhig. Ohne Vorwürfe. Und wir müssen herausfinden, wo der Füller ist.“

Frau Damm legte die Federtasche in eine Papiertüte. „Nehmt sie mit. Aber versprecht mir, ihr bleibt fair. Und wenn es Ärger gibt, holt einen Erwachsenen.“

Jonas nickte. „Versprochen.“

Mira nahm die Tüte, als wäre sie aus Glas. Ihre Augen waren heller. „Ich kann wieder atmen“, murmelte sie.

„Der Fall ist noch nicht zu Ende“, sagte Jonas. „Aber wir sind dran.“

Kapitel 5: Das Geständnis, das keins sein wollte

Am nächsten Tag suchten Jonas und Mira Tim in der Bibliothek. Tim hing dort manchmal herum, weil die Bibliothek leise war und niemand ihn anmeckerte, wenn er still blieb. Das war selten, aber möglich.

Tim saß zwischen zwei Regalen und starrte in ein Buch, ohne umzublättern. Sein grauer Ranzen stand neben ihm. Jonas sah sofort: Der grüne Faden war weg. Zu sauber.

Jonas setzte sich in sicherem Abstand. Mira setzte sich neben ihn und hielt ihre Papiertüte auf dem Schoß.

„Tim“, begann Jonas, „wir waren bei ‘Papier & Plan'.“

Tim zuckte zusammen. „Und?“

„Miras Federtasche war in der Hinterstube“, sagte Mira. Ihre Stimme war fest, aber nicht laut. „Und mein Eulen-Anhänger lag auch dort.“

Tim presste die Lippen zusammen. „Ich… ich hab sie gefunden.“

„Wo?“, fragte Jonas.

Tim rieb sich die Stirn. „Im Flur. Bei den Schließfächern.“

„Warum hast du sie dann nicht im Fundbüro abgegeben?“, fragte Mira.

Tim starrte auf seine Schuhe. „Weil… weil ich dachte, alle denken, ich hab sie geklaut.“

Jonas legte den Kopf schief. „Warum sollten alle das denken, wenn du sie einfach abgibst?“

Tim schnaubte kurz. „Weil ich…“ Er brach ab.

Mira sagte vorsichtig: „Weil du schon mal was eingesteckt hast?“

Tim zuckte wie getroffen. Dann nickte er, ganz klein. „Letztes Jahr. Ein Fußball-Sticker. War dumm. Seitdem…“ Er kratzte an seinem Ärmel. „…seitdem gucken manche so, als wären meine Hände immer schuldig.“

Jonas spürte einen Stich. Das war nicht fair, aber es passierte.

„Also hast du sie gefunden“, sagte Jonas, „und hattest Angst. Und dann…?“

Tim holte tief Luft. „Dann hab ich sie in meinen Ranzen getan. Nur kurz. Ich wollte nach der Schule fragen, wem sie gehört. Aber dann hat mich Herr Krüger im Flur gesehen, und ich dachte, er denkt wieder…“ Tim schluckte. „Also bin ich raus und hab sie später in den Laden gebracht. Ich dachte, wenn ich sage, ich hab sie vor dem Laden gefunden, ist es… sicherer.“

Mira flüsterte: „Aber warum fehlt mein Füller?“

Tim hob sofort den Kopf. „Ich hab ihn nicht genommen! Ehrlich! Ich hab nur…“ Er zögerte. „Ich hab reingeguckt. Nur um zu sehen, ob ein Name drin ist. Da war kein Zettel. Und dann ist mir der Anhänger abgerissen. Aus Versehen. Ich hab dran gezogen, weil er sich im Reißverschluss verfangen hat.“

Jonas nickte langsam. Das passte zu der verbogenen Öse.

„Und der Füller?“, fragte Jonas. „Wenn du ihn nicht hast, gibt's eine andere Möglichkeit.“

Tim schlug sein Buch zu. „Lea.“

Mira blinzelte. „Lea?“

Tim nickte. „Sie hat gestern in der Pause bei den Schließfächern rumgehangen. Sie hat gesagt, sie braucht dringend einen Füller, ihrer sei kaputt. Und…“ Er biss sich auf die Lippe. „Ich hab gesehen, wie sie was Grünes aus einem Ranzen gezogen hat. Ich dachte, sie nimmt ihren eigenen Kram. Dann hab ich das Ding… die Federtasche… da liegen sehen. Ich wollte nicht wieder Ärger.“

Jonas dachte nach. Das klang möglich. Aber er brauchte etwas Handfestes.

„Tim“, sagte Jonas, „hast du noch die Sachen von heute Morgen aus dem Laden?“

Tim wurde blass. „Welche Sachen?“

Jonas zeigte auf die Quittung, die er aus der Tasche zog. „Kugelschreiber, Radiergummi, Lineal. 08:12.“

Tim starrte die Quittung an, als wäre sie ein Mathetest. „Die ist von mir.“

Mira riss die Augen auf.

Tim hob die Hände. „Ich hab sie gekauft, weil Lea mich gebeten hat! Sie hat mir Geld gegeben. Sie hat gesagt, sie hat ihren Radiergummi verloren. Ich sollte das Set holen, weil sie zu spät dran war.“

Jonas setzte die Teile zusammen: Lea verliert Radiergummi, schickt Tim in den Laden, Lea braucht einen Füller, Lea hängt bei den Schließfächern, Mira verliert Federtasche, Tim findet sie, versteckt sie aus Angst, bringt sie in den Laden.

Es blieb eine Frage: Wo ist der Füller?

„Wir reden mit Lea“, sagte Jonas. „Aber ohne Anschreien. Wir stellen Fragen. Und wir geben ihr die Chance, es richtig zu machen.“

Tim sah ihn an, als hätte Jonas ihm gerade eine schwere Tasche abgenommen. „Und… ihr sagt keinem, dass ich sie im Ranzen hatte?“

Mira zog die Federtasche aus der Tüte. „Wenn du uns hilfst, meinen Füller zu finden, sag ich: Du hast sie zurückgebracht.“

Tim nickte heftig. „Okay. Ich helfe.“

Jonas spürte etwas, das besser war als ein gelöstes Rätsel: Es fühlte sich an wie… Fairness. Und vielleicht ein bisschen wie Teilen. Nicht von Stiften, sondern von Vertrauen.

Kapitel 6: Der Füller im Hinterzimmer

Lea fanden sie nach dem Unterricht vor dem kleinen Kiosk neben der Turnhalle. Sie kaute auf einem Brötchen und tat so, als wäre sie ganz entspannt. Nur ihre Finger kneteten die Serviette in winzige Fetzen.

Jonas trat zuerst vor. „Lea, wir haben eine Frage. Es geht um Miras Füller.“

Leas Augen flackerten. „Welcher Füller?“

Mira hielt ihre grüne Federtasche hoch. „Meine Federtasche war weg. Sie ist wieder da. Aber der Füller fehlt.“

Lea schluckte. „Dann… dann hat ihn jemand anderes.“

Tim trat neben Jonas. Seine Stimme war leiser als sonst. „Lea. Ich hab die Federtasche gefunden. Und… ich hab gesehen, dass du bei den Schließfächern warst.“

Lea wurde rot. „Na und? Ich darf da stehen!“

Jonas blieb ruhig. „Klar darfst du. Aber wir wollen das Problem lösen. Vielleicht hast du den Füller aus Versehen eingesteckt. Oder…“ Er ließ eine Pause. „…du brauchst ihn dringend und wusstest nicht, wie du fragen sollst.“

Lea riss die Augen auf. Für einen Moment sah sie nicht frech aus, sondern einfach nur klein.

„Ich…“, begann sie, dann brach sie ab.

Mira sagte leiser: „Wenn du ihn brauchst, hättest du fragen können. Ich teile. Echt.“

Lea starrte Mira an, als hätte sie gerade eine seltene Sprache gehört. „Du… teilst? Mit mir?“

„Ja“, sagte Mira. „Aber ich will ihn trotzdem zurück. Das ist mein Lieblingsfüller.“

Lea atmete zittrig aus. „Ich hab ihn nicht mehr bei mir.“

Jonas' Kopf war sofort wach. „Wo ist er dann?“

Lea zögerte. „Im Laden. Bei ‘Papier & Plan'.“

Tim stöhnte. „Was?“

Lea duckte sich. „Ich… ich hab ihn genommen. Nur kurz. Mein Füller war wirklich kaputt. Und ich hatte heute Deutsch, und ich hab so Angst vor Frau Hagedorn, wenn man ohne Füller kommt.“ Sie sah zu Mira. „Ich wollte ihn nach der Stunde zurücklegen. Aber dann hat mein Bruder mich angerufen, ich musste schnell weg, und… dann hatte ich ihn noch in der Tasche. Und dann bin ich am Laden vorbei und hab…“ Sie presste die Lippen zusammen. „…ich hab ihn in der Hinterstube in eine Kiste gelegt. Ich dachte, wenn ich ihn irgendwo hinlege, ist es nicht so schlimm wie ‘zurückgeben'.“

Jonas hob die Augenbrauen. „Das ist wie ein Pflaster auf ein Loch im Fahrradreifen. Sieht kurz gut aus, bringt dich aber nicht weit.“

Mira musste trotz allem kichern. Lea auch, ganz kurz.

„Komm“, sagte Jonas. „Wir gehen zusammen hin. Und wir holen ihn. Und dann sagen wir Frau Damm die Wahrheit. Nicht die ganze Welt, nur die Person, die es betrifft.“

Tim nickte. „Ich komm mit.“

Im Laden läutete ein kleines Glöckchen, als sie eintraten. Frau Damm sah auf. „Na, ihr Ermittler. Was gibt's?“

Jonas sagte: „Wir suchen einen Füller. Er wurde… in der Hinterstube abgelegt.“

Lea hob die Hand, als würde sie sich im Unterricht melden. „Ich war das. Es tut mir leid.“

Frau Damm musterte sie, dann nickte sie langsam. „Gut, dass du es sagst. Komm mit.“

In der Hinterstube war es wieder eng und ruhig. Frau Damm zog eine Kiste hervor. Zwischen Notizblöcken und Packpapier lag ein blauer Füller mit einem kleinen Kratzer am Clip.

Mira nahm ihn vorsichtig. „Da bist du ja.“

Lea sah zu Boden. „Ich kann's wiedergutmachen. Ich… ich kann dir einen neuen kaufen.“

Mira schüttelte den Kopf. „Ich will keinen neuen. Ich will, dass du nächstes Mal fragst.“

Lea nickte heftig. „Mach ich.“

Tim räusperte sich. „Und… sorry, dass ich's so komisch gemacht hab.“

Mira sah ihn an. „Du hast sie zurückgebracht. Und du hast geholfen. Das zählt.“

Jonas merkte, wie sich etwas in der Luft entspannte, als hätte jemand ein zu enges Gummiband gelöst.

Frau Damm lächelte. „Wisst ihr, was ich daran mag? Ihr habt nicht nur den Gegenstand gesucht, sondern auch den richtigen Weg.“

Jonas schob die Hände in die Taschen. „Wir haben versucht, das Problem zu lösen, ohne neue zu machen.“

Draußen, auf dem Gehweg, öffnete Mira ihre Federtasche. Sie sortierte die Stifte, steckte den Füller an seinen Platz und befestigte den Eulen-Anhänger wieder am Reißverschluss. Diesmal hielt er.

„Fall gelöst“, sagte Jonas.

Mira grinste. „Und was ist mit den Werten, Herr Detektiv?“

Jonas tat so, als würde er ein unsichtbares Notizbuch aufklappen. „Gelernt: Fragen ist besser als nehmen. Teilen ist besser als verstecken. Und…“ Er sah zu Tim und Lea. „…man kann Fehler korrigieren, wenn man ehrlich wird.“

Tim hob den grauen Ranzen hoch. „Und ich lerne: Ranzen sind schlechte Geheimverstecke.“

Lea lachte. „Vor allem, wenn da grüne Fäden dran hängen.“

Mira streckte die Federtasche hoch wie einen kleinen Pokal. „Und ich habe meine trousse wieder.“

Jonas nickte zufrieden. Der Alltag war wieder da. Aber ein bisschen anders. Weil jetzt alle wussten: Man kann zusammen denken, zusammen suchen und zusammen teilen. Und manchmal endet ein Rätsel nicht mit einer Strafe, sondern mit einem besseren Anfang.

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Ermittlerblick
Ein genauer Blick, mit dem man Hinweise und kleine Details entdeckt.
Pausenaufsicht
Erwachsene Person, die in der Schulpause auf die Kinder achtet.
Schließfächer
Kleine verschließbare Fächer in der Schule für Ranzen oder Sachen.
Quittung
Ein Zettel, der zeigt, dass man etwas gekauft hat.
Fundbüro
Ort in der Schule, wo verlorene Dinge gesammelt werden.
Hinterstube
Kleiner Raum hinter einem Laden, oft zum Lagern oder Arbeiten.
Sekretärin
Die Frau im Büro, die Briefe schreibt und Anrufe entgegennimmt.
Vorgedrängelt
Sich vor andere stellen, um schneller an die Reihe zu kommen.
Schleifspuren
Lange, dünne Spuren auf dem Boden, als ob etwas gezogen wurde.
Verbogen
Wenn etwas nicht mehr gerade ist, sondern gekrümmt oder gebogen.
Erkenntnisse
Neue Einsichten oder Dinge, die man nachdenken und lernen kann.
Verdächtig
So, dass etwas misstrauisch macht; man denkt, es könnte nicht richtig sein.

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