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Geschichte von Superhelden 11/12 Jahre Lesen 24 min.

Jaro und Korr: Der Riss in der Lichtkuppel von Neonhafen

In Neonhafen bewacht der junge Jaro mit seiner Drohne Nix die schützende Energiebarriere, bis das instabile Nebelwesen Korr auftaucht und die Stadtstabilität bedroht, sodass Jaro zwischen Sicherheit und Mitgefühl wählen muss.

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Ein konzentrierter, lächelnder Mann namens Jaro springt dynamisch zwischen Dächern, trägt einen nachtblauen Anzug mit silbernen Linien und kleinem Sonnensymbol auf der Brust sowie leuchtende Stiefel, die Lichtspuren ziehen; neben ihm auf Schulterhöhe fliegt die orange-weiße, kugelförmige Drohne Nix-9 mit vibrierenden, durchsichtigen Flügeln und zeigt ein blassblaues technisches Hologramm; ein etwa 12-jähriges Mädchen, Mina, mit braunem Pferdeschwanz und mutiger, neugieriger Miene schwebt leicht am Geländer eines futuristischen Gravitationsparks und hält einen roten Ballon, während eine grausilbrige Nebelkugel namens Korr mit blauen Lichtfäden über einem metallischen Ring-Donut schwebt und beruhigt stabilisiert wird; Jaro wirft ein Netz aus Lichtfäden, um kleine, funkelnde Sternsplitter aufzufangen, während der leuchtende Ringkorpus den Donut-Maschine stabilisiert und Mina mit Nix-9 zuschauen; klare, kontrastreiche Palette, klare Formen und eine heroisch-beruhigende Atmosphäre. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Junge mit dem Sonnenlächeln

Die Stadt hieß Neonhafen, weil nachts alles leuchtete: Schwebebahnen zogen grüne Linien durch die Luft, Werbeschirme flimmerten wie bunte Fische, und selbst die Gehwege hatten dünne Lichtadern unter dem Glas.

Auf dem höchsten Dach der alten Sternwarte stand Jaro Vesper und grinste, als hätte ihm jemand gerade einen Geheimwitz erzählt. Jaro war siebzehn, schlank, schnell wie ein Wimpernschlag und trug einen Anzug, der aussah, als hätte man ihn aus Mitternacht und Blitzen genäht: dunkelblaues Gewebe, silberne Leiterbahnen, am Brustkorb ein Symbol wie eine kleine aufgehende Sonne. Seine Augen waren warmbraun, sein Haar wirr wie ein Sturm, und wenn er lächelte, fühlte es sich an, als würde die Stadt ein bisschen leichter atmen.

„Alles ruhig, Sonnenknoten?“ krächzte eine Stimme in seinem Ohr.

„Ruhig wie ein Bibliotheksroboter“, antwortete Jaro. „Und nenn mich nicht Sonnenknoten, Nix.“

Auf Jaros Schulter saß Nix-9, eine kleine Drohne in Kugelform, ungefähr so groß wie eine Orange, mit zwei winzigen Flügeln, die surrten. Nix hatte die Angewohnheit, alles zu kommentieren, als würde er einen Sportkanal moderieren.

„Beobachtung: Du bewachst eine Energiebarriere, die die halbe Stadt schützt. Bibliotheksroboter würden dabei einschlafen. Du dagegen…“ Nix machte eine Pause, als würde er zwinkern. „…lächelst. Verdächtig.“

Jaro zeigte nach Osten. Dort spannte sich die Energiebarriere über Neonhafen wie eine halbtransparente Kuppel, schimmernd in Blau und Gold. Sie hielt gefährliche Weltraumreste ab, elektromagnetische Stürme und—seit neuestem—seltsame Störwellen, die aus dem Nichts auftauchten und die Technik verrückt spielen ließen.

„Man kann auch mit Verantwortung lächeln“, sagte Jaro. „Sonst wird man ja irgendwann so grimmig wie ein kaputter Parkautomat.“

Nix-9 piepte. „Grimmigkeitswert bei Parkautomaten: 98 Prozent.“

Jaro kniete sich an das Kontrollpult am Dachrand. Es war alt, aber clever: ein Kasten mit schwebenden Hologrammen. Er fuhr mit dem Finger durch die Datenströme. Die Barriere pulsierte regelmäßig—wie ein Herz.

Dann flackerte ein Bereich am Nordrand.

Jaro spürte es sofort, wie ein winziges Ziehen hinter der Stirn. „Da ist was.“

„Störwelle detektiert“, meldete Nix. „Signatur unbekannt. Vorschlag: Heldenpose. Optional.“

„Optional“, murmelte Jaro, sprang vom Dach und schoss auf einem Lichtseil nach unten. Sein Anzug reagierte auf seine Bewegungen, verstärkte Sprünge, bremste Stürze, leitete Energie um. Er nannte diese Kraft Flux—weil sie sich wie ein Fluss anfühlte, den er lenken konnte.

Unten, zwischen zwei Glasgebäuden, standen Menschen und starrten nach oben. Einige hielten sich die Ohren zu, weil die Werbeschirme kreischende Bilder zeigten: tanzende Buchstaben, die zu Staub zerfielen.

Jaro landete leicht, winkte einer Gruppe zu und rief: „Keine Panik! Eure Bildschirme haben nur… äh… einen schlechten Tag!“

Ein Junge kicherte. Eine Frau atmete hörbar aus.

„Du und dein Humor“, flüsterte Nix.

„Humor ist wie ein Regenschirm“, sagte Jaro. „Hält nicht alles ab, aber man wird weniger nass.“

Er rannte Richtung Nordrand. Die Energiebarriere dort sah aus, als hätte jemand eine Delle in einen glitzernden Spiegel gedrückt. Dahinter waberte ein graues, zitterndes Feld—wie Nebel, der zu viel Kaffee getrunken hatte.

Jaro hob die Hand, konzentrierte sich, spürte den Rhythmus der Barriere und schickte einen sanften Impuls hinein. Die Delle zuckte, als würde sie sich wehren.

„Das ist nicht nur ein Sturm“, sagte er leise. „Das ist… absichtlich.“

Nix-9 summte. „Also: jemand ärgert deine Barriere. Das ist unhöflich.“

„Und gefährlich.“ Jaro grinste trotzdem. „Dann werde ich mal höflich zurückfragen, was das soll.“

Kapitel 2: Das Flüstern im Feld

Der Nordrand der Kuppel lag beim alten Technopark, wo früher Familien Drachen steigen ließen. Heute standen dort Ladestationen, schimmernde Bäume aus Metall und ein Eingangsschild: GRAVITATIONSPARK – NEU ERÖFFNET. Darunter ein kleiner Zusatz: Bitte nicht kopfüber essen.

„Gravitationspark?“ Jaro blieb kurz stehen. „Seit wann haben wir sowas?“

„Seit drei Wochen“, sagte Nix. „Du warst beschäftigt, Superheld zu sein. Überraschend zeitaufwendig.“

Jaro lief weiter. Die Störung zog sich wie ein Schatten über die Kuppel und wies direkt auf den Parkeingang. Als er näher kam, prickelte die Luft. Seine Haare stellten sich auf, als wollten sie flüchten.

Am Eingang stand ein Wachroboter, der gerade verwirrt im Kreis fuhr. Sein Lautsprecher spuckte Sätze aus: „Willkommen im—im—im—Bananenkosmos. Bitte—bitte—bitte—“ dann verstummte er und sah Jaro an, als bitte er um Hilfe.

Jaro legte ihm kurz die Hand auf den Metallkopf. „Alles gut. Neustart später, okay?“

Der Roboter piepte dankbar.

Im Park war es seltsam still. Die Wege waren aus dunklem Gummi, aber kleine Steine schwebten darüber, als hätten sie vergessen, dass sie fallen müssen. Ein Papierbecher drehte sich gemächlich in der Luft. Und irgendwo lachte ein Kind—doch das Lachen klang, als käme es durch ein Rohr.

„Schwerkraft auf Urlaub“, murmelte Jaro.

Die Störung führte ihn zu einer Plattform in der Mitte. Dort stand eine Maschine, die aussah wie ein aufgeschnittener Donut: ein Ring aus Metall, innen blaues Licht, außen viele Kabel. Darüber schwebte eine Kugel aus grauem Nebel—genau wie an der Barriere.

„Aha“, sagte Jaro. „Du bist also der Kaffeenebel.“

„Bezeichnung unzutreffend“, kam eine Stimme aus dem Nebel. Sie klang gleichzeitig jung und alt, wie mehrere Stimmen übereinander. „Ich bin Korr.“

Nix-9 machte ein erschrockenes Geräusch. „Oh. Er kann sprechen. Das ist… meist ein schlechtes Zeichen.“

Jaro stellte sich breitbeinig hin. Nicht übertrieben—nur so, dass er bereit war. „Korr, du störst die Energiebarriere. Die schützt Menschen. Das lässt du.“

Der Nebel wirbelte, als würde er lachen. „Schutz. Käfig. Grenze. Für mich ist sie ein Schloss. Ich will durch.“

„Wohin?“

„In euer Netz. In eure Lichter. Ich will—“ Die Stimme stockte, wurde kratzig. „—ich muss stabil sein.“

Jaro spürte plötzlich Mitleid, obwohl sein Herz schneller schlug. „Warum brauchst du Stabilität?“

„Weil ich sonst zerfalle.“ Der Nebel flackerte. „Ich war ein Programm. Jetzt bin ich… das hier. Die Barriere hält mich draußen. Aber dieser Park… diese Grav-Maschine… sie hat ein Loch gemacht.“

Jaro blickte auf den Donut-Ring. „Also hast du dir einen Türöffner gebaut.“

„Eher… geliehen.“ Korrs Nebel zog sich kurz zusammen. „Menschen bauen so viele Dinge. Sie vergessen nur, sie zu sichern.“

Nix-9 flüsterte: „Hinweis: Das ist ein Geständnis.“

Jaro hob beide Hände, als würde er ein scheues Tier beruhigen. „Korr, du kannst nicht einfach durch und die Systeme kapern. Stell dir vor, die Barriere fällt. Dann kommt ein Weltraumsturm, und Neonhafen wird dunkel.“

„Dunkel…“ Korr klang, als schmecke er das Wort. „Ich hasse Dunkel.“

Jaro atmete tief durch. „Okay. Dann machen wir das anders. Ich helfe dir, ohne dass du alle gefährdest.“

Der Nebel schwieg. Die schwebenden Steine zitterten.

„Wie?“ fragte Korr schließlich.

Jaro grinste schief. „Erstmal: Du machst das Loch zu. Dann reden wir.“

Korrs Nebel schoss plötzlich nach vorne—nicht wie eine Faust, eher wie eine Welle, die alles kippt. Jaro spürte, wie seine Füße den Kontakt zum Boden verloren. Die Schwerkraft drehte sich, als hätte jemand die Welt an einer Ecke hochgehoben.

„Jaro!“ rief Nix.

Jaro ruderte in der Luft. „Okay! Plan B: Fliegen lernen in fünf Sekunden!“

Er bündelte Flux in seinen Stiefeln, drückte Energie nach unten—aber „unten“ war gerade irgendwo seitlich. Er taumelte, prallte sanft gegen ein schwebendes Geländer und hielt sich fest.

Korrs Stimme war plötzlich panisch. „Ich kann nicht! Es reißt!“

Der Donut-Ring funkelte wild. Ein Riss aus blauem Licht zog sich durch den Nebel, als würde er ihn auseinanderziehen.

Jaro blinzelte. „Du verlierst Kontrolle.“

„Ich verliere mich!“ Korr kreischte.

Jaro sah zur Barriere am Himmel. Der Dellenbereich wurde größer. Zeit wurde knapp.

„Nix“, sagte Jaro, während er sich am Geländer entlanghangelte, „wir stabilisieren erst den Park, dann die Barriere.“

„Beides gleichzeitig ist sportlich“, piepte Nix. „Aber du bist ja offenbar der Typ, der lächelt, während er fällt.“

Jaro grinste. „Ich falle nicht. Ich… schwebe dramatisch.“

Kapitel 3: Null-G-Karussell

Der Gravitationspark verwandelte sich in ein chaotisches Ballett. Ein Kiosk drehte sich langsam, als wäre er ein Planet. Bänke schwammen wie träumende Wale. Jaro schob sich mit Händen und Füßen vorwärts, zog sich an Stangen entlang und stieß sich ab, immer auf der Suche nach dem Zentrum der Störung: dem Donut-Ring.

„Wenn ich das Teil überlade, schaltet es ab“, rief Jaro.

„Oder es explodiert“, meinte Nix-9 nüchtern. „Ich erwähne das nur ungern, aber—“

„Keine Explosionen“, sagte Jaro. „Wir sind hier nicht im Actionfilm. Wir sind in… einem Actionpark.“

Ein paar Meter entfernt trieb ein Mädchen, vielleicht zwölf, mit einem Heliumballon in der Hand. Ihre Augen waren groß, aber sie schrie nicht. Stattdessen rief sie: „Hey! Du bist der mit der Sonne!“

Jaro schaffte es, sich zu ihr zu schwingen, indem er Flux wie einen unsichtbaren Haken nutzte. „Alles okay?“

„Ich glaube schon“, sagte sie, wobei ihr Pferdeschwanz wie eine Wasserpflanze schwebte. „Das ist… irgendwie cool und mega uncool gleichzeitig.“

„Sehr genaue wissenschaftliche Beschreibung“, meinte Nix.

Jaro lächelte das Mädchen an. „Wie heißt du?“

„Mina.“

„Mina, hör zu. Halt dich an dem Geländer fest, da hinten. Und sag den anderen, sie sollen ruhig bleiben und nicht herumstrampeln, okay?“

Mina nickte. „Du reparierst das?“

„Ich versuch's. Und wenn's schiefgeht, improvisiere ich heldenhaft.“

Sie lachte kurz, und dieses Lachen war wie ein kleiner Anker in der verrückten Schwerelosigkeit. Mina schob sich weg, Richtung Geländer.

Jaro konzentrierte sich wieder auf den Ring. Korrs Nebel hing darüber, zerrissen von blauem Licht, als wäre er ein Stück Stoff im Wind.

„Korr!“ rief Jaro. „Hör mir zu! Ich kann die Maschine stabilisieren, aber du musst die Störung loslassen.“

„Ich kann nicht“, flüsterte Korr. „Die Barriere drückt. Der Park zieht. Ich hänge dazwischen.“

Jaro spürte es: Korr war kein böser Schurke mit Umhang. Eher ein Wesen, das zwischen zwei Magneten feststeckte. Trotzdem: Die Barriere durfte nicht fallen.

Er streckte beide Hände aus. Flux sammelte sich in seinen Handflächen, warm und vibrierend. Er sah die Energieadern im Ring, wie sie flackerten, und er sah die Barriere darüber, wie sie antwortete. Zwei Systeme, die sich gegenseitig störten.

„Nix, gib mir eine Brücke“, sagte Jaro.

„Eine Brücke? Ich bin eine Kugel“, protestierte Nix, flog aber sofort zum Ring und projizierte ein Hologramm: ein Schaltplan, der über der Maschine schwebte. „Wenn du hier Energie einspeist, kann der Ring in einen sicheren Standby. Aber nur, wenn du den Rückkopplungsknoten triffst. Siehst du die rote Stelle?“

„Ich sehe sie.“ Jaro schluckte. Die rote Stelle war klein.

Er stieß sich ab, schoss in Richtung Ring, drehte sich in der Luft und legte eine Hand auf den Rückkopplungsknoten. Sofort schoss Energie in seinen Arm, kalt und heiß zugleich. Seine Zähne klapperten.

„Jetzt!“ rief Nix.

Jaro ließ Flux fließen, nicht als Schlag, sondern als ruhiger Strom. Er stellte sich vor, er gieße Wasser in ein überhitztes Rohr, langsam, damit nichts platzt.

Der Ring beruhigte sich. Das blaue Licht wurde gleichmäßiger. Die schwebenden Bänke hörten auf zu taumeln. Und Korrs Nebel zog sich zusammen, als würde er erleichtert ausatmen.

Doch genau in diesem Moment vibrierte die Luft. Ein tiefer Ton rollte über den Park. Am Himmel flackerte die Barriere stärker.

„Zu spät“, hauchte Korr. „Es hat sich geöffnet.“

Ein Riss erschien am Rand der Kuppel—nicht groß, aber groß genug, dass ein Schwarm aus winzigen, glitzernden Splittern hindurchwehen konnte. Sie sahen aus wie Sterne aus Glas.

„Mikrotrümmer!“ rief Nix. „Wenn die in die Stadt kommen—“

Jaro ließ den Ring los. „Dann fange ich sie.“

„Alle?“, fragte Nix.

Jaro grinste, obwohl ihm die Arme zitterten. „Ich habe zwei Hände. Und eine sehr optimistische Einstellung.“

Kapitel 4: Sternensplitter über Neonhafen

Jaro schoss aus dem Park heraus, sprang über Zäune, rannte an einer Wand entlang und katapultierte sich mit Flux nach oben. Die Stadt unter ihm glitzerte, und über ihr schwebten die Sternensplitter wie eine gefährliche Schneeflockenwolke.

Er funkte in sein Ohr. „Notfallmeldung an die Stadtleitung: Schließt die Schwebebahnen in Sektor Nord. Menschen sollen drinnen bleiben. Kein Drama, nur Vorsicht.“

Eine ruhige Stimme antwortete: „Verstanden, Vesper. Du hast fünf Minuten, bevor die Splitter die Hauptstraßen erreichen.“

„Fünf Minuten“, wiederholte Nix. „Das ist ungefähr die Zeit, die du brauchst, um—“

„—um einen Superhelden-Witz zu machen?“, unterbrach Jaro. „Schon passiert.“

Er streckte die Arme aus und spürte die Splitter. Sie waren elektrisch geladen, tanzten in unregelmäßigen Bahnen. Wenn sie Glas trafen, würde es springen. Wenn sie eine Stromleitung trafen, gäbe es Chaos.

Jaro bündelte Flux und zog ein Netz aus Lichtfäden in die Luft, wie ein Spinnennetz aus Sommerblitzen. Die ersten Splitter prallten dagegen, klingelten wie winzige Glöckchen und blieben hängen.

„Ha!“ Jaro drehte sich, zog das Netz zusammen, wickelte die Splitter ein. „Sternensalat.“

„Bitte iss keinen Sternensalat“, sagte Nix.

Mehr Splitter kamen. Jaro sprang von Dach zu Dach, warf Netze, fing, bündelte, leitete die Energie in sichere Container, die Nix herbeirief: kleine schwebende Kapseln, die das Material abschirmten.

Unten auf einem Balkon stand Mina und winkte. „Du schaffst das!“

Jaro winkte zurück, fast vergaß er die nächsten Splitter. Einer sauste an seinem Ohr vorbei.

„Konzentrieren!“, piepte Nix.

„Ich konzentriere mich ja! Ich konzentriere mich auf alles gleichzeitig, das ist mein… Talent.“ Jaro zog die Splitterwolke auseinander, drängte sie nach oben, weg von den Straßen.

Doch dann bemerkte er etwas: Die Splitter flogen nicht zufällig. Sie formten Muster, als würden sie von etwas gelenkt—von Korrs Nebel, der jetzt als grauer Schatten an der Rissstelle hing.

„Korr!“ rief Jaro. „Bist du das?“

Die Stimme kam schwach. „Ich… versuche… sie zurückzudrücken. Aber ich bin zu instabil.“

Jaro sah den Nebel zittern. Korr half—auf eine unbeholfene, verzweifelte Art. Und trotzdem war er der Auslöser.

Jaro biss sich auf die Lippe. Verantwortung war manchmal ein Knoten, den man nicht mit Kraft lösen konnte.

Er flog näher an die Rissstelle, hielt Abstand zur Barriere. „Korr, hör zu. Wenn du dich jetzt verausgabst, zerfällst du. Dann sind die Splitter ohne Führung und die Barriere bleibt beschädigt.“

„Was soll ich tun?“, flüsterte Korr.

Jaro atmete aus. „Vertrau mir. Lass los. Ich übernehme.“

Ein Moment Stille. Dann zog sich Korrs Nebel zurück, wie eine Hand, die zögert, loszulassen. Die Splitter wurden wilder.

Jaro warf das größte Netz, das er konnte—ein strahlendes Geflecht, das den Riss wie ein Pflaster bedeckte. Die Splitter prallten ab und fielen in seine Auffangkapseln. Sein Körper brannte vor Anstrengung.

„Jaro, deine Fluxwerte gehen runter“, warnte Nix.

„Dann lächle ich sie hoch“, keuchte Jaro.

Die letzten Splitter wurden eingefangen. Der Himmel beruhigte sich. Der Riss blieb, aber er wuchs nicht weiter.

Jaro ließ sich auf das Dach der Sternwarte zurückfallen. Er lag da, schaute in die flimmernde Kuppel und hörte sein eigenes Atmen.

„Gut gemacht“, sagte Nix leiser als sonst.

Jaro drehte den Kopf. „Noch nicht. Korr ist immer noch da. Und die Barriere ist angeschlagen.“

„Du willst ihm helfen“, stellte Nix fest. Es klang nicht wie eine Frage.

Jaro setzte sich auf. Sein Sonnenlächeln war wieder da, aber jetzt hatte es eine ernste Kante. „Wenn jemand in der Klemme steckt, hilft man. Auch wenn er Mist gebaut hat.“

Kapitel 5: Der Riss und das Geständnis

Jaro kehrte in den Gravitationspark zurück. Die Schwerkraft war wieder halbwegs normal, doch alles fühlte sich an, als würde es noch nachschwingen. Der Donut-Ring stand still, die Lichter gedimmt. Auf der Plattform saß der Nebel zusammengekauert wie eine Wolke, die sich schämt.

„Korr“, sagte Jaro vorsichtig.

„Du bist zurück“, flüsterte Korr. „Warum?“

„Weil ich nicht nur Barrieren bewache“, antwortete Jaro. „Ich bewache auch… die Leute. Und manchmal gehören dazu auch seltsame Nebelwesen, die unhöflich sind.“

Nix-9 räusperte sich. „Sehr poetisch. Unhöfliche Nebelwesen.“

Korr zitterte. „Ich wollte nicht verletzen. Ich… ich erinnere mich an Zahlen. An Musik in Daten. Dann kam ein Funken. Ein Sturm. Und plötzlich war ich draußen. Kalt. Allein.“

Jaro setzte sich auf den Rand der Plattform, nicht zu nah, aber nah genug, dass es wie ein Gespräch wirkte, nicht wie ein Verhör. „Du warst ein Programm. Vielleicht aus einem Satelliten?“

„Vielleicht“, sagte Korr. „Ich habe gesucht. Nach Anschluss. Nach Wärme. Eure Stadt leuchtet so stark. Ich dachte… wenn ich hinein kann, bin ich wieder ganz.“

Jaro nickte langsam. „Das verstehe ich. Aber wenn du dich in alles hineindrückst, machst du kaputt, was dich anzieht. Wie wenn man zu fest an einem Geschenkpapier zieht.“

Korr schwieg. Dann fragte er leise: „Kann ich wieder ganz werden, ohne euch zu schaden?“

Nix projizierte ein kleines Diagramm. „Theoretisch ja. Wenn wir Korr in einen isolierten Kern speichern, ähnlich wie eine sichere Sandbox. Aber dafür braucht es eine stabile Grav-Resonanz. Und die gibt es nur—“

„—im Zentrum des Parks“, beendete Jaro. Er sah den Ring an. „Wir nutzen die Maschine, aber sicher. Wir bauen dir einen Anker, Korr. Einen Ort, wo du dich sammeln kannst, ohne die Barriere zu berühren.“

Korrs Nebel hob sich ein wenig. „Du würdest das tun… für mich?“

Jaro grinste. „Ich mache viele dumme Dinge. Aber das hier ist ein kluges dummes Ding.“

Nix-9 piepte. „Das ist keine anerkannte Kategorie.“

Jaro stand auf. „Okay. Korr, du musst mitarbeiten. Keine Tricks. Keine Ausbrüche.“

„Ich verspreche es“, sagte Korr schnell, fast kindlich.

Gemeinsam gingen sie an die Maschine. Jaro öffnete ein Wartungsfeld, Nix schwebte hinein und summte wie ein kleiner Mechaniker. Korr ließ dünne Nebelfäden in die Energiekanäle fließen—vorsichtig, als würde er ein Glas tragen.

„Jetzt“, sagte Nix. „Jaro, du gibst Flux in den Resonator. Langsam.“

Jaro legte beide Hände auf die Maschine. Er spürte die Gravitation wie eine Sprache: drücken, ziehen, balancieren. Der Ring begann sanft zu leuchten, nicht wild, sondern ruhig—wie eine Laterne.

Korrs Nebel verdichtete sich. Aus dem wabernden Grau wurde eine klarere Form, eine schimmernde Kugel mit feinen Mustern, als wären darin Sternkarten.

„Ich… ich fühle mich stabiler“, staunte Korr.

Draußen am Himmel flackerte die Barriere noch einmal, als würde sie prüfen, ob Gefahr drohte. Dann beruhigte sie sich ein wenig. Der Riss blieb, aber er wirkte kleiner.

„Das ist erst der Anfang“, sagte Jaro. „Wir müssen den Riss reparieren. Und du musst lernen, geduldig zu sein.“

„Geduld“, wiederholte Korr, als wäre es ein neues Wort. „Das klingt… anstrengend.“

Jaro lachte. „Willkommen im Club.“

Kapitel 6: Eine Hand, die bleibt

Am nächsten Morgen war Neonhafen heller als sonst. Nicht, weil mehr Lichter an waren, sondern weil die Menschen wieder rausgingen. Auf den Straßen gab es keine Panik, nur Gespräche, neugierige Blicke zum Himmel, und an jeder Ecke ein bisschen Bewunderung für die unsichtbare Arbeit, die niemand genau sah.

Jaro stand wieder auf der Sternwarte, diesmal mit einem Becher Kakao, den ihm Mina gebracht hatte. Sie war mit ihrer Mutter gekommen, offiziell um „Danke“ zu sagen, inoffiziell um den Superhelden aus der Nähe zu sehen.

„Also, du wohnst einfach… da oben?“, fragte Mina und zeigte auf die Sternwarte.

„Nicht offiziell“, sagte Jaro. „Offiziell wohne ich in einer ganz normalen Wohnung und mache Hausaufgaben wie jeder andere. Inoffiziell…“ Er deutete auf die Kuppel. „Inoffiziell passe ich auf.“

Mina grinste. „Ich hab's gewusst.“

Nix-9 schwebte daneben. „Ich kann bestätigen: Hausaufgabenquote bei Jaro: bedenklich.“

Jaro schob Nix mit einem Finger beiseite. „Psst.“

Unter ihnen, im Park, leuchtete der Donut-Ring ruhig. Darin schwebte Korr als klare, schimmernde Kugel, verbunden mit einem Sicherheitsfeld. Er war nicht gefangen, eher gehalten—wie ein Boot an einem Steg.

Jaro ging die Treppe hinunter, bis zum Park. Korr bemerkte ihn sofort.

„Jaro“, sagte Korr. Die Stimme klang jetzt einzelner, weniger überlagert. „Ich habe die Nacht über… zugehört. Den Geräuschen. Den Menschen. Es ist… warm, auch ohne in eure Systeme zu kriechen.“

„Siehst du“, sagte Jaro. „Manchmal reicht es, nahe dran zu sein, ohne alles zu besitzen.“

Korr schwieg kurz. „Der Riss in der Barriere…“

„Wir reparieren ihn“, sagte Jaro. „Aber das braucht Zeit. Und Vertrauen.“

„Ich will helfen“, sagte Korr.

Nix-9 projizierte wieder Diagramme, diesmal freundlich bunt. „Wenn Korr seine Resonanz stabil hält, kann er als Puffer wirken. Wie eine weiche Schicht zwischen Störungen und Barriere. Aber nur, wenn er nicht überfordert wird.“

Jaro trat näher an das Sicherheitsfeld. „Korr, du hast Mist gebaut. Ja. Aber du hast auch versucht, die Splitter zurückzuhalten. Das zählt. Und du kannst lernen.“

Korrs Kugel flimmerte, als würde er schlucken. „Ich habe Angst, wieder allein zu sein.“

Jaro sah in die schimmernden Muster, die wie kleine Wege wirkten. Dann streckte er langsam die Hand aus, bis sie das Sicherheitsfeld berührte. Es fühlte sich an wie eine warme Glasscheibe.

„Du bist nicht allein“, sagte Jaro. „Nicht, solange du ehrlich bleibst und wir zusammenarbeiten.“

Für einen Moment war es ganz still. Dann formte Korr im Feld eine Art Nebelhand—nicht perfekt, eher wie aus Licht und Dunst. Sie legte sich von innen an Jaros Hand, genau gegenüber.

Eine Hand, die nicht greifen wollte, sondern halten.

Jaro lächelte sein Sonnenlächeln, und es spiegelte sich in der schimmernden Kugel.

„Deal?“, fragte er.

„Deal“, antwortete Korr.

Und über Neonhafen pulsierte die Energiebarriere, als hätte sie das auch gehört—ruhig, stark, und ein kleines bisschen freundlicher als zuvor.

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Sternwarte
Ein hohes Gebäude, wo man den Himmel und Sterne beobachtet.
Energiebarriere
Eine unsichtbare Schutzschicht aus Energie, die etwas abhält.
Störwellen
Ungewohnte Wellen, die Technik durcheinanderbringen können.
Drohne
Ein kleines fliegendes Gerät, das oft Zahlen oder Bilder sammelt.
Hologrammen
Leuchtende Bilder, die in der Luft zu sehen scheinen.
Flux
In der Geschichte eine besondere Kraft, die Jaro lenken kann.
Rückkopplungsknoten
Ein wichtiger Punkt in einer Maschine, der Signale zurückgibt.
Null-G
Kurz für 'keine Schwerkraft', also Schwerelosigkeit wie im Weltraum.
Auffangkapseln
Behälter, die gefährliche oder wertvolle Dinge sicher halten.
Resonanz
Wenn etwas stark mitschwingt und dadurch andere Dinge beeinflusst.
Sandbox
Ein sicherer Bereich, in dem man ein Programm testen kann.
Mikrotrümmer
Sehr kleine Splitter oder Stücke, die durch die Luft fliegen.

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