1. Die Vorbereitungen
Emma ist sechs Jahre alt und liebt Halloween. Sie freut sich schon seit Tagen auf das Fest. Draußen rascheln bunte Blätter, der Wind weht kühl und es riecht nach Herbst. In Emmas Zimmer stehen Kürbisse mit lustigen Gesichtern. Auf ihrem Schreibtisch wartet ihre selbstgebastelte Hexenhut-Mütze, die ein wenig schief ist, aber Emma findet sie wunderbar.
Emma weiß: In diesem Jahr will sie etwas ganz Besonderes machen. Sie möchte jemandem an Halloween eine Freude bereiten, richtig zum Lachen bringen. Doch wen? Und wie?
Ihr kleiner Bruder Leo ist zu klein, Mama und Papa lachen sowieso ganz viel. Da fällt Emma die schüchterne Nachbarin Frau Schröder ein. Sie wohnt allein und öffnet nur selten ihre Tür. Emma findet, dass Frau Schröder ein Lachen ganz fest gebrauchen kann.
2. Der große Plan
Emma zieht ihren bunten Strumpfhosen an, den Hexenhut auf und malt sich mit Mamas Lippenstift ein krummes rotes Grinsen ins Gesicht. Dann bastelt sie einen Zauberstab aus einem alten Holzlöffel, den sie mit silbernem Glitzer beklebt. Pssst – er glitzert fast so schön wie die Sterne über ihrem Bett.
In der Tasche hat Emma kleine Gespenster aus Papier, die wackeln lustig, wenn man sie am Faden zieht. Dazu kommen noch ein paar Bonbons in orangem Papier. Aber das Tollste: Emma hat einen Quatsch-Reim auswendig gelernt, den sie gleich aufsagen will.
Leise schleicht Emma durchs Haus. In der Küche kocht Papa Suppe, in Leos Zimmer kichert es leise. Emma kichert auch, schon ganz aufgeregt. Sie fühlt sich ein bisschen wie eine richtige Hexe – eine freundliche natürlich. Durch das Fenster sieht sie draußen dünne Nebelschwaden tanzen. Die Welt ist ein wenig geheimnisvoll heute.
3. Die Mutprobe
Emma steht vor Frau Schröders Tür. Ihr Herz klopft wie wild. Sie hört den Wind heulen und irgendwo klappert eine lose Dachrinne. Ein paar mutige Spinnen krabbeln an der Wand entlang. Sie denkt: Hexen sind mutig – und sie auch!
Sie klingelt – dingdong! Nichts passiert. Noch einmal – dingdong! Da gibt die Tür ein leises Knarren von sich. Ein Spalt öffnet sich, ein Auge blinzelt hervor. Hinter Frau Schröder scheint nur Dunkelheit zu sein.
Emma winkt mit ihrem Zauberstab, zieht eine Grimasse und hebt die Stimme: „Hicks, Hacks, Hexengeschrei, der Kürbis lacht und ist dabei!“
Sie macht einen Tänzchen mit den Füßen, wedelt mit der Nasenspitze und zieht ein Papier-Gespenst aus der Tasche. Das Geisterchen wackelt hin und her. Emma macht „buuhuu!“ dazu – aber ganz leise und lieb.
Frau Schröder sieht erstaunt aus. Dann rutscht ihr ein kleines Lächeln übers Gesicht. Emma merkt, dass sie jetzt mutig weiter machen kann. Sie reicht die orangenen Bonbons rüber und flüstert: „Süßes oder Saures! Aber lieber süß!“
4. Lachen im Dunkeln
Das Lächeln wird größer. Frau Schröder öffnet die Tür ein kleines Stück weiter. Drinnen riecht es nach Tee und Apfel. Emma findet, dass das ein ziemlich guter Duft ist.
Jetzt kommt Emmas Quatsch-Reim. Sie räuspert sich und sagt:
„Drei kleine Spinnen auf einem Bein,
hüpfen zum Hexenfest herein.
Die eine lacht, die andre heult,
die dritte hat sich voll verkleidet!
Sie trägt einen Hut, wie ich ihn hab,
und tanzt im Hausflur einen Trab!“
Frau Schröder lacht! Erst ganz leise, dann immer mehr. Ihr Lachen ist wie leises Klingeln, das von der Tür bis auf die Straße weht. Auch Emma muss jetzt kichern, und sogar der Zauberstab kitzelt sie an der Nase, als hätte er ein Eigenleben.
Frau Schröder sagt kein Wort, aber ihre Augen leuchten. Sie macht die Tür noch ein Stück weiter auf und gibt Emma einen warmen Schokoladenkeks.
Emma isst den Keks und findet, dass er nach Zauberei schmeckt. Und nach Freundschaft. Sie sitzt mit Frau Schröder auf der Türschwelle, und sie teilen sich die Bonbons. Es ist ein bisschen dunkel, aber überhaupt nicht gruselig. Im Gegenteil: Alles fühlt sich so warm und fröhlich an, dass Emma ein kleines Lied summt.
5. Zusammen singen
Emma und Frau Schröder hören den Wind, der draußen um die Häuser pfeift. Nur das Kichern im Hausflur ist zu hören. Ein paar Blätter tanzen vor der Tür. Emma hat die Idee, Frau Schröder ihr Lied vorzusingen, das sie für Leo immer vor dem Einschlafen singt.
Sie singt ganz leise:
„Im Hexenwald, so dunkel und sacht,
da tanzt ein Kürbis und lacht.
Der Wind ist leise, das Licht ist klein,
doch wir sind fröhlich, wir sind nicht allein.
Gespenster und Hexen, sie singen im Chor,
Freundschaft und Freude, die kommen hervor!“
Frau Schröder summt mit, erst zaghaft, dann lauter. Emma fühlt sich ganz geborgen. Sie weiß: Heute hat sie nicht nur jemanden zum Lachen gebracht, sondern auch eine neue Freundin gewonnen.
Als Emma nach Hause geht, hat sie Herzklopfen, aber kein bisschen Angst mehr. Ihr Hexenhut wackelt fröhlich, und sie denkt: Halloween ist nicht nur zum Gruseln da – sondern auch zum Freundlichsein und Lachen.
Draußen tanzen die Schatten, die Sterne blinken am Himmel. Jeder Stern erinnert Emma an ein Lachen, das sie verschenkt hat. Und sie weiß: Das war das schönste Halloween von allen.