Teil 1: Die kleine Aufgabenliste
Lina zog ihren orange-schwarzen Umhang an. Die Spitze ihres Hexenhuts wippte, als sie vor dem Spiegel sprang. Heute war Halloween. Ihre Mama gab ihr den kleinen, grünen Notizblock. "Deine Aufgabe, Lina", sagte sie lächelnd, "schreib das Datum von Halloween in deinen Heftchen. Es ist wichtig, damit du dich später daran erinnerst."
Lina nickte. Sie war fünf Jahre alt und liebte Abenteuer. In ihrem Kopf raschelten Ideen wie Blätter im Wind. Sie setzte sich an den Küchentisch. "Wie schreibt man das Datum?" murmelte sie. Mama zeigte mit einem Finger: "31. Oktober. Du kannst es bunt machen."
Lina nahm den Stift. Doch draußen raschelte etwas im Garten. Ein leises Kichern, das vielleicht von den bunten Blättern kam oder von einem kleinen Windgeist. Lina stellte sich vor, wie die Blätter in winzigen Kostümen herumtanzten. Sie grinste und flüsterte: "Ich bin mutig. Ich schreibe das Datum auf."
Gerade als sie anfangen wollte, klingelte es an der Tür. Draußen stand Tom, ihr bester Freund. Er hatte einen Superheldenumhang und eine Mütze mit glitzernden Sternen. "Trick or Treat!", rief er fröhlich. "Hast du auch eine Mission?"
Lina hielt ihren Notizblock hoch. "Ich muss 31. Oktober schreiben. Und ich will Süßes teilen." Tom staunte. "Das ist eine wichtige Mission. Lass uns zusammen losgehen!" sagte er.
Mama gab Lina eine kleine Laterne mit einem freundlichen Gesicht. "Sie leuchtet euch den Weg", sagte sie. "Und denkt daran: seid nett zu allen. Manchmal haben sich Leute verkleidet, aber sie sind trotzdem freundlich."
Lina nickte. Sie fühlte sich wie eine kleine Heldin mit einem Zauberstift.
Teil 2: Der geheime Garten und die flüsternden Kürbisse
Die Kinder liefen durch die Straße. Aber es war nicht nur eine Straße – es war eine Straße voller Geheimnisse. Lichter blinkten in orange und lila. Eine Katze mit einer winzigen Hexenmütze saß auf einem Zaun und schnurrte, als würde sie die Geschichte hören.
Als sie an einem alten Zaun kamen, entdeckten sie ein kleines Tor, halb offen. Dahinter lag ein Garten, den Lina noch nie gesehen hatte. Auf den Beeten standen Kürbisse mit fröhlichen und schüchternen Gesichtern. Einer der Kürbisse hatte eine Brille aus Efeu. "Hallo", flüsterte der Kürbis überraschend leise. "Ihr müsst das Datum finden."
Lina erschrak ein bisschen, hielt aber die Laterne fest. "Wie meinst du das?" fragte sie mutig.
Der Kürbis mit der Brille grinste. "Im Garten verstecken sich Zahlen. Findet die drei Zahlen, dann wisst ihr, wie man den 31. Oktober schreibt." Ein anderer Kürbis kicherte und ließ ein kleines Blätter-Konfetti regnen.
Tom kniete sich nieder und sah zwischen den Blättern nach. "Da ist eine Drei!", rief er und zeigte auf einen Stein, auf dem eine gemalte 3 lag. Lina hüpfte vor Freude. "Und dort ist eine Eins!", entdeckte sie, als ein Windblatt die Form einer 1 zeigte. Beide Zahlen funkelten im Laternenlicht.
Sie suchten weiter. Hinter einem Busch, versteckt unter einem Hütchen, fand Lina eine kleine Karte mit dem Wort "Oktober". "Oh!", sagte Lina. "Das ist das Wort!" Sie klatschte in die Hände. Die Kürbisse jubelten leise, und das Tor schloss sich ein Stückchen zu, als wollte es sagen: Gut gemacht.
Doch plötzlich begann es zu nieseln. Die Laterne flackerte. Ein Schatten bewegte sich zwischen den Bäumen. Lina hielt Toms Hand fest. "Wir sind zusammen", flüsterte Tom. Ein leises Rascheln antwortete wie ein freundliches "Kuckuck".
Aus dem Schatten trat eine Gestalt mit einem langen Umhang. Die Kinder hielten den Atem an. Die Gestalt bückte sich und zeigte ein Lächeln – es war Frau Lila, die Nachbarin, verkleidet als freundliche Fledermaus. "Ihr habt die Zahlen gefunden", sagte sie. "Ich passe auf den Garten auf. Manchmal spiele ich Streiche, aber nur welche, die niemanden erschrecken, der sich einsam fühlt."
Lina lächelte. "Wir müssen das Datum in mein Heft schreiben." Sie zeigte stolz ihren Block. Frau Lila nickte. "Das ist eine schöne Mission. Toleranz heißt auch, freundliche Streiche zu verstehen. Nicht jeder lacht gleich, aber jeder kann lächeln."
Mit Frau Lilas Hilfe und dem Flüstern der Kürbisse gingen Lina und Tom zur kleinen Bank. Dort öffnete Lina ihre Seite. Die Laterne warf warme Schatten auf das Papier. Langsam schrieb sie: "31. Oktober." Sie malte kleine Sterne und Blätter darum. Tom zeichnete eine Sternenmütze neben das Datum. Die Kürbisse klatschten mit ihren Blattarmen.
Teil 3: Süßes Teilen und ein letztes Kuckuck
Mit dem Datum im Heft fühlte Lina sich wie eine Hüterin der Erinnerungen. Sie steckte den Block zurück in ihre Tasche und reichte Tom einen Schokoriegel. "Teilen macht alles besser", sagte sie. "Man fühlt sich so warm."
Auf ihrem Weg begegneten sie Mia, ein Mädchen mit einem Halb-Geist-Halbhund-Kostüm. Mia sah traurig aus. "Ich habe meine Maske verloren", sagte sie leise. Ihre Stimme zitterte. Lina setzte sich neben sie und zeigte das Heft. "Willst du helfen, die Maske zu suchen?" fragte sie freundlich.
Die drei suchten unter Blättern, zwischen Kürbissen und hinter Laternen. Schließlich fand Tom die Maske auf einem kleinen Ast, wo sie wie ein Blatt hing. Mia umarmte die Maske und dann umarmte sie Lina und Tom. "Danke", flüsterte sie. "Ihr habt mir geholfen, und ihr habt mich nicht ausgelacht."
Sie gingen weiter von Tür zu Tür. Manche Häuser hatten gruselige Augen, andere hatten freundliche Geister. Überall sagten die Leute "Happy Halloween!" und gaben Süßigkeiten. Lina verteilte ein Stück von ihrem Schokoriegel an einen kleinen Jungen, der als Kartoffel verkleidet war. Er strahlte.
Am Ende der Straße kamen die Kinder zur großen Eiche. Die Laterne schaukelte, und die Nacht war nicht mehr so dunkel, sie war warm und voller Glitzer. Mama wartete dort mit einer Decke und heißer Kakaotasse. Sie lobte Lina: "Du hast das Datum in deinem Heft geschrieben. Du hast geteilt und geholfen."
Lina fühlte sich müde, aber froh. Sie setzte sich auf die Decke, leckte sich die Schokoflecken vom Kinn und sah zur Mondscheibe hoch. Tom und Mia kuschelten sich an sie. Frau Lila kam dazu und brachte kleine Kekse mit Kürbisgesichtern.
"Was hast du heute gelernt?" fragte Mama leise.
Lina dachte nach. "Dass Zahlen manchmal spielen, aber sie zeigen, was wichtig ist. Dass Teilen groß ist. Dass man freundlich sein kann, auch wenn jemand anders aussieht. Und dass man keine Angst haben muss, wenn Freunde da sind."
Mama küsste Lina auf die Stirn. "Genau." Sie wickelte die Decke fester um die Kinder. Ein kleiner Wind trug ein letztes Kichern durch die Blätter.
Bevor Lina die Augen schloss, hielt sie kurz ihr Notizheft hoch. Auf der Seite stand in bunter Schrift: 31. Oktober. Um die Zahlen tanzten kleine Kürbisse und Sterne. Sie flüsterte ein kleines Dankeschön an den Garten, an die Kürbisse und an die freundlichen Gestalten.
Dann rief Tom leise: "Kuckuck!" wie ein fröhlicher Abschiedsgruß. Lina lachte und hauchte zurück, warm und zufrieden: "Kuckuck!" Es war ein letztes Kuckuck in der Nacht, wie ein kleines, gemütliches Coucou.