Die Nacht beginnt
Der Mond hing rund und gelb wie ein Käse am Himmel.
Der Wind pustete leise durch die Straßen.
Die Kürbisse grinsten mit warmem Licht.
Ben war ein Drache.
Er hatte grüne Flügel und glitzernde Schuppen.
Mika war ein Ritter mit einem klirrenden Papp-Schwert.
Jonas war ein Vampir.
Sein Umhang war zu lang.
Er stolperte fast über seine eigenen Schuhe.
„Buh!“, rief Ben und schnaufte Drachenfeuer.
Na gut, es war nur warmer Atem.
Aber es klang sehr wichtig.
„Heute holen wir Süßes!“, sagte Mika.
Er klopfte mit seinem Schwert an seine Rüstung.
Klong, klong.
„Und wir teilen fair“, sagte Jonas.
Er hob einen Finger.
„Sonst kommen die Zucker-Zwerglinge.
Die kitzeln die Zähne!“
Sie lachten.
Ihre Taschen raschelten.
Es roch nach Kürbissuppe, nach nassen Blättern, nach etwas Geheimnis.
Sie kamen zu Haus Nummer 13.
Ein Schild stand da: „Bitte nur ein Stück.“
Daneben eine große Schüssel.
Sie glänzte wie ein Schatz.
Ben schaute hinein.
Bunte Bonbons.
Schokolade mit Sternen.
Karamell, das duften konnte.
„Ein Stück?“, flüsterte er.
„Nur eins?“
Sein Bauch brummte.
Er dachte an Drachen.
Drachen nehmen immer einen großen Happen.
Ben nahm eins.
Dann noch eins.
Und… oh oh… noch eins.
„Ben!“, sagte Mika.
„Das Schild!“
„Ich… ich wollte teilen“, sagte Ben klein.
„Mit mir.“
Jonas griff auch zu.
Er nahm zwei.
„Damit es nicht so allein ist“, sagte er und grinste.
Mika seufzte.
Er nahm eins, wie es draufstand.
Die Schüssel wurde leerer.
Die drei liefen los, ein bisschen zu schnell.
Ihre Füße klapperten auf dem Pflaster.
Ihre Umhänge rauschten.
Da hörten sie ein leises Schluchzen.
Es klang wie ein Wind, der weint.
Huuu… sniff… huuu…
„Was war das?“, flüsterte Jonas.
Seine Vampirzähne klapperten.
„Geisteralarm?“
Hinter einem Busch schwebte etwas Weißes.
Es war klein.
Es zitterte.
Zwei runde Augen blickten traurig.
„Ich bin Gustel“, sagte das kleine Gespenst.
„Ich bin der Schüsselwächter.
Ich passe auf, dass alle nur ein Stück nehmen.
Damit alle Kinder etwas bekommen.
Jetzt ist die Schüssel fast leer.
Und ich bin traurig.“
Ben wurde heiß und kalt.
Sein Drachenbauch machte blubb.
„Ich… äh… ich…“, sagte er.
Die Worte waren schwer.
Sie klebten wie Karamell.
Der Flüsterweg
„Wir gehen zurück“, sagte Mika.
Seine Stimme war mutig.
„Wir sagen Entschuldigung.
Und wir teilen.“
Jonas nickte.
Seine Ohren waren rot.
„Ja. Wir packen was zurück.“
Ben schaute auf seine Hände.
In der einen Hand lag ein Bonbon mit Sternen.
In der anderen ein Karamell.
Er schluckte.
Dann nickte er auch.
Gustel schnäuzte sich an einem Blatt.
„Der Weg zurück ist der Flüsterweg“, sagte er.
„Er ist ein bisschen kitzlig.
Manchmal tut er so, als ob er gruselig ist.
Aber eigentlich ist er freundlich.“
Sie gingen los.
Der Flüsterweg knisterte.
Die Blätter tuschelten: schschsch.
Ein Baum winkte mit Zweigen.
Ein Fenster klapperte.
Miau machte eine Katze.
Ihre Augen leuchteten wie zwei kleine Lampen.
„Hallo, Katze“, sagte Jonas.
Er hielt ihr ein Schokoladenpapier hin.
Die Katze schnupperte und schüttelte den Kopf.
„Sie will kein Papier“, kicherte Mika.
„Sie mag Streicheln.“
Jonas strich ihr vorsichtig über den Rücken.
Die Katze schnurrte.
Sie lief mit ihnen ein Stück.
Plötzlich pfiff der Wind durch eine Flasche.
Huuuuuu.
Ben klammerte sich an Mika.
Dann sah er die Flasche.
Sie hing an einer Schnur.
„Das ist nur Musik“, sagte er.
Sein Bauch wurde leichter.
Ein Besen flog über ihnen vorbei.
Die Borsten wackelten.
Ein Lachen klang.
„He, ihr drei!“, rief eine freundliche Stimme.
Eine Hexe mit bunten Strümpfen landete.
Ihr Hut hatte Sterne.
Ihr Lächeln war schief und warm.
„Ich heiße Tilla“, sagte sie.
„Ich mag Mut und ich mag Ehrlichkeit.
Was sucht ihr auf dem Flüsterweg?“
„Wir haben zu viel genommen“, sagte Jonas leise.
„Wir bringen zurück“, sagte Mika.
Ben atmete tief.
„Und ich… ich sage Entschuldigung“, sagte er.
Tilla nickte.
Sie kramte in ihrer Tasche.
Sie holte drei kleine Sterne heraus.
Sie klebten wie Aufkleber.
„Wenn ihr wirklich Entschuldigung meint, leuchten die Sterne.
Sie zeigen, dass Herzen heller werden.
Und denkt dran: Nach Süßem Zähne putzen.
Sonst feiern die Zucker-Zwerglinge Party.“
„Was machen die dann?“, fragte Ben.
„Sie tanzen auf Zähnen“, sagte Tilla und zog die Augenbrauen hoch.
„Das kitzelt nicht. Das juckt.“
Sie lachte pfff und flog weiter.
Die drei gingen weiter.
Die Sterne klebten auf ihren Kostümen.
Sie waren warm.
Sie fühlten sich mutig.
Vor Haus Nummer 13 blieb Ben stehen.
Sein Herz klopfte bumm bumm.
Gustel schwebte neben ihm.
„Ich komme mit“, sagte das kleine Gespenst.
„Ich flüstere Mut.“
Ben klopfte.
Die Tür ging auf.
Frau Krimsel stand da.
Sie hatte graue Haare, runde Brille, funkelnde Augen.
In der Küche roch es nach Apfelkuchen.
„Ähm… guten Abend“, sagte Ben.
Seine Stimme war klein, aber klar.
„Ich bin Ben.
Ich war hier.
Ich habe nicht richtig gelesen.
Ich habe mehr genommen als eins.
Das tut mir leid.“
Er legte zwei Bonbons in die Schüssel zurück.
Die Sterne auf seinem Kostüm begannen zu glimmen.
Mika legte auch eins zurück.
Jonas legte auch welche zurück.
„Es tut mir auch leid“, sagten sie.
Gustel nickte heftig.
Die Schüssel füllte sich wieder.
Sie sah nicht mehr so traurig aus.
Frau Krimsel lächelte.
„Danke, ihr drei“, sagte sie.
„Das war mutig und gut.
Und sehr nett.
Ihr habt geteilt.
Das macht die Nacht heller.“
Sie ging zur Anrichte.
Sie holte drei kleine Äpfel.
Sie glänzten rot wie Laternen.
Sie holte auch drei kleine Zahnbürsten.
Sie hatten Fledermaus-Flügel.
„Ein Apfel für jetzt“, sagte sie.
„Eine Bürste für später.
Zähne müssen strahlen.
Sogar an Halloween.“
„Auch Gespensterzähne?“, fragte Jonas.
Gustel grinste.
„Ich putze mit einem Windfaden“, sagte er stolz.
Die Sterne leuchteten jetzt hell.
Ben fühlte, wie etwas Schweres in ihm schmolz.
Er lächelte.
„Danke“, sagte er.
Sein „Danke“ war warm wie Kakao.
Heimweg, Teilen und Zähneputzen
Sie gingen zurück durch die leise Nacht.
Die Katze lief wieder mit und sprang dann auf eine Mauer.
„Miau“, sagte sie zum Abschied.
Tilla flog am Mond vorbei und winkte.
Ihre Strümpfe glitzerten.
„Wollen wir teilen?“, fragte Mika.
Er hielt seine Tüte auf.
Jonas nickte und hielt seine dazu.
Ben öffnete seine Drachenbeutel.
Sie setzten sich auf eine Stufe.
Sie zählten.
Eins für dich.
Eins für dich.
Eins für mich.
Sie lachten, als ein Karamell kleben blieb.
„Huch!“, sagte Ben und zog es lang wie einen Faden.
„Eine Karamell-Schlange!“
Gustel bekam ein Mini-Schokostück.
Er hielt es durch sich hindurch.
„Es kribbelt“, kicherte er.
„Ich mag das Kribbeln.“
Dann wurde die Nacht ruhiger.
Das Licht wurde sanfter.
Die Kinder gingen nach Hause.
Ihre Schritte waren leichter als zuvor.
Mama machte die Tür auf.
„Da seid ihr ja!“, sagte sie.
Ihre Augen lächelten.
„Wie war es?“
„Ein bisschen gruselig“, sagte Jonas.
„Aber freundlich“, sagte Mika.
„Ich habe Entschuldigung gesagt“, sagte Ben stolz.
„Und wir haben geteilt.“
Er zeigte den kleinen Stern.
Er glühte noch ein bisschen.
„Ich bin sehr stolz auf euch“, sagte Mama.
„Jetzt: Pyjama, Zähne putzen, ab ins Bett.
Die Zucker-Zwerglinge sollen heute keine Party feiern.“
Im Bad roch es nach Minze.
Der Spiegel beschlug ein wenig.
„Zahnbürsten bereit?“, fragte Mama.
„Bereit!“, riefen sie.
Ben nahm die Fledermaus-Bürste.
Mika nahm eine mit Streifen.
Jonas nahm seine grüne.
„Ksch ksch ksch“, machte die Bürste über die Zähne.
„Schrubb, schrubb“, sang Mika.
„Blubber, blubber“, machte das Wasser.
Ben putzte vorn und hinten.
Oben und unten.
Er drehte kleine Kreise.
Er dachte an Tillas Strümpfe.
Er dachte an die Schüssel.
Er dachte an Gustels Lachen.
Im Spiegel sah er plötzlich etwas Weißes winken.
Gustel!
Er hatte einen Minze-Schaum-Schnurrbart.
Er sah sehr stolz aus.
„Gute Nacht“, flüsterte er.
Seine Stimme war weich wie Watte.
„Gute Nacht, Gustel“, flüsterte Ben zurück.
Er spuckte aus.
Er grinste.
Seine Zähne glitzerten wie kleine Sterne.
Mama kam mit Handtüchern.
Sie tupfte Nasen und Wangen.
„Fertig“, sagte sie.
„Ab in die Betten, ihr Helden.“
Die drei kuschelten sich in ihre Decken.
Der Mond schaute durch das Fenster.
Ein Kürbis-Licht blinkte noch einmal.
Dann wurde alles still und warm.
Ben legte eine Hand auf seinen Bauch.
Er fühlte Ruhe.
Er dachte an sein „Entschuldigung“.
Er dachte an das Teilen.
Es war wie eine Decke im Herzen.
„Nacht“, murmelte Jonas.
„Nacht“, murmelte Mika.
„Nacht“, murmelte Ben.
Ein Windhauch strich über das Haus.
Nicht gruselig.
Nur freundlich.
Und irgendwo, ganz leise, lachten die Sterne.