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Historische Fantasie 11/12 Jahre Lesen 27 min.

Die neun Saiten von Karakum-Schatten

Der schreibende Kartograf Qorchi und der junge Bote Temür entdecken in einer versandeten Ruinenstadt ein altes Instrument und machen sich auf, die geheimnisvollen Prinzipien eines verschwundenen Ordens—Saite, Stimme und Ort—wiederzuentdecken.

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Ein wettergegerbter Mann namens Qorchi mit ernstem, entschlossenem Blick kniet in einem grauen Filzmantel und legt behutsam einen kleinen Ring aus Mondmetall auf eine glänzende Platte, neben ihm sitzt der etwa zwölfjährige Temür mit kurzen Haaren unter zu großer Schirmmütze, rundem, aufgeregtem Gesicht und erhobener Hand, leise singend und staunend, im Hintergrund schwebt eine gesichtslose, humanoide Sandkreatur mit welligen Dünenarmen respektvoll, alles spielt sich in einer gewölbten unterirdischen Kuppelhalle mit in Stein gravierten Fresken, neun kreisförmigen Rillen im Boden, leicht blau-silbern schimmernden Mondsteinen und goldener Staubpartikel im Zenithlicht ab; die Szene zeigt ein stilles, warmes, mystisches Ritual, bei dem silberne Lichtfäden aus den Rillen hochsteigen und den Ring umschlingen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Mann mit dem stillen Schwur

Der Wind der Steppe war kein gewöhnlicher Wind. Er roch nach trockenem Gras, Pferdeschweiß und weit entfernten Feuern, und er konnte Geschichten tragen, wenn man still genug war, um zuzuhören.

Qorchi ritt allein, in einen Mantel aus grauem Filz gehüllt. Er war ein erwachsener Mann mit ernsten Augen, die selten lachten, aber viel sahen. Die Reiter des Großkhans kannten ihn als Schreiber und Kartenzeichner, als jemand, der mit Tinte und Maßstab mehr Schlachten gewann, als andere mit dem Säbel. Doch niemand kannte sein Geheimnis.

In seiner Satteltasche, zwischen Wachstafeln und gerollten Karten, lag ein Stück Metall, das nicht rosten wollte. Es war eine dünne Scheibe, so groß wie seine Handfläche, mit Zeichen darauf, die aussahen, als hätten Sterne sie gekratzt. Qorchi hatte sie vor Jahren in einer zerfallenen Ruine gefunden, weit südlich, dort, wo ein Fluss wie ein grünes Band durch Stein floss.

Er strich mit dem Daumen darüber und flüsterte, als spräche er zu einem alten Freund: „Ich werde euch zurückbringen.“

„Mit wem redest du, Qorchi?“ Die Stimme kam von hinten, leicht spöttisch.

Qorchi drehte sich nicht sofort um. Erst als das Pferd neben ihm aufschloss, sah er den jungen Boten, der ihm zugeteilt worden war: Temür, vielleicht zwölf, mit einer Mütze, die ihm immer zu groß war, und einem Lächeln, das selbst in Staub nicht unterging.

„Mit dem Wind“, sagte Qorchi.

Temür hob die Augenbrauen. „Dann sag ihm, er soll mich weniger ins Gesicht beißen.“

Qorchi erlaubte sich ein kurzes, kaum sichtbares Lächeln. „Der Wind hört nicht auf Befehle.“

„Doch“, behauptete Temür. „Meine Großmutter sagt, der Wind hört auf Lieder.“

Qorchi schwieg. Lieder. Überall in den Jurten sang man von Helden, von verlorenen Reichen, von Geistern, die in Bergen schlafen. Und doch war das, was Qorchi suchte, kein Märchen. Es war eine Ordnung, älter als die Banner des Khans, älter als die ersten Sättel aus Leder.

Sie ritten zu einem Außenlager, wo Händler aus Samarkand Stoffe ausbreiteten und Schmiede Funken wie winzige Sterne in die Dämmerung schickten. Am Rand des Lagers stand ein alter Mann, dessen Bart so weiß war, dass er im Mondlicht leuchtete. Er hieß Erdeni und galt als Geschichtensammler. Manche nannten ihn heimlich Schamane, andere nur „der, der zu viel weiß“.

Als Qorchi abstieg, legte Erdeni ihm eine Hand auf den Arm. Seine Finger waren trocken, aber warm.

„Du trägst etwas, das nicht in diese Zeit gehört“, sagte Erdeni leise.

Temür spitzte die Ohren. „Er trägt nur Karten.“

Erdeni lächelte dünn. „Karten sind auch nur Erinnerungen, die man falten kann.“

Qorchi sah dem Alten in die Augen. „Du kennst die Zeichen?“

Erdeni nickte. „Ich kenne ihr Echo. Sie stammen aus dem Orden der Neun Saiten. Ein altes Geflecht aus Hütern, die nicht mit Schwertern regierten, sondern mit Regeln, die wie Musik waren: streng und schön.“

Temür machte ein Gesicht. „Regeln wie Musik? Bei uns ist Musik eher...“ Er suchte nach einem Wort. „Laut.“

„Und doch“, sagte Erdeni, „kann ein leiser Ton ein Pferd wenden.“

Qorchi holte die Metallscheibe hervor. Im Licht der Feuer schimmerte sie, als hätte sie eine eigene Dämmerung in sich.

„Wenn es den Orden gab“, sagte Qorchi, „kann er zurückkehren.“

Erdeni zog eine Schnur aus seinem Ärmel. Daran hing ein Knochenplättchen, eingeritzt mit ähnlichen Zeichen. „Dann brauchst du mehr als Hoffnung. Du brauchst die drei Dinge, die den Orden hielten: die Saite, die Stimme und den Ort.“

„Wo?“ fragte Qorchi.

Erdeni sah hinaus in die Nacht, dorthin, wo die Steppe wie ein Meer lag. „Dorthin, wo der Himmel den Boden berührt. Zur Ruinenstadt Karakum-Schatten. Sie liegt unter Sand, und Sand ist ein sehr geduldiger Wächter.“

Temür verschluckte sich fast vor Aufregung. „Eine Stadt unter Sand? Das ist ja—“

„Unbequem“, sagte Qorchi trocken.

Temür grinste. „Abenteuerlich.“

Qorchi steckte die Scheibe zurück. Sein Schwur war still, aber nun hatte er eine Richtung.

Kapitel 2: Die Karte, die flüstert

Am nächsten Morgen war die Steppe blau vor Kälte. Pferde dampften, als hätten sie kleine Wolken im Hals. Qorchi und Temür ritten los, begleitet nur von einem Wagen mit Vorräten und einer alten Stute, die alles besser zu wissen schien als jeder Mensch.

Temür redete, um nicht zu frieren. „Wenn wir eine Stadt finden, die unter Sand liegt, finden wir dann auch Sand-Fische? Oder Sand-Wölfe?“

„Wölfe gibt es“, sagte Qorchi. „Im Sand oder nicht.“

Temür zog die Schultern hoch. „Meine Großmutter sagt, Wölfe folgen dem, was sie nicht verstehen.“

„Dann folg uns nicht zu nahe“, murmelte Qorchi.

Nach zwei Tagen erreichten sie eine Schlucht, in der der Wind anders klang. Nicht wie ein Pfeifen, sondern wie ein Summen, als streife er über unsichtbare Saiten. Qorchi hielt an. Die Luft roch nach Stein und etwas Metallischem, wie nach einem Gewitter, das sich noch nicht entschieden hatte.

„Hörst du das?“ fragte Temür und wurde endlich einmal leise.

Qorchi nickte. Er zog die Metallscheibe hervor. Sie vibrierte ganz leicht, als wäre sie ein schlafendes Tier, das im Traum zuckt.

Am Rand der Schlucht stand ein einzelner Steinpfeiler, von Erosion glatt geschliffen, doch oben waren Rillen hineingearbeitet. Qorchi legte die Scheibe an den Pfeiler. Sie passte, als hätte der Stein auf sie gewartet.

Ein Ton erklang. Nicht laut, eher wie ein Tropfen, der in eine tiefe Höhle fällt. Die Rillen begannen zu glimmen, erst schwach, dann so deutlich wie Glut.

Temür machte große Augen. „Das ist Magie.“

„Alte“, sagte Qorchi. Seine Stimme klang ehrfürchtig, obwohl er sich sonst Mühe gab, keine Gefühle zu zeigen.

Aus dem Stein löste sich ein Streifen Licht, der sich zu einer Linie streckte, dann zu einer Karte. Sie hing in der Luft, durchsichtig wie Eis. Darauf waren Wege eingezeichnet, Berge wie Zähne und eine große Spirale aus Punkten.

Temür streckte die Hand aus. „Darf ich—?“

„Nicht“, sagte Qorchi, und Temür zog die Hand zurück, als hätte er fast in ein Feuer gefasst.

Die Karte flüsterte. Nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die in Qorchis Kopf fielen: eine Stadt, halb verschluckt vom Sand; ein Tor, das wie ein offenes Maul wirkte; und über allem eine Kuppel, die den Sternen ähnlich sah. Dann ein Symbol: neun Linien, wie Saiten.

Qorchi atmete langsam aus. „Karakum-Schatten. Wir sind auf dem richtigen Weg.“

Temür konnte es nicht lassen. „Und was sind die drei Dinge noch mal? Saite, Stimme und Ort. Wir haben... den Ort, oder?“

„Noch nicht“, sagte Qorchi. „Das ist nur der Weg.“

„Und die Stimme?“ Temür beugte sich vor. „Muss man da schreien? Ich kann gut schreien.“

Qorchi sah ihn an. „Ich hoffe nicht.“

Sie lösten die Scheibe vom Pfeiler. Das Glimmen erlosch, die Karte zerfiel wie Nebel. Die Schlucht wurde wieder nur Schlucht, doch das Summen blieb in Qorchis Ohren, als hätte die Welt kurz ihr wahres Lied gezeigt.

In der Nacht machten sie ein kleines Feuer. Temür kaute auf einem Stück getrocknetem Fleisch herum, als kämpfte er damit.

„Qorchi“, sagte er mit vollem Mund, „warum willst du diesen Orden zurück?“

Qorchi starrte in die Flammen. „Weil die Welt zu schnell geworden ist. Zu viel wird genommen, zu wenig bewahrt. Ein Orden kann erinnern. Er kann Grenzen setzen.“

Temür schluckte. „Grenzen sind doof.“

„Manche“, sagte Qorchi, „halten dich davon ab, in eine Schlucht zu laufen.“

Temür grinste. „Oder sie halten dich davon ab, in eine Ruinenstadt zu rennen.“

Qorchi antwortete nicht. In seinem Inneren lag der Wunsch wie ein Stein: schwer, aber klar. Er wollte nicht herrschen. Er wollte ordnen. Und vor allem wollte er weitergeben, was sonst verschwinden würde wie Spuren im Wind.

Kapitel 3: Der Sand, der sich erinnert

Die Landschaft änderte sich. Gras wurde spärlich, dann nur noch Büsche, die sich ducken mussten. Der Himmel blieb riesig, doch die Farben wurden härter: Weiß am Tag, schwarz in der Nacht. Der Sand knirschte unter den Hufen, als würden sie über zerbrochene Muscheln reiten.

Am vierten Tag sah Temür als Erster die Spitze eines Turms. Sie ragte aus einer Düne wie ein Finger, der um Hilfe bittet.

„Da!“ rief er. „Ich hab's gesagt! Eine Stadt!“

Qorchi hielt seine Hand vor die Augen. Ja. Stein, von Sand poliert, mit eingemeißelten Mustern. Als sie näherkamen, entdeckten sie mehr: eine Mauer, halb verschluckt; zerbrochene Bögen; und ein Tor, dessen Rahmen wie ein geöffnetes Buch aussah.

Der Wind hatte hier eine andere Stimme. Er strich durch Spalten und klang, als würde jemand weit weg eine Flöte falsch spielen.

Temür zog die Mütze tiefer. „Warum klingt es, als würde die Stadt husten?“

„Weil sie wach werden will“, sagte Qorchi.

Sie banden die Pferde an einen herausragenden Steinblock. Die Stute schnaubte missbilligend, als würde sie sagen: Das ist eine schlechte Idee. Temür tätschelte ihr den Hals. „Keine Sorge. Wir kommen gleich wieder. Vielleicht.“

„Nicht vielleicht“, sagte Qorchi.

Sie gingen durch das Tor. Dahinter lag ein Platz, voller Sandwellen. Hier und da ragten Säulen heraus, wie Knochen eines riesigen Tieres. In der Mitte stand ein runder Stein, darauf ein Loch, so glatt, als wäre es oft benutzt worden.

Qorchi holte die Metallscheibe hervor und hielt sie über das Loch. Sofort passte sie hinein, drehte sich von selbst und klickte ein.

Ein Geräusch rollte durch die Stadt: ein tiefes, langsames Brummen, als würde irgendwo eine riesige Tür bewegt.

Temür flüsterte: „Ich wusste es. Geheimgänge.“

Aus dem Sand vor ihnen hob sich etwas. Erst dachte Temür, es sei ein Tier. Doch es war eine Gestalt aus Sand und Stein, geformt wie ein Mensch, aber ohne Gesicht. In der Brust glomm ein schwaches Licht.

Qorchi stellte sich davor, die Hände offen. Er sprach langsam, in einer Sprache, die er nur aus brüchigen Texten kannte. Worte, die wie Kiesel klangen.

Die Sandgestalt neigte den Kopf. Dann hob sie einen Arm und zeichnete in die Luft. Linien aus Staub schwebten, formten ein Zeichen: neun Saiten.

„Sie versteht dich!“ Temür hauchte es, als wäre lautes Sprechen gefährlich.

Die Gestalt deutete auf einen halb verschütteten Eingang, der in die Tiefe führte. Dann machte sie eine Bewegung, als würde sie etwas von den Lippen nehmen und forttragen.

„Die Stimme“, murmelte Qorchi. „Sie fordert die Stimme.“

Temür schluckte. „Wir sollen singen?“

Qorchi sah zum dunklen Eingang. „Oder sprechen. Aber nicht irgendwas.“

Die Sandgestalt berührte Qorchis Brust. Nicht hart, eher wie ein Finger aus warmem Staub. In Qorchis Kopf flackerte ein Bild auf: ein Kreis von Menschen, die im Schatten einer Kuppel standen. Sie hielten Saiteninstrumente, und ihre Stimmen waren ruhig wie Wasser. Dann sah er einen Mann, der eine Melodie an einen Jungen weitergab, langsam, geduldig, als würde er ein Feuer mit bloßen Händen tragen.

Qorchi spürte plötzlich, wie sehr er selbst getragen worden war: von Lehrern, von Geschichten, von Regeln. Er hatte immer genommen. Jetzt sollte er etwas weitergeben.

Temür stieß ihn leicht an. „Qorchi? Du guckst, als würdest du gleich weinen.“

„Unsinn“, sagte Qorchi streng, und genau deswegen klang es fast wahr.

Die Sandgestalt trat zurück und wurde wieder still, als warte sie. Der Eingang in die Tiefe atmete kalte Luft.

Qorchi nahm die Scheibe aus dem Stein, und die Gestalt zerfiel, als hätte der Wind sie sich ausgeliehen und nun zurückgenommen. Nur das Licht blieb einen Moment, dann erlosch es.

Temür zog eine kleine Lampe hervor. „Also... runter?“

Qorchi nickte. „Runter.“

Und so stiegen sie in die Unterstadt, in die Kehle der Zeit.

Kapitel 4: Die Saite aus Mondmetall

Die Treppe war aus Stein, doch die Stufen waren so abgenutzt, als wären unzählige Füße darüber gegangen. Temür hielt die Lampe hoch. Das Licht zitterte, und Schatten sprangen an den Wänden entlang wie nervöse Tiere.

Unten öffnete sich ein Saal. An der Decke hingen Steine, die schwach leuchteten, als hätten sie Mondlicht gespeichert. In Nischen standen Statuen: Männer und Frauen mit geschlossenen Augen, die Hände an den Lippen, als würden sie etwas bewahren, das nicht laut werden darf.

In der Mitte des Saals stand ein Podest. Darauf lag ein Instrument, halb Harfe, halb Bogen, aus dunklem Holz und silbrigem Metall. Eine einzelne Saite spannte sich darüber, dünn wie ein Haar, doch sie funkelte.

Temür trat näher. „Darf ich es anfassen?“

„Nein“, sagte Qorchi automatisch, dann hielt er inne. Er sah Temür an. Der Junge war nicht nur ein Bote. Er war... ein Zeuge. Vielleicht mehr.

„Noch nicht“, korrigierte Qorchi.

Auf dem Podest war eine Inschrift. Qorchi beugte sich vor, entzifferte die Zeichen langsam. „Die Saite bindet, was zerstreut ist. Doch nur eine Stimme, die weitergibt, kann sie zum Klingen bringen.“

Temür kratzte sich am Kopf. „Also müssen wir was lernen und dann weitergeben? Das klingt nach Unterricht.“

„Manchmal“, sagte Qorchi, „ist Unterricht die gefährlichste Art von Magie.“

Als er das Instrument berührte, war es nicht kalt. Es fühlte sich an, als läge ein Herz darin, das sehr langsam schlug. Die Saite vibrierte unter seinem Finger, ohne dass er sie zupfte.

Plötzlich hörten sie Schritte. Nicht ihre eigenen. Ein leises Scharren, als würde jemand Sand von Stiefeln klopfen.

Aus einem Seitengang traten drei Gestalten. Männer in Leder und Metall, mit schmalen Augen und schnellen Händen. Keine Soldaten des Khans, eher Jäger, die gelernt hatten, sich in Ruinen zu bewegen. Der vorderste trug einen kleinen Beutel, der verdächtig schwer klang.

„Da ist es“, sagte er auf rauer Stimme. „Mondmetall. Dafür bezahlen die Händler in Buchara mit Gold, das nach Zimt riecht.“

Temür flüsterte: „Die klauen das!“

Qorchi stellte sich vor das Podest. Seine Stimme war ruhig, aber hart. „Geht.“

Der Mann lachte. „Und wer bist du? Ein Priester? Ein Geist?“

„Ein Schreiber“, sagte Qorchi.

„Dann schreib auf“, spottete der Mann, „wie du verlierst.“

Temür ballte die Fäuste. „Wir verlieren nicht.“

Qorchi legte eine Hand auf Temürs Schulter. „Steh hinter mir.“

„Ich bin nicht klein“, protestierte Temür, stellte sich aber trotzdem hinter Qorchi, so dass nur seine Mütze hervorblitzte.

Die Diebe kamen näher. Qorchi spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er hatte kein Schwert. Er hatte Worte, und manchmal waren Worte zu langsam.

Er sah die Statuen in den Nischen. Geschlossene Augen, Hände an den Lippen. Bewahren. Weitergeben. Nicht schreien, sondern singen.

Qorchi hob die Metallscheibe und hielt sie wie ein Siegel in die Luft. „Ihr tretet auf einen Ort, der nicht verkauft werden kann.“

Der vorderste Dieb hob sein Messer. „Alles kann verkauft werden.“

In diesem Moment zupfte Temür, ohne zu fragen, die Saite.

Der Ton war nicht laut. Er war klar. Er schnitt durch die Luft wie ein dünner Lichtstrahl. Die leuchtenden Steine an der Decke flammten auf. Die Schatten der Diebe wurden lang, dann lösten sie sich von den Füßen, als wären sie zu schwer geworden.

„Was—?“ Der vorderste Dieb starrte auf seinen eigenen Schatten, der sich plötzlich wie ein Seil um seine Knöchel wickelte.

Die anderen fluchten, doch ihre Schatten taten dasselbe. Sie stolperten, fielen, und ihre Messer klirrten auf Stein.

Temür riss die Augen auf. „Ich hab nur— ich hab nur—“

„Weitergeben“, sagte Qorchi heiser. „Du hast die Saite geweckt.“

Die Diebe kämpften gegen die Schatten, die sie festhielten, wie Hunde, die ihre Besitzer nicht gehen lassen wollen. Qorchi trat vor, nahm dem vordersten den Beutel ab und warf ihn in eine Ecke.

„Hört zu“, sagte Qorchi zu ihnen. „Ihr seid nicht böse geboren. Aber ihr habt vergessen, dass Dinge Geschichten tragen. Wenn ihr sie raubt, raubt ihr auch das, was andere lernen könnten.“

Der vorderste spuckte auf den Boden. „Geschichten machen nicht satt.“

Temür beugte sich vor. „Doch. Meine Großmutter sagt, eine Geschichte kann dich durch den Winter bringen.“

Der Mann starrte ihn an, als hätte ihn das mehr getroffen als jede Drohung. Die Schatten lockerten sich, gerade genug, dass die Diebe aufstehen konnten.

Qorchi deutete zum Gang. „Geht. Und erzählt, was ihr gesehen habt. Nicht, um Angst zu machen. Um zu erinnern.“

Die Diebe zögerten. Dann rannten sie davon, als wäre die Dunkelheit hinter ihnen plötzlich hungrig.

Temür atmete aus. „Ich hab uns gerettet.“

Qorchi sah ihn lange an. Dann nickte er einmal, feierlich. „Du hast uns erinnert.“

Temür blinzelte. „Ist das ein Kompliment?“

„Ja“, sagte Qorchi, als würde es ihn Anstrengung kosten.

Sie nahmen das Instrument vorsichtig vom Podest. Als Qorchi es hob, klang die Saite ein einziges Mal, leise, wie Zustimmung.

Kapitel 5: Die Stimme, die weitergeht

Tiefer in der Unterstadt fanden sie eine Kuppelhalle. Der Sand hatte sich hier nicht hineingewagt. Die Wände waren mit Bildern bedeckt: Reiter unter Sternen, Kinder, die an Feuerstellen lauschten, alte Frauen, die Fäden spannen, die wie Notenlinien aussahen.

In der Mitte der Halle lag ein Kreis aus Steinplatten. Neun Rillen verliefen darin, wie die Spuren von Saiten. Qorchi stellte das Instrument in den Kreis. Es passte genau.

Temür setzte sich auf den Boden. „Und jetzt?“

Qorchi kniete sich hin. Sein Mantel raschelte, als würde er selbst nervös sein. Er legte die Hand auf die Saite, spürte ihr feines Zittern.

„Die Stimme“, sagte er. „Nicht meine allein.“

Temür runzelte die Stirn. „Meine ist auch da.“

Qorchi atmete ein. In seinem Kopf suchte er nach den Bildern, die der Sandwächter ihm gezeigt hatte: der Kreis, die ruhigen Stimmen, das Weitergeben. Er dachte an seine eigenen Lehrer, an den Mann, der ihm das Schreiben beigebracht hatte, indem er geduldig jeden Strich korrigierte. Er dachte an die Steppe, die alles verwischt, wenn niemand erzählt.

Dann begann er zu sprechen. Nicht wie bei Befehlen, nicht wie beim Zählen von Vorräten, sondern wie bei einer Geschichte.

„Es gab eine Zeit“, sagte Qorchi, „da glaubten Menschen, Ordnung sei ein Käfig. Doch sie war eine Brücke. Neun Saiten verbanden die Lager, die Städte, die Flüsse. Wer etwas lernte, musste es weitergeben. Nicht als Last, sondern als Geschenk. Und wer Macht hatte, musste zuhören, bevor er sprach.“

Temür hörte zu, erstaunlich still.

Qorchi fuhr fort: „Der Orden verschwand, weil Kriege schneller waren als Lieder. Weil manche lieber brüllten als lauschten. Doch ein Lied, das einmal gesungen wurde, verschwindet nicht. Es wartet.“

Er hob den Blick zur Kuppel. „Ich habe gewartet“, flüsterte er, mehr zu sich selbst als zu Temür. „Und ich will nicht, dass alles nur Eroberung ist. Ich will, dass etwas bleibt.“

Temür räusperte sich. „Ich kann auch was sagen.“

Qorchi nickte. „Sag.“

Temür schob die Mütze zurück. „Meine Großmutter hat mir ein Lied beigebracht. Sie sagt, es ist älter als ihr erster Zahn.“ Er grinste kurz, dann wurde er ernst. „Sie hat gesagt: Wenn du es singst, musst du an jemanden denken, dem du es später beibringst. Sonst ist es nur Geräusch.“

Qorchi spürte, wie sich etwas in seiner Brust löste, als hätte ein Knoten aufgegeben. „Dann sing.“

Temür begann. Seine Stimme war noch nicht ganz sicher, aber sie war ehrlich. Das Lied hatte einfache Worte, doch die Melodie war wie ein Kreis: Sie ging vorwärts und kam doch immer wieder zurück, als würde sie sagen: Ich habe dich nicht vergessen.

Als Temür sang, glimmten die neun Rillen im Boden. Aus ihnen stieg Licht auf, dünn wie Fäden. Die Fäden verbanden sich mit der Saite des Instruments. Der Ton, der daraus entstand, war wie Wasser, das über Steine läuft.

Qorchi schloss die Augen. Er sah die Bilder an den Wänden sich bewegen: Kinder, die näher rückten, alte Frauen, die nickten, Reiter, die ihre Pferde zügelten, um zuzuhören.

Eine Stimme, nicht Temürs und nicht seine, flüsterte in der Halle: Weitergeben.

Qorchi öffnete die Augen. Auf dem Steinboden lag nun etwas, das vorher nicht da gewesen war: ein kleiner Ring aus Mondmetall, mit neun winzigen Kerben. Er hob ihn auf. Er war leicht, aber er fühlte sich an wie Verantwortung.

Temür beendete das Lied und atmete tief ein, als hätte er gerade einen Berg bestiegen. „Hat es funktioniert?“

Qorchi setzte den Ring an die Metallscheibe. Er passte. Ein leises Klicken, wie ein Schloss, das lange nicht benutzt wurde.

„Ja“, sagte Qorchi. „Der Orden ist nicht zurück, wie eine Armee zurückkehrt. Er ist zurück wie ein Funke.“

Temür grinste. „Funken können ganze Jurten anzünden.“

„Oder Feuerstellen“, sagte Qorchi.

Sie standen auf. Über ihnen in der Kuppel begann sich ein kleines Loch zu öffnen, und ein Streifen Tageslicht fiel hinein. Staub tanzte darin wie winzige, goldene Tiere.

„Der Ort“, sagte Qorchi. „Wir haben ihn geweckt. Jetzt müssen wir hinaus. Und wir müssen—“

„Weitergeben“, sagte Temür schnell.

Qorchi nickte. „Genau.“

Kapitel 6: Der Wind trägt das alte Lied

Als sie wieder an die Oberfläche stiegen, war die Sonne niedrig. Die Ruinenstadt sah im schrägen Licht weniger tot aus. Schatten lagen wie Decken über den Steinen, und der Sand glitzerte, als wären dort heimlich Scherben von Sternen verstreut.

Die Pferde scharrten unruhig, aber sie waren da. Die alte Stute sah Qorchi an, als wolle sie sagen: Du lebst noch. Na gut.

Temür sprang in den Sattel. „Wohin jetzt? Zum Khan?“

Qorchi sah zurück zum Tor. Hinter ihnen lag eine Ordnung, die nicht befehlen wollte, sondern bewahren. Er wusste, dass der Großkhan große Pläne hatte, dass die Welt sich unter Hufen und Bannern bog. Einen Orden einfach auszurufen wäre lächerlich — und gefährlich.

„Nicht zum Khan“, sagte Qorchi. „Zu den Lagern. Zu den Kindern. Zu denen, die zuhören können.“

Temür zog eine Grimasse. „Also... zu mir?“

„Auch“, sagte Qorchi.

Sie ritten los, weg von Karakum-Schatten. Doch die Stadt blieb nicht stumm. Der Wind, der durch die Ruinen strich, klang nun anders: nicht mehr wie eine falsch gespielte Flöte, sondern wie eine Melodie, die sich endlich erinnert.

Unterwegs begegneten sie einer kleinen Gruppe Reisender: eine Frau mit einem Wagen, zwei ältere Männer und ein Mädchen, das ein Schaf am Seil führte. Sie wirkten müde, und ihre Gesichter waren vom Wind gegerbt.

Die Frau hielt an, als sie Qorchi und Temür sah. „Habt ihr Wasser gesehen?“

Qorchi reichte ihnen einen Schlauch. Dann, ohne genau zu wissen, warum gerade jetzt, hob er das Instrument leicht an und zupfte die Saite einmal.

Der Ton war sanft. Er legte sich über die Geräusche der Steppe wie ein dünner, klarer Faden.

Das Mädchen blieb stehen. „Was ist das?“

Temür antwortete stolz: „Ein altes Lied, das man weitergeben muss.“

Der ältere Mann schnaubte. „Lieder? Wir brauchen Brot.“

Qorchi sah ihn ruhig an. „Brot nährt den Bauch. Ein Lied nährt den Weg. Nehmt beides, wenn ihr könnt.“

Die Frau blickte auf das Instrument, dann auf Temür. „Kannst du singen, Junge?“

Temür räusperte sich. „Ja. Ein bisschen. Aber nur, wenn ihr jemandem verspricht, es später auch beizubringen.“

Sie lachten, erst zögernd, dann wärmer. Das klang in der Steppe fast wie ein kleines Feuer.

Temür sang das Lied seiner Großmutter. Das Mädchen hörte mit offenem Mund zu, als würde sie eine Tür in ihrem Kopf aufgehen spüren. Als Temür endete, summte sie die Melodie nach, unsicher, aber mutig.

Qorchi spürte, wie sein geheimer Wunsch sich veränderte. Es ging nicht darum, alte Macht wieder aufzubauen. Es ging darum, eine Kette zu schmieden, die nicht aus Eisen bestand, sondern aus Stimmen.

Als sie weiter ritten, wurde der Wind stärker. Er strich über die Steppe, über die Zelte in der Ferne, über die Räder der Wagen, über die Haare der Kinder. Und er nahm die Melodie mit.

Hinter ihnen, irgendwo unter Sand und Stein, blieb Karakum-Schatten wach. Vor ihnen lag das Reich der Mongolen, groß und unruhig wie ein Meer. Doch zwischen all dem Donnern der Geschichte zog nun etwas anderes hindurch: ein alter Gesang, getragen vom Wind, leise und unaufhaltsam.

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Steppe
Ein großes, flaches Gebiet mit Gras, meist ohne viele Bäume und oft trocken.
Filz
Ein dichter Stoff aus zusammengepressten Fasern, der warm hält und hart ist.
Schreiber
Eine Person, die Texte schreibt oder Kopien von wichtigen Dingen macht.
Satteltasche
Eine Tasche, die an einem Sattel hängt und Dinge auf Reisen trägt.
Metallscheibe
Ein flaches Stück Metall, rund oder eckig, oft wie eine kleine Platte.
Erosion
Wenn Wind oder Wasser langsam Stein und Boden wegträgt und verändert.
Rillen
Schmale, längliche Vertiefungen oder Linien in Stein oder Holz.
Glimmen
Leicht leuchten, wie ein schwaches Feuer, das nicht hell brennt.
Vibrierte
Kurz zitterte oder leicht schwang, oft wegen eines Tons oder Windes.
Unterstadt
Ein Teil einer alten Stadt, der unter der Oberfläche oder tiefer liegt.
Kuppel
Eine runde, gewölbte Decke, die wie ein halber Ball über einem Raum sitzt.
Inschrift
Geschriebene oder eingeritzte Wörter oder Zeichen auf Stein oder Metall.
Podest
Ein etwas erhöhtes Stück Boden oder Plattform, auf das man etwas stellt.
Saite
Ein dünner Faden aus Metall oder Darm, der auf einem Instrument klingt.

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