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Historische Fantasie 11/12 Jahre Lesen 19 min.

Der Kristall der Erinnerung und der Schattenkönig von Persepolis

Der königliche Schreiber Arman findet einen magischen Kristall und macht sich auf den Weg zum Turm der Stille, um die vergessene Magie zu bewahren und sich dem drohenden Schattenkönig zu stellen.

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Ein erwachsener Mann, Arman, mit ruhigem, entschlossenem Gesicht, olivfarbener Haut, leicht ergrautem schwarzem Haar und tintenbefleckten Fingern, trägt eine sandfarbene lange Robe und hält ein kleines leuchtendes Kristall, das über seiner Handfläche schwebt; er blickt geradeaus, Haltung selbstbewusst, Ausdruck: ruhig und mutig. Rechts im Hintergrund sitzt ein erwachsener Mann, der König, auf einem Thron mit einfacher Krone, überrascht und respektvoll, die Hände auf den Armlehnen, Blick zu Arman. Links am Rand eine dunkle, dampfige Gestalt, der „König der Schatten“, aus schwarzem Rauch mit schattenhaften Fäden und einer Krone aus Nacht, weicht zurück, vom Licht getroffen, Ausdruck: überrascht und machtlos. Ein etwa achtjähriger Junge versteckt sich vorn an einer Säule, kurze Haare, weit geöffnete Augen, zeigt bewundernd auf das Licht. Ort: große Audienzhalle im Stil von Persepolis, heller Mosaikboden, massive Säulen mit Löwen- und Blumenreliefs, rote und goldene Wandbehänge, hängende Öllampen, warme Reflexe auf dem Stein. Haupthandlung: Arman entfesselt das Kristalllicht; goldene, perlige Lichtbänder steigen in Wirbeln auf und durchziehen den Raum, vertreiben Schatten, die in kleinen Splittern zerfallen; die Gesichter der Menge wandeln sich von Besorgnis zu Staunen. Stil: Gouache, gesättigte aber sanfte Farben, sichtbare Pinseltexturen, leicht verschwommene Konturen für eine magische, kindliche Wirkung, Komposition zentriert auf das leuchtende Kristall. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Schreiber mit dem stillen Wunsch

In den Hallen von Persepolis klang jeder Schritt wie eine kleine Trommel in der Luft. Säulen ragten auf, als wollten sie den Himmel stützen, und in den Reliefs aus Stein standen Löwen und Könige so wachsam, als könnten sie jeden Augenblick aus der Wand treten.

Arman, königlicher Schreiber und Hüter der Archive, ging mit einer Wachstafel unter dem Arm durch den Schatten der hohen Mauern. Er war ein Mann mit ruhiger Stimme und Augen, die mehr sahen, als sie verrieten. Wenn Diener stritten oder junge Soldaten sich über ihre Helme lustig machten, war Arman derjenige, der dazwischen trat und sagte: „Langsam. Erst zuhören, dann sprechen.“ Und irgendwie hörten sie auf ihn.

Nur in seinem Innern war er unruhig wie ein Fluss unter Eis. Arman trug ein Geheimnis, so fest verschlossen wie ein Siegelring: Er glaubte, die Magie der Welt sei krank geworden. Nicht mit Fieber, sondern mit Vergessen. Immer öfter hörte er, wie die Leute lachten, wenn ein alter Geschichtenerzähler von flüsternden Quellen oder Sternenbrücken sprach.

An diesem Abend rief ihn der Oberbibliothekar, ein dünner Mann mit Tinte an den Fingern, in die unterste Kammer der Archive.

„Arman“, sagte der Bibliothekar und schob eine Steinplatte zur Seite. „Ich habe etwas gefunden. Oder… es hat mich gefunden.“

Darunter lag eine Bronzedose, grünlich vor Alter, mit Zeichen, die wie tanzende Flammen aussahen. Als Arman sie berührte, wurde die Luft kühl, als hätte jemand einen unsichtbaren Vorhang beiseitegezogen.

„Was ist das?“, flüsterte Arman.

„Ein Fragment aus der Zeit der ersten Könige“, antwortete der Bibliothekar. „Und es trägt einen Namen: Nareh, die Lampenwächterin.“

Arman hob den Deckel. Drinnen lag keine Lampe, sondern ein kleiner Kristall, so klar, dass er beinahe nicht da war. Doch in seiner Tiefe glomm ein Licht, als hätte jemand einen Sonnenaufgang eingefangen.

In dem Moment flackerte jede Fackel im Raum. Schatten schoben sich wie lange Finger über die Wände.

Arman schluckte. „Magie.“

„Wenn du sie retten willst“, sagte der Bibliothekar leise, „dann folge dem Licht. Aber tu es mit Respekt. Magie ist kein Werkzeug. Sie ist… ein Gast.“

Arman nickte. Sein stiller Wunsch stand plötzlich vor ihm, nicht mehr als Traum, sondern als Weg.

Kapitel 2: Die Karte aus Flüstern

In der Nacht konnte Arman nicht schlafen. Der Kristall lag auf seinem Tisch, neben den Schreibfedern und den sauber gestapelten Papyrusrollen. Er sah aus wie ein harmloser Stein – bis Arman ihn ansprach, so wie man ein nervöses Pferd beruhigt.

„Wenn du wirklich Magie bist“, murmelte er, „dann zeig mir, wie ich dich schützen kann.“

Das Licht im Kristall wurde wärmer. Es kroch über das Holz und zeichnete Linien, die sich zu einer Karte formten: Berge wie gezackte Zähne, eine Wüste wie ein goldenes Meer, und am Rand ein Fluss, dessen Name in schimmernden Buchstaben stand: Choaspes.

Dann erschien ein Zeichen, das Arman aus alten Texten kannte: die Siebenfache Lampe, Symbol der alten Magier, die einst in den Zeiten der Dynastien die Balance bewahrt hatten. Daneben flackerte ein Satz, als sei er aus Rauch geschrieben: „Bring das Licht zum Turm der Stille, bevor der Schattenkönig es verschlingt.“

„Schattenkönig?“, wiederholte Arman. „Als wäre ein König nicht schon schwierig genug ohne Schatten.“

Als er laut lachte, tat es gut. Humor war wie Wasser in der Kehle der Angst.

Am nächsten Morgen suchte er Hauptmann Rostam auf, einen breitschultrigen Mann, der am liebsten mit seinem Speer sprach. Doch Arman konnte auch ihn mit Worten lenken.

„Ich brauche eine Reisegenehmigung“, sagte Arman.

Rostam hob eine Braue. „Für dich? Du reist normalerweise nur von Tisch zu Regal.“

„Es ist… ein Auftrag aus den Archiven. Alte Inschriften überprüfen. Respekt vor den Ahnen, du weißt schon.“ Arman lächelte so unschuldig, dass selbst ein Stein kurz überlegen würde.

Rostam brummte. „Du willst allein?“

„Ich will keinen Streit“, antwortete Arman. „Aber ich will auch niemanden in Gefahr bringen.“

Der Hauptmann sah ihn lange an, dann seufzte er. „Du bist kein Kämpfer, Arman. Aber du hast dieses… feste Leuchten in der Stimme. Nimm zwei Tage Proviant, ein gutes Messer, und geh. Doch wenn du Ärger findest, lauf. Heldentum ist nicht dasselbe wie Dummheit.“

Arman verneigte sich. „Respekt, Hauptmann.“

So verließ er Persepolis, das Morgenlicht auf den Reliefs wie flüssiges Gold. Hinter ihm standen die Paläste der Dynastie, vor ihm die weite Welt – und irgendwo darin ein Turm, der Stille hieß.

Kapitel 3: Der Basar der verlorenen Zeiten

Der Weg führte Arman durch Felder, dann durch staubige Ebenen. Nach zwei Tagen erreichte er Susa, eine Stadt, die roch nach Gewürzen, Leder und Geschichten. Im Basar hingen Stoffe wie bunte Wolken, und Händler riefen, als würden sie mit dem Wind um die Wette schreien.

Arman hielt den Kristall verborgen, doch er spürte, wie er pulsierte, als würde er ungeduldig mit dem Fuß tippen.

An einem Stand mit alten Münzen saß eine Greisin, die ihre Augen halb geschlossen hielt, als würde sie träumen. Vor ihr lagen Amulette, Knochenwürfel und ein Spiegel, der das Licht seltsam schluckte.

„Du suchst nicht nach Dingen“, sagte sie, ohne aufzublicken. „Du suchst nach dem, was zwischen Dingen lebt.“

Arman blieb stehen. „Ich suche nach einem Turm.“

„Viele suchen nach Türmen“, sagte sie. „Die meisten finden nur Treppen. Und Treppen machen müde.“

Er musste grinsen. „Ich bin schon müde. Aber ich gehe weiter.“

Die Greisin hob nun doch den Blick. Ihre Iris war grau wie Regen über Stein. „Dann hör zu, Schreiber. Der Turm der Stille steht auf einem Hügel, wo die Luft dünn wird und Vögel im Kreis denken. Dort bewachen Priester die Ruhe der Toten. Sie lassen nicht jeden hinein.“

„Ich will nichts stehlen“, sagte Arman schnell. „Ich will nur… helfen.“

„Das sagen alle, die etwas Wichtiges tragen.“ Sie tippte mit einem Finger auf seinen Mantel, genau dort, wo der Kristall war. „Magie spürt man, Kind.“

„Ich bin kein Kind“, protestierte Arman, und dann bereute er es sofort. Respekt, erinnerte er sich. Nicht stolz werden.

Die Greisin lächelte, als hätte sie seine Gedanken gehört. „Dann benimm dich wie ein Mann. Respekt heißt: fragen, nicht nehmen. Und hören, nicht nur reden.“

Sie reichte ihm eine Münze, ungewöhnlich schwer, mit einem Loch in der Mitte. „Gib das dem Torwächter am Turm. Nicht als Bezahlung. Als Zeichen, dass du weißt, dass alles einen Preis hat – sogar Stille.“

Arman nahm die Münze mit beiden Händen. „Wie heißt du?“

„Nareh“, sagte sie.

Armans Herz stolperte. „Die Lampenwächterin?“

Die Greisin zwinkerte. „Ich bin heute nur eine Händlerin, die sich gern einmischt. Geh. Und wenn der Schatten dich ansieht, erinnere dich: Auch Schatten brauchen Licht, um da zu sein.“

Arman verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung und ging weiter. Hinter ihm rief ein Händler: „Datteln! Süß wie Versprechen!“ Arman murmelte: „Hoffentlich halten sich Versprechen länger als Datteln.“

Kapitel 4: Der Turm der Stille und die Prüfung

Der Hügel war kahl, der Himmel darüber groß und ernst. Der Turm der Stille lag wie eine steinerne Schale auf dem Gipfel, rund und alt. Wind strich darüber, als wollte er jede Stimme wegwischen.

Am Eingang stand ein Priester in weißem Gewand. Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen waren scharf wie ein Messer, das nie benutzt wird.

„Warum kommst du?“, fragte er.

Arman hob die Hände, leer, als Zeichen, dass er nichts forderte. „Ich komme mit Respekt. Ich will die Magie vor einem Schatten retten.“

Der Priester schwieg einen Moment. „Viele sprechen von Magie. Die meisten meinen Macht.“

Arman zog die Münze hervor und hielt sie so, dass der Priester sie sehen konnte. „Eine Frau namens Nareh sagte, ich solle sie dir geben. Nicht als Kauf. Als Erinnerung.“

Der Priester nahm die Münze, wog sie in der Hand. Sein Blick wurde weicher. „Nareh lebt also noch. Oder zumindest ihre Spuren.“

Er trat zur Seite. „Du darfst eintreten. Aber zuerst: eine Prüfung. Hier oben hören wir die Stimmen der Vergangenheit. Wenn du sie nicht respektierst, wirst du nur Echo finden – und Echo macht einen Menschen hohl.“

Im Inneren des Turms war es kühl. In der Mitte lag ein steinerner Kreis. Arman stellte sich hinein. Der Kristall in seinem Mantel brannte plötzlich heiß.

Der Priester sprach: „Nenne drei Dinge, die du der Magie nicht antun wirst.“

Arman atmete tief. „Ich werde sie nicht benutzen, um andere zu erniedrigen. Ich werde sie nicht verkaufen. Und ich werde sie nicht zwingen, etwas zu sein, das sie nicht ist.“

Ein leises Summen erfüllte den Raum. Der Stein unter seinen Füßen vibrierte, als würde er zustimmend nicken.

„Gut“, sagte der Priester. „Dann höre.“

Die Luft wurde dicht wie Wasser. Arman hörte Stimmen – nicht laut, eher wie Blätterrascheln in einem fernen Garten. Bilder stiegen in ihm auf: Könige mit Kronen, die wie Sterne funkelten; Magier, die Lampen trugen, deren Flammen nicht brannten, sondern sangen. Und dann: ein Schatten, der sich über diese Lichter legte, langsam, geduldig, wie Abenddämmerung.

Der Schattenkönig, flüsterte etwas in Arman.

„Wo ist er?“, fragte Arman, seine Stimme kaum mehr als Atem.

Der Kristall sprang aus seinem Mantel, schwebte über dem Kreis und warf Licht an die Wand. Dort erschien eine Szene: ein Palastsaal, den Arman kannte. Persepolis. Und darin ein Mann, der in einer Ecke stand, zu dunkel für die Fackeln. Seine Gestalt war wie aus Rauch. Auf seinem Kopf schimmerte etwas wie eine Krone aus Nacht.

Arman spürte Kälte im Nacken. „Er ist… zu Hause.“

Der Priester nickte. „Schatten lieben Orte, an denen viele an dasselbe glauben. Dort können sie sich satt essen. Geh zurück, Arman. Aber vergiss nicht: Du kämpfst nicht mit Stahl. Du kämpfst mit Wahrheit.“

Arman hob den Kristall vorsichtig, als wäre er ein schlafendes Tier. „Dann werde ich die Wahrheit tragen.“

Kapitel 5: Die Hallen, in denen Schatten lauschen

Als Arman nach Persepolis zurückkehrte, war die Stadt nicht verändert – und doch fühlte sie sich anders an. Die Reliefs wirkten schwerer. Das Lachen der Soldaten klang gedämpft. Selbst die Tauben flogen, als hätten sie einen Grund, leiser zu sein.

In der großen Audienzhalle sollte der König an diesem Abend ein Fest geben. Händler, Gesandte, Musiker – alle sollten kommen, denn die Dynastie wollte Stärke zeigen. Stärke war ein schönes Wort, dachte Arman, wenn es nicht als Maske diente.

Arman schlich in die Archive, doch die Schatten dort waren zu lang, obwohl die Lampen hell brannten. Der Oberbibliothekar wartete, bleich.

„Er war hier“, flüsterte er. „Jemand hat nach dem Kristall gefragt. Nicht mit Worten. Mit… Druck.“

Arman legte eine Hand auf seine Schulter. „Atme. Du bist nicht allein.“

„Du auch nicht“, sagte eine Stimme hinter ihnen.

Arman drehte sich um. In der Tür stand der Schattenmann aus der Vision. In der Nähe seiner Gestalt flackerten die Lampen, als wären sie unsicher, ob sie noch leuchten dürfen.

„Arman, Schreiber“, sagte der Schattenkönig freundlich, was fast schlimmer war als Drohung. „Du trägst etwas, das der Welt nicht mehr nützt. Magie macht Menschen träumerisch. Und träumerische Menschen sind schwer zu regieren.“

Arman hielt den Kristall in der Faust, so fest, dass er seine Kanten spürte. „Du bist nicht der König.“

„Ich bin der, der übrig bleibt, wenn alle vergessen“, antwortete der Schattenkönig. „Gib mir das Licht. Ich verspreche dir Ruhe.“

Arman dachte an den Turm der Stille. An die Prüfung. An Narehs Worte: Auch Schatten brauchen Licht, um da zu sein.

Er hob den Blick. „Ruhe ohne Gerechtigkeit ist nur Stille für die Starken. Ich respektiere die Menschen hier. Deshalb gebe ich dir nichts.“

Der Schattenkönig lachte leise. „Respekt. Hübsches Wort. Aber Worte werfen keine Speere.“

„Nein“, sagte Arman. „Aber sie können Lampen entzünden.“

Er öffnete die Hand. Der Kristall schwebte auf, und sein Licht wurde breiter, nicht grell, sondern klar wie Morgen. Die Schatten in den Ecken zuckten, als hätten sie plötzlich bemerkt, dass sie gesehen werden.

Der Schattenkönig trat näher. „Du glaubst, du kannst mich vertreiben? Ich bin in den Zweifel der Menschen gewachsen.“

Arman schluckte. Dann sagte er laut, damit auch die Wände es hörten: „Dann werde ich ihnen erinnern helfen.“

Er rannte – nicht weg, sondern hinaus in die Audienzhalle, wo das Fest begann.

Kapitel 6: Das Fest der Erinnerung

Musik klang, Becher klirrten, und bunte Tücher wehten wie kleine Fahnen. Doch als Arman mit dem schwebenden Kristall in die Halle trat, verstummten die Instrumente, als hätten sie plötzlich zugehört.

„Was ist das?“, rief jemand.

Arman stellte sich nicht auf die Bühne, nicht neben den Thron. Er stellte sich mitten unter die Menschen.

„Hört zu“, sagte er, und seine Stimme war ruhig, aber sie trug weit. „Ich bin nur ein Schreiber. Ich zähle Worte. Und heute zähle ich, wie oft wir vergessen haben, einander zu achten.“

Gemurmel ging durch die Menge. Der König blickte verwirrt, doch noch sagte er nichts.

Arman hob den Kristall höher. Sein Licht legte sich über Gesichter, und für einen Augenblick sahen alle so aus, als wären sie jünger – nicht im Körper, sondern im Blick.

„Magie“, flüsterte ein Kind, das sich hinter einem Säulenfuß versteckte.

„Ja“, sagte Arman. „Und sie gehört nicht mir. Sie gehört der Welt. Sie lebt in Geschichten, in Respekt, in dem Mut, die Wahrheit zu sagen, ohne zu schreien.“

Der Schattenkönig glitt am Rand der Halle entlang, unsichtbar für viele, aber Arman spürte ihn wie kalten Rauch. Er spürte auch, wie sich Zweifel in den Köpfen sammelten: Ist das echt? Ist das gefährlich?

Arman tat etwas, das er sonst nie tat. Er erzählte.

Er erzählte von Nareh, der Lampenwächterin, die einst auf den Straßen den Kindern zeigte, wie man eine Flamme schützt, indem man sie nicht mit der Hand packt, sondern mit der Hand windstill macht. Er erzählte von einem König, der sich vor einem Bettler verneigt hatte, weil auch Armut ein Mensch bleibt. Und er erzählte von einem Schatten, der nur dann groß wird, wenn man so tut, als gäbe es ihn nicht.

Während er sprach, begann der Kristall zu singen – nicht mit Worten, sondern mit einem Ton, der wie ein ferner Chor klang. Die Menschen atmeten gemeinsam, als hätte die Halle ein Herz.

Der Schattenkönig fauchte, jetzt sichtbar wie eine dunkle Welle. „Lügen!“, zischte er.

Arman drehte sich zu ihm. „Du bist keine Lüge“, sagte er. „Du bist ein Teil unserer Welt. Aber du bist nicht ihr Herr.“

Das Licht des Kristalls fiel direkt auf den Schattenkönig. Und plötzlich sahen alle: In seiner Dunkelheit steckten Fäden aus Angst, aus Gier, aus Verachtung – Dinge, die Menschen einander antun, wenn sie vergessen, dass jeder ein Gesicht hat.

Der König stand auf. Seine Stimme bebte. „Was ist das für ein Wesen?“

Arman blickte zum Thron. „Majestät, es ist das, was wächst, wenn man Menschen nur als Werkzeuge sieht. Wenn man sie gegeneinander schiebt wie Spielsteine. Respekt ist nicht nur Höflichkeit. Respekt ist Schutz.“

Ein Murmeln, diesmal zustimmend, rollte durch die Menge. Soldaten senkten die Speerspitzen, nicht gegen Arman, sondern zwischen Schatten und Menschen, als wolle man sagen: Bis hierhin und nicht weiter.

Der Schattenkönig wurde kleiner, als würde das gemeinsame Erkennen ihn austrocknen.

„Ihr werdet mich vermissen“, knurrte er. „Ohne mich seid ihr naiv.“

Arman schüttelte den Kopf. „Ohne dich sind wir nicht naiv. Wir sind wach.“

Dann tat Arman das Schwerste: Er ließ den Kristall los. Nicht fallen – loslassen.

Das Licht breitete sich in der Halle aus, stieg wie Nebel, legte sich auf jeden einzelnen. Für einen Moment sah Arman in den Augen der Menschen kleine Funken: Erinnerung an Gutes, an Versöhnung, an das Gefühl, dass Magie nicht nur Zauber ist, sondern Sinn.

Der Schattenkönig schrie nicht. Er löste sich auf, als würde er in tausend winzige Schatten zerlegt, die keine Nahrung mehr fanden.

Stille blieb. Aber es war keine leere Stille. Es war die Stille nach einem Sturm, in der man wieder die eigenen Schritte hört.

Der König trat zu Arman hinab. Er sah ihn lange an, dann verbeugte er sich – klein, aber deutlich.

„Du hast mich erinnert“, sagte der König. „Und du hast mein Volk geschützt. Das ist Gerechtigkeit.“

Arman erwiderte die Verbeugung. „Gerechtigkeit schützt auch Könige, Majestät. Wenn sie zuhören.“

Später, als das Fest vorsichtig weiterging, heller als zuvor, suchte Arman den Kristall. Er lag nicht mehr auf dem Boden. Stattdessen glomm in jeder Lampe der Halle ein winziger zusätzlicher Funke, als hätte das Licht sich verteilt, um nicht mehr gestohlen werden zu können.

Arman lächelte müde. „Clever“, murmelte er. „So kann dich keiner mehr einsperren.“

In den folgenden Tagen erzählten die Leute in Persepolis wieder Geschichten. Nicht, weil Arman sie dazu zwang, sondern weil sie sich daran erinnerten, wie gut es tat. Und Arman, der Schreiber, ging zurück in die Archive, ordnete Rollen, schrieb Worte – und spürte, dass die Magie der Welt nicht gerettet war wie ein Schatz in einer Kiste.

Sie war gerettet wie ein Feuer: indem viele Hände sie respektvoll bewachten.

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Hallen
Große Räume in einem Gebäude, oft mit hohen Decken und vielen Menschen.
Reliefs
Steinerne Bilder, die aus einer Wand herausgearbeitet wurden und Formen zeigen.
Archive
Ort, wo alte Schriften, Rollen und wichtige Dokumente aufbewahrt werden.
Wachtafel
Holztafel oder Brett, das ein Schreiber zum Schreiben oder Notieren benutzt.
Siegelring
Ring mit einem eingegrabenen Zeichen, zum Abdrucken eines Siegels in Wachs.
Oberbibliothekar
Leiter der Bibliothek, der Bücher und Schriftstücke verwaltet und schützt.
Bronzedose
Kleine Behälter aus Bronze, oft alt und zur Aufbewahrung von Dingen benutzt.
Kristall
Durchsichtiger Stein, der Licht sammeln oder hell leuchten kann.
Fragment
Ein Teil von etwas Größerem, das zerbrochen oder verloren gegangen ist.
Siebenfache Lampe
Besonderes altes Symbol mit sieben Lampen, wichtig für Magie und Schutz.
Schattenkönig
Dunkle Gestalt, die aus Angst und Vergessen entsteht und mächtig wirkt.
Basar
Markt in der Stadt, wo viele Händler Waren laut anbieten und verkaufen.
Greisin
Ältere Frau, oft mit viel Lebenserfahrung und Wissen über Geschichten.
Amulette
Kleine Gegenstände, die man trägt, weil man Schutz oder Glück glaubt.
Torwächter
Person, die am Eingang wacht und entscheidet, wer hereinkommt.
Priester
Religiöse Person, die Rituale macht und für spirituelle Regeln sorgt.
Vibrierte
Zittern oder leichtes Schwingen, oft als Reaktion auf etwas Starkes.
Audienzhalle
Großer Saal, in dem wichtige Treffen oder Feste vor einem Herrscher stattfinden.

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