Kapitel 1: Der Ring aus kaltem Gold
Als der Nebel vom Fluss aufzog, schien er die Welt leiser zu machen. Die Weiden am Ufer standen wie graue Wächter, und irgendwo klopfte ein Specht, als würde er eine geheime Botschaft in die Rinde hämmern.
Alba zog den Wollmantel enger um die Schultern und trat zwischen die Zelte des merowingischen Hoflagers. Über den Feuerstellen brodelten Töpfe, Hunde stritten um Knochen, und die Männer der Wache lachten zu laut, als müssten sie die Dunkelheit vertreiben.
Alba war nicht hier, um zu lachen.
Sie war eine junge Frau, kaum älter als die meisten Knappen, doch ihre Augen suchten nicht nach Spiel und Streit. Sie suchten nach Wahrheit. Nach dem, was hinter den Geschichten lag, die man in langen Nächten erzählte: von alten Königen, die mit Eichen sprachen, von Quellen, die Träume gaben, von Runen, die sich wie lebendige Käfer über Steine bewegten.
In ihrer Tasche steckte ein Messer, ein Stück Kreide und ein schmaler Streifen Pergament, auf dem sie Zeichen gesammelt hatte. Nicht die Zeichen der Priester, nicht die der Schreiber, sondern die, die niemand offiziell lehrte.
„Alba!“ rief eine Stimme.
Bruno, der Schmied des Trosses, winkte sie an seine Esse. Sein Bart roch nach Rauch, seine Arme waren so dick wie junge Baumstämme. Zwischen Zange und Amboss hielt er etwas, das im Feuerschein aufblitzte.
„Für dich“, sagte er und legte es in ihre Handfläche.
Ein Ring. Kaltes Gold, schwerer als er aussah. Auf seiner Oberfläche waren Linien eingeritzt, als hätte jemand eine Karte für Ameisen gezeichnet.
„Ich… ich habe nicht genug Silber“, begann Alba.
Bruno winkte ab. „Hör auf. Das Ding hat mich nachts wachgehalten. Es klirrt nicht, wenn man es fallen lässt. Und die Zeichen…“ Er beugte sich näher. „Die sehen aus wie die alten Kratzer in den Steinen am Hain. Du willst doch immer dorthin.“
Alba schluckte. „Woher hast du ihn?“
Bruno kratzte sich am Kinn. „Ein Händler aus dem Süden. Er sagte, er habe ihn aus einem Grab. Ich hab ihn ausgelacht. Wer klaut schon Ringe aus Gräbern? Das bringt Unglück. Aber dann…“ Er zeigte auf seine rußigen Finger. „Dann hat mein Hammer gestern von selbst gezittert, als ich den Ring berührt habe. Ich mag keine Dinge, die ohne Grund zittern.“
Alba drehte den Ring langsam. Die eingeritzten Linien wirkten wie ein Kreis aus Flüssen und Wegen. In der Mitte: ein winziger Punkt, so tief gestochen, dass er schwarz blieb.
„Das ist kein Schmuck“, murmelte sie. „Das ist… eine Frage.“
„Eine was?“
„Eine Frage, die jemand in Metall eingeschlossen hat.“ Alba spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Wenn ich die Antwort finde, finde ich vielleicht… echte Magie.“
Bruno verzog das Gesicht. „Echte Magie? Du meinst Zauberei, die die Priester anbrüllen?“
„Nicht die, die man anbrüllt“, sagte Alba leise. „Die, die man versteht.“
In diesem Moment fegte eine Böe durch das Lager, und die Feuer flackerten, als hätten sie kurz Angst. Der Ring wurde in Albas Hand eiskalt. Ein Hauch von Wald, feucht und dunkel, schien aus ihm zu steigen.
„Alba“, sagte Bruno plötzlich ernst. „Wenn dich das Ding in den Wald ruft, nimm jemanden mit. Oder nimm wenigstens deinen Kopf mit.“
Alba lächelte dünn. „Den Kopf nehme ich immer mit. Sonst findet man ja nichts.“
Sie steckte den Ring an den Finger. Er passte, als hätte er gewartet.
Und irgendwo hinter den Zelten, jenseits der Pfähle, antwortete ein Rabe mit einem heiseren „Kra“, als hätte er ihren Entschluss unterschrieben.
Kapitel 2: Der Hain der flüsternden Steine
Am nächsten Morgen war die Welt klar wie frisch gewaschene Wolle. Der Nebel hatte sich verzogen, und der Himmel spannte ein blasses Blau über die Felder. Alba verließ das Lager, als die ersten Hähne noch diskutierten, wer am lautesten krähen dürfe.
Auf dem Weg traf sie Ysella, eine Gleichaltrige aus dem Tross, die Kräuter sammelte und stets so tat, als seien die Pflanzen ihre wichtigsten Freunde.
„Du gehst schon wieder allein?“, fragte Ysella und schob sich einen Strang braunes Haar aus dem Gesicht.
Alba hielt kurz inne. „Ich will zum Hain. Zu den alten Steinen.“
Ysella zog die Augenbrauen hoch. „Zu den Steinen, die nachts flüstern? Gute Idee. Wenn du Glück hast, flüstern sie dir, wo die Wölfe wohnen.“
„Hast du Angst?“
„Nur vor Dummheit“, sagte Ysella trocken. Dann seufzte sie. „Und vor dem, was in alten Geschichten wirklich stimmt.“
Alba hob die Hand, der Ring glitzerte. „Siehst du das?“
Ysella beugte sich näher. „Oh. Der sieht teuer aus.“
„Er ist… eigenartig.“ Alba suchte nach Worten. „Er fühlt sich an wie ein Schlüssel.“
„Zu was?“
Alba blickte zum Waldrand. „Zu einer Tür, die man nicht sieht.“
Ysella musterte sie, dann warf sie ihren Kräuterbeutel über die Schulter. „Na gut. Ich komme mit. Wenn du schon in unsichtbare Türen rennst, will ich wenigstens dabei sein, um dich auszulachen, falls du dir die Nase stößt.“
„Abgemacht“, sagte Alba, und für einen Moment wurde ihr leichter ums Herz.
Der Wald nahm sie auf wie eine große, geduldige Hand. Die Geräusche der Menschen verschwanden. Stattdessen hörten sie das leise Knacken von Zweigen, das Rascheln von Farn, das ferne Murmeln eines Bachs. Sonnenflecken lagen auf dem Boden wie verstreute Münzen.
Nach einer Weile traten sie in eine Lichtung. Dort standen sie: Steine, so hoch wie Männer, im Kreis aufgerichtet. Manche waren mit Moos überzogen, andere glatt und grau, als hätten sie Regen und Zeit einfach abperlen lassen. In ihre Flanken waren Zeichen geritzt – Spiralen, Striche, Punkte, die wie Sterne wirkten.
Ysella pfiff. „Die sehen aus, als könnten sie sich nachts bewegen.“
„Vielleicht tun sie das“, flüsterte Alba.
Sie ging auf den nächsten Stein zu. Der Ring an ihrem Finger begann warm zu werden. Nicht angenehm warm, eher wie eine Tasse, die man gerade noch halten kann.
Alba legte die Hand auf den Stein. Kälte zog durch ihre Haut – und gleichzeitig ein Gefühl, als würde jemand ganz leise an eine Tür klopfen, innen in ihrem Kopf.
„Hörst du das?“, fragte sie.
Ysella presste die Lippen zusammen. „Ich höre… nichts.“ Dann blinzelte sie. „Doch. Warte. Da ist… ein Summen. Wie Bienen, nur langsamer.“
Alba schloss die Augen. Die Zeichen auf dem Stein waren plötzlich nicht mehr nur Kratzer. Sie wurden zu Wegen. Zu Linien, die sich ordneten. Vor ihrem inneren Blick tauchte ein Bild auf: eine Höhle, tief im Hügel, und darin ein Spiegel aus schwarzem Wasser.
Sie riss die Augen auf. „Der Ring zeigt mir etwas.“
„Wohin?“ Ysella klang jetzt weniger spöttisch.
Alba atmete aus. „Zum Spiegelwasser. Unter einem Hügel mit drei Eichen.“
„Das klingt wie der Anfang einer Geschichte, die mit ‚und dann wurden sie nie wieder gesehen‘ endet.“
„Oder wie der Anfang einer Geschichte, die mit ‚und dann fanden sie, was sie suchten‘ endet.“
Ysella betrachtete den Steinkreis, als würde er sie persönlich beurteilen. „Wenn das echte Magie ist, warum zeigt sie sich ausgerechnet dir?“
Alba strich über den Ring. „Weil ich gefragt habe. Nicht laut. Aber lange.“
In diesem Moment flog der Rabe, den Alba am Vorabend gehört hatte, über die Lichtung und setzte sich auf einen Stein. Er neigte den Kopf, als lausche er einem unsichtbaren Lied.
„Kra“, sagte er. Und klang dabei verdächtig wie: „Geht.“
Kapitel 3: Der Hügel mit den drei Eichen
Sie gingen den ganzen Tag. Der Wald wurde dichter, dann wieder lichter. Einmal überquerten sie eine alte Römerstraße, deren Steine schief lagen wie Zähne in einem zu großen Mund. Ysella trat darauf und tat so, als stolpere sie absichtlich.
„Die Römer“, sagte sie, „haben Straßen gebaut, damit ihre Legionen schneller marschieren. Und jetzt marschieren nur noch unsere Blasen schneller.“
Alba lachte kurz. Das tat gut, denn ihr Magen war ein Knoten aus Aufregung und Sorge.
Als die Sonne tiefer stand, fanden sie den Hügel. Drei Eichen wuchsen auf seinem Rücken, groß und knorrig, als hätten sie die Wolken schon tausendmal vorbeiziehen sehen. Zwischen ihren Wurzeln war der Boden seltsam glatt, fast als wäre er einmal geöffnet und wieder geschlossen worden.
Der Ring zog an Albas Finger. Nicht wirklich, aber es fühlte sich so an. Als würde er sagen: Hier.
„Ich sehe keine Höhle“, flüsterte Ysella.
Alba kniete sich hin und strich über die Erde. Ihre Hand stieß gegen etwas Hartes. Ein Stein, flach wie ein Deckel. In seiner Mitte: ein Loch, gerade groß genug für einen Finger.
„Natürlich“, murmelte Alba. „Ein Schlüssel ohne Schloss ist nur Metall.“
Sie steckte den Ringfinger in das Loch. Sofort war da ein Klicken, nicht laut, eher wie das Knacken eines Eiszapfens. Der Stein vibrierte, und die Erde unter ihnen seufzte, als würde sie sich strecken.
Ein Spalt öffnete sich. Dunkelheit quoll hervor, kühl und nach altem Laub riechend.
Ysella trat einen Schritt zurück. „Alba. Ich lache jetzt nicht. Ich finde das… ehrlich unheimlich.“
Alba schluckte und hob eine Fackel, die sie unterwegs entzündet hatten. „Mut ist nicht, wenn man nichts fühlt“, sagte sie. „Mut ist, wenn man trotzdem weitergeht.“
„Das klingt wie etwas, das man auf ein Schild schreiben könnte, bevor man in ein Loch fällt.“
„Dann schreib es dir in den Kopf“, sagte Alba und grinste schief.
Sie stiegen hinab. Eine schmale Treppe aus Stein führte in die Tiefe. Die Wände waren feucht, und auf manchen Stellen glitzerten winzige Kristalle wie eingefrorene Sterne. Ihre Schritte hallten, als liefen hinter ihnen unsichtbare Kinder mit.
Unten öffnete sich ein Raum. In der Mitte lag ein Becken, rund wie ein Auge. Das Wasser darin war schwarz, doch es spiegelte das Fackellicht nicht. Es schluckte es.
Ysella flüsterte: „Das ist kein Wasser.“
„Doch“, sagte Alba. „Aber es ist alt.“
Am Rand des Beckens standen Zeichen, die Alba schon einmal gesehen hatte: auf den Steinen im Hain, auf dem Ring. Diesmal aber waren sie vollständiger, wie ein Satz statt einzelner Buchstaben.
Alba kniete sich hin und fuhr mit der Kreide über ihr Pergament. „Wenn ich diese Zeichen lesen könnte…“
„Kannst du nicht?“, fragte Ysella.
„Noch nicht.“ Alba atmete tief ein. „Aber vielleicht zeigt mir das Wasser.“
Sie beugte sich vor. Der Ring wurde heiß. Das schwarze Wasser bewegte sich, obwohl kein Wind ging. Es bildete Kreise, als würde darunter etwas langsam atmen.
„Alba…“, begann Ysella warnend.
Alba streckte die Hand aus, bis ihre Fingerspitzen das Wasser berührten.
Es war kalt. Und dann… war es, als würde die Kälte sich in Licht verwandeln.
Vor Albas Augen flackerte eine Szene auf: Ein merowingischer König, mit langem Haar und einem Mantel, der wie ein Fluss aus Purpur wirkte. Er stand in diesem Raum, genau hier. Neben ihm eine Frau, älter, mit grauen Zöpfen und einem Blick, der Stein hätte schneiden können. Sie hielt einen Stab, in den Runen eingeschnitzt waren.
Die Frau sagte etwas – und obwohl es kein Laut war, verstand Alba den Sinn: „Wahre Magie ist kein Befehl. Sie ist ein Gespräch.“
Dann sah Alba sich selbst. Nicht wie jetzt, sondern wie eine Gestalt aus Schatten und Funken, die vor einer Tür stand. Auf der Tür: ein Symbol, das wie drei ineinander verschlungene Kreise aussah.
Das Bild brach ab. Alba zog die Hand zurück, als hätte das Wasser sie gebissen.
Ysella packte sie am Arm. „Was hast du gesehen? Du bist ganz blass.“
Alba keuchte. „Eine Tür. Und ein Zeichen. Drei Kreise.“
Ysella sah zum Becken. „Und wie kommen wir zu dieser Tür?“
Alba starrte auf den Ring. In der Hitze, die er ausstrahlte, spürte sie eine Richtung. Nicht nach Norden oder Süden. Eher… nach innen. Als würde irgendwo in der Welt ein Satz auf sie warten, der noch nicht ausgesprochen war.
„Wir brauchen einen Lehrer“, sagte Alba leise. „Oder jemanden, der diese Zeichen kennt.“
Ysella schnaubte. „Im Lager gibt es genau zwei Arten von Leuten, die etwas kennen: Die, die es behalten, und die, die es verkaufen.“
„Dann müssen wir jemanden finden, der es nicht verkauft“, sagte Alba.
Hinter ihnen tropfte Wasser. Plink. Plink. Wie eine Uhr, die in der Dunkelheit geduldig Zeit zählte.
Kapitel 4: Die Runenmeisterin im Moor
Zurück im Lager erfuhren sie, was man erfährt, wenn man heimlich fragt: Viel Gerede, wenig Wahrheit. Doch ein Name fiel immer wieder, wenn die Alten sich unbeobachtet wähnten.
„Gundrada“, flüsterte eine Wäscherin, als sie Hemden auswrang. „Die aus dem Moor. Sie liest Steine, als wären es Briefe. Aber geh nicht hin. Sie nimmt dir etwas, und wenn es nur deine gute Laune ist.“
„Die habe ich sowieso selten“, murmelte Ysella.
Alba spürte, wie sich die Puzzleteile in ihrem Kopf sortierten. Ein Name. Ein Ort. Ein Risiko. Das klang nach einem Weg.
Zwei Tage später standen sie am Rand des Moors. Das Land war hier flach, und das Wasser lag zwischen Grasbüscheln wie zerbrochene Spiegel. Nebelschwaden krochen über den Boden, als hätten sie keine Beine und trotzdem Eile.
„Wenn ich verschwinde“, sagte Ysella, „erzähl allen, ich sei heldenhaft gestorben. Nicht, dass ich in ein Loch getreten bin.“
„Du trittst nicht in ein Loch“, sagte Alba. „Du springst höchstens hinein, aus Neugier.“
Sie tasteten sich voran, setzten die Füße auf feste Grasinseln. Schließlich sahen sie eine Hütte, die auf Pfählen stand. Um sie herum hingen Bündel aus getrockneten Kräutern, Knochen und… etwas, das wie kleine Glöckchen aussah, aber aus Muscheln bestand.
Eine Stimme rief: „Wenn ihr schon kommt, dann kommt richtig. Ich mag keine Besucher, die am Rand stehen wie hungrige Katzen.“
Die Tür ging auf. Gundrada trat heraus. Sie war klein, aber ihre Präsenz füllte die Luft. Ihr Haar war silbrig, doch ihr Gesicht war nicht alt wie ein schlaffer Apfel, sondern alt wie ein Berg: fest, voller Linien, die Geschichten trugen. Ihre Augen waren hell, beinahe durchscheinend.
„Ihr riecht nach Wald und nach Fragen“, sagte sie und musterte Alba. „Und du“, sie deutete auf Ysella, „riechst nach Spott. Spott ist wie Pfeffer: Ein bisschen ist gut. Zu viel macht blind.“
Ysella öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nickte, als hätte sie beschlossen, Pfeffer zu sparen.
Alba trat vor. „Ich habe einen Ring. Mit Zeichen. Und ich suche die wahre Magie.“
Gundrada lachte kurz, trocken. „Die wahre Magie sucht dich nicht? Wie unhöflich von ihr.“
Alba hielt die Hand hin. Der Ring glitzerte matt im Moorlicht.
Gundrada nahm Albas Finger nicht, sie berührte den Ring nur mit einem Stück Holz. „Gut so“, murmelte sie. „Der Ring ist wach. Und er ist alt. Merowingisch alt, und das ist eine Art alt, die gern beißt.“
„Können Sie die Zeichen lesen?“, fragte Alba.
„Ich kann sie hören“, antwortete Gundrada. „Lesen ist nur eine nette Gewohnheit der Menschen. Die Welt spricht auch ohne Buchstaben.“
Sie drehte sich um. „Kommt rein. Und tretet nicht auf die dunklen Bretter. Die knurren.“
Drinnen roch es nach Kräutern und Rauch. Über einem kleinen Feuer hing ein Kessel. An den Wänden waren Steine befestigt, jeder mit anderen Runen. Es war, als hätte jemand einen Wald an Zeichen gesammelt und in eine Hütte gepflanzt.
Gundrada setzte sich und deutete auf zwei Hocker. „Zeigt mir, was ihr gesehen habt.“
Alba erzählte vom Hain, vom Hügel, vom schwarzen Wasser, von der Tür mit den drei Kreisen. Während sie sprach, wurde es still, selbst der Kessel schien leiser zu blubbern.
Als Alba fertig war, schwieg Gundrada lange. Dann sagte sie: „Du suchst die Magie wie ein Schatz. Aber Magie ist kein Beutel mit Münzen. Sie ist eher… ein Versprechen.“
„Ein Versprechen von wem?“, fragte Alba.
„Von dir“, sagte Gundrada. „An die Welt. Und von der Welt an dich.“
Ysella scharrte mit dem Fuß. „Und was hat es mit der Tür auf sich?“
Gundrada stand auf und nahm einen Stein mit drei ineinander verschlungenen Kreisen. „Das ist das Zeichen der Drei Zeiten: Was war, was ist, was sein könnte. Die Tür nennt man den Saal der wahren Namen.“
Alba spürte, wie ihr Nacken kribbelte. „Wahre Namen?“
„Alles hat einen Namen“, sagte Gundrada. „Aber die meisten Namen sind wie Mäntel: praktisch, aber nicht die Haut. Der wahre Name ist die Haut. Wer ihn kennt, versteht, statt zu befehlen.“
Alba flüsterte: „Dann kann man…“
„…mit Flüssen sprechen, ohne sie umzuleiten“, sagte Gundrada. „Mit Feuer verhandeln, ohne es zu fesseln. Mit Schatten umgehen, ohne sie zu hassen.“
Ysella rieb sich die Arme. „Und wo ist dieser Saal?“
Gundrada blickte Alba scharf an. „Warum willst du ihn?“
Alba antwortete sofort: „Weil ich wissen will, was echt ist. Weil ich nicht nur glauben will, was man mir erzählt. Und weil…“ Sie zögerte. „Weil ich das Gefühl habe, dass die Welt größer ist, als wir uns trauen.“
Gundradas Blick wurde weicher, aber nicht freundlich – eher respektvoll. „Guter Grund. Und gefährlicher.“
Sie griff nach einem Beutel und zog ein Stück Kohle heraus. Dann nahm sie Albas Pergament und zeichnete eine Karte: Fluss, Hügel, Wald, eine alte Straße – und schließlich ein Zeichen wie eine Krone aus Dornen.
„Dorthin“, sagte sie. „Zu den Ruinen eines römischen Heiligtums. Unter dem gebrochenen Bogen liegt der Saal. Aber der Saal lässt nicht jeden hinein. Er stellt Fragen.“
Ysella hob die Hand. „Was für Fragen?“
Gundrada lächelte dünn. „Die Art, bei der falsche Antworten weh tun. Nicht am Körper. Hier.“ Sie tippte Alba an die Stirn.
Alba schloss die Finger um den Ring. „Dann brauche ich Mut.“
„Mut“, sagte Gundrada, „und etwas, das die meisten vergessen: Ehrlichkeit.“
Sie beugte sich vor. „Wenn du den Saal betrittst, wirst du lernen. Aber du wirst auch verlieren. Bist du bereit?“
Alba spürte den Knoten in ihrem Magen, aber auch eine klare Linie in sich, wie ein Weg aus Licht.
„Ja“, sagte sie.
„Gut“, antwortete Gundrada. „Dann geh, bevor dein Ja Angst bekommt und sich in ein Vielleicht verwandelt.“
Kapitel 5: Der gebrochene Bogen
Sie brachen im Morgengrauen auf. Der Himmel war grau, aber das Grau hatte Ränder aus Silber, als würde die Sonne dahinter ihre Messer schärfen.
Alba und Ysella folgten der Karte. Sie gingen an Feldern vorbei, wo Bauern sie misstrauisch ansahen, als wären zwei reisende Mädchen schon eine kleine Unordnung in der Welt. Sie übernachteten einmal in einer Scheune, einmal unter einem Baum, dessen Äste im Wind knarrten wie alte Türen.
Am dritten Tag fanden sie die Ruinen.
Ein halb eingestürzter römischer Bogen stand am Rand eines Hügels, überwuchert von Efeu. Die Steine waren verwittert, doch man sah noch die feinen Muster, die die Römer geliebt hatten: Blätter, Wellen, kleine Tiere, die in Stein gefangen waren. Darunter lag ein Eingang, der in die Dunkelheit führte.
„Das sieht aus wie ein Mund“, sagte Ysella.
„Dann hoffen wir, dass er uns nicht verschluckt“, antwortete Alba und hob die Fackel.
Sie traten ein. Der Gang war breiter als der unter den drei Eichen. Auf dem Boden lagen zerbrochene Mosaiksteine, die im Fackellicht wie bunte Schuppen glitzerten. Die Luft roch nach Staub und etwas Metallischem, wie ein Gewitter, das noch nicht entschieden hat, ob es kommen will.
Der Ring war jetzt ruhig, fast still. Alba fand das beunruhigender als Hitze.
„Warum ist er so… brav?“, flüsterte Ysella.
„Vielleicht sammelt er Kraft“, sagte Alba. „Oder er wartet.“
Sie kamen in eine Halle. In der Mitte stand eine Tür – keine Holztür, keine Steintür. Es war eine Fläche aus glattem, dunklem Material, das nicht spiegelte, sondern schluckte. Darauf leuchteten schwach die drei ineinander verschlungenen Kreise.
„Da ist sie“, hauchte Alba.
Die Tür hatte keinen Griff. Nur eine Vertiefung, ringförmig.
Alba hob die Hand. „Bereit?“
Ysella zog eine Grimasse. „Nein. Also ja. Also… mach schnell.“
Alba setzte den Ring in die Vertiefung.
Ein tiefer Ton vibrierte durch die Halle, als würde irgendwo eine riesige Saite gezupft. Die Tür wurde heller, nicht wie Licht, sondern wie ein Gedanke, der plötzlich klar wird. Dann glitt sie lautlos zur Seite.
Dahinter lag kein Raum, wie Alba ihn erwartet hatte. Kein Saal voller Schätze, keine Bücher, keine funkelnden Stäbe. Es war ein Kreis aus Nebel, in dem Bilder schwammen wie Fische. Der Boden darunter sah aus wie Wasser, doch er trug sie.
Als Alba den ersten Schritt machte, spürte sie etwas an sich ziehen – nicht an ihrem Mantel, sondern an ihren Erinnerungen. Ein leises Zerren, als wolle jemand wissen, wer sie sei.
Eine Stimme erklang, weder männlich noch weiblich, eher wie Wind in einer Höhle:
„Nenn dich.“
Alba schluckte. „Alba.“
„Das ist ein Mantelname“, sagte die Stimme. „Was ist dein wahrer Name?“
Ysella flüsterte: „Sag einfach Alba. Was soll schon passieren?“
Alba schloss kurz die Augen. Gundradas Worte: Ehrlichkeit. Sie spürte in sich hinein, tiefer als die Schichten von Höflichkeit und Gewohnheit. Da war ein Gefühl, das immer da gewesen war, wie ein Grundton: das Drängen, zu fragen, zu verstehen, nicht wegzusehen.
Sie öffnete die Augen. „Ich bin die, die sucht“, sagte Alba. „Nicht um zu besitzen. Um zu erkennen.“
Der Nebel vor ihr wirbelte. Die Stimme schwieg einen Herzschlag lang, dann sagte sie: „Suchen ist ein Weg. Aber warum gehst du ihn?“
Alba sah ein Bild im Nebel: Sie als kleines Kind, wie sie einer alten Frau lauschte, die von Zaubern erzählte. Dann ein anderes Bild: ein Priester, der schimpfte, als Alba Fragen stellte. Dann wieder Bruno, der ihr den Ring gab, und die Steine, die flüsterten.
„Weil ich nicht in Angst leben will“, sagte Alba. „Und weil ich glaube, dass Wissen Mut braucht – und Mut Wissen.“
Der Nebel bildete einen Pfad. Ysella trat hinter Alba, ihre Stimme zitterte leicht: „Heißt das, wir sind drin?“
„Noch nicht“, sagte die Stimme. „Eine Frage bleibt.“
Das Bild wechselte. Jetzt sah Alba Ysella, wie sie als Kind im Fluss fast untergegangen wäre, und eine Hand, die sie herauszog. Dann sah Alba sich selbst, wie sie den Ring anlegte.
„Was bist du bereit zu verlieren, um zu lernen?“, fragte die Stimme.
Albas Herz schlug hart. Sie dachte an einfache Antworten: Zeit, Schlaf, Bequemlichkeit. Aber sie spürte, dass der Saal keine einfachen Münzen akzeptierte.
Wahrer Name. Wahre Magie. Gespräch statt Befehl.
„Meine Gewissheit“, sagte Alba schließlich. „Ich bin bereit, falsch zu liegen. Und mich zu ändern.“
Der Nebel hielt still. Dann begann er zu leuchten, nicht grell, sondern wie Mondlicht auf Schnee.
„Dann tritt vor“, sagte die Stimme.
Alba ging. Unter ihren Füßen kräuselte sich das „Wasser“. Der Nebel öffnete sich wie Vorhänge.
Im Zentrum des Saals stand kein Thron. Kein Altar. Nur ein Stein, auf dem ein Buch lag – aber es war kein Buch aus Papier. Es bestand aus dünnen Platten, vielleicht aus Holz, vielleicht aus Knochen, auf denen Zeichen schimmerten.
Und neben dem Stein stand eine Gestalt, die Alba den Atem nahm: eine Frau aus Licht und Schatten zugleich, wie eine Erinnerung an jemanden, den man nie getroffen hat. Ihr Haar war wie Rauch, ihre Augen wie tiefe Seen.
„Ich bin keine Göttin“, sagte die Gestalt, als hätte sie Albas Gedanken gelesen. „Ich bin ein Echo. Eine, die hier vor langer Zeit gelernt hat – und etwas zurückließ.“
Alba flüsterte: „Sind Sie… die Runenmeisterin aus dem Wasser?“
„Ein Teil von mir“, sagte das Echo. „Nenn mich Aira.“
Ysella stellte sich neben Alba und versuchte tapfer zu wirken. „Also, Aira. Können wir kurz darüber reden, dass das alles sehr… sehr viel ist?“
Aira lächelte. „Humor ist ein guter Schild. Aber kein Schlüssel. Der Schlüssel ist deine Frage, Alba.“
Alba trat näher. „Ich will die wahre Magie lernen.“
„Dann hör“, sagte Aira. „Nicht mit den Ohren. Mit dem Mut.“
Kapitel 6: Die Lektion der wahren Namen
Aira legte eine Hand über das Plattenbuch. Die Zeichen darauf bewegten sich, als würden sie atmen. Alba spürte den Drang, sie sofort zu greifen, zu merken, zu besitzen – wie man einen seltenen Käfer fängt. Sie zwang sich, die Hände ruhig zu halten.
„Die meisten Menschen“, sagte Aira, „wollen Magie, um zu gewinnen. Um andere zu zwingen. Um Angst zu vertreiben, indem sie sie weitergeben.“
Ysella räusperte sich. „Und was wollen die klügeren Menschen?“
„Sie wollen verstehen“, antwortete Aira. „Und das ist schwerer, weil Verstehen dich verändert.“
Aira hob den Ringfinger – und Albas Ring antwortete mit einem leisen, hellen Klang. Der Saal vibrierte, als stimmten sich unsichtbare Instrumente ein.
„Der Ring ist ein Fragment“, erklärte Aira. „Er enthält nicht die Macht. Er enthält die Richtung. Er führt Suchende hierher, wenn sie bereit sind, nicht nur zu nehmen.“
Alba spürte einen Stich. „Bin ich bereit?“
Aira sah sie an, und Alba hatte das Gefühl, durchschaut zu werden wie dünnes Glas. „Du bist bereit, wenn du eine Wahrheit aussprichst, die du sonst versteckst.“
Der Nebel um sie herum verdichtete sich zu Bildern. Alba sah sich selbst, wie sie nachts wach lag, nicht nur aus Neugier, sondern aus einem anderen, dunkleren Grund: Sie hatte Angst, gewöhnlich zu sein. Nicht wichtig. Nicht bedeutend. Eine von vielen, die kommen und gehen, ohne Spuren zu hinterlassen.
Ihre Kehle wurde trocken.
„Sag es“, flüsterte Aira.
Alba spürte Ysellas Blick, aber sie sah nicht hin. Sie sah auf ihre eigenen Hände.
„Ich habe Angst“, sagte Alba, und das Wort schmeckte bitter und ehrlich. „Angst, dass ich nichts Besonderes bin. Dass meine Fragen nur Lärm sind.“
Der Saal wurde still. Dann, ganz sanft, wurde die Luft leichter.
Aira nickte. „Das ist der erste wahre Name, den du heute lernst: Angst. Nicht als Feind. Als Hinweis.“
Ysella atmete hörbar aus, als hätte auch sie etwas losgelassen. „Gut“, murmelte sie. „Dann darf ich auch? Ich habe Angst, dass ich nur zum Witzemachen tauge.“
Aira blickte Ysella an. „Und trotzdem bist du hier. Das ist Mut.“
Alba spürte Wärme, nicht vom Ring, sondern von innen. „Und wie lerne ich Magie?“
Aira zeigte auf das Plattenbuch. „Nicht indem du Zaubersprüche sammelst. Sondern indem du Namen hörst. Der wahre Name eines Feuers ist nicht ‚Feuer‘. Es ist sein Wunsch: zu steigen, zu tanzen, zu fressen, zu wärmen.“
Sie streckte die Hand aus. Neben dem Stein erschien eine kleine Flamme, ohne Holz, ohne Öl. Sie schwankte, als wäre sie unsicher, ob sie bleiben sollte.
„Sprich mit ihr“, sagte Aira.
Alba trat näher. Die Flamme war wunderschön und gefährlich zugleich.
Sie erinnerte sich an die Lektion: Gespräch, nicht Befehl. Sie atmete ruhig. „Ich sehe dich“, sagte sie leise. „Du willst leben. Du willst bewegen. Aber du musst niemanden verletzen, um zu sein.“
Die Flamme zitterte. Dann wurde sie kleiner, nicht schwächer, sondern konzentrierter – wie ein Stern, der näher rückt. Sie legte sich auf Albas Handfläche, ohne zu brennen. Sie fühlte sich an wie Wärme im Winter: ein Geschenk, kein Angriff.
Ysella starrte. „Alba. Du hältst Feuer wie ein Apfel.“
Alba lachte, und das Lachen war zugleich Erleichterung und Staunen. „Es… hört zu.“
Aira nickte. „Du hast seinen wahren Namen nicht ausgesprochen. Du hast ihn respektiert. Das ist der Anfang.“
Die Flamme sprang von Albas Hand zurück in die Luft und verneigte sich beinahe, bevor sie verschwand.
Albas Augen füllten sich mit Tränen, die sie nicht erwartet hatte. „Ich dachte, Magie wäre… groß. Laut. Blitz und Donner.“
„Manchmal“, sagte Aira, „ist die größte Magie ein leiser Schritt in die richtige Richtung.“
Der Nebel zeigte ein letztes Bild: Der Ring, wie er geschmiedet wurde, nicht von einem Händler, sondern von einer Hand, die zugleich menschlich und nicht ganz menschlich war. Er war gemacht worden, um Suchende zu sammeln – nicht als Soldaten, sondern als Gesprächspartner der Welt.
Aira trat einen Schritt zurück. „Deine Quest endet hier, Alba. Nicht, weil du fertig bist. Sondern weil du begonnen hast.“
Alba erschrak. „Aber… ich wollte mehr lernen.“
„Du wirst lernen“, sagte Aira. „Draußen. Mit Wind und Wasser und Menschen. Der Saal gibt dir keinen Vorrat. Er gibt dir eine Art zu sehen.“
Alba sah auf den Ring. „Und der Ring?“
Aira hob die Hand. „Ein Fragment muss zurückkehren.“
Alba spürte Widerstand in sich, ein kindliches „Meins!“. Dann erinnerte sie sich an ihre Antwort: bereit, Gewissheit zu verlieren. Besitz zu lösen.
Sie zog den Ring langsam ab. „Danke“, flüsterte sie – nicht zum Ring, sondern zur Welt, die ihn getragen hatte.
Als der Ring Aira berührte, zerfiel er nicht. Er wurde zu Lichtfäden, die sich in den Nebel webten. Der Saal atmete aus, als hätte er etwas Heimgebrachteres zurückbekommen.
Ysella rieb sich die Augen. „Also… gehen wir jetzt einfach?“
Aira lächelte. „Geht. Und habt Mut, wenn die Welt wieder klein wirken will.“
Alba trat zur Tür zurück. Bevor sie hinausging, drehte sie sich um. „Aira?“
„Ja?“
„Was ist mein wahrer Name?“
Aira antwortete nicht mit einem Wort. Sie legte zwei Finger an Albas Stirn, ganz leicht. In Alba entstand ein Klang, kein Laut, eher ein Gefühl: Klarheit, verbunden mit Wärme. Ein Name, der nicht ausgesprochen werden musste, weil er in ihr lebte.
Alba nickte, als hätte sie ihn verstanden.
Dann gingen sie hinaus.
Der gebrochene Bogen stand im Abendlicht, und die Welt roch nach Gras, Staub und Zukunft. Alba fühlte sich nicht plötzlich allmächtig. Sie fühlte sich wach.
„Und?“, fragte Ysella, als sie den Hügel hinabstiegen. „Bist du jetzt die größte Zauberin des Reiches?“
Alba schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Schade. Ich hatte schon geplant, dich als meine persönliche Feuerapfel-Lieferantin einzusetzen.“
Alba lachte. „Ich bin nur… eine, die gelernt hat zuzuhören.“
Ysella nickte langsam. „Das ist vielleicht sogar gefährlicher. Stell dir vor, du hörst den wahren Namen von Bruno. Der wäre beleidigt.“
„Vielleicht“, sagte Alba. „Oder er wäre erleichtert.“
Sie gingen weiter, zurück in die Zeit der Merowinger, in eine Welt aus Schwertern und Liedern, aus Klöstern und Wäldern. Doch für Alba war etwas anders: Zwischen den Geräuschen lag nun eine leise Sprache, die immer da gewesen war.
Und sie hatte den Mut gefunden, ihr zu antworten.