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Historische Fantasie 11/12 Jahre Lesen 30 min.

Das Lied der Brücke aus Stein und Vertrauen

Alba, eine schreibende Kräutersammlerin, folgt einem wiederkehrenden Traum zur bedrohten Steinbrücke im Tal und muss mit einer alten Steinmetzin und dem jungen Jaro ein geheimnisvolles Lied und dunkle Absichten aufdecken, um das Gleichgewicht zwischen Stein und Menschen zu bewahren.

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Hauptfigur: Alba, etwa 35, sanftes aber entschlossenes Gesicht, wachsame Augen, tintenbefleckte feine Hände, hält ein warm leuchtendes grünes Amulett und singt leise mit konzentrierter, mutiger Miene; Nebenjunge: Jaro, ca. 16, zerzaustes Haar, schelmisches Lächeln, einfache Marktkleidung, hockt rechts und hält eine alte Kette und ein halb repariertes zweites Amulett, besorgt aber hilfsbereit; Nebenfrau: Ysra, ca. 60, wettergegerbte Haut, grau geflochtenes Haar, Steinmetz-Schürze, raue schützende Hand auf dem Steinblock, Hammer an der Taille, steht leicht hinten links; Antagonist: Schattenmann, schlanke männliche Silhouette mit Krone aus gebrochenen Zweigen, halbtransparent rissig wie altes Brandpapier, taucht im dunklen Tunneleingang auf; Ort: kleine runde Kammer unter einer alten Steinbrücke, moosbedeckte Wände mit Gravuren, flackernde Öllampe, funkelnder Staub, nasser Boden, tiefe Rillen im zentralen Steinblock; Szene: die drei bilden einen Kreis um einen gespaltenen, gravierten Steinblock, zwei grüne Amulette leuchten und eine Lichtlinie heilt den Riss, flackerndes Feuer und Staubwolken kontrastieren warme grüne Mitte und kalte Schatten am Eingang; Stil: Papiercollage mit geschichtetem strukturiertem Papier, sichtbaren geschnittenen Kanten, satte kontrastreiche Farben (smaragdgrün, steinocker, bläuliches Schwarz), stilisierte Schatten und klare grafische Details (Moos, Risse, Öltropfen). Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Traum im Klosterhof

Als der Morgen über die runden Hügel kroch, lag Tau wie Glasperlen auf dem Klostergarten. Die Mauern aus grauem Stein wirkten unerschütterlich, doch in Albas Kopf rauschte es, als stünde hinter jeder Ecke ein unsichtbarer Wind.

Alba war eine Frau, nicht mehr jung, aber auch nicht alt: kräftige Arme vom Kräutersammeln, feine Finger vom Abschreiben in der Schreibstube. Oft sagte Schwester Irmgard: „Du arbeitest, als hättest du eine unsichtbare Glocke in der Brust, die dich antreibt.“ Und Alba lächelte dann, weil sie nicht erklären konnte, dass es eher ein heimliches Klopfen war—ein Drängen, das aus ihren Träumen kam.

In dieser Nacht hatte sie wieder den Fluss gesehen, der unten im Tal schäumte. Doch im Traum war sein Wasser dunkel wie Tinte, und darüber hing ein roter Himmel, als hätte jemand ein Feuer hinter die Wolken gemalt. Auf der Brücke—der alten Steinbrücke aus romanischen Bögen—stand ein Schattenmann mit einer Krone aus zerbrochenen Zweigen. Er hob die Hand, und der Bogen in der Mitte der Brücke brach wie ein trockenes Brot.

Dann erschien etwas anderes: eine Stimme, sanft und doch so klar, dass Alba davon wach wurde.

„Wenn der Stein singt, fällt kein Stein. Vertrau dem Lied.“

Alba saß im Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen. Draußen krähte ein Hahn, als wolle er den Traum auslachen. Aber Albas Herz lachte nicht. Es kannte das Wort: Katastrophe. Und es kannte den Ort: die Brücke. Wenn die Brücke fiel, war das Tal abgeschnitten. Händler, Bauern, Kinder—alle, die das Wasser überquerten, würden stürzen. Und die Angst würde wie ein Wolf durchs Land laufen.

Am Frühstückstisch schob Bruder Konrad ihr ein Stück Brot hin. „Du schaust, als hättest du einen Geist gesehen.“

„Vielleicht habe ich einen gesehen,“ murmelte Alba.

Schwester Irmgard hob eine Augenbraue. „Alba, du träumst oft. Träume sind wie Nebel: hübsch im Morgenlicht, aber man kann sie nicht packen.“

Alba senkte den Blick auf ihre Hände. In ihrer linken Handfläche war seit Kindheit ein winziges Zeichen, wie eine eingeritzte Spirale. Sie hatte es nie jemandem gezeigt. Manchmal fühlte es sich warm an, als läge ein Kohlenstück darunter.

„Ich muss ins Tal,“ sagte Alba plötzlich. „Zur Brücke.“

Bruder Konrad verschluckte sich fast. „Zur Brücke? Das ist zwei Tagesmärsche! Und warum denn?“

Alba hörte das Klopfen in ihrer Brust. „Weil… weil ich glaube, dass dort etwas Schlimmes geschehen wird. Und ich will es verhindern.“

Schwester Irmgard schwieg einen Moment. Dann stellte sie eine kleine Stofftasche vor Alba hin. Darin klirrte etwas. „Nimm das. Salz, Kräuter, ein wenig Silber. Und—“ Sie zog ein schmales Kästchen aus Holz hervor, mit geschnitzten Knotenmustern. „Das hat man im Fundament der Kapelle gefunden. Es gehört nicht hierher, es fühlt sich… älter an. Vielleicht gehört es zu deinen Träumen.“

Alba öffnete das Kästchen. Darin lag eine flache Scheibe aus grünlichem Stein, so glatt wie Wasser. In der Mitte war ein Loch, und rundherum liefen winzige Zeichen, wie tanzende Striche.

„Was ist das?“ flüsterte Alba.

Schwester Irmgard sah sie fest an. „Ein Amulett, sagt Bruder Konrad. Aber ich sage: ein Schlüssel. Und ich sage noch etwas: Vertraue nicht nur deinen Träumen. Vertraue auch den Menschen, die dir begegnen.“

Alba schloss die Hand um den Stein. Er wurde warm, als hätte er ihre Entscheidung verstanden.

Kapitel 2: Der Markt von Rabenfurt

Zwei Tage später roch Alba nach Staub, Tannennadeln und einem Hauch Abenteuer. Der Weg führte durch Wälder, in denen das Licht wie goldene Münzen zwischen den Ästen fiel. Sie hörte Spechte klopfen, sah eine Wildkatze im Farn verschwinden, und einmal glaubte sie, zwischen den Stämmen eine Gestalt aus Nebel zu sehen—doch als sie blinzelte, war es nur Morgenrauch.

Am Nachmittag erreichte sie Rabenfurt, ein Marktflecken mit einer kleinen Burg darüber. Die Häuser hatten schiefe Holzbalken, die Dächer waren mit Schindeln gedeckt, und aus jeder Tür strömten Gerüche: geräucherter Fisch, frisches Leder, heißer Brei. Eine Ziege versuchte, einer Händlerin die Kohlblätter zu stehlen, und die Händlerin schimpfte so laut, dass sogar die Krähen auf dem Brunnenrand erschrocken flatterten.

Alba zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und bahnte sich den Weg durch die Menschen. Sie musste Informationen haben: Wie stand es um die Brücke? Gab es Risse? Ein Unwetter? Oder etwas, das man nicht mit Augen sehen konnte?

An einem Stand mit Eisenwaren lehnte ein junger Mann und jonglierte mit Nägeln, als wären sie Spielzeug. Er war etwa in Albas Alter? Nein—jünger, vielleicht sechzehn, siebzehn. Frechgrüne Augen, ein Lächeln wie ein aufgeschlagenes Buch, das gleich eine Geschichte erzählt.

„Vorsicht,“ sagte er, als Alba vorbeiging. „Wenn du so zielstrebig schaust, könntest du aus Versehen den Markt kaufen.“

„Ich habe kein Geld für einen Markt,“ antwortete Alba trocken.

„Dann ist es gut, dass ich ihn nicht verkaufe. Ich heiße Jaro.“ Er verbeugte sich übertrieben. „Und du bist… jemand, der einen sehr ernsten Weg vor sich hat.“

Alba blieb stehen. „Woher weißt du das?“

Jaro wies mit dem Kinn auf ihre Hände. „Deine Finger. Tinte und Erde. Du bist nicht nur eine Reisende. Du trägst Aufgaben mit dir herum.“

Alba wollte widersprechen, doch da bemerkte sie etwas Seltsames: Das Amulett in ihrer Tasche vibrierte, als würde es leise summen. Jaro sah plötzlich ebenfalls zur Tasche.

„Was hast du da?“ fragte er, diesmal ohne Scherz.

„Nichts, was dich angeht.“

Jaro hob die Hände. „Schon gut. Aber hör zu: Wenn du zur Steinbrücke im Tal willst—zur Großen Bogenbrücke—dann solltest du wissen, dass die Leute dort seit Tagen von einem ‚Steinsingen‘ reden.“

Albas Nackenhaare stellten sich auf. „Steinsingen?“

„Ja.“ Jaro schob die Nägel beiseite und beugte sich vor, als erzähle er ein Geheimnis. „Nachts, wenn der Nebel kommt, klingt es, als würde jemand eine tiefe Saite zupfen. Und am Morgen finden sie feinen Staub, als hätte der Stein gekrümelt. Die Alten sagen: Wenn die Brücke singt, fordert sie Opfer.“

Alba spürte, wie ihr Traum in die Wirklichkeit griff. „Ich muss hin.“

„Dann geh nicht allein,“ sagte Jaro schnell. „Nicht, weil du schwach bist. Sondern weil das Tal eigenartige Dinge mag. Ich kenne Abkürzungen. Und ich kann schnell laufen, falls… falls irgendwas hinter uns her ist.“

Alba sah ihn prüfend an. In seinem Gesicht lag mehr Mut, als sein freches Grinsen verriet. Und Schwester Irmgards Worte klangen in ihr nach: Vertraue auch den Menschen.

„Gut,“ sagte Alba. „Aber ich führe.“

Jaro grinste breit. „Einverstanden. Ich folge, solange ich nicht zugeben muss, dass du recht hast.“

Sie kauften Proviant—Brot, Käse, getrocknete Äpfel—und verließen Rabenfurt, während hinter ihnen die Marktstimmen wie ein verblassendes Lied zurückblieben.

Kapitel 3: Das Lied der alten Steine

Am Abend erreichten sie das Tal. Der Fluss lag wie ein silbriges Band zwischen dunklen Wiesen. Darüber spannte sich die Brücke: gewaltig, aus hellem Stein, mit Bögen wie steinerne Rippen. Darüber liefen Reisende, Karren, ein Mönch mit Esel—alles wirkte normal. Und doch war da etwas in der Luft, wie eine gespannte Saite.

„Sie sieht stabil aus,“ flüsterte Jaro. „Wie soll die einfach… zusammenbrechen?“

Alba antwortete nicht. Sie trat näher. Der Stein unter ihren Stiefeln war kalt. Und als sie die Hand auf den Pfeiler legte, fühlte sie ein kaum merkliches Zittern. Nicht wie ein Erdbeben—eher wie ein Atem.

„Hörst du das?“ fragte sie.

Jaro hielt inne. Erst schüttelte er den Kopf, dann wurden seine Augen groß. „Da ist… ein Ton.“

Tief, brummend, wie wenn man eine riesige Glocke anstößt, aber ohne Schlag. Das Geräusch kam nicht von oben, sondern aus dem Inneren des Steins.

Alba zog das grüne Amulett hervor. In der Dämmerung leuchteten die Zeichen darauf, als wären sie mit Mondlicht gefüllt. Das Summen wurde stärker. Und plötzlich, ganz plötzlich, sprach eine Stimme in Albas Kopf—nicht laut, aber unmissverständlich:

„Trägerin der Spirale. Der Stein ist krank.“

Alba stolperte zurück. Jaro packte ihren Arm. „Was ist? Du bist blass wie Mehl.“

„Ich… habe etwas gehört.“

„Ich auch, aber nur den Ton.“

Alba schluckte. „Der Stein ist krank.“

Jaro blinzelte. „Stein kann nicht krank sein.“

„Doch,“ sagte eine rauhe Stimme hinter ihnen. Beide drehten sich um. Dort stand eine Frau mit einem Korb voller Werkzeuge: Meißel, Hammer, ein Bündel Seile. Ihr Haar war grau und zu einem festen Zopf gebunden, ihre Kleidung roch nach Kalk. In ihren Augen lag das ruhige Wissen von jemandem, der sein Leben lang mit Stein gesprochen hatte.

„Ich heiße Meisterin Ysra,“ sagte sie. „Und wenn ihr klug seid, kommt ihr von der Brücke runter, bevor die Nacht ganz da ist.“

Alba richtete sich auf. „Sie wissen davon?“

Ysra schnaufte. „Natürlich. Ich habe Risse gesehen, die gestern noch nicht da waren. So fein wie Haare. Und ich habe den Staub gefunden. Der Stein bröselt von innen. Nicht wegen Regen. Nicht wegen Frost. Das ist… etwas anderes.“

Jaro verschränkte die Arme. „Was denn? Ein Fluch?“

Ysra musterte das Amulett in Albas Hand. „Vielleicht. Oder etwas, das man geweckt hat. Vor langer Zeit, als die ersten Steine gesetzt wurden, haben die Baumeister ein Versprechen in die Brücke gelegt. Ein Bund. Der Fluss sollte gebändigt sein, das Tal geschützt. Dafür musste der Stein ein Lied tragen, ein uraltes.“

Alba erinnerte sich an den Traum: „Wenn der Stein singt, fällt kein Stein.“

„Genau,“ murmelte Ysra. „Wenn er richtig singt. Aber wenn das Lied verdreht wird—dann singt er sich selbst kaputt.“

„Wer würde das tun?“ fragte Jaro.

Ysra sah zum Burgberg hinauf, wo die Mauern schwarz gegen den Himmel standen. „Man sagt, der Vogt dort oben will neue Abgaben. Mehr als die Leute zahlen können. Wenn die Brücke fällt, muss jeder über seine Furt—und die gehört dem Vogt. Er würde reich.“ Sie spuckte zur Seite. „Aber ich glaube nicht nur an Gier. Es ist Magie im Spiel.“

Alba spürte, wie die Spirale in ihrer Handfläche warm wurde. „Dann müssen wir das Lied heilen.“

Ysra schnaubte wieder, doch diesmal klang es fast wie ein Lachen. „Ihr? Eine Schreiberin, ein frecher Junge und eine alte Steinmetzin?“

Jaro hob das Kinn. „Ich kann schnell laufen.“

Alba sagte leise: „Und ich kann hören.“

Ysra nickte langsam. „Dann kommt. Unter der Brücke gibt es einen alten Wartungsgang, den kaum noch jemand kennt. Dort unten sitzt das Herz des Liedes.“

Kapitel 4: Unter der Brücke, wo die Zeit schläft

Sie stiegen einen schmalen Pfad hinab, zwischen Brennnesseln und feuchtem Moos. Der Fluss rauschte, als erzähle er selbst eine Geschichte, die niemand ganz versteht. Unter dem mittleren Bogen führte eine niedrige Öffnung in den Stein, halb verborgen von Efeu.

„Hier,“ sagte Ysra und zündete eine kleine Öllampe an. Das Licht tanzte an den Wänden, und die Schatten bewegten sich wie neugierige Tiere.

Der Gang war eng. Alba musste den Kopf einziehen. Die Luft roch nach feuchtem Kalk und etwas Metallischem, als hätte jemand Blut in Wasser gerührt. Je tiefer sie gingen, desto deutlicher wurde das Brummen—jetzt nicht nur hörbar, sondern spürbar, als vibriere der eigene Brustkorb mit.

Jaro flüsterte: „Wenn das Lied so weitergeht, platzt mir gleich der Kopf.“

„Nicht dagegen ankämpfen,“ sagte Alba. „Vielleicht… vielleicht will es, dass wir zuhören.“

Am Ende des Gangs öffnete sich eine runde Kammer. In ihrer Mitte stand ein Steinblock, in den ein Kreis aus Zeichen gemeißelt war. Die Zeichen sahen den auf dem Amulett ähnlich, nur größer, älter, als wären sie mit Geduld in den Stein gesungen worden. Über dem Kreis hing eine Kette, und daran baumelte—ein zweites Amulett, fast identisch, aber gesprungen.

„Das ist der Kern,“ murmelte Ysra. „Das Versprechen. Der Bund.“

Alba trat näher. Als sie die Hand ausstreckte, schoss ein kalter Schmerz durch ihre Finger. Sie zog sie zurück. Der gesprungene Stein vibrierte wild, als sei er wütend.

„Das ist nicht nur ein Riss,“ sagte Alba heiser. „Das ist… ein Streit.“

Jaro sah sich um. „Und wer streitet?“

Alba schloss die Augen. Der Ton in der Kammer änderte sich, wurde höher, schärfer, wie ein falscher Akkord. In diesem Klang hörte sie Worte, aber nicht wie normale Worte—eher wie Bedeutungen, die direkt ins Herz fallen.

„Man hat das Lied gezerrt,“ flüsterte sie. „Jemand hat es umgestimmt. Damit der Stein sich selbst zerfrisst.“

Ysra zog ihren Hammer hervor. „Dann schlagen wir den kaputten Stein raus.“

„Nein!“ Alba packte Ysras Arm. „Wenn ihr das tut, bricht das Versprechen ganz. Dann fällt die Brücke sofort.“

Jaro trat näher zum Block und entdeckte etwas am Boden: eine dünne schwarze Schnur, die zwischen den Fugen verschwand. „Seht mal. Das ist neu, oder?“

Ysra kniete sich hin, zog vorsichtig daran—und ein kleines Bündel kam zum Vorschein: ein Beutel mit grauem Pulver, der nach Schwefel roch.

„Staub der Verdrehung,“ knurrte Ysra. „Zauberer nutzen so etwas, um Stein gefügig zu machen. Oder ihn zu zersetzen.“

„Also doch ein Fluch,“ sagte Jaro, diesmal ohne Spott.

Alba hob ihr eigenes Amulett. Es leuchtete stärker, und die Spirale in ihrer Handfläche brannte warm. Wieder hörte sie die innere Stimme:

„Zwei Steine. Zwei Stimmen. Nur Vertrauen webt sie zusammen.“

Alba atmete tief ein. „Wir brauchen das richtige Lied. Aber nicht allein. Ich kann es nicht zwingen.“

Ysra sah sie scharf an. „Was schlägst du vor?“

Alba dachte an Schwester Irmgard, an das Kästchen, an die Worte: Vertrau dem Lied. Vertrau den Menschen.

„Wir teilen es,“ sagte Alba. „Jaro—du hältst den gesprungenen Stein, aber vorsichtig. Ysra—du legst deine Hand auf den Block, so wie du Stein immer berührst. Und ich… ich halte meinen Stein und singe das Lied, das ich im Traum gehört habe. Aber es wird nur funktionieren, wenn ihr mir vertraut.“

Jaro schluckte. „Ich vertraue dir. Ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil du aussiehst, als würdest du sogar einem Wolf eine Decke anbieten.“

„Das ist das netteste Beleidigungslob, das ich je gehört habe,“ flüsterte Alba.

Ysra brummte. „Ich vertraue dem Stein, wenn ich ihn kenne. Also lernen wir uns eben kennen. Los.“

Sie stellten sich um den Block. Jaro streckte die Hand zur Kette aus, und als er den gesprungenen Stein berührte, zuckte er zusammen, hielt aber fest.

„Er ist eiskalt,“ keuchte er.

Ysra legte ihre Handfläche auf die Zeichen im Block. „Er ist… traurig,“ murmelte sie, als spüre sie wirklich ein Gefühl im Stein.

Alba hielt ihr Amulett an die Stirn, schloss die Augen und ließ den Ton, den sie im Traum gehört hatte, in sich aufsteigen. Es war kein Lied mit vielen Worten, eher eine Melodie, die wie eine Brücke zwischen zwei Ufern gespannt war.

Sie begann zu singen—leise, zitternd zuerst. Der Klang füllte die Kammer. Der falsche Ton biss hinein wie eine Krähe, die ein anderes Lied stört. Alba hielt dagegen, nicht mit Kraft, sondern mit Geduld.

„Alba,“ flüsterte Jaro, „es… es zieht an mir.“

„Halte durch,“ sagte sie zwischen zwei Atemzügen. „Vertrau.“

Ysra begann ebenfalls zu murmeln, kein Lied, eher ein rhythmisches Sprechen, wie sie es wohl beim Setzen von Steinen tat. Ihre Worte klangen wie Hämmer auf Holz: ruhig, sicher.

Der Ton änderte sich. Die scharfe Spitze brach ab. Der Raum wurde wärmer. Albas Amulett glühte so stark, dass ihre Finger hell schimmerten. Dann—ein Knacken. Jaro riss die Augen auf.

„Der Riss!“ rief er.

Der gesprungene Stein an der Kette zog sich zusammen, als würde eine unsichtbare Hand ihn nähen. Die Linie blieb sichtbar, aber sie war nicht mehr offen. Stattdessen floss ein weicher grüner Schimmer hinein, wie Harz in eine Wunde.

Das Brummen wurde tief und rund. Es klang jetzt wirklich wie Singen—nicht bedrohlich, sondern mächtig, wie ein Chor aus alten Bergen.

Alba verstummte langsam. Ihre Kehle war trocken, aber ihre Brust fühlte sich leicht an, als hätte jemand das heimliche Klopfen in eine ruhige Trommel verwandelt.

„Ist es… vorbei?“ fragte Jaro.

Ysra hob die Hand vom Block. „Für den Moment: ja.“

Doch in der Stille hörten sie etwas anderes: Schritte im Gang. Mehr als zwei. Und das Kratzen von Metall.

Kapitel 5: Der Vogt und der Schattenmann

Fackellicht flackerte am Eingang der Kammer, und eine Stimme rief: „Da seid ihr ja. Ich dachte schon, die Ratten hätten euch gefressen.“

Ein Mann trat ein, breit gebaut, mit einem Pelzmantel und einem Ring am Finger, so groß wie eine Haselnuss. Hinter ihm standen zwei Wachen mit Speeren. Seine Augen waren kalt und glänzten wie nasse Kiesel.

„Vogt Hartwin,“ knurrte Ysra. „Was habt Ihr hier unten zu suchen?“

Der Vogt lächelte, und sein Lächeln war so freundlich wie ein zugezogener Himmel. „Ich habe gehört, jemand spielt an meiner Brücke herum. Und ich habe gehört, Meisterin Ysra sei widerspenstig geworden.“

„Die Brücke gehört dem Tal,“ sagte Alba, bevor sie sich bremsen konnte.

Hartwin musterte sie. „Und wer bist du? Eine Nonne, die sich verlaufen hat?“

Jaro trat vor Alba. „Sie ist… sie ist jemand, der nicht will, dass Menschen sterben.“

„Ach,“ sagte Hartwin, „sterben müssen sie irgendwann alle.“

In diesem Moment wurde es kälter. Nicht nur in der Kammer—auch in den Fackelflammen, die kleiner wurden. Hinter dem Vogt, dort wo der Gang dunkel war, schälte sich ein Schatten aus der Finsternis. Ein Mann, hoch und dünn, mit einer Krone aus zerbrochenen Zweigen.

Albas Atem stockte. „Du,“ flüsterte sie. „Aus meinem Traum.“

Der Schattenmann sprach, ohne den Mund zu bewegen. Seine Stimme war wie trockenes Laub. „Trägerin der Spirale. Du hast das Lied geflickt. Wie rührend.“

Hartwin verbeugte sich leicht vor dem Schatten. „Meister… sie waren schneller als gedacht.“

Ysra ballte die Fäuste. „Also doch. Ihr habt die Brücke verhext.“

Der Schattenmann glitt näher, als berühre er den Boden kaum. „Ich habe nur erinnert. Diese Brücke ist aus einem Bund geboren. Bünde kann man verdrehen, wenn man die richtigen Namen kennt.“

Albas Amulett wurde heiß. In ihrem Kopf rauschte es, doch diesmal war es nicht Angst, sondern Klarheit. „Du willst, dass die Brücke fällt. Damit das Tal sich spaltet.“

Der Schattenmann neigte den Kopf. „Spaltung bringt Macht. Und Macht bringt Ruhe—für die, die oben stehen.“

Jaro flüsterte: „Das klingt wie der Vogt.“

Hartwin tat, als hätte er es nicht gehört. „Gebt mir das Amulett,“ sagte er zu Alba. „Dann passiert euch nichts. Vielleicht bekommt ihr sogar eine Belohnung. Ein warmes Bett. Ein Stück Land.“

Alba dachte an das Kloster, an den Garten im Tau, an die Menschen im Tal. Sie spürte die Spirale in ihrer Handfläche wie eine kleine Sonne.

„Nein,“ sagte sie ruhig.

Hartwins Gesicht verfinsterte sich. „Dann nehmt sie.“

Die Wachen traten vor. Ysra hob den Hammer, Jaro suchte nach einem Stein, den man werfen konnte. Aber der Schattenmann hob nur eine Hand—und der Ton in der Kammer kippte wieder. Der falsche Akkord kehrte zurück, scharf wie eine Klinge.

Der Block in der Mitte begann zu vibrieren. Staub rieselte von der Decke.

„Er reißt es wieder auf!“ rief Ysra.

Alba wusste: Wenn sie jetzt nur singt, wird es nicht reichen. Der Schattenmann kannte Namen, kannte Tricks. Aber sie hatte etwas anderes: Vertrauen. Nicht als nettes Wort, sondern als Band.

„Jaro!“ rief sie. „Wenn ich dir sage, dass du springen sollst—springst du?“

„Wohin denn? In den Fluss?“ keuchte er.

„In den Gang. Zieh die Fackeln um. Mach Dunkelheit.“

Jaro schluckte, dann nickte. „Ich springe.“

„Ysra,“ sagte Alba, „du kennst den Stein. Wenn er zittert—wo ist er am stärksten?“

Ysra legte die Hand kurz an die Wand, lauschte mit den Fingerspitzen. „Dort.“ Sie zeigte auf eine Fuge neben dem Kreis. „Da sitzt der Staub. Da füttert er den Riss.“

Alba wandte sich an den Block. „Dann vertraut mir jetzt. Nicht dem Schatten, nicht dem Vogt. Mir. Und dem Lied.“

Sie hob das Amulett und presste es auf die Zeichen. Der Stein saugte das Licht, als trinke er es. Alba begann zu singen—diesmal lauter, klarer. Jaro rannte los, stieß eine Fackel um, dann die nächste. Öl spritzte, Flammen zischten, Rauch kroch. Die Kammer wurde dunkel, nur Albas Amulett leuchtete grün.

Hartwin fluchte. „Idioten!“

Die Wachen stolperten. Ysra nutzte den Moment, kniete sich an die Fuge und kratzte mit einem Meißel das graue Pulver heraus. Es staubte, und der Schattenmann fauchte, als hätte man ihm eine Feder ausgerissen.

„Nein,“ zischte er, „das gehört mir.“

Er griff nach Ysra—doch Alba sang einen Ton, der wie eine Tür zuschlug. Der Schatten prallte zurück, als hätte ihn etwas Unsichtbares getroffen.

„Das Lied…“ keuchte Hartwin. „Haltet sie auf!“

Jaro tauchte neben Alba auf, hustend. „Dunkel genug?“

„Genau richtig,“ sagte Alba und lächelte trotz allem. „Jetzt: vertrau mir und renn zur Kette!“

Jaro tastete sich zur Mitte, fand die Kette, packte den geheilten Stein. „Und jetzt?“

„Zieh ihn ab! Nicht reißen—sanft!“

„Sanft ist nicht meine Stärke!“ keuchte Jaro, doch er konzentrierte sich, als würde er ein Vogelei tragen. Der Stein löste sich aus der Halterung. Für einen Moment war alles still.

Der Schattenmann schrie—ein lautloser Schrei, der trotzdem in den Knochen wehtat. Sein Körper flimmerte.

Ysra warf das Pulver in eine Nische und trat es mit dem Stiefel fest, als würde sie eine böse Glut ersticken. „Raus damit aus meinem Stein!“

Alba sang weiter, hielt den Rhythmus. Jaro brachte den Stein zu ihr. Als Alba ihn neben ihr eigenes Amulett hielt, leuchteten beide, und die Zeichen begannen sich zu drehen wie kleine Sternbilder.

„Jetzt,“ flüsterte die innere Stimme, „binde den Bund neu.“

Alba legte beide Amulette aneinander. Der grüne Schimmer floss von einem zum anderen, wie zwei Flüsse, die sich finden. Ein warmer Windstoß ging durch die Kammer, und der falsche Akkord zerbrach wie dünnes Eis.

Der Schattenmann löste sich auf—nicht in Rauch, sondern in feine Blätter, die kurz aufwirbelten und dann zu Staub wurden. Hartwin stolperte zurück, als hätte man ihm den Boden weggezogen.

„Was… was habt ihr getan?“ stammelte er.

Ysra trat vor ihn. „Wir haben die Brücke gerettet. Und dein schmutziges Spiel sichtbar gemacht.“

Die Wachen, die im Dunkel gestanden hatten, zögerten. Jaro hustete und sagte laut: „Der Vogt wollte, dass die Brücke fällt! Fragt die Leute oben, ob sie dafür sterben wollen!“

Hartwin sah, wie die Wachen einander ansahen. Sein Mut schrumpfte, als wäre er nur Luft in einem zu großen Mantel. Er drehte sich um und rannte in den Gang, so schnell er konnte.

Alba ließ ihr Lied verklingen. Die Kammer wurde still. Der Block vibrierte noch, aber jetzt war es ein ruhiger, tiefer Ton—wie Atem im Schlaf.

Kapitel 6: Die Brücke bleibt stehen

Am nächsten Morgen stand das Tal in klarem Licht. Nebel lag wie dünne Milch über dem Fluss und zog sich langsam zurück. Die Brücke stand da, groß und stolz, als hätte sie die ganze Nacht über nichts getan—doch Alba sah den Unterschied. Der Stein wirkte heller, weniger müde. Und als sie die Hand an den Pfeiler legte, fühlte sie kein Zittern mehr, nur eine feste, ruhige Wärme.

Auf dem Marktplatz von Rabenfurt—dorthin waren sie mit Ysras Hilfe rasch zurückgekehrt—hatten sich Menschen versammelt. Bauern mit rauen Händen, Händler mit schmalen Augen, Kinder, die zwischen Beinen hindurchlugten. Auf einer kleinen Stufe stand der Burgherr selbst, ein älterer Mann mit müdem Gesicht, der den Vogt Hartwin angehört hatte.

Hartwin kniete, die Hände gebunden, sein Pelzmantel schmutzig. Die Wachen hatten ihn ausgeliefert, nachdem Ysra und mehrere Talbewohner die Spuren des Pulvers und den geheimen Gang gezeigt hatten. Viele hatten in der Nacht das Steinsingen gehört—und am Morgen: nichts. Das Schweigen war Beweis genug.

Der Burgherr hob die Hand. „Hartwin hat seinen Auftrag missbraucht. Er hat das Volk bedroht und die Brücke in Gefahr gebracht. Er wird abgesetzt. Und das Tal soll wieder frei über seine Wege entscheiden.“

Ein Murmeln ging durch die Menge—erst zögernd, dann wuchs es zu einem Ruf, der wie Befreiung klang. Alba spürte, wie etwas in ihr locker wurde, als hätte ein Knoten endlich nachgegeben.

Jaro stieß sie an. „Siehst du? Kein Weltuntergang. Nur ein Vogt, der auf die Nase fällt.“

Alba schnaubte. „Das ist auch eine Art Weltuntergang. Für ihn.“

Ysra stand neben ihnen, die Arme verschränkt. „Und die Brücke?“

Alba zog die beiden Amulette hervor. Sie waren jetzt zu einem einzigen geworden—nicht verschmolzen, aber verbunden durch eine feine Linie aus hellem Grün. „Das Lied ist wieder ganz. Aber es braucht Pflege. Nicht Magie—Aufmerksamkeit. Ehrliche Steine, ehrliche Hände.“

Ysra nickte langsam. „Dann werde ich dafür sorgen. Und ich werde Lehrlinge nehmen. Nicht die, die nur schnell bauen wollen, sondern die, die zuhören können.“

Ein kleines Mädchen drängte sich vor und zeigte auf Albas Amulett. „Bist du eine Zauberin?“

Alba beugte sich zu ihr hinunter. „Manchmal bin ich nur jemand, der nicht wegschaut.“

Das Mädchen runzelte die Stirn, als sei das fast genauso beeindruckend.

Später, als die Menge sich zerstreute und die Sonne den Fluss in Goldstücke schnitt, standen Alba und Jaro am Brückenrand. Ein Karren rumpelte vorbei, und der Kutscher rief: „Gute Reise!“ Die Räder klangen wie ein fröhlicher Takt.

„Du gehst zurück ins Kloster?“ fragte Jaro.

Alba sah den Weg, der sich zwischen Feldern verlor. Sie dachte an Schwester Irmgard, an den Garten, an das stille Abschreiben. Und sie dachte an das Tal, an die Menschen, an die alte Magie, die nicht laut war, sondern tief.

„Ja,“ sagte sie. „Aber nicht nur. Ich werde reisen. Hören, wo Steine flüstern und Menschen Angst haben. Vielleicht kann ich helfen.“

Jaro grinste. „Dann kommst du bestimmt wieder hier vorbei. Ich werde dann ein berühmter Händler sein. Oder ein berühmter Brückenretter. Oder beides.“

„Du wirst mindestens berühmt im Nägel-Jonglieren,“ sagte Alba.

Er tat beleidigt. „Das ist eine edle Kunst.“

Alba legte die Hand auf das Geländer der Brücke. Für einen Moment glaubte sie, ganz leise, ein Lied zu hören—nicht bedrohlich, nicht traurig. Ein ruhiger Klang, wie eine Geschichte, die weitergeht.

Sie schloss die Augen. In ihr war kein drängendes Klopfen mehr, sondern etwas Neues: ein stilles Vertrauen. Vertrauen in ihre Träume, ja. Aber mehr noch in die Hände, die sich im Dunkeln gefunden hatten. In den Mut, der nicht brüllt, sondern bleibt.

Als sie die Augen öffnete, funkelte der Fluss unter der Brücke, und über dem Tal lag Frieden, leicht wie Atem und stark wie Stein.

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Klostergarten
Garten neben einem Kloster, wo Mönche oder Nonnen Pflanzen und Kräuter pflegen.
Kräutersammeln
Pflanzen sammeln, die man als Medizin oder zum Kochen benutzt.
Schreibstube
Raum im Kloster, wo Texte abgeschrieben oder Bücher hergestellt werden.
Romanischen Bögen
Typische bogenförmige Steinöffnungen in alten Kirchen oder Brücken.
Amulett
Kleines Schmuckstück, dem Menschen oft Schutz oder Glück zuschreiben.
Versprechen
Wort, dass man etwas tun oder nicht tun wird; wie ein feierliches Ja.
Bund
Ein vereinbartes Versprechen oder Vertrag zwischen Menschen oder Gruppen.
Fuge
Eine schmale Spalte oder Naht zwischen zwei Steinen oder Platten.
Meißel
Werkzeug mit einer scharfen Kante, um Stein oder Holz zu formen.
Schwefel
Gelbes Pulver mit starkem Geruch, das in alten Rezepten und Feuerwerk vorkommt.
Wartungsgang
Kleiner Weg oder Tunnel, den man baut, um unter etwas zu arbeiten oder zu prüfen.
Steinsingen
Beschriebener Klang, den Steine machen, wenn sie ungewöhnlich vibrieren.
Vogt
Verwalter oder Herr, der über ein Gebiet und seine Regeln bestimmt.
Fackel
Stab mit brennbarem Material, der Licht in dunklen Orten gibt.
Spirale
Form, die sich kreisförmig nach innen oder außen windet, wie eine Schnecke.

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