Kapitel 1: Das Ei mit dem Pfeil
Am Samstag vor Ostern roch die ganze Straße nach frischem Hefezopf. Aus offenen Küchenfenstern schwebten Vanillewolken, und irgendwo klapperte ein Rührgerät wie ein aufgeregter Specht.
Delikate Freude—alle nannten sie nur Deli, weil das schneller ging—hockte mit ihren drei Freundinnen im Hof hinter dem Mehrfamilienhaus. Der Hof war nicht groß, aber er konnte sich anfühlen wie eine Bühne: Fahrräder lehnten wie Kulissen an der Mauer, Kreidespuren waren die Geheimwege, und der alte Fliederbusch war der Vorhang, hinter dem man sich verschwören konnte.
Mina, die immer so tat, als hätte sie einen unsichtbaren Plan in der Tasche, kniete neben einem Korb voller bunter Eier. Jule, deren Lachen wie Murmeln über Pflastersteine kullerte, schwenkte ein Päckchen Schokoeier. Und Karo, die am liebsten Dinge auseinander- und wieder zusammenbaute, schraubte gerade eine Spielzeugkompass-Kette an Delis Rucksack.
„Damit du nicht wieder behaupten kannst, du hättest dich nur ein bisschen verlaufen“, sagte Karo streng und grinste dabei.
Deli nahm den Kompass in die Hand. Das kleine, runde Teil war aus Plastik, die Nadel zitterte wie ein nervöser Zeigefinger. „Er ist wunderschön“, sagte sie. „Wie ein Mini-Meer in meiner Hand.“
„Mini-Meer?“, wiederholte Jule. „Eher Mini-Drama. Der zeigt dir gleich nach Südpolien.“
„Quatsch“, meinte Karo. „Wenn man ihn ruhig hält, stimmt er sogar halbwegs. Vielleicht.“
Mina räusperte sich wichtig. „Genug gequatscht. Wir machen heute eine Probe-Ostereiersuche, damit morgen alles perfekt läuft.“
„Perfekt ist langweilig“, sagte Jule. „Ich hoffe auf mindestens eine Katastrophe. Eine kleine, niedliche.“
„Ich hoffe auf Schokolade“, sagte Deli ehrlich.
Mina setzte einen feierlichen Gesichtsausdruck auf und zog ein einzelnes Ei aus dem Korb. Es war nicht bemalt wie die anderen. Es war aus Schokolade, in glänzender Folie, und darauf klebte ein Papierstreifen mit einer Notiz. Ein Pfeil war darauf gemalt—krakelig, aber deutlich.
Deli beugte sich vor. „Da steht… ‚Gehe nach Norden, bis das Lila dich kitzelt‘.“
Jule blinzelte. „Lila, das kitzelt? Ist das ein Witz?“
Karo tippte auf den Pfeil. „Und ein Pfeil. Das ist doch… eine Richtung.“
Mina hob die Augenbrauen, als hätte sie das Ei selbst erfunden, aber in ihrem Blick lag echtes Staunen. „Ich hab das nicht geschrieben. Ehrlich.“
Deli hielt den Spielzeugkompass vor sich, so still wie möglich. Die Nadel wackelte, zitterte, beruhigte sich. „Norden… ist da“, sagte sie und zeigte Richtung Fliederbusch und dahinter, zum kleinen Park.
„Das Lila kitzelt im Park?“, fragte Jule. „Vielleicht der lila Kinderwagen von Frau Dings.“
„Frau Dings heißt Frau Krüger“, korrigierte Mina.
„Für mich bleibt sie Frau Dings“, murmelte Jule.
Deli steckte das Ei vorsichtig in die Tasche, als wäre es ein Schatz, der schmelzen könnte, wenn man ihn zu fest anfasst. Dann hob sie den Kompass wie eine Kapitänin. „Okay“, sagte sie. „Wir folgen der Richtung, die auf dem Ei steht.“
Karo zog ihren Rucksack stramm. „Wenn das ein Streich ist, dann war's ein guter.“
„Wenn das Schokolade ist, dann war's ein sehr guter“, sagte Jule.
Mina nickte. „Los. Abenteuer-Probe. Aber wir bleiben zusammen. Freundinnen-Regel Nummer eins.“
Deli grinste. „Freundinnen-Regel Nummer zwei: Wer findet, teilt.“
„Außer bei Brokkoli“, sagte Jule sofort.
Sie schoben sich durch den Fliederbusch, und der Frühling klatschte ihnen wie Konfetti ins Gesicht: Blütenstaub, Sonne und ein Wind, der nach nasser Erde und neuen Ideen roch.
Kapitel 2: Norden und ein bisschen daneben
Der Park war nur fünf Minuten entfernt, aber mit einem Kompass fühlte sich alles nach Expedition an. Deli hielt das runde Ding vor sich, als könne sie damit unsichtbare Linien in der Luft sehen.
„Norden ist… da“, sagte sie.
„Du hast das vor drei Sekunden schon gesagt“, stellte Karo fest.
„Ja, aber jetzt ist es ein anderes Da“, verteidigte Deli sich. „Der Kompass denkt nach.“
Jule hüpfte über eine Pfütze. „Der Kompass denkt: ‚Warum werde ich von Kindern herumgetragen, statt irgendwo heldenhaft an einer echten Schatzkarte zu hängen?‘“
Mina ging neben Deli, die Augen wach. „‚Bis das Lila dich kitzelt‘“, murmelte sie. „Was könnte das bedeuten?“
„Lila Lavendel?“, schlug Karo vor. „Oder diese lila Schaumküsse im Supermarkt? Die kitzeln nur dein Gewissen.“
„Vielleicht eine lila Katze“, sagte Jule hoffnungsvoll. „Ich wäre bereit, mich kitzeln zu lassen.“
Sie kamen an den Spielplatz. Eine Rutsche glitzerte wie eine Silberzunge in der Sonne, und die Schaukelketten klirrten leise. Deli blieb stehen, hielt den Kompass still, so still, dass sogar ihr Atem vorsichtig wurde.
„Weiter nach Norden“, sagte sie.
„Also Richtung… die lila Bank?“, Mina zeigte auf eine Bank, die frisch gestrichen war. Tatsächlich: Sie war lila.
„Die kitzelt aber niemanden“, meinte Karo.
Jule legte demonstrativ ihre Hand auf die Bank. „Aua!“, rief sie und tat, als würde sie zurückzucken. „Sie hat mich gekitzelt! Ich bin eine empfindliche Seele.“
Mina verdrehte die Augen, aber sie musste lachen. „Das zählt nicht.“
Deli trat näher. Die Bank roch nach Farbe und Frühling. Auf der Sitzfläche klebte etwas: ein kleiner, runder Aufkleber in Form eines Sterns. Lila.
„Moment“, sagte Deli. „Das Lila… ist nicht die Bank. Das Lila ist das hier.“
Sie zog den Stern ab. Darunter kam eine winzige Falte im Holz zum Vorschein, als hätte jemand dort etwas hineingeschoben. Deli kratzte vorsichtig und zog ein zusammengerolltes Stück Papier heraus.
„Oho!“, machte Jule. „Spionage!“
Deli rollte das Papier auf. Eine zweite Nachricht, diesmal in grüner Tinte: „Drehe das Ei. Es zeigt mehr, als du denkst.“
Karo beugte sich vor. „Das Ei? Das Schokoei?“
„Das Ei in meiner Tasche“, sagte Deli und zog es heraus. Es glänzte immer noch, als würde es sich über das Geheimnis freuen.
Mina nahm es vorsichtig. „Drehen…“ Sie drehte das Ei langsam. Der Papierstreifen war nicht nur ein Streifen—er war wie ein Band um das Ei gewickelt. Und auf der Rückseite des Bands, die man bisher nicht gesehen hatte, war eine kleine Zeichnung: eine Karte! Sehr einfach, mit dicken Linien. Ein Kreuz, ein paar Bäume, ein kleiner Kreis, der wie ein Teich aussah. Und am Rand stand: „Folge dem Norden, aber vertraue auch deinen Augen.“
„Das ist… echt clever“, sagte Karo, beeindruckt.
Jule schnupperte am Ei. „Ich vertraue meinen Augen. Sie sehen Schokolade. Meine Augen sagen: Jetzt essen.“
Deli schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Das Ei ist unser Start. Außerdem…“ Sie zeigte auf die Karte. „Da ist ein Kreuz. Ein Schatzkreuz!“
Mina strahlte. „Also doch ein Abenteuer. Und keiner von uns war's.“
„Vielleicht war's der Osterhase persönlich“, sagte Jule feierlich. „In Tarnung. Wahrscheinlich mit Sonnenbrille.“
Karo tippte auf die Zeichnung. „Der Teich… könnte der im Park sein, hinten bei den Weiden.“
Deli hielt den Kompass hoch. Die Nadel zitterte kurz und blieb dann stehen. „Norden“, sagte sie leise. „Wir gehen weiter.“
Und obwohl der Park ganz normal aussah, fühlte er sich plötzlich an, als würde er ihnen heimlich zuzwinkern.
Kapitel 3: Der Wind flüstert „Links“
Sie liefen den Weg entlang, vorbei an einem Beet voller Tulpen, die aussahen wie kleine, bunte Flammen. Deli ging vorne, der Kompass in der Hand, das Ei wie ein kleines, warmes Geheimnis in Minas Händen.
„Wenn das ein echtes Rätsel ist“, sagte Mina, „dann muss jemand es vorbereitet haben. Wer hat Zugang zu unserem Hof?“
„Alle mit Beinen“, meinte Jule. „Oder ohne Beine, aber mit sehr guter Springtechnik.“
Karo blieb stehen und zeigte auf die Nadel. „Die spinnt ein bisschen.“
Tatsächlich zitterte der Kompass, als wäre er aufgeregt. Deli hielt ihn fester. „Vielleicht ist hier Metall im Boden. Oder… Magie?“
Jule hob beide Hände. „Ich wähle Magie. Metall ist langweilig.“
Da kam ein Windstoß, nicht stark, aber frech. Er fuhr Deli durch die Haare, als würde er ihr einen Zopf durcheinanderbringen, und wirbelte ein paar Blütenblätter über den Weg. Eines landete auf dem Kompassglas. Lila.
Deli starrte darauf. „Schon wieder Lila“, murmelte sie.
Das Blütenblatt rutschte langsam, als würde es mit Absicht zeigen wollen, wohin. Es glitt nach links, blieb am Rand hängen und zitterte dort, als würde es sagen: Hier lang, du Schlafmütze.
„Habt ihr das gesehen?“, fragte Deli.
Mina nickte langsam. „Der Wind… hat dir quasi einen Tipp gegeben.“
„Der Wind ist mein neuer Mathelehrer“, erklärte Jule. „Er sagt wenigstens nicht, ich soll mehr üben.“
Karo grinste. „Links geht's zum Weidenweg. Da ist auch der Teich.“
Sie bogen ab. Der Weg wurde schmaler, der Boden weicher. Über ihnen hingen Weidenzweige wie grüne Vorhänge, die kitzelten, wenn man durchging—und Deli dachte kurz an die erste Nachricht. Lila, das kitzelt. Vielleicht war „kitzeln“ einfach der Hinweis gewesen: Achtet auf Dinge, die euch berühren, anstupsen, zum Hinsehen bringen.
Am Teich glitzerte das Wasser. Enten zogen Spuren hinein, als würden sie geheime Buchstaben schreiben. Auf einer Wurzel saß ein Junge und warf Steine. Er sah kurz zu ihnen, dann wieder zum Wasser.
„Ist das… Niko?“, flüsterte Mina.
Jule nickte. „Der, der immer so guckt, als hätte er ein Rätsel im Kopf.“
„Vielleicht hat er das Rätsel gemacht“, sagte Karo. „Aber wir sollen doch vier Mädchen sein. In unserer Geschichte.“
„Psst“, sagte Deli. „Wir sind vier Mädchen. Der Junge ist nur… Kulisse.“
Jule kicherte. „Entschuldigung, Kulisse.“
Sie gingen näher ans Wasser. Auf der Karte war ein kleiner Kreis, der genau hier sein musste. Und daneben ein Kreuz bei einem Baum, der auf dem Papier aussah wie ein Brokkoli.
„Brokkolibaum“, murmelte Jule. „Ich wusste, Brokkoli verfolgt mich.“
Karo zeigte auf eine alte Eiche am Rand des Teichs, deren Stamm sich unten in zwei dicke „Beine“ teilte. „Der da könnte der Brokkolibaum sein.“
Deli nahm jetzt das Ei wieder, drehte es, betrachtete das Band. Am Rand der Karte war ein winziger Pfeil nach unten gezeichnet und daneben drei Punkte, wie eine Ellipse: …
„Was heißt das?“, fragte sie.
Mina kniff die Augen zusammen. „Vielleicht… ‚weiter‘.“
Da raschelte es im Gras. Nicht laut, eher wie ein heimliches Räuspern. Zwischen zwei Steinen lag etwas, das vorher nicht da gewesen war: ein kleines, goldenes Glöckchen. Es war winzig, aber es funkelte.
„Okay“, sagte Jule langsam. „Jetzt wähle ich Magie noch mehr.“
Deli hob das Glöckchen auf. Es war warm, als hätte es in einer Tasche gelegen. Am Glöckchen hing ein Zettel: „Läute einmal, wenn ihr euch einig seid.“
Karo verschränkte die Arme. „Und wenn wir uns nicht einig sind?“
„Dann läuten wir nie und werden zu Teichenten“, schlug Jule vor.
Mina nahm das Glöckchen und hielt es in die Mitte. „Einig worüber?“
Deli schaute ihre Freundinnen an. „Darüber, dass wir das zusammen machen. Niemand rennt vor, niemand bleibt zurück. Abgemacht?“
Jule streckte ihren kleinen Finger aus. „Kleinfinger-Schwur.“
Karo und Mina machten mit, vier kleine Finger, die sich verknoteten wie ein Mini-Seil.
„Abgemacht“, sagte Mina.
Mina läutete einmal. Das Glöckchen klingelte hell, als würde es lachen.
Und aus dem Nichts—wirklich aus dem Nichts—landete neben ihnen ein weiteres Schokoei im Gras. Dieses Mal war es lila verpackt.
„Der Osterhase hat Lieferdienst“, flüsterte Jule ehrfürchtig.
Deli hob das Ei auf. Darauf stand: „Südwest. Drei Schritte neben dem Brokkoli.“
Karo schnappte den Kompass. „Südwest ist… da. Und drei Schritte…“
Sie gingen zur Eiche, machten drei Schritte, und Karo klopfte mit dem Fuß auf den Boden. Es klang hohl.
„Da ist was!“, sagte sie.
Deli kniete sich hin und schob Blätter zur Seite. Unter der Erde war eine flache Holzklappe, kaum sichtbar. Ein Griff aus Metall schimmerte.
„Aufmachen?“, fragte Mina, und ihre Stimme klang ein bisschen, als wäre sie gleichzeitig mutig und vorsichtig.
Deli nickte. „Aufmachen.“
Kapitel 4: Die Kiste der bunten Hinweise
Karo zog am Griff. Die Klappe ging auf wie der Deckel einer sehr geheimen Brotdose. Darunter lag eine flache Kiste, sauber, trocken und erstaunlich ordentlich. Keine Spinnen, keine gruseligen Knochen—nur Farbe.
„Das ist die freundlichste Schatzkiste der Welt“, sagte Jule enttäuscht. „Nicht mal ein dramatisches Knarzen.“
„Sei froh“, meinte Mina. „Ich hab heute keine Zeit für Drama. Morgen ist Ostern.“
In der Kiste lagen vier Umschläge, jeder in einer anderen Farbe: gelb, blau, rot und grün. Und in der Mitte lag—natürlich—eine Karte, aber sie war noch nicht vollständig. Eher wie ein Puzzle aus Teilen.
Auf jedem Umschlag stand ein Name. Gelb: Deli. Blau: Mina. Rot: Jule. Grün: Karo.
„Oh! Personalisierte Post“, sagte Jule. „Wie bei einem sehr netten Detektiv.“
Deli nahm ihren Umschlag. Der war mit einem kleinen Hasenstempel verschlossen. Sie zögerte kurz. Es fühlte sich an, als würde sie eine Tür öffnen, hinter der jemand lächelt.
„Auf drei?“, fragte sie.
„Auf drei“, sagte Mina.
„Eins“, begann Karo.
„Zwei“, sagte Jule und riss schon fast auf.
„Drei!“, rief Deli.
Sie öffneten gleichzeitig.
Deli zog eine kleine Karte heraus. Darauf stand: „Du bist gut darin, zu staunen. Benutze das. Schau nach oben.“
Mina las leise: „Du bist gut darin, Wege zu sehen. Benutze das. Schau nach links.“
Jule prustete: „Bei mir steht: ‚Du bist gut darin, zu lachen. Benutze das. Schau nach unten.‘ Hä? Soll ich Witze über Würmer machen?“
Karo grinste und las: „Du bist gut darin, Dinge zu reparieren. Benutze das. Schau nach rechts.“
„Also“, sagte Mina. „Wir müssen gleichzeitig in verschiedene Richtungen schauen.“
„Wie Eulen“, meinte Jule. „Nur ohne den eleganten Hals.“
Sie stellten sich um die Kiste, als wäre sie ein Lagerfeuer. Deli hob den Kopf. Über ihnen hing ein Ast der Eiche, und daran baumelte… ein kleines Stück Papier, das mit lila Garn festgebunden war. Es flatterte wie eine winzige Fahne.
„Da oben!“, rief Deli.
Mina schaute nach links: Im Gras neben dem Stamm lagen Steine, die nicht zufällig wirkten. Einer war hell und flach, wie ein Pfeil.
„Links sehe ich einen Steinepfeil“, sagte Mina.
Jule schaute nach unten und kniff die Augen zusammen. „Unten… ist ein Loch. Ein ganz kleines. Wie eine… Schraube?“
Karo schaute nach rechts. Am Stamm war tatsächlich eine kleine Metallplatte befestigt, mit einer Schraube. „Da ist was zum Aufdrehen“, sagte sie. „Jule hat recht.“
„Ich habe immer recht“, sagte Jule feierlich. „Außer wenn ich nicht recht habe.“
Karo kramte in ihrem Rucksack, zog einen kleinen Multitool-Schlüssel hervor—weil Karo natürlich so etwas hatte—und drehte die Schraube. Die Metallplatte sprang auf und gab ein schmales Fach frei. Darin lag ein weiteres Kartenteil und ein kleiner Beutel.
Deli zog das Papier vom Ast herunter. Es war ein Kartenteil. Mina hob den flachen Stein auf. Auf seiner Unterseite klebte… noch ein Kartenteil.
„Das ist wie Ostern und Escape Room zusammen“, sagte Mina begeistert.
„Oster-Scape“, schlug Jule vor. „Oder Escape-Hase.“
Sie legten die Kartenteile in die Mitte. Zusammen ergaben sie eine echte Karte: Der Park, der Teich, Wege, ein paar markierte Punkte—und am Ende ein großes X nahe dem alten Pavillon, wo im Sommer manchmal Musik gespielt wurde.
Im Beutel klirrte etwas. Deli öffnete ihn. Darin waren vier bunte Kreidestücke und ein kleiner Holzclip, wie man ihn zum Wäscheaufhängen benutzt.
Auf dem Beutel stand: „Markiert euren Weg. Damit ihr nicht nur findet, sondern auch wieder zurück.“
Mina nickte langsam. „Das gefällt mir.“
Karo nahm die Kreide. „Welche Farbe für welche?“
„Ich nehme lila!“, rief Jule.
„Überraschung“, murmelte Mina.
Deli wählte gelb, Mina blau, Karo grün. Jule bekam lila, weil man manche Dinge nicht bekämpfen sollte.
Sie machten einen ersten Kreidestrich auf den Weg, ein kleines Zeichen: vier Punkte im Kreis. Freundinnen-Code.
Deli hielt den Kompass hoch. „Zum Pavillon“, sagte sie. „Nach…“ Sie drehte den Kompass. „Nordwest.“
Jule schob das Kartenteil in Delis Tasche. „Nordwest klingt wie ein Käse.“
„Du klingst wie ein Käse“, gab Karo zurück.
„Danke“, sagte Jule zufrieden. „Endlich erkennt mich jemand.“
Und so gingen sie weiter, die Karte im Kopf, Kreide in den Taschen, und der Park schien ihnen Platz zu machen, als wüsste er, dass heute ein besonderer Tag war.
Kapitel 5: Der Pavillon und das Schoko-Orakel
Der Pavillon war rund und ein bisschen schief, als hätte er sich in einem Winter einmal erschrocken. Seine Säulen waren mit Stickern beklebt: Herzen, Bands, ein Einhorn, das sehr ernst aussah.
Unter dem Dach war es kühler. Die Geräusche vom Park klangen hier drinnen, als wären sie durch Watte gefiltert: Lachen, Fahrradklingeln, ein Hund, der so bellte, als hätte er einen wichtigen Termin.
In der Mitte des Pavillons stand ein kleiner Tisch. Der war neu. Und auf dem Tisch lag—Deli musste lachen—ein einzelnes Schokohäschen. Daneben ein Zettel: „Frage das Schoko-Orakel. Aber nur eine Frage.“
Jule rieb sich die Hände. „ENDLICH. Ein Orakel, das ich essen kann.“
Mina las weiter. „‚Eure Frage muss euch allen helfen.‘“
Karo nahm das Häschen hoch, drehte es. „Wo ist der Trick?“
Deli deutete auf die Unterseite. Dort war ein dünner Papierstreifen eingeklebt, fast unsichtbar. „Da.“
Mina atmete einmal tief ein. „Okay. Eine Frage, die uns allen hilft…“ Sie sah in die Runde. „Was wollen wir wissen?“
Jule hob die Hand wie im Unterricht. „Wo ist der Schatz?“
„Zu einfach“, sagte Karo.
„Warum macht jemand das?“, schlug Deli vor. „Wer steckt dahinter?“
Mina überlegte. „Vielleicht sollten wir fragen, was wir am Ende damit machen sollen. Damit es… nicht nur um Schokolade geht.“
Jule legte eine Hand aufs Herz. „Es geht immer auch um Schokolade.“
Deli grinste. „Trotzdem. Ich finde Minas Idee gut.“
Sie beugten sich über das Schokohäschen, als wäre es ein Mikrofon. Mina formulierte langsam, deutlich: „Schoko-Orakel, was sollen wir am Ende tun, damit es für uns alle richtig ist?“
Karo zog am Papierstreifen. Er glitt heraus wie eine Zunge, die eine Antwort flüstert. Darauf stand: „Wenn ihr am X seid: Hängt die Karte auf. Damit andere den Mut finden, loszugehen—aber nur, wenn sie teilen.“
Jule runzelte die Stirn. „Eine Karte aufhängen? Wie… an einen Baum tackern?“
„Mit dem Holzclip“, sagte Deli und hielt ihn hoch.
Mina nickte. „Das heißt: Der Schatz ist nicht nur für uns. Es ist… eine Einladung.“
Karo schnaubte. „Und ‚teilen‘ ist die Eintrittskarte.“
„Das ist… ziemlich süß“, sagte Deli. „Süßer als das Häschen.“
Jule biss dem Schokohasen ein Ohr ab. „Das Häschen ist auch ziemlich süß.“
Sie gingen wieder hinaus. Die Sonne stand tiefer und machte lange Schatten, als würden die Bäume mitspielen.
Deli nahm den Kompass. Die Nadel zitterte kurz und zeigte dann entschlossen. „Zum X“, sagte sie.
Sie folgten der Karte, kreuzten einen Weg, auf dem Kastanien lagen wie glänzende Murmeln, und zeichneten alle paar Meter ihr Freundinnen-Zeichen mit Kreide.
„Wir machen eine Spur wie in einem Detektivfilm“, sagte Jule.
„Nur ohne Verbrechen“, sagte Mina.
„Und ohne Mantel“, ergänzte Karo.
„Ich könnte mir einen Mantel aus Schokofolie basteln“, meinte Jule nachdenklich.
„Bitte nicht“, sagte Deli. „Dann klebst du am Ende an allem fest.“
Sie lachten, und das Lachen machte den Weg leichter. Selbst als Deli kurz stolperte, weil der Kompass an ihrer Kette gegen den Reißverschluss schlug, fingen Mina und Karo sie sofort links und rechts auf.
„Zusammen“, sagte Mina.
„Zusammen“, wiederholte Deli, und sie meinte es.
Kapitel 6: Das X, die Überraschung und die Karte am Haken
Das X lag nicht mitten auf einem Weg, sondern am Rand, dort, wo eine Hecke eine kleine Ecke bildete. Dahinter stand ein alter Infokasten, wie man ihn in Parks sieht: eine Glasfront, dahinter Aushänge. Nur dass dieser Kasten leer war—bis auf einen einzelnen, vergilbten Zettel: „Pflanzen bitte nicht füttern.“
„Zu spät“, sagte Jule. „Ich habe meine Zimmerpflanze gestern angeguckt. Das zählt als Füttern.“
Deli kniete vor der Hecke und hielt den Kompass über den Boden. Die Nadel zitterte, als würde sie kichern, und blieb dann stehen. Genau über einer Stelle, wo die Erde dunkler war.
Karo kniete neben Deli. „Hier graben wir nicht wie Maulwürfe, okay? Wir sind zivilisierte Abenteurer.“
Mina zeigte auf einen flachen Stein. „Da ist wieder so ein Klappen-Stein.“
Sie hoben ihn gemeinsam an. Darunter war eine kleine Dose aus Blech, so eine, in der man sonst Kekse aufbewahrt. Auf dem Deckel war ein Hase gemalt—mit Sonnenbrille. Jule schnappte nach Luft.
„Ich habe es gewusst“, flüsterte sie. „Der Lieferdienst-Hase.“
Deli öffnete die Dose. Drinnen lag kein Gold, keine Diamanten—sondern: viele kleine Schokoeier, ein Bündel bunter Bänder und ein laminiertes Blatt Papier. Auf dem Blatt stand in klarer Schrift:
„Für die Finderinnen:
Ostern ist am schönsten, wenn es weiterwandert. Nehmt euch Schokolade. Lasst etwas für die Nächsten. Und hängt die Karte auf, damit alle wissen, wo der Anfang ist.“
„Das ist der Schatz“, sagte Mina leise.
„Schokolade und eine Aufgabe“, ergänzte Karo.
Jule hielt ein Ei hoch. „Und die Bestätigung, dass der Osterhase Humor hat.“
Deli spürte ein warmes Kribbeln im Bauch, als hätte jemand dort drin eine kleine Lichterkette angeknipst. „Wir haben die Karte“, sagte sie. „Wir haben Kreide. Und den Clip.“
Sie holte die zusammengepuzzlete Karte heraus. Auf der Rückseite war noch Platz. Karo zog einen Stift aus dem Rucksack. Mina nahm das Blatt und schrieb sauber darunter: „Freundinnen-Regel: Teilen macht die Suche länger und besser.“
Jule fügte mit lila Kreide einen winzigen Hasen mit Sonnenbrille dazu.
„Wo hängen wir sie auf?“, fragte Deli.
Mina zeigte auf den leeren Infokasten. „Da. Das ist perfekt. Da gucken alle hin.“
Karo öffnete die kleine Metallklammer am Rahmen des Kastens, als wäre das ihre Spezialdisziplin. Deli hielt die Karte an die Innenseite, und Mina befestigte sie mit dem Holzclip oben an einer kleinen Leiste, genau sichtbar hinter dem Glas.
Jule trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme. „Sieht offiziell aus“, sagte sie. „Fast wie ein Auftrag vom Park-Ministerium.“
„Oster-Ministerium“, korrigierte Deli.
Sie legten einige Schokoeier zurück in die Dose, so wie es auf dem laminierten Blatt stand. Dann nahmen sie jeder zwei—Jule nahm auch zwei, aber mit einem dritten in der Hand „für später“, was alle kommentarlos akzeptierten, weil Freundschaft auch bedeutet, manche Dinge mit einem Augenrollen zu lieben.
Als sie den Stein wieder über die Dose legten, war alles wieder ordentlich. Der Park sah aus wie vorher—nur dass er jetzt ein Geheimnis mehr hatte, das nicht schwer war, sondern leicht.
Deli schaute auf den Kompass. Die Nadel stand still, als hätte sie ihren Job erledigt. „Wir haben's geschafft“, sagte sie.
Mina nickte. „Und wir haben's… weitergegeben.“
Karo stupste Deli an. „Dein Spielzeugkompass hat uns echt geführt. Sogar mit ein bisschen Wackeln.“
Jule biss in ein Schokoei. „Das Wackeln war die Persönlichkeit.“
Sie gingen langsam zurück, den Kreidespuren nach. Die Sonne machte aus allem Gold: aus den Wegen, den Haaren, sogar aus der Luft. Und Deli dachte, dass Ostern vielleicht genau das ist—etwas, das man sucht, findet und dann teilt, damit es nicht aufhört.
Als sie am Fliederbusch wieder in den Hof traten, rief Jule: „Morgen machen wir das wieder!“
Mina lachte. „Morgen ist Ostern. Da machen wir's sowieso.“
Deli fasste den Kompass, warm von ihrer Hand, und sah ihre Freundinnen an. „Zusammen“, sagte sie.
„Zusammen“, sagten die anderen.
Und irgendwo im Park, hinter Glas, hing jetzt eine Karte—bereit für das nächste Staunen.