Kapitel 1: Der Duft nach Frühling und Schokolade
Am Samstag vor Ostern roch die ganze Straße nach feuchter Erde, warmen Brötchen und irgendwas Süßem, das sich heimlich durch offene Fenster schlich. Mila (11) schob ihr Fahrrad neben sich her, weil die Reifen im Kies immer so klangen, als würden sie kichern. Neben ihr hüpfte Ben (fast 11, er zählte die „fast“ sehr laut), und hinter ihnen schlenderte Oskar (11) mit einem Korb, der für ihn eigentlich viel zu erwachsen aussah.
„Meine Oma sagt, der Osterhase trainiert gerade,“ meinte Ben. „Der hat bestimmt Muskelkater vom Eier-Verstecken.“
„Klar,“ sagte Mila und zog eine Augenbraue hoch. „Und die Eier machen dabei Liegestütze?“
Oskar grinste. „Wenn ja, dann will ich ein Schoko-Ei mit Sixpack. Das wäre wenigstens ehrlich.“
Sie waren auf dem Weg zum kleinen Wochenmarkt am Dorfplatz. Da gab es bunte Bänder, Narzissen, bemalte Eier und diese winzigen Schokoladenhasen, die immer so taten, als wären sie mutig, obwohl sie bei der ersten Sonne schon schmelzen wollten.
Am Stand von Frau Kroll, der Bastelkönigin, stapelten sich Kartons mit Federn, Glitzerpapier und Bändern in allen Farben. Frau Kroll hatte eine Brille, die so tief auf der Nase saß, als würde sie gerade einen Geheimvertrag prüfen.
„Ah, die drei Frühlingsdetektive!“ rief sie. „Ich habe etwas für euch.“
„Wir sind keine Detektive,“ protestierte Mila automatisch.
„Noch nicht,“ sagte Frau Kroll, beugte sich vor und holte unter dem Tresen ein Ei hervor.
Es war kein normales Ei. Es war größer als ein Hühnerei, kleiner als ein Straußenei, und es schimmerte wie die Innenseite einer Muschel: zart, milchig, mit feinen Farbwirbeln. Um das Ei war ein Band gebunden, und das Band war zu einem doppelten Schleifenknoten gebunden – zwei Schleifen nebeneinander, sauber, fest, als würde es das Ei bewachen.
„Für… uns?“ fragte Oskar.
Frau Kroll nickte. „Für den, der es am meisten braucht – aber das müsst ihr selbst herausfinden. Und keine Sorge: Es ist nicht gefährlich. Höchstens… überraschend.“
Ben streckte die Hand aus, zog sie aber wieder zurück, als hätte das Ei ihn angefunkelt. „Warum ist der Knoten so… geschniegelt?“
„Weil er nicht nur hält,“ sagte Frau Kroll geheimnisvoll. „Er prüft. Er wartet. Er will, dass man ihn richtig öffnet.“
Mila nahm das Ei vorsichtig. Es fühlte sich warm an, nicht wie Glas, eher wie ein Stein, der lange in der Sonne lag.
„Und wie öffnet man es richtig?“ fragte Mila.
Frau Kroll zwinkerte. „Mit Freundlichkeit. Und mit Köpfchen. Frohe Ostern, ihr drei.“
Sie standen da, mitten im Marktgewimmel, und plötzlich war es, als würde das Ei ein leises „psst“ in die Welt hauchen.
„Okay,“ sagte Oskar schließlich. „Das ist offiziell das seltsamste Ostergeschenk, das ich je nicht wollte und jetzt unbedingt will.“
Ben beugte sich nah heran. „Vielleicht ist drin ein Gutschein für unendliche Schokolade.“
Mila hielt das Ei an ihr Ohr. Ganz leise, wirklich nur ein Hauch, hörte sie etwas, das wie das Rascheln von Papier klang. Oder wie das Flattern kleiner Flügel.
„Wir nehmen es mit,“ entschied sie. „Und wir öffnen es. Richtig.“
Kapitel 2: Der doppelte Schleifenknoten und die erste Regel
Bei Mila zu Hause – ihre Eltern waren in der Küche und stritten freundlich darüber, ob man Karottenkuchen oder Zitronenkuchen zu Ostern „muss“ – setzten sich die drei an den Tisch im Wohnzimmer. Draußen warf die Nachmittagssonne Lichtflecken auf den Teppich, als hätte jemand goldene Ostereier aus Licht versteckt.
Das Ei lag in der Mitte. Der Knoten sah aus wie ein kleiner Schmetterling, der sich nicht entscheiden konnte, ob er fliegen oder sitzen wollte.
Ben holte tief Luft. „Ich habe eine Idee: Wir ziehen einfach.“
„Nein,“ sagte Mila sofort. „Das ist die schlechteste Idee, die man bei einem Knoten haben kann. Jeder Knoten hat… eine Logik.“
Oskar nickte ernst. „Knoten sind wie Hausaufgaben. Wenn du sie mit Gewalt machst, wird's schlimmer.“
Ben stöhnte. „Ich hasse es, wenn ihr recht habt.“
Mila beugte sich vor und betrachtete die Schleifen. Zwei Schleifen. Zwei Enden. Und das Band war glatt, wie Seide, aber nicht rutschig. Genau richtig, um fies zu sein.
„Vielleicht ist es ein Trickknoten,“ murmelte Oskar.
In dem Moment kribbelte es in der Luft. Nicht wie Strom, eher wie wenn man eine Decke aus dem Trockner holt und sie noch warm und lebendig ist. Das Band hob sich einen Millimeter. Wirklich nur einen. Und dann war wieder alles normal.
Ben riss die Augen auf. „Habt ihr das gesehen?“
„Ja,“ sagte Mila leise. „Das Ei… reagiert.“
Oskar flüsterte, als wäre das Wohnzimmer plötzlich eine Bibliothek. „Vielleicht… hört es uns.“
Ben grinste breit. „Dann hört es auch, dass ich Schokolade bin.“
„Du bist nicht Schokolade, du bist ein Mensch,“ sagte Mila.
„Ein Mensch mit Schoko-Seele.“
Mila legte beide Hände neben das Ei, als würde sie ihm Platz machen. „Okay. Wenn es auf Freundlichkeit wartet… dann fangen wir damit an.“
Sie räusperte sich. „Ähm. Hallo, Ei. Wir sind… Mila, Ben und Oskar. Wir wollen dich nicht kaputtmachen. Wir wollen dich nur öffnen. Bitte?“
Ben schnappte nach Luft, als hätte Mila gerade mit einem Kühlschrank gesprochen. „Das ist…“
„Mutig?“ fragte Oskar.
„Peinlich,“ sagte Ben. Dann sah er das Band an. „Aber irgendwie… süß.“
Nichts passierte. Dann, ganz langsam, als würde jemand unsichtbar eine winzige Hand bewegen, drehte sich die linke Schleife ein bisschen nach außen.
Oskar bekam Gänsehaut. „Okay. Das ist jetzt offiziell nicht normal.“
Mila lächelte. „Also gut. Regel eins: Wir machen nichts mit Gewalt. Regel zwei: Wir beobachten.“
Ben hob zwei Finger. „Regel drei: Wenn ein Oster-Ei mit uns spricht, dann kriegt es einen Namen.“
„Welchen?“ fragte Oskar.
Ben überlegte kurz. „Schleifbert.“
Mila prustete los. „Schleifbert?“
„Klar,“ sagte Ben stolz. „Weil Schleife. Und weil… Bert. Bert ist ein Name, dem man vertrauen kann.“
Oskar lachte. „Schleifbert klingt, als würde er einen kleinen Hut tragen.“
Das Band vibrierte. Ganz kurz. Als würde es kichern.
Mila beugte sich wieder über den Knoten. „Also, Schleifbert. Zeig uns, was du brauchst.“
Die rechte Schleife hob sich einen Tick. Dann senkte sie sich. Es wirkte fast wie ein Nicken.
„Vielleicht müssen wir die Schleifen gleichzeitig halten?“ schlug Oskar vor.
Ben streckte seine Hände aus. „Ich halte links!“
„Ich rechts,“ sagte Oskar.
Mila blieb in der Mitte, bereit, die Enden zu beobachten. „Und ich schaue, welches Ende frei ist.“
Sie hielten die Schleifen vorsichtig. Der Knoten fühlte sich fest an, aber nicht hart – eher wie ein Knoten, der sich überlegt, ob er nachgeben will.
„Jetzt?“ fragte Ben.
„Jetzt,“ sagte Mila.
Sie zogen nicht. Sie hoben nur, ganz sanft, als würden sie einem Vogel helfen, die Flügel zu öffnen. Der Knoten blieb erst stur, dann – plopp – rutschte ein Ende ein Stückchen heraus. Nur ein Stück. Aber eindeutig.
Mila flüsterte: „Da! Das ist das Arbeitsende. Nicht ziehen, nur… führen.“
„Wie beim Tanzen,“ sagte Oskar.
„Ich tanze nicht mit Knoten,“ murmelte Ben, aber seine Stimme klang plötzlich respektvoll.
Sie führten das Band, Zentimeter für Zentimeter. Und jedes Mal, wenn sie geduldig waren, gab der Knoten ein kleines bisschen nach. Als würde er sagen: So ist es richtig. So macht man das.
Kapitel 3: Ein leiser Riss in der Wirklichkeit
Als der Knoten endlich aufging, fiel das Band nicht einfach ab. Es glitt herunter wie Wasser, das sich in einen Kreis legt, und landete weich auf dem Tisch. Die Schleifen lagen da, doppelt und ordentlich, als wären sie stolz, dass sie sich haben lösen lassen.
Ben klatschte leise. „Ich kann's nicht glauben. Wir haben einen magischen Knoten… höflich überzeugt.“
Mila drehte das Ei in den Händen. „Jetzt kommt der schwierige Teil.“
„Aufmachen,“ sagte Oskar.
„Ohne es zu zerstören,“ ergänzte Mila.
Sie suchte nach einer Naht. Und tatsächlich: Um das Ei lief eine feine Linie, so dünn wie ein Haar. Mila setzte ihren Fingernagel an.
Das Ei machte ein Geräusch. Kein Pieps. Eher ein ganz leises „knack“, wie wenn man eine Tür einen Spalt öffnet.
„Okay,“ sagte Ben und rutschte näher. „Bitte lass es ein Schoko-Kern sein.“
Mila öffnete das Ei vorsichtig. Die obere Hälfte hob sich wie ein Deckel. Innen war… kein Schokoladenhase. Kein Glitzer. Keine Drohne, die „Frohe Ostern“ piepte.
Drinnen lag etwas, das aussah wie ein kleiner, zusammengerollter Zettel – aber nicht aus Papier. Es war aus etwas, das schimmerte, als wäre es aus Morgenlicht gefaltet. Daneben lagen drei winzige Schokoeier, aber sie waren durchsichtig und leuchteten von innen wie Bonbons aus einem Märchen.
Oskar flüsterte: „Wow.“
Ben schluckte. „Okay. Ich nehme alles zurück. Das ist besser als Schokolade. Und ich liebe Schokolade.“
Mila nahm den Lichtzettel heraus. Er fühlte sich kühl an, aber auf eine gute Art, wie ein frischer Wind im Gesicht. Als sie ihn aufrollte, erschienen Buchstaben – nicht gedruckt, sondern wie mit Tinte aus Sternen geschrieben.
„Kannst du das lesen?“ fragte Oskar.
Mila las laut, langsam:
„Drei Farben, drei Wege.
Findet das Lachen im Alltäglichen.
Gebt, was euch leicht fällt.
Dann öffnet sich, was verschlossen ist.“
Ben runzelte die Stirn. „Das klingt wie ein Rätsel aus einer App, die man nicht löschen kann.“
Oskar tippte auf die leuchtenden Schokoeier. „Drei Farben, drei Wege… vielleicht sind diese Eier die Farben?“
Sie waren tatsächlich unterschiedlich: eins glühte warm-gelb, eins sanft-blau, eins pink wie eine Abendwolke.
Mila nahm das gelbe. Es fühlte sich an wie… Mut. Nicht laut, eher wie ein kleiner Schubs nach vorne.
„Was heißt ‘Gebt, was euch leicht fällt'?“ fragte Ben.
Oskar zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sollen wir etwas Gutes tun. So… ohne Drama.“
Ben hob das blaue Ei. „Mir fällt leicht, Witze zu machen. Zählt das?“
„Wenn es freundlich ist,“ sagte Mila.
„Mein Humor ist wie ein Osterhase,“ sagte Ben feierlich. „Er versteckt sich, aber er beißt nicht.“
Sie lachten. Und während sie lachten, passierte etwas Seltsames: Aus dem offenen Ei stieg ein feiner Duft auf. Nicht nur Schokolade – auch Gras, Regen, Orangen, und etwas, das wie frisch gespitzte Buntstifte roch.
Die Luft flimmerte. Der Teppich schien einen Moment lang ein bisschen bunter. Und dann – ganz leise – hörten sie ein Klingeln, als würde irgendwo ein winziges Glöckchen „Los!“ sagen.
Mila klappte das Ei wieder zu. „Ich glaube, das ist eine Aufgabe. Für heute. Für Ostern.“
Ben schob das pinke Ei in seine Hosentasche, sehr vorsichtig. „Dann machen wir eben eine… Oster-Quest.“
Oskar grinste. „Ich wollte schon immer mal eine Quest. Aber ohne Endgegner, bitte.“
„Vielleicht ist der Endgegner der Knoten,“ sagte Ben.
Mila schüttelte den Kopf. „Der Knoten war nicht böse. Er wollte nur, dass wir's richtig machen.“
Oskar sah das Ei an, fast zärtlich. „Vielleicht ist das der Punkt.“
Kapitel 4: Drei kleine Taten, die groß genug sind
Sie gingen raus. Der Nachmittag war jetzt richtig hell, und die Wolken sahen aus wie Schlagsahne, die zu lange im Himmel stand. Im Dorf waren überall Ostervorbereitungen: Kinder mit Körbchen, Eltern mit Listen, Hunde mit einem Blick, der sagte: Ich verstehe nichts, aber ich bekomme bestimmt Kekse.
„Wir müssen das Lachen im Alltäglichen finden,“ sagte Mila. „Und etwas geben, das uns leicht fällt.“
„Ich kann leicht… helfen,“ meinte Oskar. „Also, körperlich. Tragen. Schleppen. Dinge, die schwer aussehen.“
Ben hob die Hand. „Ich gebe Humor. Achtung: Gefahr von schlechten Wortspielen.“
Mila nickte. „Und ich… ich kann gut zuhören. Vielleicht braucht jemand das.“
Sie kamen am Gartenzaun von Herrn Noll vorbei, einem älteren Nachbarn, der immer so tat, als wäre er grummelig, aber heimlich alle Katzen kannte. Er stand vor einem wackeligen Tisch voller bemalter Eier und starrte auf ein Schild: „OSTERBAUM – BITTE NICHT ANFASSEN!“ Das Schild hing allerdings schief, als würde es selbst nicht mehr dran glauben.
Mila blieb stehen. „Hallo, Herr Noll.“
Herr Noll brummte. „Morgen. Oder was auch immer das ist.“
Oskar deutete auf den Tisch. „Brauchen Sie Hilfe?“
Herr Noll kniff die Augen zusammen. „Ich brauche, dass diese Schnur nicht macht, was sie will.“
Ben sah die Schnur und sagte sofort: „Schnüre sind wie meine Mathe-Noten: Sie verknoten sich einfach.“
Herr Noll starrte ihn an. Dann zuckte sein Mundwinkel. Es war kein richtiges Lächeln, eher ein Lächeln in Tarnkleidung.
„Na gut,“ murmelte er. „Ihr dürft helfen. Aber nicht alles anfassen.“
Oskar stellte den Tisch stabiler, Mila hielt die Eier vorsichtig fest, und Ben erzählte dabei sehr ernst: „Wussten Sie, dass der Osterhase früher ein Huhn war, das Karriere gemacht hat?“
„Ben,“ flüsterte Mila.
„Was?“ Ben grinste. „Ist doch motivierend.“
Herr Noll schnaubte – und das war fast schon ein Lachen. „Ihr seid unmöglich.“
Als sie fertig waren, hing das Schild gerade, der Tisch stand fest, und die Eier baumelten am kleinen Apfelbaum, als würden sie den Frühling anfeuern.
In Milas Jackentasche vibrierte etwas. Sie zog das gelbe Leuchte-Ei heraus. Es war jetzt ein bisschen heller, als hätte es sich über Herrn Nolls fast-Lächeln gefreut.
„Eins,“ sagte Mila leise.
Weiter ging's. Am Spielplatz saß Lina aus der Parallelklasse auf der Schaukel, aber sie schaukelte nicht. Sie starrte auf ihre Schuhe, und neben ihr lag ein Körbchen mit zerdrücktem Gras drin.
Mila setzte sich neben sie. „Alles okay?“
Lina zuckte mit den Schultern. „Mein kleiner Bruder hat mein Osternest gestern schon gefunden. Und jetzt… ist es nicht mehr ‘magisch'.“
Ben setzte sich auf die andere Schaukel. „Wenn's dich tröstet: Mein Vater versteckt Dinge so gut, dass er sie selber nie wieder findet. Letztes Jahr hat er das Osternest im Schuhschrank vergessen. Im Oktober hat's dann… komisch gerochen.“
Lina schnaubte und lachte plötzlich, kurz und überraschend.
Oskar griff in seinen Korb. „Wir haben… nichts Großes. Aber wir haben ein paar Bastelsachen vom Markt.“ Er holte ein Bündel bunter Bänder raus, die Frau Kroll ihnen in die Hand gedrückt hatte, „für Notfälle“.
Mila band Lina ein gelbes Band ums Körbchen. „Du könntest heute selbst etwas verstecken. Für jemanden. Dann hast du die Magie wieder in der Hand.“
Lina sah sie an, und ihre Augen wurden heller. „Für meinen Bruder,“ sagte sie langsam. „Aber diesmal verstecke ich es so, dass er es finden kann, ohne alles umzupflügen.“
Ben salutierte. „Das ist die Oster-Meisterklasse.“
In Milas Tasche vibrierte wieder etwas. Das blaue Leuchte-Ei, das Ben trug, glomm nun kräftiger, als hätte es Linas Lachen eingesammelt.
„Zwei,“ sagte Oskar zufrieden.
Sie gingen zur Bäckerei. Vor der Tür stand eine Frau mit einem Kinderwagen und einem großen Beutel, der aussah, als hätte er alle Einkäufe der Welt verschluckt. Die Tür ging nach außen auf, und jedes Mal, wenn sie versuchte reinzukommen, blockierte der Wagen. Sie seufzte so laut, dass sogar die Brötchen drinnen kurz still wurden.
Oskar trat sofort vor. „Soll ich halten?“
„Oh, das wäre… wunderbar,“ sagte die Frau erleichtert.
Oskar hielt die Tür, Ben nahm den Beutel mit einem dramatischen „Uff“, und Mila lenkte den Kinderwagen so vorsichtig, als wäre er aus Glas.
„Sie sind ein gutes Team,“ sagte die Frau.
Ben nickte ernst. „Wir sind die… Tür-und-Tüten-Truppe.“
„Das ist kein echter Name,“ flüsterte Mila.
„Doch,“ sagte Ben. „Jetzt schon.“
Die Frau lachte. Nicht nur ein höfliches Lachen, sondern ein echtes. „Frohe Ostern euch.“
„Frohe Ostern!“ sagten alle drei.
Das pinke Leuchte-Ei in Bens Tasche wurde warm. Als hätte es gerade einen kleinen Sonnenaufgang geübt.
„Drei,“ sagte Mila, und ihr Herz fühlte sich plötzlich leicht an, als würde es mit den bunten Bändern im Wind mitflattern.
Kapitel 5: Wenn sich das Verschlossene öffnet
Am Abend trafen sie sich wieder bei Mila. Auf dem Tisch stand das Ei, und daneben lagen die drei Leuchte-Eier. Sie schimmerten nun deutlich stärker, als hätten sie den ganzen Tag Farben gesammelt.
Mila holte den Lichtzettel wieder heraus. Die Buchstaben hatten sich verändert. Jetzt stand da:
„Drei Farben sind wach.
Legt sie an die Naht.
Sagt, was ihr gelernt habt.
Dann zeigt sich das Innere.“
Ben rieb sich die Hände. „Okay. Ich habe gelernt, dass mein Humor manchmal sogar… nützlich ist.“
Oskar nickte. „Und ich, dass helfen sich gut anfühlt, ohne dass man dafür eine Medaille bekommt.“
Mila sah die beiden an. „Und ich habe gelernt, dass Freundlichkeit… wie ein Schlüssel sein kann. Nicht nur für Knoten.“
Sie legten die Leuchte-Eier an die feine Naht des großen Eis: gelb, blau, pink. Es war, als würden die Farben sich gegenseitig anlächeln. Die Naht begann zu glühen, erst schwach, dann klar wie eine Linie aus Morgenlicht.
Ben flüsterte: „Bitte kein explodierendes Konfetti.“
„Konfetti wäre okay,“ sagte Oskar. „Explosion nicht.“
Mila legte ihre Hand auf den Deckel. „Wir sind bereit.“
Das Ei öffnete sich von selbst. Lautlos. Innen war kein Zettel mehr. Kein Geheimcode. Stattdessen lag darin ein kleines, ordentlich gefaltetes Band – wieder mit einem doppelten Schleifenknoten. Nur diesmal sah der Knoten… freundlich aus. Nicht streng. Und daneben lag ein winziger Spiegel, rund wie eine Münze.
Ben tippte auf den Spiegel. „Ein Spiegel? Das ist… enttäuschend und spannend gleichzeitig.“
Mila nahm ihn. In dem Spiegel sah sie nicht nur ihr Gesicht. Sie sah die Szene vom Tag: Herrn Nolls verstecktes Lächeln, Linas erleichtertes Lachen, die Frau an der Bäckerei, wie ihre Schultern sich entspannten. Es war, als würde der Spiegel die freundlichsten Momente speichern.
Oskar nahm das Band. „Was soll das bedeuten?“
Der Lichtzettel lag noch da, und darunter erschien eine letzte Zeile, langsam, als würde jemand sie gerade schreiben:
„Was ihr öffnet, könnt ihr auch schließen – mit Sorgfalt.
Und was ihr gebt, kommt als Wärme zurück.“
Ben blinzelte. „Das ist… irgendwie schön. Und ein bisschen wie ein warmes Getränk für die Seele.“
Mila lachte. „Das klingt, als hättest du es aus einem Kalender.“
„Vielleicht bin ich heute poetisch geworden,“ sagte Ben und stellte sich vor, wie er ein Gedicht über Schokohasen vortrug. Er schüttelte sich. „Okay, nein. Das war zu viel.“
Oskar drehte den Schleifenknoten zwischen den Fingern. „Vielleicht ist das Band dazu da, dass wir es weitergeben. An jemanden, der etwas ‘Verschlossenes' hat. Einen Knoten im Kopf oder im Herzen.“
Mila nickte langsam. „Und wir wissen jetzt, wie man so einen Knoten öffnet. Nicht mit Gewalt. Sondern mit Geduld.“
Ben hob den Spiegel. „Und mit ein bisschen Lachen. Nicht fies. Sondern… freundlich.“
Draußen läuteten Kirchenglocken, und irgendwo knallte eine Tür, und es roch nach Abendessen. Der Alltag war da – und trotzdem fühlte er sich ein bisschen magischer an, als hätte jemand heimlich Glitzer in die Luft gepustet.
Kapitel 6: Ostermorgen und ein freundlicher Check
Am Ostermorgen war der Himmel so blau, als hätte jemand ihn frisch gestrichen. Mila rannte die Treppe runter, noch im Schlafanzug, und fand im Flur ein Körbchen. Darin lag ein Schokohase, ein Buch und – ganz oben – ein kleines Band mit einem doppelten Schleifenknoten.
„Mama!“ rief sie. „Wart ihr das?“
Ihre Mutter kam mit einer Kaffeetasse und einem Lächeln, das nach Sonntag aussah. „Vielleicht. Vielleicht auch der Osterhase. Man weiß ja nie.“
Mila grinste und band das Band um ihr Handgelenk, locker, wie ein Versprechen.
Später trafen sich Mila, Ben und Oskar im Park. Überall suchten Kinder Eier, und die Erwachsenen taten so, als würden sie nicht helfen, während sie offensichtlich halfen.
Ben kam angerannt, ein Schoko-Ei im Mundwinkel. „Ich habe festgestellt: Ostern ist die einzige Zeit, in der man frühstücken kann, indem man Dinge findet.“
Oskar hielt sein Körbchen hoch. „Ich habe vier Eier, zwei Kekse und einen sehr verwirrten Apfel.“
„Einen Apfel?“ fragte Mila.
Oskar zuckte die Schultern. „Der Osterhase denkt wahrscheinlich: Vitamine sind auch Überraschungen.“
Sie setzten sich auf eine Bank. Mila holte den kleinen Spiegel hervor, den sie in die Jackentasche gesteckt hatte. Er spiegelte die Sonne und warf einen hellen Punkt auf den Boden, der aussah wie ein winziges, tanzendes Ei.
Ben beugte sich vor. „Und? Was machen wir jetzt mit unserem… Oster-Zauberzeug?“
Mila sah zu den anderen. „Wir behalten es nicht nur für uns. Wir achten auf Leute, die Hilfe brauchen. Oder ein Lachen. Oder einfach jemanden, der zuhört.“
Oskar nickte. „So wie gestern.“
Ben tippte sich an die Stirn. „Die Tür-und-Tüten-Truppe ist bereit.“
„Bitte nicht,“ stöhnte Mila, aber sie musste lachen.
Ein kleiner Junge stolperte in der Nähe, sein Körbchen kippte, und bunte Eier rollten wie Murmeln über den Weg. Bevor er weinen konnte, war Oskar schon da und sammelte ein. Mila kniete sich hin und fragte leise: „Alles okay?“ Ben machte eine übertriebene Sirene: „Eier-Notfall! Wir sind unterwegs!“ Der Junge gluckste, und die Tränen verschwanden, als wären sie nie da gewesen.
Als sie zurück auf der Bank saßen, war der Park voller Stimmen, Farben und dieser besonderen Oster-Unruhe, die sich anfühlt, als würde überall gleich etwas Gutes passieren.
Mila sah die beiden an. „Check: Geht's euch gut? So… wirklich?“
Ben blinzelte, als hätte ihn die Frage kurz aus dem Schoko-Modus gerissen. Dann nickte er. „Ja. Und dir?“
„Ja,“ sagte Mila. „Ich glaube schon. Irgendwie… warm.“
Oskar lächelte. „Mir auch. Und wenn nicht, dann sagen wir's. Abgemacht?“
„Abgemacht,“ sagte Ben und streckte die Hand aus.
Mila legte ihre Hand drauf. Oskar auch. Drei Hände. Drei Freunde. Der Frühling raschelte in den Bäumen, und irgendwo, ganz bestimmt, kicherte ein Hase über einen besonders guten Platz fürs nächste Ei.