Es war einmal ein Mann, der Jakob hieß.
Jakob war freundlich und still.
Er wohnte in einem kleinen Haus am Rand eines Waldes.
Jeden Abend setzte sich Jakob vor seine Tür.
Er sah in den Himmel und seufzte leise.
„Ach“, sagte er, „ich möchte so gern weise werden.
Ich möchte lernen, wie man das Herz sieht.“
Eines Abends war der Himmel besonders klar.
Die Sterne funkelten wie kleine, wache Augen.
Der Mond hing wie eine silberne Lampe über dem Wald.
Plötzlich fiel ein Stern vom Himmel.
Er schwebte langsam herab, wie eine helle Feder.
Er landete sanft in Jakobs offener Hand.
Der Stern war klein wie eine Murmel.
Er glühte warm und freundlich.
„Guten Abend, Jakob“, flüsterte er.
„Ich bin ein Wanderstern.
Ich leuchte für suchende Herzen.“
Jakob staunte.
„Kannst du mir Weisheit schenken?“, fragte er leise.
Der Stern lachte wie eine kleine Glocke.
„Weisheit ist kein Hut, den man aufsetzt“, sagte er.
„Weisheit ist ein Weg, den man geht.
Komm, wir gehen ein Stück zusammen.“
Der Wald war in sanftes Silberlicht getaucht.
Jedes Blatt schimmerte wie ein kleines Spiegelchen.
Die Schatten waren weich und rund,
als wollten sie nur spielen und tanzen.
Sie trafen eine alte Eiche.
Ihr Stamm war breit und stark.
Ihre Zweige standen ruhig gegen den Himmel.
„Gute Eiche“, sagte der Stern, „was ist Weisheit?“
Die Eiche rauschte im Wind.
Ihre Blätter flüsterten.
„Weisheit ist Geduld“, murmelte sie.
„Ich wachse langsam.
Ich eile nicht.
Jeder Ring in meinem Holz braucht Zeit.
So lerne ich die Jahre kennen.“
Jakob legte seine Hand an die Rinde.
Sie fühlte sich warm und lebendig an.
„Ich will versuchen, geduldig zu sein“, sagte er.
Sie gingen weiter.
Bald kamen sie zu einem klaren See.
Der See war glatt wie Glas.
Er spiegelte den Mond und alle Sterne.
„Lieber See“, fragte der Stern, „was ist Weisheit?“
Der See gluckste leise.
„Weisheit ist, still zu werden“, sagte er.
„Wenn ich ruhig bin, kann ich alles spiegeln.
Dann sehe ich den Himmel und die Gesichter der Menschen.
Nur im Lärm bin ich blind.“
Jakob kniete am Ufer.
Er sah sein eigenes Gesicht im Wasser.
Seine Augen wirkten sanft und ein wenig traurig.
„Ich will versuchen, still zu hören“, flüsterte er.
Sie gingen weiter.
Im Schatten einer Hecke saß ein kleines Mädchen und weinte.
Ihre Tränen glitzerten wie winzige Perlen im Sternenlicht.
„Warum weinst du?“, fragte Jakob freundlich.
„Ich habe meinen Lichtstein verloren“, schluchzte sie.
„Ohne ihn fürchte ich mich im Dunkeln.“
Jakob dachte an die Eiche.
Er wartete geduldig, bis das Weinen leiser wurde.
Dann dachte er an den See.
Er wurde innerlich still.
So konnte er klar denken.
Er sah sich um.
Unter einem Blatt funkelte etwas.
Es war ein kleiner, runder Stein,
der weich wie eine Kerze leuchtete.
„Hier ist er“, sagte Jakob sanft.
Er legte den Lichtstein in die Hand des Mädchens.
Das Mädchen lächelte.
Ihr Lächeln war heller als der Stein.
„Danke“, sagte sie.
„Du hast mein Herz wieder hell gemacht.“
Der Stern flüsterte Jakob ins Ohr.
„Siehst du?
Weisheit wohnt auch in freundlichen Taten.
Wenn du ein Herz heller machst,
lernst du das Licht kennen.“
Langsam wurde Jakob müde.
Sie gingen zurück zu seinem kleinen Haus.
Die Nacht war nun tief und weich,
wie eine große, dunkle Decke.
„Musst du wieder in den Himmel zurück?“, fragte Jakob.
Seine Stimme klang ein wenig traurig.
Der Stern nickte sacht.
„Ja.
Aber ein Teil meines Lichts bleibt bei dir.
Du trägst ihn in deinem Herzen.
Immer, wenn du geduldig bist,
still zuhörst
und jemandem hilfst,
wird dieser Teil hell aufleuchten.“
Der Stern schwebte langsam hinauf.
Er wurde kleiner und kleiner,
bis er wieder nur einer von vielen funkelnden Punkten war.
Jakob setzte sich vor seine Tür.
Sein Herz war ruhig und warm.
Die Nacht war nicht mehr leer.
Sie war voll von leiser Musik und sanftem Licht.
„Vielleicht bin ich noch nicht sehr weise“, dachte er.
„Aber ich kenne den Weg.
Er beginnt im Herzen.“
Dann ging er ins Haus,
legte sich in sein Bett
und schlief mit einem kleinen Lächeln ein,
während über ihm die Sterne leise wachten.