Es war einmal ein Mann, der hieß Lorenz. Er wohnte am Rand eines stillen Waldes, in einem kleinen Haus mit einem roten Dach. Jeden Morgen weckte ihn die Sonne: Sie legte goldene Finger auf sein Fenster und flüsterte: „Guten Morgen, Lorenz.“
Lorenz war freundlich. Er sprach mit dem Wasser im Eimer und mit dem Brot auf dem Tisch. „Seid willkommen“, sagte er leise, und alles im Haus fühlte sich warm an.
Doch in seinem Herzen saß ein Wunsch, klein wie ein Samenkorn und doch schwer wie ein Stein. Im Dorfbrunnen spiegelte sich kein Stern mehr. Die Kinder sahen hinein und riefen: „Warum funkelt es nicht?“ Und die Mütter seufzten. Und die Väter schauten in die Ferne. Es war nicht dunkel im Dorf, nein. Aber es fehlte etwas. Es fehlte das kleine Licht, das Mut macht.
Da sagte Lorenz eines Abends: „Ich bringe den Stern zurück in den Brunnen.“
Die Nachbarin, die alte Frau Marga, schüttelte den Kopf. Ihre Schürze war blau wie der Himmel. „Ein Stern ist hoch“, sagte sie. „Und ein Brunnen ist tief. Das ist eine unmögliche Aufgabe.“
Lorenz lächelte. „Dann nehme ich ein Lied als Leiter und ein gutes Wort als Seil.“
Frau Marga gab ihm ein rundes Stück Kreide, weiß wie Milch. „Damit kannst du ein Licht zeichnen, wo keins ist“, sagte sie. „Aber nur, wenn dein Herz ruhig bleibt.“
Lorenz steckte die Kreide ein. Dann ging er los. Der Wald stand da wie ein grünes Tor. Die Bäume waren lange Wächter mit weichen Armen. Der Weg war schmal, doch der Mond legte eine silberne Spur darauf, wie ein Band, das sagt: Hier entlang.
Bald kam Lorenz zu einem kleinen Bach. Der Bach gluckste und lachte, als hätte er viele kleine Perlen im Mund. Auf einem Stein saß ein Frosch mit Augen so rund wie Knöpfe. Der Frosch sprach, denn in diesem Wald war die Magie freundlich und konnte reden.
„Wohin gehst du, Lorenz?“ fragte der Frosch.
„Ich suche einen Stern für unseren Brunnen“, sagte Lorenz.
Der Frosch nickte langsam. „Ein Stern ist nicht nur oben. Ein Stern kann auch im Herzen wohnen.“ Dann hüpfte er näher. „Nimm dies.“ Er gab Lorenz ein Blatt, das glänzte, als wäre Tau darauf, auch wenn es trocken war. „Wenn du traurig wirst, halte es ans Ohr. Es flüstert: Du schaffst das.“
Lorenz sagte: „Danke.“ Und er ging weiter.
Er kam zu einer Wiese. Dort standen Blumen wie bunte Kerzen. Eine weiße Lilie beugte sich vor, ganz zart. „Lorenz“, sagte sie, „du trägst Sehnsucht wie einen Korb. Pass auf, dass er nicht zu schwer wird.“
„Wie wird er leichter?“ fragte Lorenz.
„Mit Teilen“, sagte die Lilie. „Sag dein Ziel laut. Dann wird es nicht so allein.“
Also sagte Lorenz laut, ganz laut, damit sogar die Grashalme es hören konnten: „Ich bringe den Stern zurück in den Brunnen!“
Und wirklich: Sein Schritt wurde leichter.
Als die Nacht tiefer wurde, sah Lorenz auf einem Hügel ein kleines Haus, das aus Licht gebaut war. Die Tür war aus Mondschein. Vor dem Haus stand eine Frau, so still wie ein Schlaflied. Ihr Haar war wie weicher Nebel, und in ihren Händen hielt sie eine Laterne, die nicht brannte und doch warm war.
„Willkommen, Lorenz“, sagte sie.
„Wer bist du?“ fragte Lorenz.
„Man nennt mich die Hüterin der Funken“, antwortete sie. „Ich sammle die kleinen Lichter, die Menschen verlieren, wenn sie zu sehr zweifeln.“
Lorenz senkte den Blick. „Unser Brunnen hat keinen Stern mehr. Die Kinder sind stiller geworden.“
Die Hüterin nickte. „Ein Brunnen spiegelt, was über ihm ist. Und auch, was in den Augen der Menschen ist.“ Sie hob die Laterne. „Willst du einen Stern tragen?“
„Ja“, flüsterte Lorenz. „Aber wie? Sterne sind weit.“
Da nahm die Hüterin Lorenz an die Hand. Ihre Hand war warm wie frisch gebackener Kuchen. „Schließe die Augen“, sagte sie. „Denk an jemanden, den du lieb hast. Denk an ein gutes Wort, das du gern hörst.“
Lorenz dachte an Frau Marga und an ihr freundliches Lächeln. Er dachte an Kinderlachen. Und er sagte leise: „Du bist nicht allein.“
Da spürte er etwas in seiner Brust, klein und hell. Es war, als würde ein winziger Vogel aus Licht darin schlagen.
Die Hüterin lächelte. „Siehst du? Das ist ein Sternfunke. Kein großer Stern vom Himmel, aber ein echter. Er wächst, wenn man ihn teilt.“
„Kann so ein Funke den Brunnen zum Funkeln bringen?“ fragte Lorenz.
„Ja“, sagte die Hüterin. „Wenn er aus Liebe ist. Male ihn mit deiner Kreide, und gib ihm ein Versprechen.“
Lorenz dankte. Dann ging er zurück, den Waldweg entlang. Der Frosch rief ihm zu: „Du schaffst das!“ Das Blatt in seiner Tasche raschelte, als würde es zustimmen. Der Mond blieb bei ihm wie ein stiller Freund.
Im Dorf warteten die Menschen am Brunnen. Niemand weinte. Niemand hatte Angst. Sie standen eng beisammen, wie eine Decke aus vielen Herzen.
Lorenz kniete sich hin. Er nahm die weiße Kreide. Seine Hand zitterte ein wenig, doch er atmete ruhig. Dann malte er am Rand des Brunnens einen kleinen Stern. Fünf Spitzen. Ganz einfach.
„Was machst du?“ fragte ein Kind.
„Ich lade das Licht ein“, sagte Lorenz.
Dann beugte er sich vor und flüsterte in den Brunnen: „Lieber Brunnen, spiegle unsere guten Augen. Spiegle unser Lachen. Bleib bei uns, kleines Licht.“
In diesem Moment glitt der Sternfunke aus seiner Brust, sanft wie ein Pusteblumen-Samen. Er schwebte in die Luft, drehte sich einmal, und fiel in den Brunnen hinab.
Pling.
Ganz leise, wie ein Kuss auf Wasser.
Und dann geschah das Wunder: Tief unten im Brunnen begann es zu glitzern. Nicht grell, nicht laut. Nur ein warmes Funkeln, wie wenn eine Kerze sagt: Ich bin da. Der Brunnen spiegelte den Himmel, und der Himmel lächelte zurück.
Die Kinder klatschten. „Da ist er wieder!“
Frau Marga wischte sich über die Augen und sagte: „Manchmal ist das Unmögliche nur ein Weg, der Licht braucht.“
Lorenz lächelte. Er fühlte sich nicht groß. Er fühlte sich ruhig. In seinem Herzen war Platz, wie in einem Zimmer, in dem ein Fenster offen steht.
Am Abend setzte er sich vor sein Haus. Die Sterne oben funkelten, und der Stern im Brunnen funkelte auch. Lorenz hörte den Bach in der Ferne, und es klang wie ein Wiegenlied.
Da wusste er: Licht wird heller, wenn man es teilt. Und Liebe findet immer einen Weg, auch durch Wald und Nacht.
Und so schlief das Dorf ein, sanft und geborgen, mit einem kleinen Stern im Brunnen und einem großen Frieden im Herzen.