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Geschichten von kleinen Ermittlern 11/12 Jahre Lesen 27 min.

Der Fall des verschwundenen blauen Füllers: Jonas, Leni und die Spur im Hof

Jonas verliert seinen blauen Füller und macht mit seinen Freunden im Innenhof eine Spurensuche, bei der sie Hinweisen nachgehen, Nachbarn befragen und auf Missverständnisse und Geheimnisse stoßen.

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Jonas, etwa 12, schaut erleichtert und gerührt mit leichtem Lächeln, zerzauste kastanienbraune Haare, zu große blaue Jacke, hält behutsam einen dunkelblauen Füller mit kleiner silberner Sternkappe; links Leni, ca. 12, energiegeladen und schelmisch, Pferdeschwanz, verschränkt die Arme und lächelt schief; rechts leicht zurückgenommen Tom, ca. 12, errötet, grüne dicke Mütze, Hände in den Taschen; hinter einem überladenen Schreibtisch steht Herr Kranz, etwa 55, wettergegerbtes Gesicht, beigefarbenes Hemd und Weste, überrascht aber wohlwollend, auf dem Tisch Schlüssel, Akten und der abgestellte Füller; Schauplatz ist das kleine Hausmeisterbüro neben dem Keller mit grauen Betonwänden, Metallregalen voller Fundsachen (Handschuhe, Bälle, Regenschirme), kaltem Neonlicht und staubiger Fensterfront zur gepflasterten Hof; ruhiger Moment nach der Entdeckung: Jonas erhält seinen Füller zurück, die Freunde versöhnen sich, warme Atmosphäre trotz abgenutzter Einrichtung, zentrierte Komposition und kontrastreiche Farben (Blau des Füllers, Grün der Mütze, Erdtöne des Büros). Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der leere Platz auf dem Schreibtisch

„Wo ist er?“ Jonas starrte auf die helle Stelle neben seinem Mathebuch. Genau dort lag sonst sein Lieblingsstift: ein dunkelblauer Füller mit einem kleinen Stern auf der Kappe. Jetzt war da nur Staub – und ein runder Abdruck, als hätte jemand den Stift ganz vorsichtig weggehoben.

Er kniete sich hin, schaute unter den Schreibtisch, sogar in den Papierkorb. Nichts.

„Mama!“, rief er in Richtung Küche. „Hat jemand meinen Füller gesehen?“

„Ich nicht“, antwortete sie. „Vielleicht liegt er in deiner Jacke?“

Jonas zog die Jacke vom Haken. Kein Stift. Nur ein Bonbonpapier, das raschelte wie ein schlechtes Alibi.

Er atmete einmal tief durch. Jonas hatte eine Regel, die er sich selbst ausgedacht hatte: Wenn etwas verschwindet, nicht jammern. Erst denken. Dann suchen. Dann fragen. Und erst ganz am Ende panisch werden – wenn überhaupt.

Er schnappte sich sein Notizheft, auf dessen erster Seite „Fälle“ stand, und schrieb:

1) Letzter sicherer Ort: Schreibtisch.

2) Letzte sichere Zeit: gestern Abend, Hausaufgaben.

3) Wer war im Zimmer? Ich. Vielleicht Milo?

Milo war der Kater. Und Milo konnte vieles: Türen anstupsen, Socken klauen, wie ein Staubsauger fressen. Aber einen Füller?

Jonas beugte sich zu Milos Körbchen. Der Kater blinzelte, als hätte er einen wichtigen Termin.

„Milo“, sagte Jonas ernst. „Wenn du ihn hast, gib ihn zurück. Das ist ein Stift, kein Fisch.“

Milo schnurrte. Kein Geständnis.

Jonas ging zum Fenster. Unten lag der Innenhof: Kopfsteinpflaster, ein kleiner Sandkasten, zwei Bänke, Mülltonnen, und der alte Kastanienbaum, der so tat, als wäre er der Chef von allem.

Und da war noch etwas: ein winziges, helles Fitzelchen Papier, das am Fensterrahmen klebte. Jonas zog es ab. Es war ein abgerissener Zettel, nur ein halber Satz:

„…im Hof bei der …“

Jonas' Herz machte einen kleinen Hüpfer. „Okay“, murmelte er. „Das ist kein Zufall. Das ist eine Spur.“

Er steckte den Zettel ein, schnappte sich seinen Rucksack und lief nach unten. Wenn der Stift irgendwo auftauchte, dann dort, wo das Leben im Haus passierte: im Hof.

Kapitel 2: Spuren auf dem Kopfsteinpflaster

Im Treppenhaus roch es nach Waschmittel und irgendwo nach angebranntem Toast. Jonas rutschte an dem Geländer entlang, zwei Stufen auf einmal.

Im Hof war es laut genug, um sich wichtig zu fühlen: Ein Ball prallte gegen eine Wand, Tauben stritten sich um ein Brotstück, und aus einem Fenster dudelte leise Musik.

Auf der Bank saß Frau Yilmaz aus dem zweiten Stock mit einer Einkaufstasche. Sie hatte immer einen Blick, der alles sah, und ein Lächeln, das man sich verdienen musste.

Jonas ging hin. „Guten Morgen, Frau Yilmaz. Haben Sie… äh… zufällig einen Füller gesehen? Dunkelblau, mit Stern.“

Sie hob eine Augenbraue. „Du meinst den schönen? Den, mit dem du neulich so geschniegelt deine Unterschrift geübt hast?“

Jonas wurde warm im Gesicht. „Das war… Forschung.“

Frau Yilmaz lachte leise. „Ich habe keinen Stift gesehen. Aber ich habe gesehen, dass du gestern Abend noch hier unten warst. Du bist mit dem Fahrrad in den Hof gekommen.“

Jonas blinzelte. „Ich?“

„Du sahst aus wie du“, sagte sie trocken. „Gleiche Jacke. Gleiche Haare, die immer so stehen, als würden sie gleich fliehen.“

Jonas fuhr sich über den Kopf. „Das war ich nicht. Ich war oben und hab Mathe gemacht.“

Frau Yilmaz nickte langsam, als würde sie eine Akte öffnen. „Dann war es jemand, der so aussieht wie du. Oder jemand, den ich von hinten verwechselt habe.“

Jonas' Kopf arbeitete. Jemand im Hof, gestern Abend, der wie er aussah… oder nur seine Jacke trug?

Er ging zum Fahrradständer. Dort lag etwas auf dem Boden: ein winziger blauer Fleck, als hätte ein Stift ganz kurz die Steine geküsst. Jonas kniete sich hin und rieb mit dem Finger darüber. Es war Tinte.

„Aha“, flüsterte er.

Er zog sein Notizheft heraus:

- Tintenfleck am Fahrradständer.

- Frau Yilmaz sah „Jonas“ im Hof.

Da kam Leni vorbei, aus dem Nachbarhaus, mit einem Eimer Kreide. Sie war zwölf, schnell im Denken und noch schneller im Sprechen.

„Du kniest da, als würdest du einen Schatz ausbuddeln“, sagte sie. „Was ist los?“

„Mein Füller ist weg“, sagte Jonas. „Und jemand war gestern Abend im Hof, angeblich ich.“

Leni pfiff. „Das klingt wie ein schlechter Film. Oder wie ein guter Fall. Darf ich mitmachen?“

Jonas tat so, als müsste er überlegen. „Du darfst“, sagte er dann. „Aber nur, wenn du nicht alle fünf Sekunden Witze machst.“

„Unmöglich“, sagte Leni. „Aber ich versuche es alle sechs.“

Sie gingen zusammen zum Kastanienbaum. Dort stand die alte Holztafel, auf der manchmal Zettel hingen: „Katze vermisst“, „Babysitter gesucht“, „Bitte keine Fahrräder im Hausflur!!!“ in sehr wütender Schrift.

Jonas hielt den abgerissenen Zettel hoch. „Da stand: ‚…im Hof bei der …‘ Vielleicht war das ‚Tafel‘.“

Leni musterte die Holztafel. „Oder ‚Tonne‘“, sagte sie und zeigte auf die Mülltonnen. „Oder ‚Bank‘. Oder ‚Kastanie‘, wenn jemand zu viele Buchstaben hatte.“

Jonas ging zur Tafel. Unter einer Reißzwecke klemmte ein frischer Zettel. Darauf stand:

„Wer meinen blauen Stift findet, bitte im Hof bei der Bank abgeben. Danke.“

Jonas' Augen wurden groß. „Mein Stift!“

Leni grinste. „Okay, jetzt haben wir offiziell einen Fall. Nur… wer hat diesen Zettel aufgehängt? Und warum hat niemand den Stift abgegeben?“

Jonas betrachtete die Reißzwecke. Neben ihr klebte ein winziger Faden – ein dünner, grüner Faden, wie von einer Mütze oder einem Schal.

„Wir brauchen Zeugen“, sagte Jonas.

„Und Snacks“, sagte Leni. „Aber vor allem Zeugen.“

Kapitel 3: Zeugen, Verdächtige und ein grüner Faden

Sie starteten ihre Befragung wie echte Ermittler: freundlich, aber aufmerksam.

Zuerst trafen sie Emir, neun Jahre alt, der mit einem Ball jonglierte und dabei aussah, als würde er gerade die Schwerkraft verhandeln.

„Emir“, sagte Jonas. „Hast du gestern Abend einen Füller gesehen?“

„Einen Stift? Nein“, sagte Emir. „Aber ich hab einen Typen gesehen, der sehr dringend so getan hat, als wäre er unsichtbar.“

Leni kicherte. Jonas hob die Hand. „Details.“

„So gegen halb sieben“, sagte Emir. „Er hatte eine grüne Mütze. Und er ist zum Keller gegangen.“

Jonas' Blick fiel auf den grünen Faden in seiner Hand. „Grüne Mütze“, wiederholte er.

Als Nächstes gingen sie zu den Kellertüren. Die standen im Schatten, kühl und still. Auf einer Tür klebte ein Schild: „Bitte schließen! Sonst kommt die Katze rein.“ Milo hatte also schon mal versucht, Kellerchef zu werden.

Vor dem Keller stand Kira aus dem dritten Stock, elf Jahre alt, mit einem Roller. Sie sah Jonas an, als hätte er ihr gerade eine Matheaufgabe zugeschoben.

„Was guckst du so?“ fragte sie.

Jonas räusperte sich. „Wir suchen einen blauen Füller. Und… jemand mit grüner Mütze.“

Kira zog die Stirn kraus. „Grüne Mütze? Das ist doch Toms Mütze. Tom aus dem Erdgeschoss. Der hat die immer an, als wäre es Winter, auch wenn es Sommer ist.“

Leni schrieb mit einem Bleistift auf ihre Hand, weil sie ihr Notizheft vergessen hatte: TOM = GRÜN.

Jonas nickte. Tom war zwölf, groß, und er hatte Jonas vor zwei Wochen „Professor“ genannt, weil Jonas beim Fußball die Regeln erklärt hatte. Jonas fand das nicht nett. Tom fand es sehr lustig.

„Wo ist Tom jetzt?“ fragte Jonas.

Kira zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht im Hof, vielleicht am Kiosk. Vielleicht plant er gerade, wie er noch mehr Leute ‚Professor‘ nennen kann.“

Leni grinste. „Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Jonas versuchte, ernst zu bleiben. „Wir sollten Tom fragen. Aber ohne Vorwürfe.“

„Ohne Vorwürfe“, wiederholte Leni brav – in einem Ton, der eindeutig Vorwürfe übte.

Sie fanden Tom hinter den Mülltonnen, wo er mit einem Schraubenzieher an seinem Skateboard herumfummelte. Die grüne Mütze saß auf seinem Kopf wie ein freches Ausrufezeichen.

Jonas trat näher. „Tom.“

Tom schaute hoch. „Na, Professor. Hast du heute Sprechstunde?“

Jonas hielt sich an seine Regel: Erst denken. Dann sprechen. „Mein Füller ist weg. Und jemand hat einen Zettel aufgehängt, dass er abgegeben werden soll. Weißt du was darüber?“

Tom hob beide Hände. „Ich? Ich schreibe nicht mal freiwillig. Füller sind wie… nasse Spaghetti. Zu glatt.“

Leni verschränkte die Arme. „Und warum warst du gestern Abend am Keller?“

Tom blinzelte. „War ich nicht.“

Jonas zog den grünen Faden aus der Tasche und hielt ihn hoch. „Der hing an der Reißzwecke an der Tafel.“

Tom sah kurz hin, dann zog er an seiner Mütze. „Kann von jedem sein. Grüne Fäden sind jetzt nicht selten.“

„Stimmt“, sagte Jonas ruhig. „Aber Emir hat einen Typen mit grüner Mütze gesehen, halb sieben, Richtung Keller.“

Tom schnaubte. „Emir sieht auch manchmal UFOs. Ich war bei meinem Opa. Der wohnt zwei Straßen weiter.“

„Kann das jemand bestätigen?“ fragte Jonas.

Tom verzog das Gesicht. „Mein Opa. Aber der ist schwerhörig. Der bestätigt auch, dass ich ein Engel bin.“

Leni musste lachen. Tom auch ein bisschen, obwohl er es nicht wollte.

Jonas spürte, wie etwas in ihm knirschte: Misstrauen. Aber auch etwas anderes. Tom wirkte genervt, ja. Aber nicht wie jemand, der heimlich einen Stift versteckt.

„Okay“, sagte Jonas. „Dann eine andere Frage: Hast du heute Morgen die Tafel gesehen?“

Tom schüttelte den Kopf. „Nö.“

Jonas nickte. „Gut. Danke.“

Als sie weg gingen, flüsterte Leni: „Er lügt. Ich rieche Lügen. Das ist wie… wie alte Turnschuhe.“

Jonas sagte leise: „Oder er ist einfach Tom.“

Sie blieben stehen. Jonas schaute zum Keller. Halb sieben. Keller. Tintenfleck am Fahrradständer. Zettel an der Tafel.

„Vielleicht ist der Stift nicht gestohlen“, sagte Jonas. „Vielleicht ist er… unterwegs verloren gegangen. Und jemand hat ihn gefunden und wollte helfen. Aber dann ist etwas dazwischengekommen.“

Leni blinzelte. „Wie zum Beispiel…?“

Jonas zeigte auf die Kellertür. „Zum Beispiel: Der Finder ist in den Keller gegangen. Und der Stift ist dort rein gerutscht.“

Leni schüttelte sich. „In den Keller? Da wohnt die Dunkelheit. Und alte Fahrräder.“

„Und Hinweise“, sagte Jonas. „Komm.“

Kapitel 4: Die Kellertreppe und der falsche Hinweis

Die Kellertür klemmte ein bisschen. Jonas drückte, Leni zog, und zusammen öffneten sie sie mit einem Quietschen, das klang wie eine Beschwerde.

Die Luft war kühl. Es roch nach Beton und Pappe. Unten flackerte eine Neonlampe, als würde sie selbst nicht ganz an den Keller glauben.

„Wenn ich verschwinde“, flüsterte Leni, „sag meiner Mutter, dass ich tapfer war. Und dass sie meine Schokolade nicht findet. Die ist im—“

„Leni“, sagte Jonas.

„Schon gut“, sagte sie. „Ich bin still.“

Sie gingen die Treppe hinunter. Jonas ließ seine Finger an der Wand entlang gleiten. Er sah genau hin: Staub, Spinnweben, alte Kartons. Und dann – auf einer Stufe – ein winziger blauer Strich.

„Tinte“, murmelte Jonas.

„Heißt das, dein Stift hat hier geblutet?“ fragte Leni.

„Heißt, er war hier“, sagte Jonas.

Unten gab es mehrere Kellerverschläge, alle mit Vorhängeschlössern. An einem hing ein Schlüsselbund an einem Haken: der Hausmeisterschlüssel. Das war seltsam. Normalerweise war der nie einfach so da.

Jonas ging näher. Neben dem Haken lag ein Stück Papier auf dem Boden, zerknittert. Er hob es auf.

„Was steht drauf?“ fragte Leni.

Jonas glättete es. Es war ein Einkaufszettel. „Milch, Brot, Schrauben, Batterien.“

Leni prustete. „Schrauben stehen immer zwischen Brot und Batterien. Klassisch.“

Jonas drehte den Zettel um. Auf der Rückseite stand in krakeliger Schrift: „Bank. 18:30.“

„Das ist doch…“ Leni tippte darauf. „Das ist genau die Uhrzeit. Und die Bank im Hof. Das ist ein Hinweis!“

Jonas runzelte die Stirn. „Oder ein Plan.“

Sie hörten Schritte oben im Treppenhaus. Jonas hielt den Atem an. Leni auch. Das Quietschen der Kellertür, dann Stimmen.

„…hab ich doch gesagt, der ist irgendwo…“ Das klang nach Tom.

Und eine zweite Stimme, tiefer: „Wenn ihr Kinder hier unten rumlauft, stolpert ihr noch.“

Hausmeister Herr Kranz. Seine Stimme klang immer, als würde er gleich eine Liste vorlesen: Was alles nicht erlaubt ist.

Jonas trat vor, noch bevor er sich klein fühlen konnte. „Herr Kranz! Wir suchen einen blauen Füller. Haben Sie den gesehen?“

Herr Kranz erschien am Treppenabsatz. Neben ihm stand Tom. Tom sah überrascht aus, Jonas hier zu sehen, und tat dann sofort so, als wäre er gar nicht überrascht.

„Ein Füller“, wiederholte Herr Kranz, als wäre das ein exotisches Tier. „Hier unten? Nein. Und ihr gehört hier nicht rein.“

Tom hob das Kinn. „Ich hab nur nach meinem Skate-Tool gesucht. Hab's oben vergessen.“

Jonas schaute auf Toms Hände. Kein Tool. Nur die Finger, die nervös an der Mütze zupften.

„Tom“, sagte Jonas ruhig. „Warum bist du hier unten?“

Tom kniff die Augen zusammen. „Warum bist du hier unten, Professor?“

Leni schob sich vor. „Wir sind Ermittler. Du bist Verdächtiger.“

Herr Kranz seufzte so tief, dass es den Staub bewegen konnte. „Raus. Alle raus.“

Draußen im Hof ließ Jonas sich auf die Bank fallen. Das Papier mit „Bank. 18:30“ knisterte in seiner Tasche wie ein ungeduldiger Gedanke.

„Also“, sagte Leni. „Tom war doch im Keller. Und der Zettel sagt Bank. 18:30. Das ist doch eindeutig!“

Jonas schüttelte den Kopf. „Eindeutig ist gefährlich. Eindeutig ist oft falsch.“

„Wie Mathe?“ fragte Leni.

„Mathe ist eindeutig“, sagte Jonas. „Menschen nicht.“

Er dachte nach. Der Hinweis „Bank. 18:30“ konnte bedeuten: Treffen. Übergabe. Oder nur: „Da habe ich gesessen.“ Und der Einkaufszettel… konnte auch Herrn Kranz gehören. Schrauben und Batterien passten sehr zu ihm.

„Wir brauchen eine Sache, die nicht lügt“, sagte Jonas.

„Eine Kamera?“ fragte Leni.

„Spuren“, sagte Jonas. „Und Logik.“

Er schaute auf den Innenhof. Kinder spielten. Türen gingen auf, Türen gingen zu. Jeder hatte etwas zu tun. Und irgendwo dazwischen war sein Stift – wahrscheinlich gelangweilt, weil niemand mit ihm schrieb.

Jonas stand auf. „Wir gehen zurück zur Tafel. Und wir schauen, wer Zettel aufhängt.“

Leni nickte. „Überwachung durch Rumstehen. Mein Spezialgebiet.“

Kapitel 5: Das Treffen um halb sieben

Am späten Nachmittag setzten sie sich in Sichtweite der Tafel, taten so, als würden sie Hausaufgaben machen, und schauten dabei sehr wenig auf ihre Aufgaben.

„Wenn meine Mutter fragt, warum ich so lange an einer Seite sitze“, flüsterte Leni, „sage ich: Ich untersuche die Seele der Bruchrechnung.“

Jonas grinste kurz. Dann wurde er wieder konzentriert.

Um 18:20 kam Herr Kranz in den Hof, mit einer Werkzeugtasche. Er ging direkt zur Bank. Er setzte sich. Er sah auf die Uhr. Dann legte er etwas neben sich auf die Bank: ein kleines, dunkles Ding.

Jonas' Puls stieg. „Das könnte…“

„Dein Stift sein!“ flüsterte Leni.

Doch dann kam Tom aus dem Haus, die grüne Mütze auf. Er lief zur Bank, blieb vor Herrn Kranz stehen und sagte etwas, das Jonas nicht verstand.

Herr Kranz zeigte auf das dunkle Ding. Tom nahm es – und Jonas sah: Es war kein Füller. Es war ein kleines Multitool, silbern, mit einem Clip.

Tom steckte es ein. Herr Kranz stand auf und ging zu den Mülltonnen, als wäre nichts gewesen.

Jonas kniff die Augen zusammen. „Also hat Tom doch etwas abgeholt. Aber nicht meinen Stift.“

Leni flüsterte: „Oder er hat den Stift woanders versteckt. Das war nur Tarnung. Wie bei Spionen.“

Jonas blieb ruhig. „Oder Tom hat einfach sein Tool wiederbekommen.“

In diesem Moment kam Frau Yilmaz aus dem Haus und ging zur Tafel. Sie trug eine kleine Stofftasche und sah aus, als hätte sie etwas Wichtiges vor.

Jonas und Leni standen auf, nicht zu auffällig, also nur ein bisschen auffällig.

Frau Yilmaz steckte einen neuen Zettel an. Dann ging sie weiter, als wäre sie zufällig die Königin des Innenhofs.

Jonas trat zur Tafel. Der neue Zettel war in sauberer Handschrift geschrieben:

„Der blaue Füller ist gefunden. Bitte keine Sorge. Abholung heute 18:45 bei der Bank.“

Jonas starrte darauf. „Gefunden!“

Leni stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. „18:45 ist in zwanzig Minuten. Wir sind so nah dran, dass ich schon das Happy End rieche.“

Jonas' Kopf ratterte. Warum hatte Frau Yilmaz das aufgehängt? Sie hatte doch gesagt, sie hätte keinen Stift gesehen.

„Vielleicht hat sie ihn später gefunden“, sagte Jonas.

„Oder sie weiß mehr“, sagte Leni.

Sie setzten sich auf die Bank – diesmal direkt daneben, als wären sie ganz normale Bank-Sitzer, was sie leider nicht waren, weil Jonas so angespannt saß, als würde er gleich ein Referat halten.

Um 18:40 kam Tom wieder in den Hof. Er sah Jonas und Leni auf der Bank und blieb stehen.

„Was macht ihr da?“ fragte Tom misstrauisch.

„Warten“, sagte Jonas.

„Worauf?“ Tom verschränkte die Arme.

Jonas entschied sich für Ehrlichkeit. „Auf meinen Füller.“

Tom schaute weg. „Aha.“

Es war still. Dann sagte Tom leise: „Du glaubst immer noch, ich hätte ihn geklaut.“

„Ich glaube, du weißt irgendwas“, sagte Jonas.

Tom wurde rot, und zwar nicht vor Wut, sondern so, als würde ihm plötzlich zu warm. „Ich… ich hab ihn nicht geklaut.“

„Dann hilf uns“, sagte Jonas. „Wer hat den Zettel aufgehängt?“

Tom sah zur Haustür. „Frau Yilmaz.“

„Warum?“ fragte Leni.

Tom öffnete den Mund, schloss ihn wieder. „Weil… weil ich sie gefragt hab.“

Jonas beugte sich vor. „Warum hast du sie gefragt?“

Tom trat mit dem Schuh gegen einen Stein. „Weil… ich den Stift gefunden hab. Gestern. Beim Fahrradständer. Da war Tinte auf dem Boden. Ich wollte ihn dir geben, aber du warst oben. Und… na ja…“

„Und?“ fragte Jonas.

Tom murmelte: „Und ich wollte nicht, dass du denkst, ich wäre nett.“

Leni starrte ihn an. Dann prustete sie los. „Das ist das dümmste Motiv, das ich je gehört habe.“

Tom funkelte sie an. „Danke.“

Jonas spürte, wie etwas in ihm weich wurde. Tom hatte seinen Stift gefunden und… sich dann selbst ein Bein gestellt, nur um cool zu bleiben.

„Wo ist der Füller jetzt?“ fragte Jonas ruhig.

Tom zögerte. „Nicht bei mir.“

Jonas' Magen machte eine kleine Schleife. „Wie nicht bei dir?“

Tom hob die Hände. „Ich hab ihn in den Keller gelegt. In diesen Kasten da unten, wo die Fund-Sachen manchmal landen. Und dann… war er weg. Heute Morgen.“

Jonas blinzelte. „Also hat ihn jemand aus dem Keller genommen.“

Tom nickte. „Ich hab's Herr Kranz gesagt. Der hat gesagt, er kümmert sich. Und dann hat er mein Tool gefunden, das ich letzte Woche verloren hab. Deshalb das Treffen vorhin.“

„Und Frau Yilmaz?“ fragte Jonas.

„Die hat gesagt, sie hängt einen Zettel auf, damit du nicht durchdrehst“, sagte Tom. „Sie ist… na ja. Sie mag Ordnung.“

Jonas dachte an Herrn Kranz, an den Einkaufszettel mit Schrauben und Batterien, an den Schlüsselbund im Keller.

„Dann ist der Füller bei Herrn Kranz“, sagte Jonas. „Oder er weiß, wo er ist.“

Tom presste die Lippen zusammen. „Er hat ihn bestimmt in sein Büro gelegt. Der sammelt alles, was rumliegt.“

Leni stand auf. „Dann holen wir ihn uns. Mit Worten. Nicht mit Einbruch. Leider.“

Jonas nickte. „Und Tom… kommst du mit?“

Tom schaute Jonas an, als hätte Jonas ihm gerade angeboten, auf einem Einhorn zu reiten. „Warum?“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Weil du angefangen hast, es wieder gut zu machen.“

Tom atmete aus. „Okay.“

Kapitel 6: Der Fund, die Wahrheit und der blaue Füller

Herr Kranz' kleines Büro lag neben dem Fahrradkeller. Die Tür hatte ein Fenster, durch das man nur einen Stapel Ordner und eine Topfpflanze sah, die aussah, als würde sie jeden Moment kündigen.

Jonas klopfte.

„Ja?“ Herr Kranz' Stimme klang schon genervt, bevor die Tür aufging.

Jonas stand gerade. „Entschuldigung, Herr Kranz. Ich suche meinen blauen Füller. Tom hat ihn gestern gefunden und in den Keller gelegt. Heute ist er verschwunden. Haben Sie ihn vielleicht eingesammelt?“

Herr Kranz musterte die drei Kinder, als wären sie ein besonders lautes Paket. „Ihr und eure Sachen“, brummte er. „Nichts bleibt da, wo es hingehört.“

„Genau“, sagte Leni. „Deshalb sind wir ja hier.“

Herr Kranz seufzte. Dann öffnete er die Tür ganz. „Rein, aber nicht anfassen.“

Das Büro war voll mit Dingen, die offensichtlich „nur kurz“ irgendwo lagen: ein einzelner Handschuh, ein Fußball, ein Schlüsselband, ein Regenschirm, der aussah wie ein geknickter Vogel.

Auf dem Tisch lag ein dunkelblauer Füller mit einem Stern auf der Kappe.

Jonas blieb stehen. Für einen Moment war er einfach nur erleichtert. Dann ging er langsam hin und nahm den Füller vorsichtig auf, als wäre er ein wiedergefundener Freund.

„Da ist er“, sagte er leise.

Herr Kranz nickte. „Ich habe ihn heute früh im Keller gefunden. Lag neben dem Schlüsselhaken. Ich dachte, der gehört einem Erwachsenen, weil der so… ordentlich aussieht.“

Tom räusperte sich. „Den hat Jonas. Der schreibt damit.“

Herr Kranz blickte zu Tom. „Du hast ihn also gefunden?“

Tom nickte. „Ja. Ich wollte ihn abgeben. Aber…“ Er kratzte sich am Kopf. „Ich hab's kompliziert gemacht.“

Herr Kranz hob eine Augenbraue. „Das ist eine Fähigkeit, die viele besitzen.“

Jonas spürte, wie Tom neben ihm unruhig wurde. Tom erwartete wahrscheinlich Ärger. Jonas kannte das Gefühl: Wenn man einen Fehler gemacht hat, fühlt sich sogar ein normaler Satz an wie ein Urteil.

Jonas drehte sich zu Herrn Kranz. „Es war trotzdem nett, dass Tom ihn aufgehoben hat. Und dass Sie ihn gesichert haben.“

Herr Kranz blinzelte, als hätte ihn jemand mit einem freundlichen Wort erwischt. „Hm.“ Er räusperte sich. „Na gut. Dann ist ja alles geklärt.“

Jonas schaute Tom an. „Danke, dass du ihn gefunden hast.“

Tom schaute auf den Boden. „Bitte.“

Leni grinste. „Und danke, dass du nicht nett wirken wolltest. Das hat uns sehr unterhalten.“

Tom schnaufte. „Kannst du bitte einmal in deinem Leben—“

„Nein“, sagte Leni.

Jonas steckte den Füller ein. Dann zog er den kleinen abgerissenen Zettel aus der Tasche. „Eine Sache noch“, sagte er zu Tom. „Warst du gestern wirklich um halb sieben im Hof? Frau Yilmaz dachte, ich war's.“

Tom schluckte. „Ja. Ich hatte deine Jacke an.“

Jonas' Augen wurden groß. „Meine Jacke?“

Tom hob beschwichtigend die Hände. „Nicht geklaut! Deine hing im Flur unten, weil du sie vorhin beim Müll rausbringen kurz an die Tür gehängt hattest. Ich… hab sie nur kurz genommen, weil es geregnet hat und ich keinen Schirm hatte. Ich wollte sie dir wiedergeben. Und dann hab ich mich geschämt und…“

Leni prustete wieder. Jonas schüttelte den Kopf, aber er musste auch lächeln. „Du bist wirklich gut im Kompliziertmachen.“

Tom sah Jonas an. „Hör zu. Wegen dem ‚Professor‘… das war blöd. Ich wollte witzig sein.“

Jonas nickte. „Hat nicht geklappt.“

Tom verzog das Gesicht. „Ja. Sorry.“

Jonas spürte, wie der Ärger, den er seit zwei Wochen mit sich herumgetragen hatte, plötzlich kleiner wurde. „Schon okay“, sagte er. „Aber nenn mich einfach Jonas.“

Tom nickte schnell. „Jonas.“

Leni klatschte leise in die Hände. „Aha. Versöhnung im Innenhof. Sehr rührend. Ich erwarte Kekse.“

Herr Kranz schob sie Richtung Tür. „Raus mit euch. Und Jonas—“

„Ja?“ Jonas drehte sich um.

Herr Kranz zeigte auf den Füller in Jonas' Tasche. „Pass besser drauf auf. Sonst eröffnest du noch eine Detektei hier unten.“

Jonas grinste. „Vielleicht tue ich das.“

Draußen im Hof war die Luft frisch. Die Kastanie raschelte, als würde sie zufrieden nicken. Jonas hielt seinen blauen Füller kurz hoch, der Stern glänzte im Abendlicht.

„Fall gelöst“, sagte Leni.

Jonas nickte. „Und diesmal mit Happy End.“

Tom schob die Hände in die Taschen. „Und ohne, dass ich nett aussehe.“

Jonas lachte. „Zu spät.“

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Reißzwecke
Ein kleiner Metallstift, mit dem man Papier an einer Tafel befestigt.
Tintenfleck
Ein Fleck von Tinte, der auf Papier oder Boden kleckst.
Innenhof
Ein offener Bereich im Inneren eines Hauses, meistens zwischen Gebäuden.
Kastanienbaum
Ein großer Baum mit stacheligen Früchten, oft in Parks oder Höfen.
Notizheft
Ein kleines Heft, in das man Gedanken oder Hinweise schreibt.
Vorhängeschlösser
Schlösser, die man an Kästen oder Toren anbringt, um etwas zu sichern.
Keller
Der untere Teil eines Hauses, meist kühl und zum Lagern von Sachen.
Fund-Sachen
Gegenstände, die jemand gefunden und an einem Ort abgelegt hat.
Neonlampe
Eine helle, oft flackernde Lampe mit einem kühlen Licht.
Beschwichtigend
So sprechen oder handeln, dass jemand beruhigt oder enttäuscht wird.

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