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Geschichten von kleinen Ermittlern 11/12 Jahre Lesen 29 min.

Der Fall des verschwundenen Bibliotheksbuchs: Milas Rätsel in der Loge

Mila, ein junges Mädchen und Hobbydetektivin, entdeckt in der Bibliothek, dass ein besonderes Buch verschwunden ist, und folgt Spuren in die Loge, wobei sie rätselhafte Zettel und verdächtige Hinweise findet.

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Ein 12-jähriges Mädchen, begeistert und konzentriert, mit braunen Zöpfen, großem neugierigem Blick, trägt eine gelbe Weste, Jeans und Turnschuhe, hält ein Notizbuch und eine Taschenlampe und beugt sich über eine offene graue Kiste mit einem Buch aus dem Fundbüro; hinter ihr steht ein etwa 40-jähriger Hausmeister mit Schnurrbart, blauer Schirmmütze und beiger Arbeitsjacke, die Arme verschränkt, amüsiert und aufmerksam, und an der Tür der kleinen überfüllten Loge steht eine etwa 30-jährige Theaterleiterin mit zusammengebundenen lockigen Haaren, buntem T‑Shirt und glitzernder Schürze, hält einen Sack mit goldenem Stoff und wirkt etwas verlegen; die Loge enthält einen verkratzten Holztisch, beschriftete Plastikboxen, einen Wandkalender, einen Schlüssel am Schlüsselring, zerknittertes Papier und ein glitzerndes goldenes Band auf dem Boden; warme Lampenbeleuchtung mit sichtbaren Staubstrahlen schafft Atmosphäre einer freundlichen, fröhlichen kleinen Untersuchung; grafischer Stil: runde einfache Formen, klare Konturen, lebhafte Pastellfarben und leichte Papier‑ und Holztexturen, Komposition auf das Mädchen und die offene Kiste zentriert. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Das verschwundene Buch

Mila liebte Dienstage. Dienstage bedeuteten Bibliothekstag. Nach der Schule radelte sie quer durch die Siedlung, vorbei an flachen Hecken und klappernden Briefkästen, bis zum kleinen Gebäude mit der grünen Tür.

Drinnen roch es nach Papier, Staub und einem Hauch Zitronenreiniger. Mila gab ihr Buch ab und ließ den Blick über das Regal „Spannung“ wandern. Genau dort, auf Augenhöhe, stand es sonst immer: „Der verschwundene Rubin – Fall 7“.

Heute war da nur ein leerer Platz. Wie ein fehlender Zahn.

Mila runzelte die Stirn. „Komisch.“

Frau Klose, die Bibliothekarin, schob gerade einen Wagen mit Büchern durch den Gang. „Suchst du etwas Bestimmtes?“

„Ja“, sagte Mila. „Den Rubin-Fall. Der ist weg.“

Frau Klose blieb stehen. Ihr Lächeln verrutschte ein bisschen. „Der sollte nicht weg sein. Der ist…“ Sie blätterte in einer Liste. „…nicht ausgeliehen.“

Mila spürte dieses Kribbeln, das sie bekam, wenn etwas nicht zusammenpasste. Nicht gefährlich. Nur… spannend. Wie wenn ein Puzzle-Teil unter dem Sofa steckt.

„Könnte er verlegt sein?“, fragte Mila.

„Vielleicht“, sagte Frau Klose, aber ihre Augen wurden schmal. „Ich habe ihn gestern Abend noch gesehen.“

In diesem Moment ging die Tür auf, und ein kalter Luftzug wirbelte ein paar Flyer hoch. Herr Brenner, der Hausmeister der Schule nebenan, steckte den Kopf rein. „Frau Klose? Die Lampe im Flur flackert wieder.“

Frau Klose seufzte. „Natürlich. Immer wenn es ruhig werden könnte.“

Mila trat näher an den leeren Platz im Regal. Sie sah sich um. Keine Scherben, kein Chaos. Nur… ein fehlendes Buch.

Und ein kleines, graues Staubfusselchen auf dem Regalbrett, als hätte jemand hastig mit dem Ärmel darüber gewischt.

„Ich kann helfen“, sagte Mila schnell, bevor Frau Klose etwas anderes vorschlagen konnte.

Frau Klose musterte sie. „Mila, das ist nett. Aber du sollst vorsichtig sein. Keine Heldentaten.“

„Nur schlau sein“, sagte Mila. „Und vorsichtig.“

Frau Klose nickte langsam. „In Ordnung. Aber du bleibst hier im Gebäude. Und wenn du etwas findest, sagst du es mir. Abgemacht?“

„Abgemacht.“

Mila zog ihr kleines Notizbuch aus dem Rucksack. Auf der ersten Seite stand in krakeliger Schrift: „Mila M., Ermittlerin. Regel Nr. 1: Erst denken, dann handeln.“

Sie schrieb:

1) Buch fehlt, nicht ausgeliehen.

2) Gestern noch da.

3) Regalbrett abgewischt.

Sie hob den Kopf. „Wer war gestern Abend hier?“

Frau Klose zeigte auf ein dickes Heft. „Ich habe noch kurz Inventur gemacht. Dann kam Herr Brenner vorbei wegen der Lampe. Und später…“ Sie überlegte. „Der Paketbote hat ein Päckchen abgegeben. Für die Schule.“

Herr Brenner hob die Hände. „Ich habe nur die Lampe angeschaut. Bücher fass ich nicht an.“

„Schon klar“, murmelte Mila.

Drei Personen. Drei Möglichkeiten. Und ein Buch, das nicht von alleine Beine bekam.

Mila lächelte. „Dann fangen wir an.“

Kapitel 2: Die erste Spur

Mila ging langsam am Regal entlang, als würde sie einen Tatort betrachten. Sie hatte mal in einem Jugendkrimi gelesen: „Ein guter Detektiv sieht das, was andere übersehen.“

Sie sah: Auf dem Boden neben dem Regal lag ein winziger Papierstreifen. Kaum länger als ihr kleiner Finger. Sie hob ihn vorsichtig auf, als wäre er eine seltene Briefmarke.

Darauf stand in blauer Schrift: „…OGE…“

„Was ist das?“, fragte sie.

Frau Klose beugte sich vor. „Sieht aus wie ein abgerissenes Etikett.“

Mila drehte den Streifen. Auf der Rückseite klebte noch ein Rest Kleber, gräulich und fusselig.

„OGE“, wiederholte Mila. „Das könnte Teil eines Wortes sein.“

Sie dachte an die Räume hier: Leseecke, Magazin, Büro… und draußen der kleine Anbau, den alle nur „die Loge“ nannten: die Pförtner- oder Hausmeisterloge. Dort lagerte Herr Brenner Werkzeuge, Ersatzlampen und eine Kiste mit Schlüsseln.

„Loge!“, sagte Mila plötzlich.

Herr Brenner blinzelte. „Meine Loge? Was hat die mit einem Buch zu tun?“

„Vielleicht gar nichts“, sagte Mila. „Aber ‚OGE‘ passt.“

Frau Klose hob mahnend den Finger. „Mila, du hast gesagt, du bleibst im Gebäude.“

Mila nickte. „Die Loge ist doch direkt am Eingang, oder? Man kommt von innen hin. Ich gehe nicht raus.“

Frau Klose zögerte. „In Ordnung. Aber Herr Brenner geht mit. Vorsicht geht vor.“

„Ich bin sowieso da“, brummte Herr Brenner und schnappte sich seinen Schlüsselbund. Er klang wie ein kleines Glockenspiel.

Sie gingen durch den Flur. Die Lampe flackerte tatsächlich, als würde sie nervös mit den Augen zwinkern. Mila blieb kurz stehen und betrachtete die Decke.

„Nicht anfassen“, sagte Herr Brenner sofort. „Strom ist kein Spielzeug.“

„Keine Sorge“, sagte Mila. „Ich denke nur.“

In der Loge war es eng und roch nach Holz, Metall und Kaugummi-Minze. Ein Fenster zeigte nach draußen, aber das Glas war leicht milchig. Auf einem Tisch standen ein Kalender, ein Becher mit Kugelschreibern und ein Stapel Formulare.

Mila ließ den Blick über die Sachen gleiten. Dann sah sie es: An der Ecke des Tisches klebte ein Etikett, halb abgerissen. Darauf stand: „L O G E“.

Sie hielt den Papierstreifen daneben. „Passt.“

Herr Brenner kratzte sich am Kopf. „Das Etikett war mal an einer Kiste. Vielleicht ist es abgegangen.“

„Welche Kiste?“, fragte Mila.

Herr Brenner zeigte auf drei graue Plastikboxen. „Ersatzteile, Putzzeug, Fundbüro.

„Fundbüro?“, wiederholte Mila. Das Wort schmeckte nach Geheimnis.

Frau Klose verschränkte die Arme. „Fundbüro ist eigentlich bei mir.“

„Normal“, sagte Herr Brenner. „Aber wenn was Großes gefunden wird, landet es kurz hier. Damit es nicht im Weg liegt.“

Mila kniete sich hin. Sie öffnete vorsichtig die erste Box: Kabel, Glühbirnen, eine Rolle Klebeband. Zweite Box: Lappen, Sprühflaschen, Handschuhe.

Dritte Box: Ein bunter Schal, eine einzelne Turnschuhsohle (wie kann man nur eine Sohle verlieren?), und obenauf… ein Buch.

Mila hielt den Atem an.

„Der verschwundene Rubin – Fall 7.“

„Na bitte“, sagte Herr Brenner erleichtert. „Dann hat sich's ja erledigt.“

Mila schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Warum liegt es hier? Und wer hat es hierhergebracht?“

Frau Klose nahm das Buch, als wäre es ein verletzter Vogel. „Das gehört ins Regal.“

Mila zeigte auf die Box. „Und diese Box war beschriftet. Das Etikett ist abgerissen. Das passt zu meinem Papierstreifen.“

Herr Brenner hob die Augenbrauen. „Jemand hat die Box bewegt, das Etikett ist abgegangen, und dabei… ist das Buch reingerutscht?“

„Vielleicht“, sagte Mila. „Aber ein Buch rutscht nicht einfach so in eine Fundbox, wenn es im Regal stand.“

Sie öffnete das Buch und blätterte. Zwischen Seite 42 und 43 steckte ein Zettel.

„Aha“, murmelte Mila.

Auf dem Zettel stand:

„Bitte nicht zurück ins Regal. Wichtig. – K.“

Frau Klose wurde blass. „K?“

Mila sah sie an. „K wie Klose?“

Frau Klose schluckte. „Ich habe das nicht geschrieben.“

Mila strich mit dem Finger über die Tinte. Sie war verschmiert, als hätte jemand mit einer feuchten Hand darübergewischt.

Mila schrieb in ihr Notizbuch:

4) Buch in Fundbox in der Loge.

5) Zettel: „Wichtig. – K.“ (möglicherweise falsche Spur)

Sie hob den Kopf. „Jemand wollte, dass man denkt, du warst es.“

Herr Brenner schnaubte. „Das ist ja wie im Fernsehen.“

Mila grinste kurz. „Nur ohne Explosionen. Zum Glück.“

Frau Klose legte den Zettel vorsichtig zurück. „Mila, bitte: vorsichtig. Das hier ist… seltsam.“

Mila nickte ernst. „Genau deshalb müssen wir klug sein.“

Kapitel 3: Das Dossier mit den Eselsohren

Zurück in der Bibliothek setzte sich Mila an den kleinen Tisch in der Leseecke. Dort stand eine Lampe mit gelbem Licht, und neben ihr lag ein Ordner, den Frau Klose „Dossier“ nannte. Darin sammelte sie Notizen zu verlorenen Büchern, beschädigten Einbänden und manchmal auch Beschwerden über zu laute Kinder (Mila fand das unfair, Kinder waren nicht laut, sie waren lebendig).

„Du wolltest doch immer mal reinschauen“, sagte Frau Klose. „Aber nur unter Aufsicht.“

Mila klappte den Ordner auf. Die Seiten waren voller Listen, Stempel und handschriftlicher Kommentare. Viele Eselsohren, als hätte der Ordner schon mehrere kleine Dramen erlebt.

Mila las laut: „Fall: Comicband 3 verschwunden, später unter dem Sofa gefunden.“

Dann: „Fall: Sachbuch über Vulkane, Seiten nass, vermutlich Trinkflasche.“

Sie blätterte weiter. „Hier! ‚Der verschwundene Rubin – Fall 7‘ – Notiz von gestern: ‚Buch kurz in Loge gelagert wegen Wasserschaden am Regalbrett.‘“

Mila sah auf. „Wasserschaden?“

Frau Klose räusperte sich. „Ja. Das Regalbrett war feucht. Ich wollte nicht, dass das Buch leidet. Vorsicht, weißt du?“

Mila spürte, wie sich ein Knoten löste. Gleichzeitig blieb etwas hängen. „Warum hast du es dann nicht ins Büro gelegt?“

„Weil im Büro gestern die Handwerker waren“, sagte Frau Klose. „Sie haben an der Heizung gearbeitet. Überall Werkzeug, offene Tür. Da dachte ich: In der Loge ist es sicher, weil Herr Brenner da ist.“

Herr Brenner hob die Hände. „Ich war aber nicht ständig da. Ich habe die Lampe geprüft, dann war ich in der Turnhalle.“

Mila tippte mit dem Stift auf die Notiz. „Also: Du hast das Buch tatsächlich in die Loge gebracht. Das erklärt, warum es dort war.“

Frau Klose nickte. „Aber ich habe es danach wieder geholt. Ich bin mir ziemlich sicher.“

Mila hielt inne. „Ziemlich sicher ist nicht sicher.“

Frau Klose sah sie ernst an. „Mila… meinst du, ich…?“

„Nein“, sagte Mila schnell. „Ich glaube nur, dass jemand in der Zwischenzeit etwas verändert hat. Vielleicht hat jemand das Buch genommen und später wieder in die Fundbox gelegt. Und der Zettel mit ‚K‘ soll dich verdächtig machen.“

Herr Brenner schüttelte den Kopf. „Aber warum so ein Theater um ein Buch?“

Mila blätterte im Ordner weiter. Auf einer Seite war ein kleiner Hinweis: „Neue Lieferung: seltene Ausgaben – bitte besonders achtsam.“

„Seltene Ausgaben“, murmelte Mila. „Ist ‚Der verschwundene Rubin‘ selten?“

Frau Klose zog eine Schublade auf und holte eine Karteikarte. „Nicht super selten. Aber diese Ausgabe hat eine Besonderheit.“

Sie öffnete das Buch und zeigte auf die letzte Seite. Dort war ein Stempel: „Stadtbibliothek – Bestandsschatz“. Daneben klebte ein kleiner, glänzender Aufkleber.

Mila beugte sich näher. „Ein Sicherheitsaufkleber?“

„Ja“, sagte Frau Klose. „Wenn man damit durch den Ausgang geht, piept das Gerät.“

Herr Brenner grinste. „Wenn es nicht gerade kaputt ist.“

„Ist es kaputt?“, fragte Mila sofort.

Herr Brenner kratzte am Kinn. „Es piept manchmal auch, wenn jemand einen Alufolienkeks in der Tasche hat.“

Mila dachte nach. Dann fragte sie: „Wer war gestern Abend als Letztes hier?“

Frau Klose blickte in den Ordner und dann auf die Uhr an der Wand. „Ich… dann Herr Brenner… und der Paketbote. Der hat das Päckchen in der Loge abgegeben, weil ich hinten im Magazin war.“

„Der Paketbote war in der Loge“, wiederholte Mila langsam. „Allein?“

Herr Brenner zuckte mit den Schultern. „Ich war kurz draußen, um den Müll rauszubringen.“

Mila schrieb:

6) Buch war kurz in Loge wegen Feuchtigkeit.

7) Paketbote war in Loge, möglicherweise allein.

8) Zettel „K“ wirkt wie Ablenkung.

Mila sah auf. „Wir müssen herausfinden, ob jemand versucht hat, das Buch mitzunehmen.“

Frau Klose zog die Augenbrauen hoch. „Und wie?“

Mila grinste. „Mit einer Frage, die so harmlos klingt wie Vanillepudding.“

Kapitel 4: Die Vanillepudding-Frage

Mila wartete, bis ein paar Leute in der Bibliothek waren. Nicht viele: eine ältere Dame, die Kreuzworträtsel liebte, ein Junge, der immer zu laut atmete, wenn er las, und ein Vater mit einem Kleinkind, das alle Bücher anleckte.

Dann stellte Mila sich an den Infoschalter, als wäre sie zufällig dort. Frau Klose stand daneben und tat so, als würde sie Etiketten sortieren. Herr Brenner lehnte an der Wand und sah aus, als wäre er aus Versehen in ein Abenteuer geraten.

Die Tür ging auf. Ein Mann in blauer Jacke kam herein, mit einem kleinen Scanner in der Hand und einem müden Gesicht. Paketbote. Er nickte kurz.

„Entschuldigung!“, rief Mila freundlich. „Ich hab eine Frage.“

Der Mann blieb stehen. „Ja?“

Mila setzte ihr unschuldigstes Gesicht auf. „Gestern haben Sie doch hier ein Paket abgegeben, oder?“

„Kann sein“, sagte er. „Viele Pakete.“

„Genau“, sagte Mila. „Und ich wollte wissen, ob Sie zufällig wissen, ob hier irgendwo Vanillepudding verkauft wird. Meine Freundin behauptet, der Hausmeister hätte immer welchen.“

Herr Brenner verschluckte sich fast. „Was?“

Der Paketbote lachte kurz. „Vanillepudding? Keine Ahnung. Ich kenn nur das hier.“ Er schwenkte den Scanner. „Ich war nur kurz in dieser kleinen Pförtnerbude.“

Mila nickte begeistert. „In der Loge! Waren Sie da allein?“

Der Paketbote runzelte die Stirn. „Äh… ich glaube schon. Ich hab das Paket auf den Tisch gelegt. Dann hab ich unterschreiben lassen… oder…“

„Von wem?“, fragte Mila schnell.

„Von einer Frau“, sagte er. „Mit Brille. Lockige Haare.“

Frau Klose trug Brille. Und lockige Haare.

Frau Klose hob die Hand. „Das war ich. Ich war kurz dort.“

Mila sah den Paketboten an. „Und haben Sie dabei etwas gehört? Ein Piepen?“

Der Paketbote schüttelte den Kopf. „Nee. Ich war nicht am Ausgang. Ich hab das Paket abgegeben und bin wieder raus.“

Mila legte den Kopf schief. „Haben Sie etwas mitgenommen? Aus Versehen vielleicht? Ein Buch, das auf dem Tisch lag?“

Der Paketbote lachte, aber nicht böse. „Ich nehme keine Bücher mit. Ich schleppe schon genug Kartons.“

Mila blieb freundlich. „Klar. Ich frage nur, weil ein Buch kurz weg war.“

Der Paketbote hob beide Hände. „Nicht ich. Wirklich.“

Als er ging, blieb Mila stehen und dachte nach. Sein Lachen hatte echt geklungen. Nicht gespielt. Aber echte Leute konnten trotzdem Dinge übersehen.

Herr Brenner flüsterte: „Und?“

Mila flüsterte zurück: „Er wirkt nicht wie ein Bücher-Dieb. Aber er hat etwas gesagt.“

Frau Klose beugte sich näher. „Was denn?“

Mila zählte an den Fingern ab. „Er meinte: ‚Ich hab unterschreiben lassen… oder…‘ Er war sich nicht sicher. Und er hat gesagt, Sie waren kurz in der Loge. Das heißt: Es gab einen Moment, in dem er nicht genau wusste, was passiert ist.“

Herr Brenner brummte. „Vielleicht war er einfach müde.“

„Oder abgelenkt“, sagte Mila. „Und genau in so einem Moment kann jemand anderes etwas tun.“

Mila schaute zum Ausgang. Dort stand dieses kleine Gerät, das manchmal piepte und manchmal nicht. Daneben ein Stapel Taschen, die Kinder beim Stöbern abstellten.

„Wenn jemand das Buch rausbringen wollte“, sagte Mila leise, „müsste er am Gerät vorbei. Wenn es nicht piept, könnte er es einfach mitnehmen.“

Frau Klose seufzte. „Ich wünschte, das Gerät wäre zuverlässiger.“

Mila klopfte mit dem Stift auf ihr Notizbuch. „Dann prüfen wir etwas anderes. Der Zettel mit dem ‚K‘.“

„Was ist damit?“, fragte Herr Brenner.

Mila grinste schmal. „Handschrift. Oder zumindest: wie jemand schreibt.“

Frau Klose sah skeptisch aus. „Du willst alle verdächtigen Leute schreiben lassen?“

„Nicht alle“, sagte Mila. „Nur die, die Zugang hatten. Und wir machen es vorsichtig und freundlich. Keine Anschuldigungen.“

Herr Brenner murmelte: „Prudenz. Das Wort kenne ich. Meine Oma sagt das.“

„Vorsicht“, korrigierte Mila. „Aber ja.“

Mila sah sich um. „Wer hatte Zugang? Frau Klose. Herr Brenner. Vielleicht noch… jemand, der in die Loge kommt.“

Herr Brenner hob den Kopf. „Die AG-Leiterin! Frau Nouri. Die holt oft Schlüssel bei mir ab.“

Mila schrieb:

9) Zugang Loge: Klose, Brenner, ggf. Frau Nouri.

„Dann fragen wir Frau Nouri“, sagte Mila. „Und wir bleiben freundlich. Wie Vanillepudding.“

Kapitel 5: Die Schrift, die verrät

Am nächsten Nachmittag wartete Mila nach der Schule vor der Turnhalle. Der Wind spielte Fußball mit ein paar trockenen Blättern. Frau Nouri, die Leiterin der Theater-AG, kam mit einem großen Stoffbeutel und einem Bündel bunter Tücher heraus.

„Hallo, Mila“, sagte sie. „Bist du heute auch im Theater?“

„Heute nicht“, sagte Mila. „Aber ich habe eine Frage zur Bibliothek. Es ist nichts Schlimmes. Nur… ein kleines Rätsel.“

Frau Nouri lächelte. „Rätsel mag ich.“

Mila holte einen Zettel hervor. „Könnten Sie bitte kurz Ihren Namen hier draufschreiben? Für eine Liste. Frau Klose aktualisiert die Helferliste.“

Das war nicht ganz gelogen. Es gab tatsächlich Listen. Nur eben nicht diese.

Frau Nouri nahm den Stift und schrieb: „Nouri“. Ihre Buchstaben waren rund und schwungvoll, das „N“ wie eine kleine Welle.

Mila bedankte sich und ging direkt zu Herrn Brenner. „Können Sie auch kurz unterschreiben? Frau Klose… Liste.“

Herr Brenner brummte, schrieb aber. Seine Schrift war eckig, die Buchstaben standen wie kleine Zäune.

Als Letztes bat Mila Frau Klose. Die schrieb ordentlich, klein, fast wie gedruckt.

Dann legte Mila alle drei Zettel nebeneinander, zusammen mit dem „Wichtig. – K.“ aus dem Buch. Sie betrachtete die Buchstaben, besonders das „K“.

Das „K“ auf dem mysteriösen Zettel war groß und spitz, mit einem langen Strich nach unten. Es sah eher aus wie ein umgekipptes Straßenschild.

„Das passt zu keinem von euch“, murmelte Mila.

Frau Klose atmete hörbar aus. „Also doch eine falsche Spur.“

„Ja“, sagte Mila. „Und das ist wichtig. Jemand wollte, dass du verdächtig wirkst. Jemand, der weiß, dass du K heißt.“

Herr Brenner kratzte sich am Kopf. „Wer weiß das nicht?“

Mila ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Nicht jeder kennt deinen Nachnamen. Viele sagen nur ‚Frau Bibliothek‘.“

Frau Klose schnaubte leise. „Danke.“

Mila grinste kurz. „Bitte. Also: Der Täter… oder die Täterin… kennt dich zumindest genug, um deinen Anfangsbuchstaben zu benutzen.“

Sie ging die Liste im Kopf durch: Paketbote? Der spricht Leute oft mit Nachnamen an, wegen Unterschriften. Frau Nouri? Kennt Frau Klose. Herr Brenner? Auch.

„Wir brauchen eine neue Frage“, sagte Mila. „Eine, die nicht wie Vanillepudding ist. Eher wie… Toast, der plötzlich nach Rauch riecht.“

Herr Brenner zog die Stirn kraus. „Was?“

Mila zeigte auf das Buch. „Wenn jemand das Buch wirklich stehlen wollte, hätte er es nicht in eine Fundbox gelegt. Das ist zu riskant. Jemand hätte es finden können. Das heißt: Entweder war es kein Diebstahl… oder der Plan ging schief.“

Frau Klose nickte langsam. „Oder jemand hat es aus einem anderen Grund versteckt.“

Mila blätterte in dem Buch. „Hier sind Eselsohren“, sagte sie. „Ganz frische. Jemand hat etwas markiert.“

Sie schlug Seite 42 auf. Dort war ein Satz mit Bleistift unterstrichen:

„Manchmal liegt der Schatz dort, wo man ihn zuletzt sicher wähnte.“

Mila hob den Blick. „Wer markiert sowas?“

Herr Brenner grinste schief. „Klingt wie ein Kalenderspruch.“

„Oder wie ein Hinweis“, sagte Mila.

Mila beugte sich näher zum Einband. Am Rand klebte etwas Transparentes. Ein Stückchen Folie, wie von einem Klebestreifen. Daran hing ein winziger goldener Glitzerpunkt.

Mila hielt den Glitzer in die Sonne. „Gold.“

Frau Klose flüsterte: „In der Theater-AG gibt es Goldglitzer. Für Kostüme.“

Herr Brenner hob eine Augenbraue. „Frau Nouri?“

Mila hob die Hand. „Stopp. Vorsicht. Glitzer fliegt überall. Das ist kein Beweis. Wir brauchen etwas Sicheres.“

Sie blickte Richtung Loge. „Wir müssen zurück an den Ort, wo es gelagert wurde. Vielleicht hat jemand dort etwas verloren. Oder versteckt.“

Frau Klose nickte. „Aber diesmal mit mir. Und ohne hektisches Herumwühlen.“

„Abgemacht“, sagte Mila. „Prudenz… äh… Vorsicht.“

Kapitel 6: Das Geheimnis in der Loge

In der Loge war es still. Nur die Uhr tickte, als würde sie kleine Schritte machen. Frau Klose schloss die Tür hinter ihnen. Herr Brenner stellte sich ans Fenster.

Mila ging direkt zum Tisch, auf dem der Paketbote das Paket abgelegt hatte. Sie sah sich alles an, ohne etwas anzufassen. Dann zeigte sie auf den Papierkorb.

„Darf ich?“, fragte sie.

„Mit Handschuhen“, sagte Frau Klose und reichte ihr ein Paar aus der Putzbox.

Mila zog sie an. Die Handschuhe waren zu groß, ihre Finger sahen aus wie aufgeblasene Würstchen. Sie beugte sich trotzdem über den Papierkorb.

Oben lag zusammengeknülltes Papier, darunter ein Stückchen goldene Geschenkband-Schleife, und ganz unten… ein aufgerissener kleiner Umschlag.

Mila zog ihn vorsichtig heraus. Auf der Vorderseite stand: „Für Frau Klose“.

Frau Klose blinzelte. „Den kenne ich nicht.“

Mila öffnete den Umschlag. Darin war kein Geld, keine Karte. Nur ein gefaltetes Blatt Papier.

Sie entfaltete es. Darauf stand, in derselben spitzen Schrift wie der Zettel im Buch:

„Ich wollte nur, dass du es liest. Die Seite 42. Das ist wichtig. Du bist immer so vorsichtig, dass du manchmal vergisst, dir selbst zu vertrauen. – K.“

Frau Klose starrte auf den Zettel. „Was soll das heißen? Wer schreibt mir sowas?“

Mila spürte, wie sich das Rätsel drehte und plötzlich anders aussah. Nicht wie ein Diebstahl. Eher wie… eine komische Botschaft.

Herr Brenner brummte: „Vielleicht ein Scherz.“

„Aber ein Scherz, der Stress macht“, sagte Mila. „Und der ein Buch verschwinden lässt. Das ist nicht nett.“

Mila sah sich weiter um. Neben dem Schlüsselbrett hing ein kleines Notizklemmbrett. Darauf waren Zettel befestigt: „Schlüssel Theater“, „Schlüssel Musikraum“, „Schlüssel Keller“.

Und ein Zettel, frisch, mit goldenen Glitzerflecken: „Bitte Schlüssel für Bühne bis 18:00 – N.“

„N wie Nouri“, murmelte Mila.

Frau Klose hob die Hand. „Immer noch kein Beweis. Mila hat recht.“

Mila nickte. Sie ging zum Kalender auf dem Tisch. Zwischen zwei Seiten steckte ein dünnes Buchzeichen aus Pappe, selbst gebastelt, mit einem Rubin draufgemalt. Am Rand klebte… Glitzer.

Mila drehte es um. Hinten stand: „Für die beste Bibliotheksfrau. Danke für die Geschichten. – N.“

Mila sah Frau Klose an. „Das ist… freundlich.“

Frau Klose wirkte verwirrt. „Frau Nouri bastelt oft so etwas mit der AG. Aber warum dann diese seltsamen Zettel?“

Mila atmete tief durch. „Vielleicht wollte sie dir eine Überraschung machen. Eine Art Rätselspiel. Nur hat sie nicht daran gedacht, dass du dich erschreckst. Und dass ich gleich Ermittlerin spiele.“

Herr Brenner grinste. „Das hat sie nun davon.“

Mila hob einen Finger. „Wir wissen es noch nicht. Wir müssen sie fragen. Direkt, aber ruhig. Und ohne Vorwürfe.“

Frau Klose nickte. „Vorsicht. Ja.“

Mila zog die Handschuhe aus. „Und noch was: Das Buch muss zurück ins Regal. Aber erst, wenn wir verstanden haben, was hier passiert ist.“

Sie nahm das Buch und strich über den Einband. „Ein Buch ist kein Spielball.“

Frau Klose lächelte dünn. „Das ist das Vernünftigste, was heute jemand gesagt hat.“

Kapitel 7: Die Auflösung – und das zurückgegebene Buch

Am Abend trafen sie Frau Nouri im Musikraum. Überall lagen Requisiten: eine Krone aus Pappe, ein Umhang, der nach Waschmittel roch, und eine Kiste voller Glitzer, die schon beim Anschauen in die Luft zu steigen schien.

Mila stellte sich neben Frau Klose. Herr Brenner blieb in der Tür stehen wie ein Türsteher, nur ohne Sonnenbrille.

Frau Nouri lächelte. „Oh, Bibliotheks-Team! Was gibt's?“

Frau Klose hielt den Umschlag hoch. „Kennen Sie das?“

Frau Nouris Lächeln wurde kleiner. „Oh. Das.“

Mila beobachtete ihr Gesicht. Kein böser Blick. Eher: ertappt. Wie jemand, der heimlich Kekse gegessen hat und noch Krümel am Mund hat.

„War das Ihre Idee?“, fragte Mila ruhig.

Frau Nouri seufzte. „Ja. Es tut mir leid. Wirklich.“

„Erklären Sie es bitte“, sagte Frau Klose, aber ihre Stimme blieb erstaunlich freundlich.

Frau Nouri setzte sich auf einen Stuhl. „Ich wollte Ihnen danken. Sie helfen den Kindern so oft, das richtige Buch zu finden. Und Sie sind immer… so vorsichtig, so korrekt. Ich dachte, ein kleines Rätsel würde Ihnen Spaß machen. Wie in den Krimis.“

Mila hob die Augenbrauen. „Und dafür haben Sie ein Buch versteckt?“

Frau Nouri nickte kleinlaut. „Ich habe das Buch gestern gesehen, als ich Schlüssel in der Loge geholt habe. Es lag auf dem Tisch. Ich dachte: Perfekt. Ich lege einen Zettel rein, markiere die Seite, bastle ein Lesezeichen. Dann verstecke ich es kurz in der Fundbox und lege eine Nachricht. Und heute… sollte es wieder im Regal stehen.“

Herr Brenner brummte. „Und warum stand da ‚K‘ drunter?“

Frau Nouri rieb sich die Stirn. „Weil ich dumm war. Ich dachte, das wäre witzig, wie ‚K‘ für ‚Krimi‘. Nicht für Klose. Ich habe nicht nachgedacht.“

Mila verschränkte die Arme. „Das war nicht vorsichtig.“

„Nein“, sagte Frau Nouri sofort. „War es nicht. Und als ich gemerkt habe, dass Sie…“ Sie sah zu Frau Klose. „…wirklich irritiert waren, wollte ich es schnell zurücklegen. Aber dann war Herr Brenner in der Loge, und ich habe mich nicht getraut, rumzuwühlen. Und heute… hatte ich Unterricht. Es ist eskaliert.“

Mila musste kurz lachen, obwohl sie sich Mühe gab, ernst zu bleiben. „Ein Rätsel, das aus Versehen ein Fall wurde.“

Frau Klose atmete aus. „Ich bin froh, dass es nur das ist. Aber bitte: Keine Spiele mit Büchern. Und keine Spiele, die jemanden verdächtig machen.“

Frau Nouri nickte heftig. „Versprochen. Ich entschuldige mich. Bei Ihnen. Und bei dir, Mila. Und beim Buch.“

Mila hielt das Buch hoch. „Dann bringen wir es jetzt zurück. Und diesmal richtig.“

Gemeinsam gingen sie in die Bibliothek. Es war schon ruhig, das Licht warm und weich. Frau Klose öffnete das Regal „Spannung“. Mila schob das Buch an seinen Platz, genau zwischen zwei andere Fälle, als würde sie einen Stein in eine Mauer zurücksetzen.

„Fall abgeschlossen“, murmelte Mila.

Herr Brenner grinste. „Und niemand wurde verhaftet.“

„Zum Glück“, sagte Mila. „Aber wir haben was gelernt.“

Frau Klose nickte. „Vorsicht ist nicht langweilig. Vorsicht schützt.“

Mila legte ihr Notizbuch zurück in den Rucksack. Auf die letzte Zeile schrieb sie:

10) Ein Rätsel darf Spaß machen – aber nie auf Kosten von Sicherheit und Vertrauen.

Dann sah sie das Regal an, den geschlossenen Ordner, die ruhige Bibliothek. Alles war wieder an seinem Platz.

Und Mila fühlte sich genau richtig: neugierig, erleichtert und ein bisschen stolz.

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Bibliothekstag
Ein Tag, an dem man in die Bibliothek geht, meist regelmäßig.
Inventur
Wenn man zählt, was alles in einem Raum oder Lager ist.
Regalbrett
Ein Fach in einem Regal, auf dem Bücher oder Sachen liegen.
Loge
Ein kleiner Raum am Eingang, oft für den Hausmeister oder Pförtner.
Fundbüro
Ort, wo gefundene Sachen abgegeben und aufbewahrt werden.
Dossier
Eine Mappe mit verschiedenen Notizen und wichtigen Papieren.
Eselsohren
Eingeknickte Ecke an einer Buchseite, wie ein kleines Ohr.
Bestandsschatz
Besonders wertvolle oder seltene Dinge in einer Sammlung.
Fundbox
Eine Kiste, in die gefundene Gegenstände kurz gelegt werden.
Prudenz
Besondere Vorsicht und gutes Nachdenken, bevor man etwas tut.

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