Kapitel 1: Das leise Klirren im Treppenhaus
Milo war elf und fand, dass jedes Haus ein bisschen wie ein Puzzle war. Manche Teile sah man sofort: die Briefkästen, die Fußmatte von Frau Krüger mit dem „Willkommen“, die quietschende dritte Stufe. Andere Teile waren versteckt, wie geheime Hinweise.
An diesem Dienstag roch das Treppenhaus nach Tomatensuppe und frischer Farbe. Milo kam gerade aus der Schule, den Ranzen schief auf dem Rücken, als er ein Geräusch hörte: ein kurzes, feines Klirren, als hätte jemand Metall an Metall gestoßen.
Er blieb stehen. Im Treppenhaus war es sonst immer laut: Türen, Schritte, die alte Heizung, die sich anhörte wie ein mürrischer Drache. Jetzt war da nur dieses Klirren – und dann Stille.
„Hallo?“ rief Milo. Seine Stimme prallte an den Wänden ab.
Keine Antwort.
Auf dem Absatz zwischen dem zweiten und dritten Stock lag etwas auf der Stufe: ein kleines Stück Papier, gefaltet wie ein winziges Boot. Milo hob es auf. Es war eine Quittung vom Kiosk um die Ecke. Darauf klebte ein Klecks Kaugummi, grün wie Apfelschale.
„Merkwürdig“, murmelte Milo. Er steckte die Quittung in seine Jackentasche, als wäre es ein Beweisstück.
Oben, vor ihrer Wohnungstür, stand seine Nachbarin Nuri. Sie war zwölf, hatte immer einen Bleistift hinterm Ohr und konnte so schnell rennen, dass Milo manchmal glaubte, sie hätte Rollen unter den Schuhen.
„Du guckst, als hättest du einen Schatz gefunden“, sagte Nuri.
„Noch nicht“, antwortete Milo. „Aber ich habe ein Geräusch gehört. Und das hier.“ Er zeigte ihr die Quittung.
Nuri hob eine Augenbraue. „Im Treppenhaus? Das ist unser Lieblingsort für Rätsel. Was steht drauf?“
Milo las: „Kaugummi Apfel, 1,00. Brause, 1,50. Gesamt 2,50.“
Nuri grinste. „Jemand hat Apfelkaugummi. Das ist schon mal verdächtig. Wer kaut denn Apfel?“
„Vielleicht jemand, der nicht erkannt werden will“, sagte Milo ernst. „Kaugummi gegen Nervosität.“
Nuri schnaufte. „Oder jemand, der einfach Hunger auf Apfel hat.“
Da öffnete sich im ersten Stock eine Tür einen Spalt. Herr Engel, der Hausmeister, schaute heraus. Seine Haare standen wie Borsten, und er trug einen Schlüsselbund, der immer klang wie eine kleine Kuhherde.
„Ihr zwei“, sagte er, „nicht wieder mit Kreide an die Wände malen, ja?“
„Nein, nur gucken“, sagte Milo schnell.
Herr Engel brummte und schloss wieder.
Milo und Nuri sahen sich an. Milo spürte dieses Kribbeln, das er mochte: Wenn aus einem normalen Tag plötzlich eine Geschichte wurde.
„Okay“, sagte Nuri. „Was ist das Problem, Detektiv?“
Milo nickte zum Treppenhaus. „Irgendwas ist passiert. Und ich will wissen was.“
Kapitel 2: Der verschwundene Pokal und die klebrige Spur
Am Nachmittag klingelte es bei Milo. Draußen stand Frau Sommer aus dem dritten Stock. Sie war die Trainerin vom Kinderturnen und sprach immer, als würde sie gleich eine Startpistole abfeuern.
„Milo! Du bist doch aufmerksam, oder?“ fragte sie.
„Meistens“, sagte Milo. Hinter ihr lugte Nuri neugierig aus ihrer Wohnung.
Frau Sommer hielt ein Stück Stoff hoch. „Der Pokal ist weg. Der von unserem Treppenhaus-Wettbewerb.“
„Treppenhaus-Wettbewerb?“ wiederholte Milo.
„Letzten Monat haben wir doch die Treppe geschmückt, damit es freundlicher aussieht! Und als Preis gab es eine kleine Medaille. Keine Riesensache“, sagte Frau Sommer, aber ihre Stirn war in Falten. „Die Medaille hing an einem Haken am schwarzen Brett. Jetzt ist sie weg. Einfach weg.“
Milo erinnerte sich: eine runde Medaille, nicht aus Gold, eher aus einem warmen Messing, mit einer eingravierten Treppe und dem Datum. Sie hatte im Licht geleuchtet, wenn man am Brett vorbei ging.
„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“ fragte Milo.
Frau Sommer atmete aus. „Heute Morgen. Um sieben. Ich habe noch kurz draufgetippt, so: ‚Da hängt sie, unser kleiner Stolz!‘ Und jetzt… nichts.“
Nuri schob sich neben Milo. „Gab es jemand im Treppenhaus?“
„Herr Engel wischte die Stufen. Und Frau Krüger ging einkaufen. Und ein Kind… ich glaube, der kleine Benno aus dem zweiten Stock. Der hat seinen Schulranzen hinter sich hergezogen.“
Milo hörte zu. Richtig zuhören war wie eine Taschenlampe: Man leuchtete die wichtigen Stellen aus.
„Wir schauen uns das Brett an“, sagte Milo.
Sie gingen runter ins Treppenhaus. Das schwarze Brett hing neben den Briefkästen. Dort waren Zettel: „Schlüssel gefunden“, „Suche Babysitter“, „Bitte keine Fahrräder im Flur“. Und oben, wo die Medaille gehangen hatte, war nur noch ein heller Fleck, als hätte die Sonne dort gewohnt.
„Da“, flüsterte Nuri und zeigte auf den Haken. „Siehst du das?“
Am Haken klebte etwas Grünes.
Milo beugte sich vor. „Apfelkaugummi“, sagte er.
Nuri zog die Quittung aus Milos Tasche. „Unser Bootspapier! Jemand hat Apfelkaugummi gekauft. Und der Kaugummi klebt am Haken. Also war diese Person hier.“
Milo spürte, wie die Puzzleteile klickten, aber noch nicht ganz passten. „Wir brauchen mehr Hinweise. Wer in unserem Haus kaut Apfelkaugummi?“
„Wir könnten fragen“, sagte Nuri. „Aber wenn wir einfach rumfragen, merkt der Dieb es. Dann versteckt er die Medaille noch besser.“
Milo nickte. „Wir machen es wie richtige Ermittler. Wir beobachten.“
„Im Treppenhaus“, sagte Nuri und grinste, „sind alle Spuren wie auf einem Laufband. Jeder muss drüber.“
Sie stellten sich auf den Absatz zwischen dem zweiten und dritten Stock. Von hier aus hörte man oben eine Waschmaschine rumpeln und unten das Summen des Fahrstuhls, der meistens bockig war.
Milo zeigte auf die dritte Stufe. „Die quietscht. Wer da drüber läuft, verrät sich.“
Nuri flüsterte: „Und wenn jemand eilig ist, tritt er anders. Wir merken's.“
Sie warteten. Milo war nicht gern still, aber er blieb still. Denn in der Stille hörte man mehr.
Kapitel 3: Verdächtige Schritte und ein freundlicher Hund
Zuerst kam Frau Krüger. Sie schleppte eine Tasche mit Kartoffeln. Bei der quietschenden Stufe machte sie „Hmpf!“ und trat extra daneben.
„Frau Krüger“, sagte Milo freundlich, „haben Sie heute Apfelkaugummi gekauft?“
Frau Krüger blieb stehen und sah ihn an, als hätte er gefragt, ob sie heimlich auf dem Dach wohnt. „Junge, ich kaufe keinen Kaugummi. Ich kaufe Zwiebeln. Zwiebeln sind ehrlich.“
Nuri musste kichern. Frau Krüger schnaubte, aber ihre Augen funkelten nicht böse. „Und jetzt lasst mich durch, bevor mir die Kartoffeln weglaufen.“
Als Nächstes kam Benno aus dem zweiten Stock, klein, Sommersprossen, die Haare wie ein zerzauster Pinsel. Er balancierte einen Schulranzen und ein halbes Toast in der Hand.
„Hi Benno“, sagte Milo. „Kurze Frage: Kaust du Apfelkaugummi?“
Benno schluckte. „Nee. Ich darf keinen. Mama sagt, dann klebt mein Gehirn fest.“
„Warst du heute Morgen am schwarzen Brett?“ fragte Nuri.
Benno schüttelte heftig den Kopf, so dass die Sommersprossen fast wackelten. „Ich hab nur meinen Turnbeutel gesucht. Ich schwör!“
Milo schaute auf Bennos Schuhe. Die Sohlen waren sauber, nur ein bisschen Sand. Kein grüner Klecks, nichts Auffälliges.
Dann hörten sie ein leises Tipp-Tapp. Luna, der Dackel von Herrn Engel, kam die Treppe hoch. Luna hatte kurze Beine und große Ohren, die wippten wie kleine Fahnen. Hinter ihr stapfte Herr Engel mit einem Eimer.
„Was macht ihr da?“, fragte er.
„Wir… äh… zählen Stufen“, sagte Nuri schnell.
Herr Engel kniff die Augen zusammen. „Aha. Dann zählt mal richtig: Es sind zu viele.“
Luna schnupperte an Milos Tasche. Milo hielt still. Der Hund roch wie nasses Laub und Abenteuer.
Plötzlich blieb Luna stehen, direkt vor der quietschenden Stufe, und schnupperte intensiver. Dann setzte sie sich hin und sah Milo an, als wolle sie sagen: Hier ist was.
Milo kniete sich hin. Auf der Kante der Stufe klebte ein winziger grüner Punkt.
„Noch mehr Apfelkaugummi“, flüsterte Milo.
Herr Engel räusperte sich. „Wenn ihr Kaugummi kleben seht, sagt Bescheid. Das ist mein Endgegner.“
Milo nickte brav, aber in seinem Kopf ratterte es. Der Kaugummi war nicht zufällig. Jemand hatte ihn verloren, während er die Medaille mitgenommen hatte. Vielleicht war die Person hastig gewesen. Vielleicht hatte sie die Medaille schnell in die Tasche gesteckt, und der Kaugummi war dabei am Haken hängen geblieben.
„Wer war heute Morgen schnell unterwegs?“ fragte Nuri, als Herr Engel weiterging.
Milo überlegte. „Frau Sommer hat gesagt: Herr Engel war hier. Frau Krüger auch. Benno. Vielleicht noch jemand, den sie nicht gesehen hat.“
Nuri deutete nach oben. „Im vierten Stock wohnt doch Lina mit ihrem großen Bruder. Die kommen oft spät.“
„Und im Erdgeschoss Frau Özdemir, die Bäckereiverkäuferin“, ergänzte Milo. „Sie hat immer Kleingeld und Kaugummi an der Kasse.“
„Dann sollten wir schauen, ob jemand Apfelkaugummi riecht“, sagte Nuri.
Milo verzog das Gesicht. „Das klingt komisch.“
„Detektivarbeit ist manchmal komisch“, meinte Nuri. „Wir machen einen Trick. Wir stellen eine Frage, die harmlos klingt.“
Sie setzten sich auf die Treppenstufe wie zwei Reporter. Als Erstes kam Frau Özdemir hoch, die Schürze noch an, Mehlstaub wie Schnee auf dem Ärmel.
„Frau Özdemir“, sagte Nuri, „wir machen eine Umfrage. Welche Kaugummis finden Sie am besten?“
Frau Özdemir lachte. „Umfrage im Treppenhaus, wie modern! Ich mag Minze. Apfel ist zu süß.“
Milo merkte sich das. Minze, nicht Apfel.
Als sie weiterging, roch Milo tatsächlich Minze, frisch und kühl. Keine Apfelwolke.
„Okay“, flüsterte Nuri. „Nicht sie.“
Milo nickte. Ein Hinweis weniger, aber das war auch ein Fortschritt.
Kapitel 4: Das schwarze Brett spricht nicht – aber die Stufen schon
Am nächsten Morgen beschlossen Milo und Nuri, früher aufzustehen. Milo mochte das nicht. Sein Bett fühlte sich an wie ein Magnet. Aber ein Rätsel zog stärker.
Um halb sieben standen sie im Treppenhaus, noch im Halbschatten. Die Lampe summte, und draußen hörte man ein Müllauto.
„Plan“, flüsterte Nuri. „Wir beobachten, wer am Brett stehen bleibt. Und wir achten auf Schuhe. Und auf…“ Sie zog die Nase hoch. „Apfel.“
Milo nickte. Er hatte ein Notizheft dabei. Oben schrieb er: HINWEISE. Darunter drei Spalten: Geräusche, Personen, Spuren.
Die erste Person war ein Mann im Anzug aus dem fünften Stock, den Milo nur vom Sehen kannte. Er telefonierte, hetzte runter, guckte nicht mal zum Brett. Kein Halt, kein Kaugummi.
Dann kam Lina, dreizehn, mit Kopfhörern. Sie blieb kurz am Brett stehen, las einen Zettel und klebte etwas Neues daneben: „Suche Mathe-Nachhilfe“. Danach ging sie weiter, ohne in die Tasche zu greifen. Milo sah ihre Finger: sauber, kein Klecks.
„Lina ist eher die, die Dinge aufhängt, nicht die, die sie abnimmt“, flüsterte Nuri.
Als Nächstes öffnete sich die Tür im dritten Stock. Es war Frau Sommer. Sie trug eine Sporttasche und sah müde aus.
„Oh“, sagte sie, als sie Milo und Nuri sah. „Ihr seid ja früh unterwegs.“
„Wir machen… äh… ein Projekt über Beobachtung“, sagte Milo.
Frau Sommer schmunzelte kurz. „Dann beobachtet mal, wie oft ich die Treppe hoch und runter renne. Viel Erfolg.“ Sie ging runter, und die quietschende Stufe quietschte, weil sie mitten drauftrat. Ganz normal.
Kurz darauf kam ein neuer Schritt. Schwerer. Langsamer. Jemand zog etwas, das leise schabte.
Milo spannte die Ohren. Schab-Schab. Dann ein Klirren. Genau wie gestern.
Nuri packte Milos Ärmel. „Hast du das gehört?“
Sie schlichen ein Stück höher, bis zum Absatz, von dem aus man die Tür vom vierten Stock sehen konnte. Die Tür stand einen Spalt offen.
Und dann kam er raus: Timo, der große Bruder von Lina. Er war sechzehn, trug eine Kapuzenjacke und hatte einen Eimer mit Werkzeug. Am Schlüsselbund baumelte etwas Metallisches, das klirrte.
„Werkzeug“, flüsterte Milo. „Und ein Schlüsselbund. Das klirrt.“
Timo blieb am schwarzen Brett stehen. Milo hielt den Atem an. Timo starrte auf den hellen Fleck, wo die Medaille gehangen hatte, und zog die Stirn kraus.
Dann griff er in die Tasche, holte… einen Kaugummi.
Milo sah, wie Timo das Papier abzog. Ein grünes Papier.
Nuri stieß Milo ganz leicht an. „Apfel.“
Timo kaute und schlenderte weiter Richtung Erdgeschoss. Seine Schuhe hatten an der Sohle einen kleinen grünen Schmierer, als wäre er gestern auf etwas Klebriges getreten.
Milo schrieb schnell: Timo – Apfelkaugummi – stand am Brett – Klirren – grüner Schmier.
„Das ist ziemlich eindeutig“, flüsterte Nuri.
„Eindeutig ist gefährlich“, flüsterte Milo zurück. „Manchmal sieht etwas eindeutig aus, aber es ist ein Trick.“
Nuri seufzte. „Du und deine Vorsicht. Aber okay. Dann brauchen wir den letzten Beweis: Wo ist die Medaille?“
Milo nickte. „Und warum hat er sie genommen?“
Sie folgten Timo, aber nicht zu nah. Detektive kleben nicht an Verdächtigen wie Kaugummi.
Timo ging nicht raus. Er ging in den Keller. Die Kellertür fiel hinter ihm ins Schloss.
„Keller ist schwierig“, flüsterte Nuri. „Da ist es dunkel. Und es riecht nach alten Kartons und Geheimnissen.“
Milo schluckte. „Wir gehen nicht allein runter. Wir brauchen einen sicheren Plan.“
Da hörten sie von unten Herrn Engel rufen: „Luna! Nicht schon wieder in den Farbeimer!“
Milo sah Nuri an. „Herr Engel ist da. Das ist gut.“
Nuri grinste. „Dann tun wir so, als würden wir helfen.“
Kapitel 5: Kellergeruch, Werkzeugkisten und ein überraschendes Geständnis
Im Keller war es kühler. Die Lampen gingen nur an, wenn man den Schalter lange genug drückte. Milo hasste dieses Flackern. Es fühlte sich an, als würde der Keller blinzeln.
Herr Engel stand bei seinem kleinen Raum und wischte gerade Luna die Pfoten ab. Luna sah beleidigt aus.
„Herr Engel“, sagte Milo, „brauchen Sie Hilfe?“
„Hilfe?“, brummte Herr Engel. „Wenn ihr mir helft, dass Luna nicht alles anknabbert, ja.“
Nuri deutete möglichst unauffällig in den Flur. „Wir haben jemanden runtergehen sehen. Timo. Alles okay?“
Herr Engel richtete sich auf. „Timo? Der sollte eigentlich nur seine alte Werkzeugkiste holen. Er hilft manchmal beim Reparieren. Warum?“
Milo räusperte sich. „Uns ist was aufgefallen. Es fehlt… etwas am schwarzen Brett.“
Herr Engel stöhnte. „Wenn jetzt auch noch Zettel verschwinden, dreh ich durch.“
„Nicht Zettel“, sagte Nuri. „Eine Medaille.“
Herr Engel hob den Kopf. „Die vom Treppenhaus-Wettbewerb? Die hat Frau Sommer gestern gesucht.“
Milo nickte. „Und am Haken klebt Apfelkaugummi. Und… Timo kaut Apfel.“
Herr Engel sah erst streng aus, dann müde. „Apfelkaugummi ist kein Verbrechen.“
„Nein“, sagte Milo schnell. „Aber es ist eine Spur.“
Herr Engel schnalzte mit der Zunge. „Na gut. Wir schauen nach. Aber ihr bleibt hinter mir. Keller ist kein Spielplatz.“
Sie gingen den Flur entlang. Die Kellertüren standen wie graue Zähne nebeneinander. Aus einer Ecke tropfte irgendwo Wasser: plink… plink… plink.
Vor Timos Kellerabteil war die Tür angelehnt. Drinnen hörte man Rascheln. Milo spähte an Herrn Engel vorbei.
Timo kniete zwischen Kisten. Neben ihm lag ein Tuch, und darunter blitzte etwas Rundes.
Milo spürte sein Herz. „Da!“
Herr Engel trat einen Schritt vor. „Timo?“
Timo zuckte zusammen, als hätte ihn jemand mit kaltem Wasser bespritzt. Er stand auf, die Hände halb in der Luft.
„Ich… äh…“, stotterte er. Seine Wangen wurden rot. „Ich wollte das nicht klauen. Also… nicht richtig.“
Nuri verschränkte die Arme. „Nicht richtig? Das klingt nach: ein bisschen geklaut.“
Timo rieb sich den Nacken. „Ich hab's nur… ausgeliehen.“
Herr Engel knurrte. „Ausgeliehen ohne zu fragen ist…?“
„Geklaut“, murmelte Timo.
Milo trat einen Schritt näher, aber seine Stimme blieb ruhig. „Warum?“
Timo atmete tief ein. „Für Lina. Sie hat nächste Woche Geburtstag. Und sie hat beim Wettbewerb so hart mitgemacht. Sie hat die ganze Treppe mit Sternen aus Papier beklebt, bis ihre Finger gekrampft haben. Und dann hat Frau Sommer die Medaille ans Brett gehängt und alle haben gesagt: ‚Unser Haus ist toll!‘ Aber Lina… na ja. Sie tut immer so, als wäre ihr alles egal. Aber ich hab gesehen, wie sie die Medaille angeschaut hat. Ganz kurz. So, als wäre sie ihr wichtig.“
Nuri lockerte ihre Haltung ein bisschen. „Und du dachtest: Ich nehme sie und schenke sie ihr.“
Timo nickte, kaute nervös und schluckte. „Ich wollte sie sauber machen. Sie hatte Fingerabdrücke und ein paar Flecken. Ich dachte, wenn sie glänzt, ist sie ein besseres Geschenk. Deshalb hab ich sie hier im Keller versteckt, damit Lina sie nicht sieht. Und…“ Er zeigte auf seine Tasche. „Und ich hatte Kaugummi. Der ist mir beim Abziehen am Haken hängen geblieben. Und dann bin ich auf den Klecks getreten. Super.“
Milo schaute zu Herrn Engel. Der sah immer noch streng aus, aber nicht wütend wie ein Sturm, eher wie ein Regenschauer, der gleich vorbei ist.
„Du hättest fragen müssen“, sagte Milo.
Timo nickte heftig. „Ich weiß. Ich bin nicht gut in… in so offiziellen Sachen. Ich wollte einfach nur, dass Lina sich freut.“
Nuri trat näher und hob das Tuch an. Darunter lag die Medaille. Sie war wirklich sauberer als vorher, fast spiegelnd.
„Sie ist also die ganze Zeit hier gewesen“, sagte Nuri.
Milo atmete aus. Das Rätsel hatte jetzt ein Gesicht, und das Gesicht sah eher peinlich berührt aus als böse.
Herr Engel nahm die Medaille vorsichtig. „Wir bringen sie zurück. Und dann entschuldigst du dich bei Frau Sommer. Und bei allen, die gesucht haben.“
Timo nickte. „Mach ich.“
Milo dachte an das Klirren. Es war der Schlüsselbund gewesen. Kein geheimnisvoller Einbrecher. Nur ein Bruder mit einer zu großen Idee.
Aber eins fehlte noch: Wie sorgt man dafür, dass Lina trotzdem etwas Schönes bekommt, ohne dass es wieder Ärger gibt?
Milo sah Nuri an. In ihren Augen stand dieselbe Frage.
Kapitel 6: Die Rückgabe und die Medaille, die wieder leuchtet
Am Nachmittag trafen sie sich im Treppenhaus vor dem schwarzen Brett. Frau Sommer war da, Herr Engel auch. Sogar Frau Krüger stand mit verschränkten Armen daneben, als wäre sie die Treppenhaus-Polizei.
Timo hielt die Medaille in beiden Händen. Lina stand neben ihm, die Kopfhörer um den Hals, und sah verwirrt aus.
„Was ist los?“ fragte Lina.
Timo räusperte sich. „Okay. Ich hab Mist gebaut.“ Er schaute zu Boden, dann wieder hoch. „Ich hab die Medaille abgenommen, ohne zu fragen. Ich wollte sie dir zum Geburtstag schenken, Lina. Weil ich… weil ich gesehen hab, dass du sie magst. Aber ich hätte's nicht tun dürfen.“
Lina starrte ihn an. Dann wurde ihr Gesicht weich, als hätte jemand ein strenges Foto in ein echtes Lächeln verwandelt. „Du Idiot“, sagte sie leise. „Ein netter Idiot.“
Frau Sommer nahm die Medaille, prüfte den Haken und atmete hörbar aus. „Danke, dass sie wieder da ist. Und Timo: Gute Absicht, schlechte Methode.“
Herr Engel nickte. „Regel Nummer eins im Haus: Nichts vom Brett abreißen. Nicht mal, wenn's glänzt.“
Frau Krüger schnaubte. „Und Kaugummi gehört in den Müll. Zwiebeln kleben nicht.“
Nuri konnte sich nicht mehr halten und lachte. Sogar Frau Krüger zuckte mit dem Mundwinkel.
Milo trat vor. „Wir haben die Spur gesehen. Den Apfelkaugummi. Und wir haben zugehört. Wer wann wo war. Das Treppenhaus hat es uns erzählt. Mit der quietschenden Stufe und dem Klecks.“
Frau Sommer schaute Milo an. „Gute Beobachtung. Genau darum ging's beim Wettbewerb ja auch: aufmerksam sein, nicht nur schnell.“
Sie hängte die Medaille zurück an den Haken. Sie klackte leise, ein zufriedenes Geräusch. Das Messing fing das Licht und funkelte, als hätte es sich auch gefreut, wieder da zu sein.
Lina hob eine Hand. „Also… bekomme ich jetzt gar nichts zum Geburtstag?“
Timo sah Milo an, als bräuchte er Hilfe.
Milo räusperte sich. „Vielleicht… bekommt Lina etwas, das niemand klauen muss.“
Nuri grinste. „Zum Beispiel eine echte Kopie. Ein Foto von der Medaille, eingerahmt. Oder wir basteln eine neue aus Pappe und Farbe. Mit einer Treppe drauf. Und wir schreiben: ‚Für Lina, Königin der Sterne‘.“
Lina lachte richtig. „Königin der Sterne klingt gut.“
Frau Sommer nickte. „Das ist eine tolle Idee. Und die echte Medaille bleibt hier für alle.“
Herr Engel klopfte Milo kurz auf die Schulter. „Detektiv. Aber ohne Keller-Abenteuer beim nächsten Mal, ja?“
„Nur mit Erlaubnis“, sagte Milo.
Als alle auseinander gingen, blieb Milo noch einen Moment stehen. Er sah die Medaille an, die wieder am Brett hing, genau an ihrem Platz. Ein kleines Stück Metall, das ein ganzes Haus in Bewegung gesetzt hatte.
Nuri stupste ihn an. „Fall gelöst.“
Milo nickte. „Mit Augen, Ohren und einer quietschenden Stufe.“
Und als Milo die Treppe hochging, trat er absichtlich auf die dritte Stufe. Sie quietschte wie immer. Diesmal klang es fast wie ein kleines Lachen.