Lina hat einen kleinen Becher. Der Becher glitzert wie Sterne. Lina nennt ihn ihren Sternenbecher. Als Lina noch ganz klein war, trank sie immer daraus. Der Sternenbecher war warm und treu. Eines Morgens ist der Becher verschwunden. Lina sucht. Sie ruft leise: „Mein Becher, wo bist du?“ Sie hört nur das Gras rascheln.
Lina geht in den Wald. Der Wald ist bunt und freundlich. Bunte Blumen nicken. Vögel flüstern Lieder. Lina geht Schritt für Schritt. Schritt. Schritt. Schritt. Sie fühlt sich nicht allein. Bald trifft sie eine kleine Elfe. Die Elfe hat glänzende Flügel. Sie trägt ein Blatt als Hut.
„Hallo,“ sagt die Elfe. „Ich heiße Mira.“ „Ich heiße Lina,“ sagt Lina. „Hast du meinen Sternenbecher gesehen?“ fragt Lina. Mira schüttelt den Kopf. „Nicht allein,“ sagt Mira und lächelt. „Komm mit mir. Wir fragen die Freunde.“
Sie gehen zusammen. Unter einem Mooshügel schaukelt ein kleines Einhorn. Das Einhorn heißt Lichter. Sein Horn blinkt sanft. „Hast du den Becher gesehen?“ fragt Mira. Lichter schnuppert mit seiner Nase. „Ich rieche Kindheit,“ sagt Lichter. „Aber ich habe ihn nicht gesehen. Vielleicht hat der Wind ihn fortgetragen.“
Weiter, weiter. Am Bach sitzt ein kleiner Drache. Er heißt Flämmchen. Flämmchen spuckt keine Feuer, nur warme Funken. Er kichert leise. „Ich habe gestern Abend Geschichten bewacht,“ sagt Flämmchen. „Ein Glitzern sprang über den Bach. Vielleicht war das dein Becher.“
„Komm,“ sagt Lina. „Wir suchen zusammen.“ Sie lachen. Sie singen ein kleines Lied: „Sternenbecher, wo bist du? Komm zurück zu Lina, zu mir dazu.“ Das Lied klingt wie Tropfen im Gras.
Sie folgen dem Glitzern. Das Glitzern führt sie zu einer Höhle hinter einem Wasserfall. Der Wasserfall glitzert wie Perlen. Hinter dem Wasserfall ist ein kleiner Garten. Im Garten wächst ein Baum mit Türen. Viele Türen. Kleine Türen, bunte Türen. Eine Tür ist ganz winzig. Vor der Tür liegt ein kleiner Fußabdruck. Der Fußabdruck sieht nach Lina aus.
„Vielleicht ist es die Tür der Kindheit,“ flüstert Mira. „Vielleicht bewahrt sie Dinge, die man liebt.“ Lina zögert nicht. Sie klopft.
„Wer ist da?“ fragt eine Stimme. Die Stimme klingt wie ein Kichern. Die Tür öffnet sich ein Stück. Ein winziges Lämpchen blickt heraus. Es ist freundlich. „Was sucht ihr?“ fragt das Lämpchen. Lina zeigt ein Bild in ihrem Kopf von ihrem Sternenbecher. „Unser Becher,“ sagt Lina. „Er ist warm. Er hat Sterne.“
Das Lämpchen nickt. „Die Tür bewahrt Dinge für Freunde,“ sagt es. „Doch manchmal muss ein Herz teilen, damit die Tür öffnet.“ Lina spürt das warme Herz in ihrer Brust. Sie schaut zu Mira, zu Lichter und zu Flämmchen. Ihre Freunde lächeln. Sie versteht.
„Ich teile,“ sagt Lina. Sie nimmt ein Stückchen von ihrem Keks und reicht es. „Für alle.“ Mira bekommt ein Stück, Lichter darf lecken, Flämmchen pustet warme Funken in die Luft. Das Lämpchen kichert. Die Tür wird größer. Ein sanftes Licht kommt heraus.
Hinter der Tür steht ein kleines Regal. Darauf glänzt der Sternenbecher. Er funkelt wie der Himmel in der Nacht. Lina tritt näher. Ihr Herz hüpft. Sie nimmt den Becher. Er ist warm. Er fühlt sich an wie Zuhause.
„Er zeigt die Wahrheit,“ sagt Mira leise. „Wenn du hineinschaust, siehst du, was dein Herz weiß.“ Lina hält den Becher ans Licht. Im Becher spiegelt sich ein Bild. Lina sieht sich selbst, wie sie einen Kuchen teilt. Sie sieht Mira, Lichter und Flämmchen lachen. Sie sieht viele Hände, die den Becher berühren. Die Bilder sind sanft und klar. Lina lächelt. Die Wahrheit ist wie ein Lied: Teilen macht Freude größer.
„Teilen?“ fragt Lina. „Ja,“ sagt Lichter. „Teilen ist wie ein Zauber. Es macht das Glück groß.“ Flämmchen pustet eine kleine Flamme, die wie Konfetti glitzert. Alle lachen leise.
Sie setzen sich im Garten. Lina füllt den Sternenbecher mit warmem Teeblumenwasser. Sie teilt den Tee. Ein Schlückchen für jeden. Ein Schlückchen für die Nacht. Die Wärme fließt in den Bauch. Es ist gemütlich und freundlich. Sie erzählen kleine Geschichten. Sie singen das Lied vom Weg. Die Sterne über ihnen blinzeln.
Als der Abend kommt, wissen sie, dass es Zeit ist zu gehen. Lina legt den Sternenbecher behutsam zurück in das Regal der kleinen Tür. „Warum zurück?“ fragt Lina. „Weil manche Dinge sicher wohnen,“ erklärt das Lämpchen. „Und weil du seine Wahrheit bei dir trägst.“ Lina kuschelt das Gefühl in ihr Herz. Sie hat die Erinnerung, die Freude, das Teilen.
Sie winken der kleinen Tür. Die Tür schließt sich sanft. Sie macht kein großes Geräusch. Die Tür schließt sich ohne Kummer. Kein Bedauern. Nur ein leises „Gute Nacht.“
Lina geht mit Mira, Lichter und Flämmchen heim. Ihre Schritte sind leicht. Ihre Herzen sind warm. „Bis morgen,“ sagt Mira. „Bis bald,“ sagt Lichter. „Bis wieder,“ sagt Flämmchen und pustet ein winziges Funkeln.
Zu Hause legt Lina sich ins Bett. Sie denkt an das Teilen. Sie denkt an ihre Freunde. Sie lächelt. Die Tür ist geschlossen. Ganz ruhig. Ganz richtig. Gute Nacht.