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Rittergeschichte 11/12 Jahre Lesen 21 min.

Ritterin Elswyn und das Geheimnis des Nebelpasses

Ritterin Elswyn und ihr Knappe Jaro machen sich auf, den geheimnisvollen Nebelpass zu finden, treffen auf Wegelagerer und helfen einem Jungen, während sie den gefährlichen Pfad kartieren, um das Grenzland zu schützen.

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Ritterin Elswyn, Frau, entschlossener, konzentrierter Ausdruck, lebhafte Augen, zerknirschte Stirn, glänzende aber an den Rändern abgenutzte Rüstung, kurze im Wind flatternde Umhang, mit aller Kraft an einem alten Eisenhaken in der Felswand ziehend, angespannte Muskeln, heroische Haltung; Knappe Jaro, etwa 15, ängstlich aber mutig, kurz zerzaustes Haar, einfache Reisekleidung, steht auf einer schmalen Felsleiste hinter Elswyn, bereit zu helfen, Hände an der Wand; Milo, etwa 10, erschöpft aber bewundernd, schmutzige Kleidung, hockt hinter Kisten neben dem schwarzen Wagen und schaut hoffnungsvoll; schwarzer Wagen mit abgenutzter Plane, Kisten und Seile, daneben ein glänzendes Horn aus Holz, schwere Kette quer durch eine enge Schlucht, im Hintergrund undeutliche, überraschte Entführer; enger Gebirgspass aus scharfen Schieferfelsen, raue feuchte Wände, flacher Nebel mit diffusem Licht, funkelnde Wassertropfen; Hauptsituation: dramatischer Moment, in dem Elswyn den Riss im Haken herausreißt, die Kette befreit und den Weg öffnet, Staub und kleine Steinsplitter fallen, Atmosphäre eines nahenden Sieges. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Karte, die noch fehlt

Ritterin Elswyn von Brückenhain ritt im ersten Licht des Morgens aus dem Burgtor. Ihr Harnisch glänzte wie eine frisch geschliffene Münze, und an der Seite trug sie nicht nur ein Schwert, sondern auch ein zusammengerolltes Pergament, eine Feder und ein kleines Tintenfass in einer ledernen Schachtel.

„Du reitest schon wieder los, bevor die Suppe überhaupt dampft“, rief Knappe Jaro vom Stall aus und stolperte mit einem Sattelgurt in der Hand hinterher.

Elswyn lachte. „Heldentaten warten nicht auf Suppe.“

„Aber Karten schon“, meinte Jaro und deutete auf das Pergament. „Du willst doch diesen… diesen…“

„Pass“, half Elswyn. „Den Nebelpass. Er soll das Tal hinter den Schieferbergen mit dem Grenzland verbinden. Wenn er wirklich existiert, können Händler und Boten schneller reisen. Und wenn er gefährlich ist, müssen wir das wissen. Verantwortung, Jaro. Nicht nur Mut.“

Jaro nickte ernst. „Also ein Pass, den niemand richtig kennt.“

„Genau. Ein Durchgang, der sich versteckt wie eine Katze, die Milch gestohlen hat.“

Der Burgherr, Graf Aldemar, trat auf die Zinnen und hob die Hand. „Ritterin Elswyn! Du trägst die Pflicht unserer Lande auf deinen Schultern. Bring uns Wahrheit, nicht Gerüchte.“

Elswyn legte die Faust an die Brust. „Bei meinem Eid. Ich zeichne, was ist, nicht was man hören will.“

Dann setzte sie sich in Bewegung, Jaro an ihrer Seite, und das Pferd Stampfer schnaubte, als hätte es selbst Lust auf Abenteuer. Hinter ihnen blieb die Burg zurück, vor ihnen lagen Wälder, Felsen und das Flüstern alter Sagen.

Kapitel 2: Der Wald der flüsternden Eiben

Der Weg führte sie in einen Wald, in dem Eiben so dicht standen, dass das Licht grünlich wurde. Die Luft roch nach Harz und feuchter Erde. Überall knackte es, als würden unsichtbare Leute vorsichtig treten.

„Ich mag Wälder, die leise sind“, murmelte Jaro. „Aber dieser ist nicht leise. Der tuschelt.“

„Das sind nur Blätter“, sagte Elswyn, doch sie hielt die Hand nahe am Schwertknauf. Sie holte ihr Pergament hervor, legte es auf den Sattel und machte mit der Feder schnelle Zeichen. „Drei Steinmeilen von Brückenhain: Eibenwald, dichter Bewuchs, kaum Sicht. Wer hier reist, soll bei Tageslicht gehen.“

„Du schreibst sogar Warnungen auf?“

„Eine Karte ist ein Versprechen“, antwortete Elswyn. „Wer ihr vertraut, darf nicht blind geführt werden.“

Plötzlich schoss etwas Graues durch die Büsche. Jaro fuhr zusammen. „Wolf!“

Elswyn blieb ruhig. „Nein. Zu klein.“

Ein Junge stolperte auf den Pfad, das Gesicht voller Schlamm, die Haare verklebt. Er hielt einen Sack, aus dem etwas klirrte. Als er Elswyns Wappen sah, blieb er wie angewurzelt stehen.

„He, du!“, rief Elswyn. „Warum rennst du, als jagt dich ein Drache?“

Der Junge schluckte. „Weil… weil mich gleich welche fangen. Die Männer vom schwarzen Karren.“

„Schwarzer Karren?“ Jaro runzelte die Stirn.

„Wegelagerer“, sagte Elswyn, und in ihrer Stimme lag plötzlich Stahl. „Wie heißt du?“

„Milo“, flüsterte der Junge. „Ich… ich hab nur ein paar Nägel und Brot… meine Mutter—“

Ein Pfeil sirrte und schlug in den Stamm neben Elswyn. Rinde spritzte. Milo duckte sich.

„Hinter mich“, befahl Elswyn. Sie zog ihr Schild hoch, und Jaro brachte Stampfer und sein eigenes Pony hinter einen dicken Baum.

Aus dem Unterholz traten drei Männer, schlecht rasiert, aber mit scharfen Augen. Einer schwenkte einen Bogen. „Gebt her, was ihr habt“, knurrte er. „Der Pass gehört uns.“

Elswyn hob das Kinn. „Ein Pass gehört niemandem. Und schon gar nicht Räubern.“

Der Mann lachte. „Dann wirst du ihn eben nicht kartieren. So einfach.“

Elswyns Blick glitt über den Pfad, die Bäume, die Wurzeln. Der Boden war feucht, rutschig. Und links… da verlief ein schmaler Graben, halb verborgen.

„Jaro“, sagte sie leise, „wenn ich ‚Jetzt‘ sage, trittst du rückwärts. Und ziehst Milo mit.“

„Was machst du?“, flüsterte Jaro.

„Ich erinnere diese Herren an die Schwerkraft.“

Elswyn trat einen Schritt vor, als wolle sie verhandeln. „Ihr habt recht“, sagte sie laut. „Ich bin allein, und ihr seid drei. Vielleicht… kann man reden.“

Der Bogenschütze kam näher, gierig. Elswyn senkte scheinbar die Schulter—und trat mit dem Stiefel gegen eine Wurzel, die wie ein Hebel über dem Graben lag. Der morsche Ast sprang hoch, der Mann stolperte, und mit einem verblüfften „Wha—!“ rutschte er in den Graben. Schlamm spritzte bis in seine Zähne.

„Jetzt!“, rief Elswyn.

Jaro zog Milo zurück. Die anderen zwei stürmten vor, aber Elswyn drehte sich schnell, schlug mit der flachen Klinge gegen den Arm des einen und stieß den zweiten mit dem Schild gegen einen Stamm. Kein Blut, nur Schmerz und Überraschung.

„Lauft!“, rief sie und rannte selbst los, Stampfer hinterher. Hinter ihnen fluchten die Räuber, doch im dichten Eibenwald verloren sie bald die Spur.

Als sie außer Atem an einem Bach standen, wischte Milo sich das Gesicht. „Du… du bist wirklich eine Ritterin.“

Elswyn steckte die Feder weg. „Und du bist wirklich in Schwierigkeiten. Wo wohnst du?“

Milo zeigte zögernd nach Westen. „Bei der alten Mühle.“

Elswyn nickte. „Wir bringen dich hin. Verantwortung endet nicht am Waldrand.“

Kapitel 3: Die Mühle und der Schwur

Die alte Mühle stand schief wie ein müder Soldat. Das Rad drehte sich nicht, obwohl der Bach stark genug war. Am Fenster hing ein Tuch, das aussah wie eine weiße Flagge.

Eine Frau öffnete die Tür, als sie die Hufe hörte. Ihre Augen waren rot vor Sorge. „Milo! Bei allen Heiligen—“

Milo rannte in ihre Arme. „Mama! Ich hab's geschafft.“

Elswyn stieg ab. „Die Wegelagerer sind im Wald. Sie nennen sich ‚Männer vom schwarzen Karren‘.“

Die Frau presste die Lippen zusammen. „Sie nehmen, was sie wollen. Und wer sich wehrt, dessen Rad wird nachts zerstört.“ Sie deutete auf das Mühlrad: Zwei Bretter waren eingeschlagen.

Jaro ballte die Fäuste. „Feiglinge.“

Elswyn betrachtete die Mühle, dann den Bach, dann die verschlammten Spuren am Ufer. „Sie kommen wieder“, sagte sie ruhig. „Nicht heute vielleicht. Aber bald.“

Die Frau blickte sie an. „Ihr seid auf einer großen Reise, Ritterin. Warum solltet ihr euch um uns kümmern?“

Elswyn zog das Pergament hervor. „Weil eine Karte für alle ist. Wenn dieser Pass existiert und die Räuber ihn kontrollieren, wird das Grenzland leiden. Und weil Rittertum bedeutet, die Schwachen nicht zu übersehen.“

Milo wischte sich die Nase. „Ich wollte nur Nägel holen. Für das Rad.“

Elswyn kniete sich zu ihm. „Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, trotz Angst das Richtige zu versuchen. Aber das Richtige braucht auch Plan. Ab heute gehst du nicht allein in den Wald, verstanden?“

Milo nickte heftig.

Die Frau seufzte. „Ich kann euch Brot geben. Mehr nicht.“

„Brot ist mehr als Gold, wenn man wandert“, sagte Jaro ernst und bekam dafür einen dankbaren Blick.

Elswyn zog eine kurze Linie auf ihr Pergament. „Alte Mühle am Bach, Rad beschädigt. Gefahr: Räuber.“ Sie hielt inne. „Jaro, wir nehmen den Nebelpass nicht nur als Weg. Wir nehmen ihn als Auftrag. Und wir sorgen dafür, dass diese Räuber niemanden mehr knebeln.“

Jaro schluckte. „Zu zweit gegen… wie viele?“

„Wir zählen nicht Männer“, antwortete Elswyn. „Wir zählen Möglichkeiten.“

Als sie wieder ritten, klebte Nebel zwischen den Bäumen wie nasses Tuch. Irgendwo in der Ferne krächzte ein Rabe, als würde er schon Bericht erstatten.

Kapitel 4: Der Nebelpass

Am Fuß der Schieferberge wurde der Wald dünner, und Felsen ragten auf wie die Rücken schlafender Riesen. Der Himmel war grau, und der Nebel lag so tief, dass er die Hufe verschluckte.

„Wenn man hier eine Karte falsch zeichnet“, murmelte Jaro, „läuft jemand direkt in eine Wand.“

„Oder in einen Abgrund“, sagte Elswyn. Sie band ein Seil an Stampfers Sattel und gab Jaro das Ende. „Abstand halten. Und wenn du mich nicht siehst, hör auf meine Stimme.“

„Hört sich an wie blinde Kuh“, versuchte Jaro zu scherzen.

„Nur ohne Kuh“, erwiderte Elswyn. „Und mit mehr Abgründen.“

Der Pfad war kaum mehr als ein Kratzen im Geröll. Manchmal führte er unter überhängenden Steinen hindurch, wo Tropfen von der Decke fielen. Elswyn tastete sich voran, zählte Schritte, maß mit ihrem Blick Entfernungen zwischen markanten Felsnasen.

Sie blieb stehen, rammte einen kleinen Holzpflock in den Boden und ritzte mit dem Messer ein Zeichen hinein: ein Kreuz, darunter ein Punkt. „Merke: Abzweig. Links führt zu einer Geröllrinne, rechts zum Pass. Wer links geht, rutscht.“

„Wie weißt du das?“, fragte Jaro.

Elswyn deutete auf den Boden. „Siehst du die Steine? Links sind sie glatt, als wären sie oft gerutscht. Rechts liegen sie fest. Der Berg erzählt, wenn man zuhört.“

Weiter oben wurde der Nebel dichter. Plötzlich hörten sie Stimmen. Gedämpft, aber nah.

Jaro flüsterte: „Die Räuber?“

Elswyn hob die Hand. Sie schob sich an einen Felsen und spähte. Vor ihnen öffnete sich eine schmale Kluft, und darin stand tatsächlich ein schwarzer Karren, mit Planen überzogen. Zwei Männer saßen auf Kisten und würfelten. Ein dritter schärfte ein Messer und pfiff falsch.

„Sie haben ihn gefunden“, hauchte Jaro. „Den Pass.“

Elswyns Herz schlug schneller, doch ihr Kopf blieb klar. „Gut. Dann finden wir, was sie nicht finden: einen Weg um sie herum.“

Jaro zeigte nach oben. „Da ist eine Leiste am Fels. Sehr schmal.“

Elswyn prüfte sie mit den Augen. Ein schräger Vorsprung führte über die Kluft, vielleicht zwanzig Schritte lang, und endete hinter dem Karren. Darunter gähnte Tiefe.

„Nur ohne Pferde“, sagte sie.

„Und ohne Ausrutschen“, ergänzte Jaro und schluckte.

Elswyn nickte. „Wir lassen die Tiere hier, gut angebunden. Dann gehen wir. Leise. Und du hältst dich an die Wand, als wärst du ein Schatten.“

„Und wenn ich falle?“

„Dann fällst du nicht“, sagte Elswyn schlicht. „Du bist nicht allein.“

Sie banden die Pferde fest, streichelten ihnen beruhigend die Nüstern und schlichen zur Felsleiste. Der Stein war kalt, rau, feucht. Elswyn ging voraus, Schritt für Schritt, die Finger in Ritzen, die Stiefelspitzen suchend wie kleine Fühler.

Unten lachten die Räuber über einen Würfelwurf. „Ha! Schon wieder!“

Elswyn atmete langsam. Ein falscher Atemzug konnte ein Kieselchen lösen. Jaro folgte, bleich, aber konzentriert.

Als sie hinter dem Karren ankamen, sah Elswyn eine Kette, die quer durch die Kluft gespannt war, befestigt an Eisenhaken. Sie diente wie ein Tor: Wer passieren wollte, musste zahlen.

„Also deshalb die Gerüchte“, flüsterte sie. „Sie machen aus einem Weg eine Mauer.“

Jaro sah auf die Kette. „Kann man die lösen?“

Elswyn musterte die Befestigung. Der Haken war in morschen Fels geschlagen, der Stein ringsherum rissig. „Mit Kraft ja. Aber dann kracht es, und sie merken es.“

Sie sah zu den Kisten im Karren. Zwischen Säcken lag etwas Glänzendes: ein Horn, verziert. Wahrscheinlich zum Alarm.

Elswyns Augen blitzten. „Dann brauchen wir List.“

Kapitel 5: List, Lärm und ein freier Durchgang

Elswyn beugte sich zu Jaro. „Du siehst das Horn? Wenn das ertönt, kommen vielleicht noch mehr.“

Jaro nickte. „Wie verhindern wir das?“

„Wir sorgen dafür, dass sie es selbst fallen lassen.“

Jaro blinzelte. „Das klingt… höflich gefährlich.“

Elswyn zog einen kleinen Lederbeutel aus ihrer Tasche. Darin: Kreidepulver, das sie zum Markieren benutzte. „Wenn der Nebel unser Freund ist, ist Kreide sein Cousin.“

Sie kroch an die Karrenplane, streute das Pulver unauffällig auf den Boden hinter den Räubern, genau dorthin, wo der Pfad schmal war und der Fels leicht abfiel. Dann nahm sie einen Kiesel und warf ihn weit weg in die Kluft, sodass er klappernd mehrere Steine mitriss.

Einer der Räuber sprang auf. „Hast du das gehört? Da ist wer!“

„Vielleicht 'ne Ziege“, brummte der zweite.

„Ziegen tragen keine Stiefel“, sagte der dritte und griff nach dem Horn.

Elswyn trat aus dem Nebel, Schild erhoben, Stimme laut wie eine Glocke. „Im Namen des Grafen Aldemar! Legt die Waffen nieder!“

Die Räuber fuhren herum. Für einen Moment waren sie so überrascht, dass sie vergaßen, wie viele sie waren.

„Eine Ritterin? Hier?“ Der Messer-Schärfer grinste. „Du bist mutig. Oder dumm.“

„Mutig“, sagte Elswyn. „Und verantwortlich.“

Sie stürmten auf sie zu. Elswyn wich zurück – genau dorthin, wo das Kreidepulver lag. Ihre Stiefel hatten festen Halt, denn sie wusste, wo sie trat. Der erste Räuber aber rutschte aus, als hätte der Boden plötzlich Seife bekommen. Er ruderte mit den Armen, rempelte den zweiten, und beide prallten gegen den dritten.

Das Horn flog aus der Hand, machte einen hohen Bogen und landete mit einem dumpfen „Plopp“ in einer Pfütze aus Nebelwasser und Schlamm.

„Mein Horn!“, brüllte der Räuber.

Jaro nutzte den Moment. Er sprang vor, schnappte sich das Horn und stopfte es unter die Plane, wo es nicht schnell zu finden war. Dann rief er mit möglichst tiefer Stimme: „Noch jemand? Ich hab schon drei gesehen!“

Elswyn konnte sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen. „Gut gebrüllt.“

Der Messer-Schärfer kam wieder hoch, wütend. Elswyn blockte seinen Schlag mit dem Schild und trat ihm gegen das Schienbein – nicht hart genug, um zu brechen, aber hart genug, um ihn fluchen zu lassen wie ein beleidigter Esel.

„Ihr wollt den Pass besitzen“, rief sie, während sie sich bewegte wie im Tanz, „aber ihr könnt nicht einmal eure Füße besitzen!“

„Frechheit!“, schrie der Mann und rutschte ebenfalls halb aus.

Jaro zeigte auf die Kette. „Elswyn!“

Elswyn sprang zum Haken, packte ihn mit beiden Händen und riss. Der rissige Fels gab nach, als hätte er nur darauf gewartet, endlich loszulassen. Mit einem Knacken löste sich der Haken, die Kette schwang scharf zur Seite und klirrte laut durch die Kluft.

„Nein!“, brüllten die Räuber.

Elswyn stellte sich breit hin. „Der Durchgang ist frei. Geht. Oder ich binde euch an euren eigenen Karren und schicke euch ins Tal hinunter. Ohne Räder.“

Die Männer starrten sie an, keuchten, sahen die gelöste Kette, das verschwundene Horn, die feste Haltung der Ritterin – und sie entschieden sich für das, was Räuber selten mögen, aber sehr gut können: verschwinden. Fluchend stolperten sie in den Nebel und waren bald nur noch Schatten.

Jaro atmete aus. „Wir leben noch.“

„Wir leben verantwortungsvoll“, korrigierte Elswyn und hob die Kette auf. „Die nehmen wir mit. Beweis.“

Dann setzte sie sich auf einen Stein, zog Pergament und Feder hervor und begann zu zeichnen. Ihre Hand war ruhig, obwohl ihr Herz noch klopfte.

„Nebelpass: Kluft mit möglicher Sperre. Schmale Felsleiste oberhalb. Warnung: feuchte Steine, Rutschgefahr. Empfehlung: Markierungen setzen.“ Sie ritzte das Kreuzzeichen dazu, als würde sie den Berg selbst unterschreiben lassen.

Jaro schaute zu. „Wenn ich groß bin, will ich auch so schreiben können.“

„Dann fang heute an“, sagte Elswyn und reichte ihm die Feder. „Zeichne den Karrenplatz. Verantwortung teilt man.“

Jaro setzte die Zunge schief vor Konzentration und malte. Es sah ein bisschen aus wie ein Käfer mit Bauch, aber es war ein Anfang. Und Anfänge sind in Legenden oft der wichtigste Teil.

Kapitel 6: Heimkehr, Pflicht und ein geschüttelter Teppich

Als der Nebel am nächsten Tag dünner wurde, sahen sie vom höchsten Punkt des Passes aus das Grenzland: Felder, ein Fluss wie ein Silberband, und in der Ferne Rauch aus Kaminen. Der Weg war wirklich da. Nicht nur ein Märchen.

„Wir haben's“, sagte Jaro leise, als würde ein lautes Wort den Moment zerbrechen.

Elswyn nickte. „Und wir bringen es nach Hause. Karten sind nur dann wertvoll, wenn sie ankommen.“

Sie ritten zurück, diesmal mit wacherem Blick. An der alten Mühle hielten sie kurz. Milo und seine Mutter standen am Bach. Milo grinste, als hätte er ein Geheimnis.

„Die Männer vom schwarzen Karren waren nicht mehr da“, rief er. „Und… und ich bin heute nicht allein in den Wald gegangen!“

Elswyn hob den Daumen. „Das ist echte Tapferkeit.“

Die Mutter nahm die Kette, die Elswyn brachte, als Beweis, und schüttelte den Kopf. „Vielleicht trauen sie sich nun nicht mehr.“

„Und wenn doch“, sagte Elswyn, „dann weiß der Graf davon. Und der Pass ist auf der Karte. Versteckte Dinge verlieren Macht, wenn man sie benennt.“

Als sie schließlich die Burg Brückenhain erreichten, jubelten die Wachen. Graf Aldemar empfing sie im großen Saal. Das Feuer knisterte, und auf dem Tisch lag bereits Papier, als hätte man gespürt, dass eine Geschichte heimkehrt.

Elswyn rollte ihr Pergament aus. „Der Nebelpass ist real“, sagte sie. „Hier sind die sicheren Schritte. Hier die gefährlichen. Und hier—“ Sie legte die schwere Kette daneben. „—der Beweis, dass Räuber ihn sperrten. Wir haben die Sperre gelöst.“

Der Graf betrachtete die Karte lange. „Du hast nicht nur einen Weg gefunden“, sagte er schließlich. „Du hast ihn geschützt. Das ist Ritterpflicht.“

Jaro räusperte sich. „Ich habe auch… äh… ein bisschen gezeichnet.“

Elswyn schob sein Blatt vor. Der Graf sah erst streng aus, dann zuckte sein Mundwinkel. „Das ist… ein sehr tapferer Karren.“

Jaro wurde rot. „Er war auch sehr gemein, Herr Graf.“

Aldemar lachte laut, und das Lachen klang wie ein Banner im Wind. „Mut mit Humor. Das gefällt mir.“

Später, als die Aufregung nachließ, saß Elswyn in ihrer Kammer und reinigte ihre Ausrüstung. Der Staub des Passes klebte überall: an den Stiefeln, am Schildrand, sogar in den Haaren.

Jaro kam herein und hielt ein zusammengerolltes, schweres Stück Stoff. „Die Küchenmagd hat gesagt, dein Teppich ist voller Schieferstaub, weil du gestern mit den Karten darauf gekniet hast.“

Elswyn zog eine Augenbraue hoch. „Hat sie das freundlich gesagt oder so, wie man eine Katze tadelt?“

„Eher wie eine Katze“, gab Jaro zu.

Elswyn nahm den Teppich, ging ans Fenster und hielt ihn fest. „Dann lösen wir das Problem ritterlich.“

Sie schüttelte den Teppich mit kräftigen Armen. Eine Wolke aus Staub wirbelte hinaus in den Burghof, tanzte im Sonnenlicht und verschwand wie der Nebel am Pass. Unten rief ein Stallknecht: „He! Es schneit ja!“

„Nur Schiefer-Schnee!“, rief Jaro zurück und lachte.

Elswyn schüttelte noch einmal, bis der Teppich wieder schwer und sauber fiel. Dann legte sie ihn zurück, atmete tief durch und sah auf die Karte, die nun ordentlich auf dem Tisch lag.

Ein freier Pass. Eine ehrliche Zeichnung. Ein Junge, der gelernt hatte, nicht allein zu gehen. Und eine Ritterin, die wusste, dass große Abenteuer manchmal mit einer Feder beginnen – und mit einem Teppich enden, der kräftig geschüttelt wird.

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Pergament
Ein altes Papier aus Tierhaut, auf dem man früher schrieb oder zeichnete.
Harnisch
Metallene Kleidung, die Ritter zum Schutz im Kampf trugen.
Wegelagerer
Menschen, die Reisende überfallen und ihre Sachen stehlen.
Kluft
Eine tiefe, enge Spalte oder Schlucht im Fels.
Sperre
Etwas, das den Weg blockiert, damit niemand durchkommt.
Kreidepulver
Feines, weißes Pulver aus Kreide, das zum Markieren dient.
Seil
Ein starkes Bündel aus Fasern, mit dem man ziehen oder sichern kann.
Ritzte
Vergangenheit von ritzen: etwas mit einem scharfen Werkzeug einritzen.
Geröllrinne
Ein schmaler Weg im Berg, voll loser Steine und Geröll.
Schieferstaub
Feiner Staub von Schiefergestein, der an Dingen kleben kann.

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